Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Schicht

Eine Schicht ist eine Ebene.

Man kann auch sagen:

Eine Schicht ist eine mehr oder weniger einheitliche Lage.

Es kann eine Schicht eine einheitliche materielle Lage sein, etwa in der Geologie, oder es kann eine Schicht eine einheitliche Lage bzw. einheitliche Ebene von geistigen „Dingen“ sein. Zum Beispiel kann man in der Psychiatrie die psychischen Störungen und damit die psychiatrischen Diagnosen in drei Schichten gliedern. Es sind dies z.B. die drei Schichten, wie sie nach der Schichtenregel von Karl Jaspers beschrieben werden (Man spricht hier auch von der Schichtenlehre nach Karl Jaspers).

Oder es bilden die drei Hauptgruppen nach denen Wilhelm Griesinger die psychischen Krankheiten unter verschiedenen Gesichtspunkten gegliedert hat, drei unterschiedliche Schichten bzw. Kategorien. (-> Beitrag)

Eine Schicht ist also z.B. eine einheitliche Lage physischer Natur, also eine Lage auf der sich z.B. gleichartige Objekte finden, oder es ist eine Schicht eine einheitliche Lage bzw. Ebene jenseits der „physis„, also eine Ebene der „meta-physis“ auf der sich gleichartige Ideen finden.

Auf der Ebene der Objekte kann man den Zusammenhang der Dinge, somit den Zusammenhang unter den Objekten bzw. unter den physischen Erscheinungen unter Umständen objektiv gültig erkennen und in Bezug auf die Merkmale zergliedern. Auf der Ebene der Ideen kann man den Zusammenhang unter den Ideen bzw. unter den (meta-physischen) Erscheinungen nur subjektiv gültig erkennen. Wenn man die Zusammenhänge der Erscheinungen auf dieser Ebene bzw. auf dieser Schicht studiert dann ist man mit einer ganz anderen Zergliederung befasst. Man zergliedert nämlich in diesem Fall keine Objekte sondern die Begriffe von Ideen.

In der Medizin erkennt man den Zusammenhang der Merkmale zum Teil auf der Ebene der Objekte und der physischen Erscheinungen. Damit kann man den Zusammenhang auf dieser Grundlage verstehen und erklären. Andererseits gibt es in der Medizin auch Zusammenhänge, die man nicht physisch, sondern nur jenseits der physis, somit nur meta-physisch erkennen, verstehen und erklären kann. Es sind dies die Zusammenhänge, die man nur auf der Grundlage von Symptomen und auf der Grundlage von nicht-objektivierbaren Phänomenen erkennen kann.

In der Psychologie erkennt man den Zusammenhang der psychischen Phänomene untereinander, und man kann verschiedene Erscheinungen auf dieser Grundlage erklären, verstehen und die Zusammenhänge zergliedern und untersuchen.

In der Psychiatrie erkennt man den Zusammenhang von psychischen Erscheinungen ebenfalls auf der Grundlage von psychischen Phänomenen bzw. auf der Grundlage von  psychopathologischen Phänomenen. Andererseits beobachtet man in der Psychiatrie auch psychische Erscheinungen, die man nicht psychologisch verstehen und erklären kann, sondern die man nur durch andere Ursachen erklären kann. Man studiert hier also auch die Zusammenhänge der biologischen Ursachen mit den psychischen Erscheinungen.

Erkenntnistheoretisch bzw. philososphisch betrachtet findet man, dass sich die Erkenntnis entweder auf der Ebene der Objekte bewegt, oder auf der Ebene Ideen, und dass es einen großen Unterschied zwischen diesen Ebenen und den Erkenntnisobjekten dieser Ebenen gibt. Ein Erkenntnisobjekt ist uns nämlich entweder als Gegenstand schlechthin, somit als demonstrierbares Objekt gegeben, oder nur als Gegenstand in der Idee gegeben, der als mentales Objekt, nämlich als systematische Einheit im Bewusstsein der erkennenden Person erscheint, wenn diese die Merkmale der Idee durch das Schema der Idee geistig auffasst (vgl. mit Kant Zitat 7). Man erkennt damit, dass es sich bei einer systematischen Einheit um eine ganz andere Einheit als bei einer faktischen Einheit handelt. Im zuletzt genannten Fall kann ich das Zutreffen des Begriffs auf der Ebene der Objekte allgemein gültig überprüfen und damit die Erkenntnis objektivieren. Im Fall einer systematischen Einheit ist eine Objektivierung grundsätzlich nicht möglich (vgl. mit Kant Zitat 7).

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Die Psyche ist in Schichten aufgebaut

Man kann sich vorstellen, dass die Psyche in unterschiedlichen Schichten aufgebaut ist. Etwa in die Schicht des Bewusstseins und in die Schicht des Unbewussten. Oder man kennt die Schicht, die man als Gedächtnis bezeichnet gegenüber dem was man gerade bewusst erlebt.

In der Psychologie macht man die Erfahrung, dass der Zusammenhang der psychischen Phänomene auf einer Ebene, also auf einer Schicht erkannt wird. Auch in der Psychiatrie macht man die Erfahrung, dass der Zusammenhang der psychopathologischen Phänomene auf einer Ebene erkannt wird. Man ist etwa mit einem Gedanken befasst und kommt von diesem Gedanken zu einem ähnlichen Gedanken. Man assoziiert also auf einer Ebene die verschiedensten anderen ähnlichen Ideen. Dieses Phänomen bezeichnet man als die Assoziation. In diesem Sinn kennt man die Assoziation im Sinn der Zusammensetzung also im Sinn der Synthese und andererseits kennt man die Zergliederung bzw. die Zerlegung im Sinn der Analyse.

Nachfolgend werden Schichten in verschiedenen Bereichen diskutiert

Schichten in der Medizin

In der Medizin macht man ebenfalls die Erfahrung, dass Dinge in Schichten aufgebaut sind. Man kennt etwa die verschiedenen Schichten der Haut, das verhornte Epithel, die Basalschicht, das Unterhautgewebe usf.

Es werden also auch hier die Zusammenhänge der Erscheinungen in den verschiedenen Schichten erkannt. Es sind dies z.B. anatomische bzw. histologische Schichten. Andererseits kennt man in Medizin auch Schichten, die nur auf der Ebene der Ideen erfasst werden können. So zum Beispiel die hormonellen Zusammenhänge bezüglich der einzelnen Hormone im Hormonsystem, die in einer virtuellen Schicht gedacht werden. Oder die immunologischen Zusammenhänge im Körper die als Immunsystem bezeichnet werden, die ebenfalls in einer Ebene bzw. in einer virtuellen Schicht zusammenhängend gedacht und untersucht werden. Gleiches findet man auch auf der Ebene des Stoffwechsels. Man untersucht den Zuckerstoffwechsel in verschiedenen Zusammenhängen bzw. Schichten. Oder den Fettstoffwechsel. Oder den Zusammenhang des Zuckerstoffwechsels mit dem Fettstoffwechsel und so fort. Immer werden die Zusammenhänge der verschiedenen Phänomene bzw. die Zusammenhänge der verschiedenen Erscheinungen in Ebene bzw. Schichten gedacht und untersucht. Erkenntnistheoretisch betrachtet erkennt man dabei, dass es sich um die Untersuchung der Zusammenhänge auf der Grundlage von verschieden Ideen handelt. So wie man die normalen Zusammenhänge in Ebenen erkennt, erkennt man auch die krankhaften Zusammenhänge in Ebenen bzw. in Schichten. So erkennt man etwa die objektiv bestimmbaren körperlichen Krankheiten auf der Ebene bzw. auf der Schicht der objektiv bestimmbaren körperlichen Zeichen. Andererseits gibt es auch in der Medizin Erkenntnisse, die nur auf der Ebene bzw. nur in der Schicht der Symptome und der nicht-objektivierbaren Phänomene erkannt werden können. Diese Zusammenhänge können nur mit der Hilfe von projektierten Einheiten, also nur mit der Hilfe von medizinischen Konzepten erkannt werden. Es entstehen damit also die verschiedenen Kategorien und die verschiedenen Klassifikationen.

Die Kategorien sind in  ideologischen Schichten aufgebaut

Man erkennt, dass die verschiedenen Kategorien in Schichten aufgebaut sind. In der Psychiatrie kennt man in der psychiatrischen Diagnostik z.B. die Schicht der exogen bzw. körperlich begründeten psychischen Störungen (1. Schicht der Schichtenregel von Karl Jaspers), dann die Schicht der endogen begründeten psychischen Störungen (2. Schicht der Schichtenregel von Karl Jaspers) und schließlich die psychischen Störungen, die weder der 1. noch der 2. Schicht der Schichtenregel (Schichtenlehre) von Karl Jaspers zugeordnet werden können und damit die 3. Schicht bilden.

Die psychische Entspannung erfolgt in Schichten

Man macht die Erfahrung, dass die psychische Entspannung in Schichten erfolgt. Bei der Abreaktion macht man die Erfahrung, dass diese schichtweise bzw. in Schichten stattfindet. Es kommt zum psychologischen Verstehen etwa in Folge der spontanen Assoziationen und zum Erkennen der Zusammenhänge und damit zur psychischen Entspannung. Auf diese Art und Weise kann ein Konflikt gelöst werden. Oder man erkennt den Weg für die Lösung eines Problems. Man erkennt also auf einer Ebene bzw. auf einer Schicht den Zusammenhang der Phänomene und es kommt als Folge davon zur Entspannung. Man muss zuerst die eine Problem–Ebene (Schicht) erfolgreich bearbeiten und man kommt damit zur nächsten, und man kann sodann auch auf dieser Ebene wiederum sich mit den Fragestellungen beschäftigen.

Geistige Bearbeitung einer Fragestellung in einer Schicht

Man kann eine geistige Aufgabe / Fragestellung nur schichtweise bearbeiten. Man muss die verschiedenen Schichten und Ebenen durchgehen und jeweils den Zusammenhang der Einheiten und Glieder der Schicht  durch vernünftige Überlegung prüfen. Auf diese Art und Weise kann man durch das Denken schichtweise die Aufgaben und Fragestellungen in Angriff nehmen. Auf diese Art und Weise kommt es auch zu den Assoziationen. Dies gilt also nicht nur für das zuvor genannte Beispiel der psychischen Entspannung, sondern es gilt dies auch für sonstige Fragestellungen, die auf der Ebene der Ideen in den verschiedenen Bereichen und Schichten des Denkens und des Wissens angegangen werden (etwa in der Rechtsprechung, in der Ökonomie, überhaupt in den verschiedenen Wissenschaften).

Die körperliche Entspannung erfolgt in Schichten

Auch die körperliche Entspannung erfolgt in Schichten. Man bemerkt eine körperliche Anspannung, nimmt diese bewusst war und die Spannung löst sich allein weil die Aufmerksamkeit hingelenkt worden ist. Man erkennt damit den Zusammenhang der psychischen Funktion mit der körperlichen Funktion. Viele körperliche Spannungen entstehen auf der Grundlage von psychischer Anspannung und lösen sich die körperlichen Spannungen erst wenn in Folge der Achtsamkeit die psychische Ursache bemerkt worden ist.

Die Abreaktion erfolgt in Schichten

Man bemerkt etwa in der Meditation dass die Abreaktion in Schichten erfolgt. Man beobachtet z.B. eine muskuläre Verspannung und bemerkt wie diese durch die neurtrale Beobachtung gelöst wird. Alsbald manifestiert sich wiederum eine neue Spannung und kommt auch diese wieder zur Lösung. Damit einhergehend bemerkt man verschiedene Assoziationen die oftmals erlebnisbedingt von langer Zeit im Zusammenhang der Entstehung der Anspannung entstanden sind. Auf diese Art und Weise kann es im Rahmen der Entspannung zu einer Dekonditionierung kommen, wie diese in Folge einer psychischen Katharsis oder einer Abreaktion in Erscheinung tritt. Man bemerkt damit, dass die Psyche schichtartig organisiert ist und die Dekonditionierung in umgekehrter Richtung zur Konditionierung erfolgt. Jedenfalls kann man viele psychische Erscheinungen auf dieser Grundlage bzw. durch diese Theorie erklären.

Ergebnis

Im Ergebnis kann man also sagen, dass einheitliche Dinge bzw. einheitliche Sachverhalte entweder auf der Ebene der Objekte in Schichten bzw. in Lagen bzw. in Ebenen gegliedert sind und als solche in der „Natur“ vorgefunden bzw. entdeckt worden sind. Oder es handelt sich bei den Schichten / Lagen / Ebenen um geistige „Dinge“, also um Erkenntnisobjekte, die man nur auf der Grundlage von Ideen, nämlich auf der Grundlage der Begriffe dieser Ideen erkennen und unter verschiedenen Gesichtspunkten studieren kann. Wenn man diese „Dinge“ bzw. Sachverhalte zergliedert und studiert, dann handelt es sich dabei um eine ganz andere Art der Zerlegung bzw. um einen ganz andere Art der Zergliederung und sollte man diesen Unterschied, wie er sich aus den unterschiedlichen Erkenntnisobjekten ergibt beachten. (vlg. mit Kant Zitat 7)

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(Beitrag in Arbeit, letzte Änderung 7.2.2015, abgelegt unter Schicht, Diagnostik)

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