Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Lernen – neuronale Muster

Geht man davon aus, dass auf der Ebene der Nervenzellen das Lernen mit dem Erwerb von neuen

neuronalen Mustern einhergeht, so kann man sich vorstellen, dass Sinneswahrnehmungen und auch intern erlangte Informationen (z.B. Erfahrungen infolge von Überlegungen, körperliche Empfindungen usf.) dazu führen, dass neue bzw. veränderte neuronale Muster entstehen.

Die Erfahrung lehrt uns, dass insbesondere Eindrücke und Erkenntnisse, die unter starker Emotionalität stattfinden, uns tief beeindrucken, sprich nachhaltige Eindrücke hinterlassen. Mit anderen Worten in diesem Fall kann schon ein einmaliges Erlebnis eine tiefe Prägung hinterlassen. (Weiteres dazu in diesem Beitrag)

Eindrücke, die nicht mit starker Emotionalität verbunden sind, wie beispielsweise das Lernen von Vokabeln benötigt dementgegen vielfache Wiederholungen bis man sich die Vokabeln merkt. An dieser Stelle ist es erwähnenswert festzuhalten, dass die gute Motivation zum Lernen den Lernvorgang günstig beinflußt, weil damit wahrscheinlich die neuronalen Muster leichter aufgebaut werden können. Mit anderen Worten wenn man etwas mit schlechter oder gar widerwilliger Motivation lernt, so ist es nicht verwunderlich, wenn man sich den Stoff kaum merken kann. Das heißt es kommt nicht nur auf die Lernbemühung an, sondern auch auf die Motivation zur Materie und auch auf die Rahmenbedingungen unter denen man lernt.

Die Erfahrung lehrt uns weiters, dass wir uns die Sachen leichter merken, wenn sie in einen Zusammenhang eingebunden sind die einen Sinn machen. Dies hat wahrscheinlich damit zu tun, dass in diesem Fall der Aufbau eines neuronalen Musters leichter möglich ist, weil sich die Einstiegsmöglichkeiten in das Muster aus dem Kontext heraus leichter ergeben. So wie das Musters eines handgeküpften Teppichs relativ leicht fortentwickelt werden kann, wenn z.B. eine Ecke des Teppichs oder sonst ein Teilstück des Teppichs vorhanden ist und ausgehend von Stücke gleichsam wie von einem „Kristallisationspunkt“ aus das weitere Muster aufgebaut und entwickelt wird. Mit anderen Worten kann man sagen, dass der Kontext Anknüpfungspunkte für die Assoziation liefert.

Auf diese Art und Weise kann man sich vorstellen, dass im Gehirn die einzelnen Zellen und Zellverbande fortlaufend im Sinn von neuronalen Mustern aktiv sind, in dem Sinne, dass aus einem Muster das nächste hervorgeht und sodann das Übernächste usf.

Man kann sich also vorstellen, dass fortlaufend auf diese Art und Weise einerseits „alte“, also schon vorhandene Muster durchlaufen werden und andererseits durch neu hinzugekommene Eindrücke von außen (Sinneswahrnehmungen) und auch durch neu hinzugekommene Eindrücke von innen (Vorstellungen, Phantasien, Erkenntnisse, Gefühle usf.) einerseits neue neuronale Muster aufgebaut werden und andererseits bestehende Muster modifiziert werden.

Demgemäß bedeutet lernen neue neuronale Muster erwerben und vorhandene modifizieren bzw. entwickeln.

Auf diese Art und Weise erwerben wir wahrscheinlich ständig neue neuronale Muster bzw. werden wahrscheinlich auf diese Art und Weise auch die bereits vorhandenen neuronalen Muster ständig überformt und modifiziert.

Man kann sagen, wir entwickeln unsere eigene „software“ auf diese Art und Weise ständig fort – es ist ein Lernen von Geburt an bis zum Tode. Ja noch richtiger ist es wenn man sagt man lernt gewisse Dinge bereits während der Schwangerschaft – weil das werdende Kind schon in dieser Phase Eindrücke aufnimmt die seine Entwicklung beeinflussen.

Es ist also so, dass die bestehenden Muster ständig „überformt“ und modifiziert werden.

Aus der Zeugenbefragung bei Gericht ist beispielsweise hinlänglich bekannt, dass der Faktor Zeit dabei eine wesentliche Rolle spielt, insofern lang zurückliegende Ereignisse von den Personen schlechter und oftmals verfälscht erinnert werden, was wahrscheinlich z.T- auch auf solche – auch unabsichtliche bzw. unbeabsichtigte Überformungen der neuronalen Muster – zurückzuführen ist.

Man kann also auch sagen, dass die alte Kontur der Eindrücke durch die vielfachen updates „verwischt“ und verfälscht werden, und daher das aktuell Erinnerte nicht mehr unbedingt mit dem ursprünglich sinnlich Wahrgenommenen übereinstimmt.

Tatsächlich machen wir auch sonst die Erfahrung, dass sehr weit zurückliegende Erlebnisse zwar noch erinnert werden können – zum anderen Teil können wir die Erlebnisse auch nicht mehr erinnern – und dass von den erinnerten Erlebnissen nicht mehr die genaue Erinnerung vorhanden ist – also nicht mehr die scharfe Kontur zurückgeblieben ist. Unwillkürlich kommt es also zu einer Verfälschung der Erinnerung und kann man sich damit erklären warum die Leute oft eine „abgerundete“ bzw. verklärte Sich von den weit zurückliegenden Dingen entwickelt haben. Neurophysiologisch würde dem also ein verändertes neuronales Muster entsprechen.

Wenn die hier vorgestellte Theorie zutrifft, dann würde dies auch bedeuten, dass die derzeit gängige Theorie zur Funktion des Langzeitgedächtnisses – wonach die Langzeitgedächtnisinformationen auf dem Niveau der Nervenzellen hardwaremäßig abgespeichert sind – falsch ist. Das heißt ein Langzeitgedächtnisinhalt ist nicht an eine oder gewisse lokal determinierte Nervenzellen mit hardwaremäßigen Veränderungen an den Synapsen etc. gebunden, sondern vielmehr an die Assoziierbarkeit eines bestimmten neuronalen Musters, welches im Detail gegenüber früheren Assoziationsvorgängen leicht variant sein kann, also auch über nicht genau idente Zellen abläuft – im Groben jedoch weiterhin das alte Muster ist – und damit im Wesentlichen dieselben Informationen repräsentiert.

Damit wird deutlich wie das Verlernen bzw. das Vergessen funktioniert.

Wenn etwas nicht mehr wiederholt wird, wie z.B. die Vokabeln einer Fremdsprache, das heißt wenn sich keine Gelegenheit mehr bietet die Fremdsprache zu sprechen, und wenn auch in der „inneren Konferenz“, im Selbstgespräch die Fremdsprache nicht mehr praktiziert wird, so ist es nicht weiter verwunderlich, wenn uns die Vokabeln abhanden kommen bzw. nicht sofort zur Hand sind wenn sie benötigt werden.

Andererseits machen wir die Erfahrung, dass etwas was wir früher gekonnt haben relativ schnell wieder aktiviert werden kann. Dies gilt für Nützliches und Schädliches. Ein nützliches Beispiel wäre z.B. das Auffrischen einer Fremdsprache, ein schädliches Beispiel ist das Wiederhineingeraten in die Alkoholabhängigkeit oder in eine sonstige Sucht. Wenn ein Suchtproblem in der Vorzeit bestanden hat und es nach einer längeren Abstinenzphase nach nur kurzzeitigem Wiederkonsum des Mittels sehr schnell zum Rückfall und zur neuerlichen Manifestation der Sucht kommt, so ist dies ein solch negatives Beispiel. Aus diesem Grunde ist es tatsächlich ratsam keine einzige Likörpraline nach erfolgreicher Alkoholentwöhnung zu essen oder auch sonst keinen einzigen Schluck Alkohol zu trinken, weil allein diese minimale Menge an „Stoff „im Gehirn, die alten Muster wiedererweckt. Gerade weil der Konsum des Suchmittels mit einer starken Aktivierung der Gefühlssphäre einhergeht, ist es nicht verwunderlich, dass schon ein „Tropfen“ oder ein „Funke“ den „Steppenbrand“ wieder entfachen kann. Es ist also nicht die Giftigkeit der kleinen Alkoholmenge die dem Körper schadet – denn was sollte eine so kleine Menge an Alkohol dem Körper schon schaden – dies ist tatsächlich nicht das Problem – das wirkliche Problem ist jedoch, dass die sofortige Wiederaktivierung der alten neuronalen Mustern dazu führt, dass es umgehend zum schweren Rückfall in die Sucht kommt und die alte Dynamik wieder abläuft wie dies vor der Entwöhnung der Fall war.

So gesehen handelt es sich also um eine Reaktivierung eines unvorteilhaften neuronalen Musters das man in der Vorzeit erlernt hat.

(letztes update 25.5.2011)

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