Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Phänomen

Ein Phänomen ist etwas was erscheint.

(altgriechisch  φαινόμενον fainómenon – „ein Erscheinendes, ein sich Zeigendes“)

Für uns Menschen ist ein Phänomen in Bezug auf das Erleben ein Inhalt, der im Bewusstsein als Erkenntnisobjekt erscheint.

Dabei kann es sich bei diesem Erkenntnisobjekt um ein psychisches Phänomen,

ein physisches Phänomen (Beispiel: ein Mensch erlebt zum ersten Mal in seinem Leben einen Schneefall)

ein körperliches Phänomen (etwa  Schwitzen, Zittern, Erröten, schneller Puls, heftiges atmen etc.)

oder sonst um ein Phänomen handeln.

In Bezug auf die Psyche kann man sagen, dass ein psychisches Phänomen als Erlebniseinheit (etwa als Freude, als Wut, als Trauer, als Angst usf.) im Bewusstsein der Person infolge einer Ursache erscheint – und es ist diese Ursache in vielen Fällen eine komplexe Ursache.

Durch die Kenntnis der Ursache und damit durch das Wissen um den Zusammenhang kann man das Phänomen verstehen und erklären.

In diesem Sinn kann ein Phänomen etwas sein, was sich in der Natur zeigt, also etwas das sich auf eine sinnlich wahrnehmbare Sache bzw. als eine natürliche Erscheinung zeigt, die in gewissen Fällen physisch registrierbar, messbar und physisch (physikalisch) bestimmbar ist.

In anderen Fällen ist dies nicht möglich und es kann das Phänomen nur auf der Ebene des Bewusstseins erfasst werden. In einem solchen Fall kann das Phänomen nur durch den Begriff der Idee erfasst werden der als systematische Einheit (vgl. mit Kant Zitat 7) im Bewusstsein der Person erscheint.

Es kann in diesem Fall also ein Phänomen ein Erlebnisinhalt sein der sich nicht unbedingt auf eine natürliche bzw. eine physische Sache bezieht und auf dieser Grundlage bestimmt werden kann.

In einem solchen Fall bezieht sich das Phänomen also nicht unbedingt auf ein körperliches Objekt bzw. nicht unbedingt auf ein physisches Objekt. In einem solchem Fall kann das Phänomen nur auf der Ebene der Vorstellungen bzw. nur auf der Ebene der Ideen erfasst werden. In diesem Fall handelt es sich also um ein Phänomen das durch den Begriff der Idee erfasst wird, wenn es sich um ein begrifflich benennbares Phänomen handelt (vgl. mit Kant Zitat 7).

In zuvor genannten Sinn gibt es natürliche Phänomene – oder man kann auch sagen: Phänomene, die in der Natur vorkommen, z.B. die Eisbildung im Winter, die Schneeschmelze im Frühling usf. Auch die elektrisch messbare Aktivität des Herzens, oder die elektrisch messbare Aktivität der Nervenzellen ist ein natürliches Phänomen und man kann ein solches Phänomen auch als physiologisches Phänomen oder als biologisches Phänomen bezeichnen.

In der Medizin kann das körperliche Phänomen des Zitterns ein Zeichen einer gesundheitlichen Störung sein, etwa bei der neurologischen Störung die als Parkinsonsyndrom oder Parkinsonkrankheit bezeichnet wird oder es kann sich um einen essentiellen Tremor handeln oder sonst ein Zeichen einer neurologische Störung sein. In einem solchen Fall ist das Phänomen ein neurologisches Phänomen.

All diese Phänomene sind in der Natur vorkommende Phänomene. Neben diesen natürlich vorkommenden und daher  „physisch“ (physikalisch) erfassbaren und zum Teil „physisch“ dokumentierbaren und „physisch“ messbaren Phänomenen gibt es solche, die nicht -„physischer“ Natur sind, sondern, die nur jenseits der physis also nur meta-physisch, somit nur auf der Ebene der Ideen und damit nur auf der Ebene der Psyche bzw. durch den Geist erfassbar sind, und die daher im Bewusstsein der erkennenden Person in der Form des Begriffs der Idee erscheinen (vgl. mit Kant Zitat 7).

Die psychischen Phänomene sind zum Beispiel Phänomene, die nicht-körperlicher bzw. die nicht-physischer Natur sind, da sie nur im Bewusstsein einer Person als mentales Erkenntnisobjekt erscheinen (vgl. mit Kant Zitat 7).

Ein psychisches Phänomen entsteht zwar unzweifelhaft als Folge der neuronalen Aktivität, somit als Folge der neuronalen Funktion – man kann daher sagen: auf einer körperlichen Grundlage – das Phänomen an sich wird jedoch nicht physisch erfasst, sondern es wird mental – somit geistig – erfasst.

Daher nennt man es ein psychisches Phänomen, weil es im Bewusstsein der erkennenden Person als Folge des neuronalen Prozesses des Gehirns bzw. des zentralen Nervensystems erscheint. Ein psychisches Phänomen erscheint daher als mentales Erkenntnisobjekt, nämlich als der Begriff der Idee im Bewusstsein der erkennenden Person (vgl. mit Kant Zitat 7).

Ein Regenbogen ist ein physisches Phänomen. Wenn jemand schwitzt und man dies als Beobachter bemerkt dann handelt es sich ebenfalls um ein physisches Phänomen. Wenn jemand über Schwindel klagt, dann handelt es sich – je nach dem, wie man den Sachverhalt betrachtet, entweder um ein physisches bzw. ein körperliches Phänomen – weil man beobachtet, wie die Person in Folge des Schwindels schwankt – oder es handelt sich um ein psychisches Phänomen, wenn man eine Aussage über das Erleben der Person macht – in diesem Fall wird das Phänomen von der Person subjektiv erlebt. Bei dieser Betrachtungsweise kann man auch von einem Symptom sprechen.

Wenn jemand in der Psychiatrie (Psychologie) über Lustlosigkeit klagt, dann handelt es sich aus der Sicht des Untersuchers um ein psychisches Phänomen. Ein solches Phänomen kann man auch als psychisches Symptom bezeichnen, weil es von der betroffenen Person erlebt wird, wohingegen man es aus der Sicht des Untersuchers betrachtet diese klinische Erscheinung falls sie krankheitswertig und damit nicht normal ist als Phänomen bzw. als psychopathologisches Phänomen bezeichnet.

Bei den physischen, körperlichen Phänomenen in der Medizin findet man solche, die man objektivieren kann und andererseits solche, die man nicht objektivieren kann.

Zum Beispiel kann man das Phänomen der Herzrhythmusstörungen durch eine EKG-Untersuchung, oder durch das Dokumentieren des Pulses objektiv gültig erfassen. Eine epileptische Krampfmanifestation (epileptischer Krampfanfall) kann man in der Regel durch eine EEG-Untersuchung objektiv erfassen. Das heißt man kann die zuletzt genannten physischen Phänomene physisch (physikalisch) erfassen und die objektiven Befunde als Messergebnis demonstrieren und damit allgemein gültig beweisen, dass dieser Sachverhalt bzw. dieses Merkmal vorliegt.

Im Gegensatz dazu gibt es in der Medizin körperliche Phänomene, die man nicht objektivieren und die man nicht in der Anschauung demonstrieren kann. Zum Beispiel können Schmerzen, oder ein Ohrgeräusch (Tinnitus) nicht physisch (physikalisch) erfasst und in der Anschauung demonstriert werden. Bei einem solchen Phänomen handelt es sich also um ein Phänomen, das nur subjektiv wahrgenommen bzw. subjektiv erlebt wird und das nicht objektiv und damit nicht allgemein gültig erfasst werden kann. Ein solches Phänomen wird daher – wenn es aus der Sicht der betroffenen Person betrachtet wird als Symptom bezeichnet und es handelt sich dabei um ein nicht-objektivierbares Phänomen.

Grundsätzlich handelt sich also bei einem Phänomen um etwas das in gewissen Fällen „physisch“ erscheint, und in anderen Fällen um etwas das nur jenseits der physis und daher nur „mental“ – im Bewusstsein der erkennenden Person erscheint.

All diesen Phänomenen ist gemeinsam, dass sie primär subjektiv erfasst werden und mache von diesen können sekundär auf der Ebene der physis unabhängig vom Subjekt nachgewiesen werden bzw. es können diese Phänomene auf ein physisches Substrat zurückgeführt werden. In diesen Fällen handelt es sich also um eine „äußere“ Perzeption, in den anderen Fällen handelt es sich eine „innere“ Wahrnehmung bzw. um eine Assoziation, die in der Form eines Gedankens bzw. in der Form einer Vorstellung durch das Denken im Bewusstsein der erkennenden Person erscheint. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Nur die zuerst genannten Phänomene können auf der Ebene der Objekte bzw. auf der Ebene der physis – somit in der Natur auf der Grundlage von Fakten allgemein gültig erfasst werden.

Die anderen Phänomene können nur durch Gedanken bzw. nur durch Vorstellungen, Assoziationen, Argumente bzw. nur durch mentale Einheiten erfasst werden – und kommt hier die Subjektivität mit ins spiel und kann man daher zum Beispiel in der Psychologie oder in der Psychiatrie – und auch in der Forensischen Psychiatrie – oder auch sonst, etwa bei der Erstattung eines Gutachtens den Sachverhalt nur subjektiv gültig beurteilen.

Es gibt also Phänomene, die objektiv erfasst werden können, und solche, die nur subjektiv gültig bzw. nur subjektiv gewiss erfasst werden können.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet handelt es sich bei einem Phänomen, das objektiv erfasst werden kann, um etwas, das sich auf eine real existente Sache bezieht. Ein solches Phänomen bezieht sich auf einen Gegenstand, der uns als Gegenstand schlechthin gegeben ist. Im Gegensatz dazu handelt es sich bei einem Phänomen, das nur subjektiv gewiss erfasst werden kann, um etwas, das sich nicht direkt auf eine real existente Sache bezieht, sondern um etwas, das nur im Bewusstsein einer Person erscheint – oder man kann auch sagen: das als der Begriff der Idee im Bewusstsein der erkennenden Person erscheint (vgl. mit Kant Zitat 7). Bei einem solchen Phänomen handelt es sich also um etwas, das mir nur als Gegenstand in der Idee gegeben ist (vgl. mit Kant Zitat 7)

Tatsächlich erscheint – philosophisch betrachtet der Begriff der Idee im Bewusstsein der erkennenden Person, wenn diese die Merkmale der Idee durch das Schema der Idee geistig auffasst  und es handelt sich hierbei um eine systematische Einheit (vgl. mit Kant Zitat 7) und nicht um eine faktische Einheit.

Betrachtet man sämtliche Phänomene, wie sie in der Heilkunde Gegenstand der klinischen Untersuchung sind, so kann man also objektiv bestimmbare Phänomene von nicht objektiv bestimmbaren bzw. von nur subjektiv bestimmbaren Phänomenen unterscheiden,.

Dabei bezeichnet man ein solches nur subjektiv bestimmbares Phänomen als Symptom.

Zu den nicht-objektivierbaren Phänomenen zählen in der Medizin z.B.: körperliche Schwäche, Müdigkeit, Schmerzen, Tinnitus, Schwindel und viele andere mehr. Ebenfalls zählen zu den nicht-objektivierbaren Phänomenen die psychischen Phänomene.

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(letzte Änderung 02.02.2019, abgelegt unter: Bewusstsein, Biologie, Definition, Diagnostik, Erkennen, Erleben, Funktionsstörung, Gutachten, Kognition, Krankheit / gesundheitliche Störung, Medizin, messen, Phänomen, Philosophie, Psychiatrie, Psychologie, Wissenschaft)

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