Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Gesichtspunkt

Ein Gesichtspunkt ist wörtlich ein Punkt im Gesichtsfeld.

Dabei kann ein Gesichtspunkt ein Punkt im physischen Gesichtsfeld sein, oder es kann dies ein Punkt im geistigen Gesichtsfeld – also im meta-physischen Bereich – sein (vgl. mit Kant Zitat 7).

In diesem Fall ist der Gesichtspunkt eine bestimmte Sichtweise – eine bestimmte geistige Ansicht – oder ich kann auch sagen: es ist dies eine bestimmte Perspektive – oder ich kann auch sagen, dass dies ein bestimmter Blickwinkel ist unter dem der konkrete Sachverhalt betrachtet wird.

Es ist dies also eine bestimmte Idee bzw. eine bestimmte Vorstellung unter der der Sachverhalt geistig betrachtet/untersucht/analysiert/aufgefasst wird usf.

Man kann auch sagen: durch den Gesichtspunkt erkennt man den Zusammenhang der Einheiten/Entitäten/Parameter/Größen/Objekte/Ideen/Argumente/Worte, und man kann diesen dadurch z. B. verstehen und/oder erklären.

Ein Gesichtspunkt liefert also eine Sicht, wie der Sachverhalt auf der Ebene der Vorstellungen – somit auf der „Ebene der Ideen“ – unter einem gewissen Begriff erscheint. Es ist dies also die Art und Weise, wie die Erkenntnis durch die geistige Auffassung und damit etwa durch die Argumentation infolge des Denkens im Bewusstsein der erkennenden Person erscheint, wenn sie den Sachverhalt auf diese Art und Weise geistig „anschaut“/erkennt/geistig auffasst/interpretiert und beurteilt.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet ist eine Gesichtspunkt eine Idee unter der man den konkreten Sachverhalt auffasst. Man kann auch sagen: es ist dies der Begriff der Idee der als systematische Einheit in meinem Bewusstsein erscheint, falls ich die Merkmale der Idee durch das Schema der Idee geistig auffasse (vgl. mit Kant Zitat 7). Durch diese (systematische) Einheit kann ich den Zusammenhang durch diesen Begriff der Idee erkennen und dadurch auch verstehen. Unter Umständen kann ich den Sachverhalt auch durch einen anderen Zusammenhang und daher durch einen anderen  Begriff durch eine andere (systematische) Einheit/durch eine andere Vorstellung/durch eine andere Theorie/durch ein anderes Konzept verstehen und erklären.

In diesem Sinn kann man durch unterschiedliche bzw. durch verschiedene Gesichtspunkte unter Umständen ein und den selben Sachverhalt verschieden/unterschiedlich geistig auffassen, betrachten, verstehen und unter Umständen auch anders erklären.

Man kann also gewisse Zusammenhänge zum Beispiel in Bezug auf verschieden definierte Typen unter verschiedenen Gesichtspunkten auffassen – wie dies Karl Jaspers erkannt und beschrieben hat (vgl. mit Jaspers Zitat 11 und Jaspers Zitat).

Man kann also auf der Ebene der Ideen durch die unterschiedlichen Ideen durch verschiedene Gesichtspunkte unterschiedliche Zusammenhänge zum Beispiel durch unterschiedlichen Theorien geistig auffassen und damit verschieden verstehen (etwa Zusammenhänge in der Psychologie und Psychotherapie gemäß unterschiedlicher psychotherapeutischer Theorien und Methoden)

Wenn man einen Sachverhalt unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet, kommt es damit zu einer Zergliederung des Sachverhalt in unterschiedliche Aspekte bzw. Sichtweisen.

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Gesichtspunkte in der Psychologie:

In der Psychologie ist ein Gesichtspunkt die Sichtweise unter dem ein psychischer Sachverhalt – also ein Sachverhalt betreffend die Psyche – psychologisch aufgefasst wird. Ein psychologischer Gesichtspunkt bzw. ein psychologischer Aspekt ist also die Sichtweise unter der man z.B. beurteilt, ob eine Person fröhlich – ausgeglichen – oder traurig ist.

Gesichtspunkte in der Psychiatrie:

In der Psychiatrie ist ein Gesichtspunkt die Sichtweise bzw. der Aspekt unter dem man beurteilt, ob ein einzelnes psychopathologisches Phänomen vorliegt, oder unter dem man beurteilt, ob ein ganzer psychischer Symptomenkomplex vorliegt der eine gewisse psychische Störung charakterisiert.

Man erkennt damit, dass die psychiatrische Systematik auf Gesichtspunkten basiert (vgl. mit Jaspers Zitat 11) unter denen man die Vielfalt der psychischen Erscheinungen in der Psychiatrie nach der Art und Weise der psychischen Anomalie erfasst und beurteilt. (vgl. mit Griesinger Zitat)

Karl Jaspers schreibt im Vorwort zur 1. Auflage seines Buches „Allgemeine Psychopathologie„:

Dieses Buch will einen Überblick über das Gesamtgebiet der allgemeinen Psychopathologie, über die Tatsachen und Gesichtspunkte dieser Wissenschaft, geben; …“ (vgl. mit Jaspers Zitat 11)

Man findet, wie dies Karl Jaspers geschrieben hat: „eine ganze Reihe von Betrachtungsweisen, eine Reihe von Wegen nebeneinander, die in sich berechtigt sind, sich ergänzen, aber sich gegenseitig nicht stören.“ (vgl. mit Jaspers Zitat 11)

Dies ist so, weil die unterschiedlichen Betrachtungsweisen auf der „Ebene der Ideen“ unter den verschiedenen Gesichtspunkten möglich sind.

Gesichtspunkte in der Medizin

Auch in der Medizin kann man gewisse Sachverhalte unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachten/untersuchen und studieren. Man kann etwa die körperlich fassbaren Objekte und Zusammenhänge auf der Ebene der Anatomie, oder auf der Ebene der Histologie/der Physiologie/der Biochemie usf. unterschiedlich betrachten und studieren. Man kennt etwa den Gesichtspunkt unter dem man die hormonellen Zusammenhänge erkennt und gemäß den unterschiedlichen Hormonen und bezüglich der Wirkungen auf den Organismus studiert. Oder man kann die Zusammenhänge und Erscheinungen die unter dem Begriff des Immunsystems beschrieben werden unter verschiedenen Gesichtspunkten studieren. Immer handelt es sich dabei um Sachverhalte, die entweder auf der Ebene der Objekte oder aber auf der Ebene der Ideen also gemäß den unterschiedlichen Ebenen bzw. nach verschieden gegliederten Schichten erfasst und hier jeweils systematisch – also nach einem System geordnet – in der jeweiligen Wissenschaft nach den verschiedenen Methoden studiert werden können.

Gesichtspunkte im Rechtswesen

Im Rechtswesen bzw. in der Rechtsprechung werden die Sachverhalte in Bezug auf rechtliche Gesichtspunkte, das heißt in Bezug auf verschiedenen Rechtsnormen (Gesetze) untersucht und geprüft.

Gesichtspunkte in anderen Wissensbereichen bzw. Wissenschaften

In praktisch allen Wissensbereichen und Wissenschaften werden Sachverhalte entweder auf der physischen bzw. materiellen Ebene, oder auf der immateriellen, also auf der geistigen/ideologischen/mentalen Ebene unter den verschiedenen Gesichtspunkten untersucht und geprüft. So werden z.B. ökonomische Sachverhalte unter verschieden ökonomischen Gesichtspunkten bzw. Theorien untersucht und geprüft. Oder es werden biologische Sachverhalte unter den verschiedensten biologischen Ideen bzw. biologischen Theorien untersucht und geprüft. Oder historische Sachverhalte, oder politische Gegebenheiten usf. All diese Erkenntnisse werden unter den verschiedensten Aspekten bzw. Gesichtspunkten und Vorstellungen untersucht und studiert.

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Weiteres zu den Gesichtspunkte und Betrachtungsweisen in der Psychiatrie

In der Psychiatrie kann man die psychischen Erscheinungen unter den verschiedenen Gesichtspunkten systematisch betrachten und studieren. Man kann z.B. unterscheiden, ob es sich um eine psychosewertige Störung handelt und daher psychopathologisch begründet prüfen ob die Kriterien einer Psychose erfüllt sind. Oder man kann sich überlegen, ob es sich um eine neurotische Störung, also um eine Neurose handelt, oder um eine Persönlichkeitsstörung usf.

Auf diese Art und Weise kann man auf der „Ebene der Ideen“ die unterschiedlichen Sichtweisen bzw. die unterschiedlichen Gesichtspunkte und daher die verschiedenen Konzepte anwenden und psychische Auffälligkeiten geistig untersuchen, ob im konkreten Fall die Kriterien jeweiligen Sichtweise erfüllt sind.

Man kann also z. B. in der psychiatrischen Diagnostik und psychiatrischen Klassifikation zusehen, ob die Kriterien der jeweiligen Kategorie bzw. die Kriterien des (diagnostischen) Schemas der jeweiligen (diagnostischen) Idee ausreichend erfüllt sind (vgl. mit Kant Zitat 7).

Auf diese Art und Weise erkennt man in der Psychiatrie die einzelnen psychopathologischen Phänomene und die einzelnen psychischen Symptomenkomplexe der psychischen Störungen.

Damit wird klar, dass die psychiatrische Systematik sich auf die verschiedenen Gesichtpunkte gründet, unter denen man die Vielfalt der krankheitswertigen psychischen Erscheinungen auffassen kann.

Die psychiatrische Systematik gründet sich also nicht – wie dies Emil Kraeplin geglaubt hat auf das naturwissenschaftliche Verständnis (vgl. mit Kraepelin Zitat 2), sondern ist die Psychiatrie eine Disziplin der Heilkunde in der die Vielfalt der psychischen Störungen auf der Grundlage des Unterschieds in der psychischen Anomalie erkannt wird (vgl. mit Griesinger Zitat), wobei die Unterschiede der psychischen Anomalie auf Grundlage von Ideen durch die Schemata der Ideen – also durch die systematischen Einheiten der Ideen bzw. durch die Begriffe der Ideen erkannt werden (vgl. mit Kant Zitat 7), die auf die psychischen Auffälligkeiten projiziert werden. (vgl. mit Kant Zitat 8 und Kant Zitat 4). Deswegen schreibt Karl Jaspers zu Recht dass ich (in der Psychiatrie) das Ganze als Idee nicht geradezu erkennen kann, sondern ich mich ihm durch das Schema der Idee nähere (vgl. mit Jaspers Zitat). Und an anderer Stelle, dass die Idee der Krankheitseinheit (in der Psychiatrie) sich niemals verwirklichen lässt. (vgl. mit Jaspers Zitat 6)

Daher ist und bleibt die Psychiatrie eine Wissenschaft in der die Erkenntnisse und damit das psychiatrische Wissen auf Grundlage der Unterschiede der Ideen erlangt wird. Das heißt in der Psychiatrie wird das fachliche Wissen durch die philosophische Methode der Dialektik erlangt.

In der Psychiatrie erkennt man – so wie in der Psychologie – die unterschiedlichen psychischen Erscheinungen in dem man unterschiedliche fachliche Ideen auf diese anwendet bzw. projiziert und dann auf der „Ebene der Ideen“ nach dem Vergleichen und Gewichten der Ideen (Immanuel Kant spricht vom Ponderieren der Ideen) entscheidet welcher fachliche Begriff zutrifft.

Tatsächlich kann man kein einziges psychisches Phänomen auf der Ebene der Objekte erkennen und bestimmen.

Daher bemüht sich die psychiatrische Wissenschaft seit vielen Jahrzehnten vergeblich psychische Phänomene und psychische Störungen auf der Ebene der Objekte zu erkennen und objektiv zu bestimmen. Tatsächlich bemüht man sich daher in der Genetik, in der funktionellen Bildgebung, oder mit biochemischen Methoden oder mit sonstigen physischen Methoden vergeblich eine psychische Störung bzw. eine psychiatrische Diagnose zu erkennen und zu objektivieren. Man kann ein psychisches Phänomen nicht physisch erkennen und nicht physisch bestimmen bzw. nicht objektivieren, man kann es nur – wenn man dies will – unter Umständen physisch erklären, aber allgemein gültig bestimmen kann man es nicht. (Weiteres dazu auf Poster 6: Diagnosis in Psychiatry – the Role of Biological Markers – an investigation in the light of Immanuel Kant`s philosophy)

Es erweist sich also, dass nicht Emil Kraepelin recht gehabt hat sondern Karl Jaspers. Daher sagt Karl Jaspers mit gutem Grund: Die Idee der Krankheitseinheit läßt sich in irgendeinem einzelnen Fall niemals verwirklichen. (vgl. mit Jaspers Zitat 6)

Emil Kraepelin hat sich getäuscht als er geglaubt hat dass die Psychiatrie sich zu einem kräftigen Zweig der medicinischen Wissenschaft fortentwickelt. (vgl. mit Kraepelin Zitat 2)

Die Psychiatrie kann sich niemals zu einer Disziplin entwickeln, die ihre Erkenntnisse auf der Grundlage von physischen Befunden erkennt und bestimmt.

Während also die Psychiatrie ihr Wissen auf der Ebene der Ideen erlangt, erkennt man in der körperlichen Medizin, soweit damit die objektiv bestimmbaren körperlichen Krankheiten gemeint sind, diese auf der Grundlage von objektiven Befunden. In der Medizin kann man auf der Grundlage von Objekten gewisse Erkenntnisse objektiv gültig und damit allgemein gültig erkennen und bestimmen (vgl. mit Kant Zitat 7 und Kant Zitat 9). In der Psychiatrie kann man die Erkenntnisse nur auf der Grundlage von Ideen subjektiv gültig erkennen. (vgl. mit Kant Zitat 7 und Kant Zitat 9).

Mit dieser Tatsache wird sich die psychiatrische Wissenschaft und damit auch die biologische Psychiatrie früher oder später abfinden müssen. Man wird sich früher oder später in der Psychiatrie als Wissenschaft damit abfinden müssen, dass man psychische Erscheinungen zwar auf der Grundlage von physischen Befunden mehr oder weniger gut erklären kann, dass man diese dadurch aber nicht allgemein gültig bestimmen kann – eben weil es den großen Unterschied in der Erkenntnisbasis bzw. den großen Unterschied in den Erkenntnisobjekten gibt. (vgl. mit Kant Zitat 7)

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(letzte Änderung 25.09.2020, abgelegt unter Begriff, Definition, Diagnostik, Erkenntnis, Forensik, Forensische Psychiatrie, Konzept, Medizin, Philosophie, philosophische Begriffe, Psyche, Psychiatrie, Psychologie, Psychosomatik, Sicht, Therapie)

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