Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Psychiatrische Diagnostik

Die psychiatrische Diagnostik ist die Diagnostik in der Psychiatrie, die zur Feststellung der psychischen Störungen  gemäß den psychiatrischen Diagnosen führt.

In der psychiatrische Diagnostik wird nämlich durch die passende psychiatrische Kategorie der Typ der psychischen Störung erkannt und dadurch die psychiatrische Diagnose bestimmt (vgl. mit Jaspers Zitat).

So kann ein Psychiater etwa auf Grundlage der  psychiatrischen ICD-10 Klassifikation (oder auf Grundlage der DSM-V Klassifikation) das klinische Erscheinungsbild der psychischen Störung durch die passende psychiatrische Kategorie erkennen und dadurch die psychiatrische Diagnose bestimmen.

Man erkennt in der Psychiatrie die unterschiedlichen psychischen Störungen also durch die Anwendung von Ideen/ Vorstellungen, die auf die psychischen Auffälligkeiten angewandt/projiziert werden – was nachfolgend detailliert aufgezeigt wird.

Erkenntnistheoretisch betrachtet – kann man sagen: die psychiatrische Diagnostik ist die Diagnostik in der Psychiatrie, die zum Erkennen der krankheitswertigen Störung der Psyche – auf der Ebene der Vorstellungen bzw. auf der Ebene der Ideen – durch den passenden Begriff der psychiatrisch-diagnostischen Idee führt (vgl. mit Kant Zitat 7). Oder in den Worten von Karl Jaspers: die psychiatrische Diagnostik ist die Diagnostik in der Psychiatrie, die durch die denkende Anschauung unter Führung von Ideen den passenden Typus der psychischen Störung durch das Schema der  Idee (vgl. mit Jaspers Zitat) erkennt. Ebenso kann man unter Anwendung der Sichtweise von Jaspers auch sagen: ein Psychiater erkennt in der Psychiatrie die psychische Störung durch das (diagnostische) Schema der Idee , wobei hier die Idee eine bloße Idee im Sinne von Immanuel Kant ist (vgl. mit Kant Zitat 4).

Dabei werden die unterschiedlichen psychischen Störungen gemäß den psychiatrischen Kategorien der angewandten psychiatrischen Klassifikation auf Basis der unterschiedlichen psychischen Symptomenkomplexe in der psychiatrischen Diagnostik festgestellt.

Die psychiatrische Diagnostik beruht also auf den klinischen Erscheinungen der psychischen Störungen, die gemäß der psychiatrischen Systematik nach einem System geordnet – und somit systematisch auf Grundlage der Phänomenologie bzw. auf Grundlage der Psychopathologie in der Diagnostik bestimmt werden.

Dabei sind in der psychiatrischen Diagnostik gegenwärtig in der psychiatrischen Praxis und in der psychiatrischen Wissenschaft die Psychiatrische ICD-10 Klassifikation und die DSM-5 Klassifikation  in Verwendung.

Die psychiatrische Diagnostik leistet also das Erkennen und damit das Diagnostizieren der krankheitswertigen psychischen Erscheinungen (vgl. mit Kahlbaum Zitat 2) gemäß einer vereinbarten Konvention.

Es werden somit in der Psychiatrie bei den unterschiedlichen psychischen Störungen die typischen psychopathologische Phänomene, nämlich die charakteristischen psychischen Symptome und krankheitswertigen psychischen Phänomene in der Diagnostik in Bezug auf (definierte) Typen (Karl Jaspers) erfasst (vgl. mit Jaspers Zitat). Diesen Sachverhalt hat in der Psychiatrie der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers erkannt und in seinem Buch: Allgemeine Psychopathologie ab der 4. Auflage aufgezeigt.

Daher wird eine psychiatrische Diagnose auf Grundlage der Psychopathologie bzw. der Phänomenologie durch den subjektiven psychischen Befund des Psychiaters / Psychiaterin erfasst, wohingegen in der Medizin eine allgemein gültig bestimmbare medizinische Diagnose auf Grundlage von allgemein gültig bestimmbaren körperlichen Befunden – also durch physische Befunde – somit auf Basis von objektiven Befunden durch den Arzt / Ärztin bestimmt wird.

Durch biologische Befunde, etwa durch biochemische Befunde oder durch bildgebende Befunde, wie man sie etwa mit der Methode der Computertomographie (CCT) oder durch die Magnetresonanztomographie (MRT), oder durch die Funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT), oder in der Genetik im Hinblick auf eine psychische Störung erhebt, kann man eine solche Störung der Gesundheit unter Umständen zwar erklären und auf dieser Grundlage verstehen, aber diagnostisch bestimmen kann man sie dadurch nicht (Weiteres dazu in diesem Beitrag und auf Poster 6: Diagnosis in Psychiatry – the Role of Biological Markers – an investigation in the light of Immanuel Kant`s philosophy und in meinem Buch).

Man kann also zurecht sagen: der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers hat auf Basis der Philosophie von Immanuel Kant die Grundlage der psychiatrischen Diagnostik erkannt (vgl. mit Jaspers Zitat 14) wenn er in seinem Buch „Allgemeine Psychopathologie“ sinngemäß schreibt, dass psychische Erscheinungen unter Führung von Ideen durch die denkende Anschauung in Bezug auf (definierte) Typen (- somit auf der Ebene der Ideen -) erkannt werden, wohingegen in der Medizin viele gesundheitliche Störungen (Krankheiten) in Bezug auf Gattungen (- auf der Ebene der Objekte bzw. auf der Ebene des Körpers) durch Fakten erkannt und allgemein gültig diagnostisch bestimmt werden können (vgl. mit Jaspers Zitat).

Es werden also die unterschiedlichen psychischen Erscheinungen und damit auch die psychischen Störungen bzw. die psychiatrischen Diagnosen – grundsätzlich auf der Ebene der Ideen – auf Basis von definierten psychiatrischen Ideen durch die Gegensätze der Ideen mit der philosophischen Methode der Dialektik durch die Zugehörigkeit zu verschiedenen Typen erkannt (vgl. mit Jasper Zitat).

Damit führt die philosophische Methode der Dialektik zum Erkennen des Zutreffens einer psychiatrischen Kategorie auf ein klinisches Erscheinungsbild und damit zur zutreffenden psychiatrischen Diagnose innerhalb der angewandten psychiatrischen Klassifikation, etwa auf das Zutreffen einer psychiatrischen Diagnose in der Psychiatrischen ICD-10 Klassifikation oder in der DSM-5 Klassifikation, und es können in weiterer Folge auf dieser Grundlage in der psychiatrischen Wissenschaft die unterschiedlichen psychischen Störungen systematisch studiert werden.

Weil also die psychischen Erscheinungen nur auf der Ebene der Ideen in Bezug auf definierte Typen somit nur in Bezug auf definierte Ideale erkennbar und diagnostisch bestimmbar sind, kann man in der Psychiatrie  nur subjektiv gültige Erkenntnisse erlangen (Anmerkung: dies gilt auch für die Psychologie und Psychotherapie) wohingegen man in einem Teilbereich der Medizin objektiv gültige Erkenntnisse und damit allgemein gültige Erkenntnisse (auf der Ebene des Körpers) erlangt.

Es können daher in der Psychiatrie (Psychologie und Psychiatrie) die Erkenntnisse und damit auch die psychiatrischen Diagnosen nur einleuchtend evident erkannt werden, wohingegen in der Medizin in einem Teilbereich die medizinischen Diagnosen augenscheinlich evident erkannt werden.

Daher kann man in der psychiatrischen Praxis und auch in der psychiatrischen Wissenschaft auf Basis von definierten psychiatrischen Ideen – die, so wie die psychologischen Ideen – bloße Ideen im Sinne von Immanuel Kant sind (vgl. mit Kant Zitat 4) nur beschränktes Wissen erlangen (vgl. mit Kant Zitat 3a).

Aus demselben Grund, nämlich der Gegebenheit, dass die psychischen Störungen und damit die psychiatrischen Diagnosen auf Grundlage der verschiedenen psychischen Erscheinungen/klinischen Erscheinungsbilder erkannt werden, resultiert auch die Konsequenz, dass psychiatrisches Wissen Wissen im Sinn einer Scheinbarkeit im Vergleich zu einer anderen Scheinbarkeit ist (vgl. mit Kant Zitat 9b). Daher sind in der Psychiatrie keine Wahrscheinlichkeitsaussagen im Sinn der (mathematischen) Wahrscheinlichkeit vom Grad der Annäherung zur Gewissheit möglich und kann hier nur eine Aussage im Sinn der philosophischen Wahrscheinlichkeit gemacht werden (vgl. mit Kant Zitat 9b).

Es ist in der Psychiatrie daher nicht möglich durch physische Befunde (biologische Befunde) – etwa durch solche, wie sie in der Bildgebung durch bildgebende Befunde etwa mit der Methode Funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) gewonnen werden, oder wie sie durch biologische Befunde in der Biochemie, oder in der Molekularbiologie oder in der Genetik gewonnen werden – eine psychiatrische Diagnose allgemein gültig bestimmen oder die Validität oder die Reliabilität der gestellten psychiatrischen Diagnose dadurch erhöhen.

Mit anderen Worten: es kann eine psychiatrische Diagnose durch physische Befunde nicht valide und auch nicht reliabel gestellt werden, sondern es können durch derartige Befunde gewisse psychische Störungen (besser) erklärt und dadurch besser verstanden werden, aber in der psychiatrischen Diagnostik bestimmen kann man sie nicht.

Weiteres zur psychiatrischen Diagnostik erläutert auf Basis der Philosophie von Immanuel Kant und der „Allgemeinen Psychopathologie“ von Karl Jaspers in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

siehe dort insbesondere Kapitel 5:

5 Diagnostik in der Psychiatrie

5.1 Einleitung zur Diagnostik in der Psychiatrie

5.2 In der Psychiatrie beruht die Diagnostik auf psychischen Merkmalen (psychischen Phänomen)

5.2.1 Philippe Pinel hat im Prinzip die phänomenologische Grundlage des psychiatrischen Wissens erkannt

5.2.2 Karl Ludwig Kahlbaum hat die klinische Methode der Krankheitsbilder und die Berücksichtigung des Verlaufs in die psychiatrische Diagnostik eingeführt

5.2.3 Wilhelm Griesinger und Emil Kraepelin glaubten, dass gewisse psychische Krankheiten körperlich begründet diagnostizierbar sind

5.2.3.1 Wilhelm Griesinger war sich dessen bewusst, dass derzeit die psychischen Krankheiten auf Basis der psychischen Anomalie erkannt werden

5.2.4 Karl Jaspers erkannte auf Basis der Philosophie von Immanuel Kant die Grundlage des Wissens in der Psychiatrie

5.2.4.1 In der Psychiatrie gründet sich die Diagnostik der psychischen Störungen auf unterschiedlich definierte Typen

5.2.4.2 Die psychischen Symptomenkomplexe werden mit der philosophischen Methode der Dialektik erkannt

5.2.4.3 Die psychiatrischen Ideen sind aus der klinischen Erfahrung abgeleitete Ideen

5.2.4.4 Die psychischen Phänomene werden auf der Ebene der Ideen in Bezug auf definierte Typen erkannt (Karl Jaspers)

5.2.5 Eine psychiatrische Idee ist – so wie eine psychologische Idee – eine bloße Idee im Sinne von Immanuel Kant

5.2.6 Karl Jaspers fand durch die Philosophie von Immanuel Kant den tiefer liegenden Grund des Wissens in Bezug auf die Psyche

5.2.7 Eine psychische Störung wird durch eine phänomenologische Diagnose erkannt

5.2.8 Eine phänomenologische Diagnose wird in der Psychiatrie durch den Begriff der bloßen Idee erkannt

5.2.9 Eine kantsche Idee bei Karl Jaspers ist ein bloße Idee bei Immanuel Kant

5.3 Die psychiatrischen Ideen sind von Ärzten weiterentwickelt worden

5.3.1 Eine psychiatrische Idee wird durch die geistige Analyse und Synthese erkannt

5.3.2 Gewisse psychische Störungen können durch körperliche Befunde erklärt, dadurch jedoch nicht in der Diagnostik bestimmt werden

5.3.3 Durch physische Befunde können Validität und Reliabilität einer psychiatrischen Diagnose nicht erhöht werden

5.3.4 In der Psychiatrie ist eine Natureinheit eine nur problematisch zum Grund gelegte Einheit

5.3.5 In der Psychiatrie ist der Begriff der Natureinheit ein regulatives Prinzip im Sinne von Immanuel Kant

5.3.6 Die psychische Störung wird durch die Idee in Bezug auf den definierten Typus durch das Schema der Idee erkannt

5.3.7 Im diagnostischen Grenzfall entscheidet in der Psychiatrie die Plausibilität

5.4 Die psychiatrische Kategorie der psychiatrischen Diagnose wird dialektisch erkannt

usf.

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(letzte Änderung 02.11.2019, abgelegt unter: Definition, Diagnostik, Klassifikation, Psychiatrie, Systematik, Wissenschaft, psychiatrische Wissenschaft)

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Ist die Psychiatrie eine medizinische oder eine philosophische Disziplin?

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