Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Jaspers Zitat 6 – Idee der Krankheitseinheit (Gesichtspunkt in der Psychiatrie)

„3. Die Idee der Krankheitseinheit läßt sich in irgendeinem einzelnen Fall niemals verwirklichen. Denn die Kenntnis des regelmäßigen Zusammentreffens gleicher Ursachen mit gleichen Erscheinungen, Verlauf, Ausgang und Hirnbefund setzt eine vollendete Kenntnis aller einzelnen Zusammenhänge voraus, eine Kenntnis, die in der unendlichen Zukunft liegt. Die Idee der Krankheitseinheit ist in Wahrheit eine Idee im Kantischen Sinne: der Begriff einer Aufgabe, deren Ziel zu erreichen unmöglich ist, da das Ziel in der Unendlichkeit liegt; die uns aber trotzdem die fruchtbare Forschungsrichtung weist und die ein wahrer Orientierungspunkt für empirische Einzelforschung bedeutet. Wir sollen unter allen Gesichtspunkten das Gesamtbild der psychischen Krankheiten erforschen und möglichst nach allen Seiten Zusammenhänge suchen. Dabei finden wir einerseits einzelne Zusammenhänge und andererseits gewisse, immer vorläufige Typen von Krankheitsbildern, die nicht scharf abgrenzbar, aber doch viel „natürlicher“ sind als alle früheren einseitigen und konstruktiven Einteilungen. Die Idee der Krankheitseinheit ist keine erreichbare Aufgabe, aber der fruchtbarste Orientierungspunkt.“

aus:

Karl Jaspers: “Allgemeine Psychopathologie”, 9. unveränderte Auflage, Springer-Verlag Berlin -Heidelberg-New York 1973, Seite 476– 477, ISBN 3-540-03340-8, ISBN 0-378-03340-8

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Anmerkung zum Zitat:

Aus dem Zitat ist ersichtlich, dass Karl Jaspers erkannt hat, dass man in der Psychiatrie eine psychiatrische Diagnose niemals objektivieren kann. Karl Jaspers hat erkannt, dass man unter Führung von Ideen durch das Schema der Idee sich dem Ganzen als Idee nur nähern kann (vgl. mit Jaspers Zitat). Man kann in der Psychiatrie durch die geistige Analyse und Synthese ein Gesamtbild erlangen, wobei die Krankheitseinheit (in Bezug auf den (definierten) Typus (vgl. mit Jaspers Zitat)) die fruchtbare Forschungsrichtung weist, und sie ein wahrer Orientierungspunkt für die empirische Einzelforschung ist. Dabei sollen wir unter allen Gesichtspunkten das Gesamtbild der psychischen Krankheiten erforschen und möglichst nach allen Seiten Zusammenhänge suchen.

Im Gegensatz zu Karl Jaspers war Emil Kraepelin davon überzeugt, dass in der Psychiatrie gewisse psychische Krankheiten (psychische Störungen) und damit gewisse psychiatrische Diagnosen – so etwa die diagnostische Einheit – Dementia praecox in Zukunft allgemein gültig bestimmt werden kann (vgl. mit Kraepelin Zitat 1). Während also Karl Jaspers die Möglichkeiten und die Grenzen des Erkennens in der Psychiatrie auf der Grundlage der Philosophie von Immanuel Kant richtig erkannt und eingeschätzt hat, überschätzte Emil Kraepelin diese Möglichkeit indem er geglaubt hat, dass man gewisse psychiatrische Krankheiten (psychische Störungen) – so wie bestimmte gesundheitliche Störungen (Krankheiten) in der Medizin – im Sinne von natürlichen Krankheitseinheiten (in Bezug auf Gattungen (vgl. mit Jaspers Zitat)) allgemein gültig bestimmen kann.

Dabei ist eine Kantische Idee im Sinne von Karl Jaspers eine bloße Idee im Sinne von Immanuel Kant.

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Weiteres zu dieser Thematik  in der Power Point Präsentation  meines Vortrags gehalten am DGPPN Kongress 2014 in Berlin

sowie

in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im Verlag tredition, April 2019.

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(letzte Änderung 15.06.2020, abgelegt unter: Zitate, Psychiatrie, Diagnostik)

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