Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

biologische Theorie

Eine biologische Theorie ist eine Theorie durch die man gewisse Phänomene und/oder Dinge, wie sie in der Natur vorkommen, biologisch begründet verstehen und erklären kann.

Man kann auch sagen:

Eine biologische Theorie ist eine Vorstellung die den Zusammenhang von natürlichen Vorgängen auf Grundlage der Biologie verständlich macht, und man den Sachverhalt daher auf dieser Grundlage biologisch begründet erklären kann.

Schließlich kann man auch sagen, dass die biologische Theorie den Zusammenhang der Ursache mit der Wirkung biologisch begründet erklärt.

Erkenntnistheoretisch betrachtet ist eine biologische Theorie ein regulatives Prinzip im Sinne von Immanuel Kant das einen gewissen Zusammenhang, wie er in der Biologie zur Beobachtung gelangt, nach einer Regel aufzeigt und damit erklärt (vgl. mit Kant Zitat 26).

Durch dieses Prinzip kann man also den Zusammenhang der Dinge und/oder der Erscheinungen z. B. mit Hilfe einer biologischen Theorie verstehen und erklären.

In der Medizin ist eine biologische Theorie eine Theorie, die zum Beispiel erklärt wie es zum Auftreten der Reaktion des Immunsystems kommt – etwa zu einer normalen oder zu einer allergischen Reaktion – falls der Organismus durch ein das Immunsystem stimmulierendes Agens (Beispiel: Fall 1 bakterielle Infektion,  oder Beispiel Fall 2 Pollenallergie) in Berührung kommt. Es kann eine solche Theorie durch ein medizinisches Konzept erklären wie diese Ursache die jeweilige Wirkung hervorruft. In diesem Sinn kennt man in der Medizin auch sonstige Theorien, die das Auftreten von Reaktionen, etwa von entzündlichen Reaktionen bei Autoimmunerkrankungen erklären. Oder es erklärt in der universitären Medizin, als einer empirischen Wissenschaft hier etwa in der Physiologie eine biologische Theorie wie Hormone des Hormonsystems im Körper gewisse physiologische Reaktionen und damit gewisse Wirkungen hervorrufen.

In der Psychiatrie ist eine biologische Theorie eine Theorie die etwa das Auftreten einer gewissen psychischen Störung durch eine biologische Ursache erklärt (Beispiel: depressive Störung/Depression wird durch den Transmittermangel erklärt, oder Auftreten der Schizophrenie wird durch Störung an den Rezeptoren der Nervenzelle erklärt).

Eine solche Theorie ist auf Grundlage der Erfahrung und auf Grundlage der vernünftigen Überlegung entstanden. Man hat nämlich in der psychiatrischen Praxis die Erfahrung gemacht, dass gewisse psychische Phänomene durch gewisse Substanzen günstig beeinflusst werden. In weiterer Folge suchte man nach Erklärungen warum diese Wirkung eintritt. Auf dieser Grundlage sind die biologischen Theorien über die Wirkung der Psychopharmaka in der Psychiatrie entstanden.

Im Laufe der Zeit sind verschiedene Substanzen entdeckt worden, die sich positiv auf psychische Phänomene und psychische Störungen auswirken. Und man konnte in weiterer Folge auf Grundlage von Forschungen und auf Grundlage von gewissen Vorstellungen damit gewisse Theorien entwickeln durch die man die Wirkung dieser Substanzen erklären konnte.  So fand man beispielsweise bei Substanzen, die sich günstig auf eine Depression (depressive Störung) auswirken heraus, dass diese Substanzen – die man daher Antidepressiva nennt – gewisse Effekte auf die Transmitter ausüben, die für die Übertragung der Nervenzell-Impulse im Bereich der Synapsen verantwortlich sind. In gleicher Weise entdeckte man in Nervenzellkulturen, dass die sogenannten Neuroleptika auf die Rezeptoren an den Oberflächen der Nervenzellen gewisse Wirkungen ausüben und diese zum Teil blockieren.

Auf diese Art und Weise entstanden in der Biologischen Psychiatrie die Theorien, die erklären  wie z.B. die Antidepressiva wirken, oder die Theorien, die erklären wie die Neuroleptika bei den psychischen Störungen vom Typ der Schizophrenie wirken, oder auch andere biologische Theorien die für die Psychiatrie von Bedeutung sind.

Auch in der Medizin entstanden biologische Theorien, die jeweils den Zusammenhang von beobachteten klinischen Phänomenen mit möglichen biologischen Ursachen erklären (z.B. die Theorien, die den Ablauf einer lokalen oder systemischen Entzündung erklären, oder die unterschiedlichen Theorien, die das Auftreten eines Kopfschmerz vom Typ der Migräne erklären usf.)

Eine biologische Theorie liefert also eine Erklärung für den Zusammenhang von gewissen Phänomenen mit gewissen biologischen Parametern, die offenbar einen ursächlichen Effekt bzw. einen kausalen Effekt haben.

In diesem Sinn konnte man in der Medizin das Auftreten von verschiedenen klinischen Erscheinungen durch biologische Ursachen bzw. durch biologische Faktoren erklären.

Und man konnte in diesem Sinn in der Psychiatrie durch solche Theorien den Zusammenhang der psychischen Phänomene mit gewissen biologischen Ursachen erklären und damit das Auftreten von gewissen Wirkungen verstehen was ohne eine solche Theorie vorher nicht möglich war.

Auch in der Medizin konnte man auf der Grundlage von solchen biologischen Theorien gewisse körperlichen Vorgänge verstehen was vorher nicht möglich war.

Eine solche Theorie ist also eine nützliche Sache, in so fern dadurch in der Praxis eine modellhafte Erklärung zur Verfügung steht, durch die man z.B. die therapeutische Wirkung einer Substanz, oder einer Maßnahme verstehen und erklären kann.

In gleicher Weise wie man Erklärungen für die erwünschten Effekte finden konnte, fand man zum Teil auch Erklärungen für die unerwünschten Effekte, also Erklärungen für die unerwünschten Nebenwirkungen.

Damit ergaben sich für die ärztliche Praxis Erklärungsansätze für den Einsatz von therapeutisch wirksamen Substanzen und für die verschiedenen therapeutisch wirksamen Methoden.

Ein Arzt in der Praxis kann also auf der Grundlage von solchen Theorien entscheiden, ob er in einem konkreten Fall dieses oder eher jenes Mittel verordnen soll, damit der gewünschte Effekt erreicht wird dies bei gleichzeitiger Minimierung der unerwünschten Nebeneffekte. Und ebenso kann ein Arzt durch vernünftige Überlegung und auf der Grundlage seines Wissens entscheiden, ob diese oder jene Behandlungsmethode im konkreten Fall zur Anwendung kommen soll um die bestmögliche Wirkung zu erzielen.

In diesem Sinn liefern die biologischen Theorien wertvolle Erklärungsmodelle, die sich in der Praxis sehr bewährt haben.

Dabei soll man aber nicht außer acht lassen, dass eine solche Theorie nur eine mögliche Erklärung liefert –  und nicht die Erklärung schlechthin. Genau genommen kann man nämlich nicht wirklich wissen, ob es im konkreten Fall tatsächlich so ist. Der Zusammenhang zwischen den Phänomenen und ihren Ursachen kann nämlich in der Regel nicht direkt „physisch“ überprüft werden. Man kann in der Regel eine solche Theorie nicht im konkreten Fall im hier und jetzt überprüfen. Nur ausnahmsweise kann man eine biologische Theorie „physisch“ überprüfen (vgl. mit diesem Beitrag). Es handelt sich also in der Regel um eine mögliche Ursache, die man damit erklärt und man kann nicht sicher sein, dass es die tatsächliche Ursache ist. Hingegen kann man sodann sehr wohl aus der weiteren Erfahrung, also aus dem Verlauf erkennnen, ob die unternommene Therapie bzw. Maßnahme hilfreich war.

Man kann also in der Regel nur indirekt auf den Zusammenhang der Kausalität zwischen einem Phänomen und seiner Ursache bzw. seiner möglichen Ursachen schließen. Es handelt sich bei einer solchen Theorie also um eine aus der Erfahrung abgeleitete Idee. Die Theorie als solche kann man in der Regel nicht im hier und jetzt physisch überprüfen, womit deutlich wird  dass es sich bei dieser Idee um eine bloße Idee im Sinn von Immanuel Kant handelt. Man kann daher auch sagen: es handelt sich bei einer solchen biologischen Theorie, die nicht physisch überprüfbar ist um biologisches Konzept das nicht auf der Ebene der Fakten bzw. auf der Ebene der Objekte überprüft werden kann.

In diesem Sinn kann man in einem konkreten Fall nicht im Vorhinein wissen wie z.B. eine Substanz sich bei einer Person auswirken wird – man hat dazu „nach der Analogie der Erfahrung“ nur eine Idee (vgl. mit Kant Zitat 26). Es handelt sich also bei solchem Wissen bzw. bei solchem Verstehen lediglich um ein regulatives Prinzip – und nicht um ein konstitutives Prinzip. Oder man kann auch sagen: man hat dazu nur beschränktes Wissen das relativ in Bezug auf eine Idee gültig ist.

Man soll also eine solche Idee nicht konstitutiv verwenden (vgl. mit Kant Zitat 3a). Vielmehr ist eine solche Idee nur regulativ. Es ist in der Biologie und damit auch in der Medizin und in der Psychiatrie nicht so wie in der Mathematik und Geometrie, wo eine Vorstellung tatsächlich konstitutiv bzw. faktisch gültig ist. Wo man z.B. dezidiert sagen kann wie viel Grad ein Winkel hat, wenn man bereits zwei Winkel eines Dreiecks kennt. In der Biologie kann es so sein wie es durch die Theorie erklärt wird, es muss aber nicht so sein wie es durch die Theorie erklärt wird – und vor allem können auch andere Effekte bzw. andere Faktoren für das Auftreten der Phänomene und Dinge kausal sein. Man kann also – genau genommen – nicht wissen was die eigentliche Ursache ist, ob etwa auch noch andere Ursachen bzw. auch noch andere Faktoren von Bedeutung sind – deren Effekte und Erklärung vielleicht noch nicht bekannt ist. Man soll sich also nicht täuschen und glauben, dass man damit schon ein umfassendes und gesichertes Wissen im Sinn von objektivem Wissen hat, wenn man eine Theorie zur Hand hat, die den Sachverhalt erklärt.

Es handelt sich also bei all diesen Theorien – sowohl bei den biologischen – wie auch bei den psychologischen Theorien und auch bei sonstigen Theorien – etwa den soziologischen und anderen Theorien, wie sie in der Heilkunde etwa im Rahmen der Alternativmedizin bzw. in der Komplementärmedizin angeboten werden – um mögliche Erklärungen. Solche Erklärungen liefern Ansätze für das Verstehen und Handeln. Man soll aber solches Wissen nicht überschätzen, man soll solche Konzepte, die auf der Grundlage der spekulativen Vernunft entstanden sind (vgl. mit Kant Zitat 2) nicht überbewerten. Man soll sie nützen um damitder Natur bis in ihr Innerstes nachzugehen, niemals aber die Grenzen überfliegen, außerhalb welcher für uns nichts ist als leerer Raum„. (vgl. mit Kant Zitat 2)

Mit anderen Worten: man soll solche Theorien nützen um damit die Zusammenhänge zu verstehen, gleichzeitig soll man sich aber der theoretischen bzw. hypothetischen Basis dieses Wissens bewusst bleiben und soll man daher solches Wissen flexibel nützen. Es ist hier also ein flexibles Denken bzw. ein dynamisches Denken erfordert das die Beschränktheit des erlangten Wissens berücksichtigt.

Würde man hergehen und solches Wissen als faktisches Wissen – im Sinn von objektiv bestimmbarem Wissen ansehen – so hat man sich getäuscht – und es resultieren aus diesem falschen Verstehen falsche Schlussfolgerungen und damit nachteilige Konsequenzen.

Das Denken kommt damit nämlich zum Stillstand, weil man damit glaubt die Sache schon erkannt zu haben. Man glaubt damit ein Faktum erkannt zu haben – und sieht in Folge dieses falschen Verstehens – somit als Folge des falschen Verwendens einer Idee – nichts anderes und nichts Neues mehr. Tatsächlich sind die Dinge aber nicht so einfach gelagert. Vielmehr liefert eine solche Theorie nur eine mögliche Erklärung – neben anderen möglichen Erklärungen – und soll man daher eine solche Theorie nur relativistisch verwenden. Daher soll man solches Wissen „in der Schwebe halten“ – wie dies Karl Jaspers bezüglich der Zusammenhänge in der Psychiatrie formuliert hat. (vgl. mit Karl Jaspers 2)

Man soll also der Natur nach allen möglichen Prinzipien der Einheit – also nach allen möglichen Theorien nachgehen, die Bedeutung der einzelnen Theorie soll man jedoch nicht überschätzen. Man kann auch sagen: man soll solches Wissen nicht als faktisches Wissen ansehen und missverstehen nur weil die Erklärung sich auf Fakten bezieht (vgl. mit Kant Zitat 3a) – weil man ansonsten das Bestmögliche verfehlt. (vgl. mit Kant Zitat 2 und Kant Zitat 3)

In diesem Sinn soll man all diese Theorien flexibel verwenden – und je nach den Gegebenheiten – wie sie im konkreten Fall vorliegen – den einen oder anderen Ansatz in Erwägung ziehen um das Ziel also den Zweck – nämlich in der Heilkunde die bestmögliche Therapie zu erreichen.

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(letzte Änderung 24.12.2020, abgelegt unter: Theorie, Psychiatrie, Biologische Psychiatrie, Medizin, Wissenschaft)

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