Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Die Psychiatrie kann man nur im Ganzen verstehen

Karl Jaspers hat geschrieben, dass man die Psychologie nur im Ganzen verstehen kann (vgl mit Jaspers Zitat 4)  – dies gilt auch für die Psychiatrie.

Tatsächlich kann man psychologische Begriffe und auch psychiatrische Begriffe nicht als abgesonderte, eigenständige Einheiten erkennen und verstehen.

Man kann sie nur erkennen und verstehen, wenn man ihre  gegenseitigen Bezüge kennt und versteht, das heißt wenn man sie aus dem Ganzes heraus als zusammenhängende Einheiten – nämlich als systematische Einheiten (im Sinne von Immanuel Kant) versteht.

Daher schreibt Karl Jaspers in seinem Buch: „Allgemeine Psychopathologie“ zu recht:

Wenn ich das Ganze als Idee auch nicht geradezu erkennen kann, so nähere ich mich ihm – mit Kants Worten – durch das „Schema“ der Idee (vgl. mit Jaspers Zitat).

Man kann psychologische Ideen nur in ihren gegenseitigen Bezügen verstehen. Ähnlich kann man psychiatrische Ideen nur in ihrer gegenseitigen Bezügen und Abhängigkeiten verstehen. Daher kann ein Psychiater die einzelne psychische Störung nur aus dem Ganzen heraus erkennen und verstehen. Dabei versteht er  gewisse psychische Störungen infolge des normalen psychologischen Verstehens, andere jedoch nur infolge einer biologischen Erklärung, weil man diese nicht psychologisch begründet verstehen kann.

In der psychiatrischen Diagnostik werden jedoch alle psychischen Störungen aufgrund der klinischen Erscheinung und daher psychopathologisch begründet erkannt und bestimmt.

Man kann daher psychiatrische Ideen – und auch psychologische Ideen – nur dialektisch erkennen bzw. nur auf Grundlage der Gegensätze der Ideen. (vgl. mit Jaspers Zitat 7a)

In der Psychiatrie kann man nicht, wie dies in der Technik bei technischen Bauteilen der Fall ist, den einzelnen Bauteil für sich „begreifen“ und richtig verstehen – ohne das „Ganze“ – ohne den Zusammenhang der Einheiten untereinander zu kennen und zu verstehen. In der Psychiatrie muss man die einzelnen Begriffe und deren Zusammenhang kennen und richtig verstehen um das Ganze und damit den Sinn und den Inhalt richtig zu begreifen.

Es hängen diese Begriffe durch deren Definitionen nämlich auf der „Ebene der Ideen“ zusammen – eben weil dies systematische Einheiten sind.

Die Begriffe der psychiatrischen Ideen sind nämlich so – wie die Begriffe der psychologischen Ideen regulative Begriffe (vgl. mit Kant Zitat 4).

Diese Begriffe „regeln“ und definieren sich auf der „Ebene der Ideen“ gegenseitig. Es handelt sich dabei also um Begriffe, die in gegenseitiger Abhängigkeit entstanden sind, und die daher auch nur in gegenseitiger Abhängigkeit verstanden werden können. Daher kann man psychiatrische Ideen und auch psychologische Ideen nicht unabhängig von anderen Ideen der Psychologie und Psychiatrie verstehen.

Weil man Psychisches nur durch Psychisches verstehen kann, kann man psychologische Ideen und psychiatrische Ideen nur dialektisch erkennen.

Man missversteht eine psychiatrische Idee – und ebenso eine psychologische Idee – wenn man glaubt, dass man in der Psychopathologie die technische bzw. die physikalische Art des Denkens auf die Psychiatrie (und Psychologie) anwenden kann. In der Psychiatrie (Psychologie und Psychotherapie) hat man es nicht mit faktischem Wissen zu tun, sondern mit Wissen das auf der Grundlage von Konzepten – eben auf der Grundlage von Ideen besteht.

Es ist das psychiatrische Erkennen – also so wie das psychologische Erkennen ein geistiges Anschauen von Ideen – bzw. ein geistiges Anschauen der Begriffe und deren Relationen, die im Bewusstsein entstehen bzw. die in Form der Begriffe der Ideen erscheinen. (griechisch: phenomenon – das was erscheint, das Erscheinende) (vgl. mit Kant Zitat 7).

Man hat es in der Psychiatrie also nicht mit Wissen zu tun das man „physisch“ auf der Grundlage von Fakten bzw. auf der Grundlage von Objekten durch biologische Befunde erkennt und faktisch „begreifen“ und „physisch“ objektiv gültig bestimmen kann – man kann solches Wissen höchstens da und dort „physisch“/physiologisch/biochemisch/neurobiologisch erklären – wenn man dies will – aber „physisch“ bestimmen kann man es nicht (vgl. mit Kant Zitat 7). Man ist in der Psychiatrie (Psychologie und Psychotherapie) in erster Linie mit Ideen befasst (vgl. mit Jaspers Zitat) – und zwar mit bloßen Ideen (vgl. mit Kant Zitat 4) im Sinn von Immanuel Kant, die man da und dort „physisch“ erklärt bzw. physisch erklären kann.

Wenn man glaubt psychiatrische Begriffe und psychische Phänomene und die daraus abgeleiteten psychiatrischen Kategorien so ansehen und verwenden zu können, wie man physikalische Fakten bzw. faktische Einheiten ansehen und verwenden  kann – dann hat man sich grundlegend getäuscht – dann hat man die psychiatrischen Ideen grundsätzlich missverstanden. In dieser Hinsicht hat Emil Kraepelin psychiatrische Ideen falsch verstanden. (-> Weiteres dazu im Anhang zu den Kraepelin Zitaten)

Solches Missverstehen der psychiatrischen Ideen ist für die Psychiatrie zu einem großen Problem geworden.

Solches Missverstehen der psychiatrischen Einheiten zerstört das dynamische, flexible  Denken. Damit hat das psychiatrische Denken viel an Spontaneität und Dynamik verloren.

Wenn man in der Psychiatrie (Psychologie) überwiegend biologisch und damit „physisch“ bzw. oder gar physikalisch bzw. technisch denkt, dann denkt man in abgeschlossenen faktische Einheiten – obwohl es in der Psychiatrie (Psychologie) tatsächlich keine abgeschlossenen und „physisch“ abgrenzte Einheiten gibt. Vielmehr als die psychiatrischen Einheiten so anzusehen sollte man sich der Übergänge der einzelnen Formen ineinander bewusst sein, wie dies bereits Wilhelm Griesinger im  Prinzip richtig erkannt hat (vgl. mit Griesinger Zitat).

Wenn man in der Psychiatrie in abgeschlossenen Einheiten denkt, dann kommt das psychiatrische Denken zum Stillstand. Es fällt einem dann nichts mehr ein. Man hat keine Assoziation mehr, es kommt einem keine Idee mehr in den Sinn, wenn man mit einer psychischen Störung befasst ist. Man muss dann als Psychiater – wie ein Technokrat in der Technik – in den psychiatrischen Kategorien der ICD Klassifikation oder in den psychiatrischen Kategorien der DSM Klassifikation „nachschauen“ um zu sehen welcher Einheit man den Sachverhalt zuordnen kann. Derartiges technokratisches Denken ist in der Psychiatrie völlig fehl am Platz.

Es kommt damit tatsächlich zur geistigen Verarmung und letztlich zum geistigen Stillstand – zu einem nicht mehr geistig sehen was relevant ist. Man erkennt damit nicht mehr die relevanten Zusammenhänge der psychischen Phänomene. Die Psychiatrie verliert dadurch ihre Faszination. Man verkennt sie damit vermeintlich als „biologisch“ verstehbare Wissenschaft obwohl die psychiatrische Wissenschaft eine auf der Phänomenologie bzw. auf der Psychopathologie aufgebaute Wissenschaft ist. Mit anderen Worten: die Psychiatrie – ist so wie die Psychologie – auf den Erscheinungen der Psyche aufgebaut. Und man kann daher die Einheiten in der Psychiatrie und damit auch die psychiatrischen Diagnosen nur dialektisch erkennen und bestimmen – wenn man das Ganze (vgl. mit Jaspers Zitat) also die einzelnen Ideen und deren Zusammenhang – in der angewandten Ideenlehre – kennt.

Eine psychologische Idee und auch eine psychiatrische Idee ist eine bloße Idee im Sinn von Immanuel Kant. Eine solche Idee bezieht sich nicht auf eine faktisch – „physisch“ bestimmbare Einheit bzw. Tatsache. Eine solche Einheit kann man daher nicht mit der funktionellen Bildgebung, oder mit sonst einer „physischen“ Methode „physisch“ messen und objektiv gültig bestimmen. Man kann nur den neuronalen Vorgang „physisch“ objektiv abbilden und messen, aber das psychische Phänomen kennt man nicht das dabei von der betroffenen Person erlebt wird. Man täuscht sich, wenn man so denkt wie Emil Kraepelin gedacht hat, der geglaubt hat, dass man gesetzmäßige Beziehungen zwischen den körperlichen Vorgängen und den psychischen Erscheinungsformen bei gewissen psychischen Krankheiten (psychischen Störungen) finden kann und finden wird. (vgl. mit Kraepelin Zitat 8)

Weil das Wissen in der Psychiatrie auf Ideen beruht ist eine solche Erkenntnis immer nur relativ gültig. Man sollte daher eine solche Idee relativistisch verwenden. Eine Idee ist immer nur relativ gültig und nicht absolut gültig. Man täuscht sich, wenn man glaubt, dass man eine bloße Idee objektivieren kann. Man kann eine psychologische Idee und auch eine psychiatrische Idee –  die man mit der Hilfe eines Konzepts gewonnen hat – nicht „physisch“ bestimmen und „physisch“ überprüfen.* Man kann eine solche Idee nicht objektivieren. Und man kann in Bezug auf das Zutreffen einer solchen Idee durch physisch Befund die Validität und die Reliabilität dieses Wissens nicht erhöhen – wie einige Fachleute in der Biologischen Psychiatrie der Gegenwart – im Jahr 2013 – denken dass dies durch eine integrative Diagnostik möglich sein sollte. Man kann auch sagen dass man durch biologische bzw. durch physische Befunde die Evidenz in der psychiatrischen Praxis und in der psychiatrischen Wissenschaft nicht wirklich verbessern kann.

Man verwendet eine bloße Idee in der Psychiatrie (Psychologie und Psychotherapie) falsch, wenn man sie nicht aus dem Ganzen entwickelt. (vgl mit Jaspers Zitat 4) (vgl. mit Kant Zitat 3a)

In dieser Hinsicht ist die Psychiatrie durch das Missverstehen ihrer Ideen in den letzten Jahrzehnten in große Probleme geraten. Als Konsequenz dieses Missverstehens der Ideen sind die psychiatrischen Diskussionen – etwa bei psychiatrischen Kongressen – weitgehend zum Stillstand gekommen. Es findet im Rahmen der psychiatrischen Wissenschaft und der Präsentation der Daten der psychiatrischen Wissenschaft keine psychiatrischen Diskussionen mehr statt. Es werden vermeintliche Messergebnisse vorgestellt, die zur Kenntnis zu nehmen sind. Man redet von Nervenzellen, Transmittern, Rezeptoren usf. und es sollen die Psychiater und Psychiaterinnen auf der Grundlage von solchen „Daten“ bzw. präsentierten biologischen Theorien den psychiatrischen Alltag bewältigen.

Hart formuliert muss man sagen – ist die Psychiatrie dort, wo sie ihre Ideen missversteht – langweilig geworden. Die Psychiatrie hat an Faszination eingebüßt – die Psychiatrie hat weitgehend ihren Reiz verloren. Das psychiatrische Denken und Argumentieren ist weitgehend zum Stillstand gekommen. Die Anwendung der psychiatrischen Kategorien ist langweilig geworden – weil man sie in der Fachwelt vielfach missversteht – weil man sie als faktisches Wissen ansieht – weil man die Ideen irrtülicherweise konstitutiv und nicht – wie es richtig wäre regulativ bzw. relativistisch gebraucht. Kritisch betrachtet muss man sagen, dass die Psychiatrie der Gegenwart noch nicht im Sinn der Aufklärung eine aufgeklärte Wissenschaft ist, weil sie als Wissenschaft die Grundlage ihres Wissens nicht beachtet und die daraus resultierenden Konsequenzen nicht berücksichtigt. (-> Weiteres dazu hier)

Das dialektische Denken ist in der Psychiatrie aus der Mode gekommen – man versucht in der Psychiatrie – insbesondere in der biologischen Psychiatrie – unter vergeblicher Nachahmung der Naturwissenschaft – auf eine falsche Art und Weise wissenschaftlich exaktes Wissen zu erlangen – so wie man in der Medizin in einem Teilbereich exaktes Wissen erlangen kann. Diese falsche Bestrebung resultiert aus dem Missverstehen der psychiatrischen Ideen bzw. aus dem Missverstehen der Erkenntnisbasis in der Psychiatrie.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch gesprochen wird in der Psychiatrie der Gegenwart zum Teil versucht die „Metaphysik“ durch die „Physik“ zu ersetzen und zu überwinden. Manche Fachleute glauben, dass die Psychiatrie der Gegenwart das Stadium der Philosophie und des philosophischen Denkens überwunden hat – und dass man die psychiatrischen Ideen wesentlich auf die Biologie begründen kann. Tatsächlich ist dies jedoch nicht möglich. Tatsächlich kann man psychologisch und psychiatrisch nur auf der Ebene der Ideen denken. Auf der Ebene der „physischen“ Objekte kann man nicht psychologisch und psychiatrisch denken. Man kann nur manch ein psychisches Phänomen und manch eine psychische Störung und damit manch eine psychiatrische Diagnose biologisch begründet erklären – wenn man dies will – aber bestimmen kann man die diagnostische Einheit dadurch nicht. Psychologische und psychiatrische Ideen sind bloße Ideen – oder man kann auch sagen: es sind aus der Erfahrung abgeleitete Ideen – daran hat sich seit Philippe Pinel und seit Wilhelm Griesinger nichts geändert. (vgl. mit Griesinger Zitat)

Emil Kraepelin hat sich getäuscht als er geglaubt hat, dass die Psychiatrie sich zu einem kräftigen Zweig der medicinischen Wissenschaft fortentwickelt. (vgl. mit Kraepelin Zitat 2)

Tatsächlich ist dies nicht möglich, tatsächlich kann man in der Psychiatrie nicht so wie in der Medizin auf der Grundlage von körperlichen Befunden die gesundheitlichen Störungen erkennen und diagnostisch bestimmen.

Tatsächlich gibt es den großen Unterschied zwischen einer Idee und einem Objekt. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Als Konsequenz des Missverstehens der eigenen Ideen – als Konsequenz des Nichtbeachtens der Erkenntnisbasis  – als Konsequenz des nicht Beachtens der geistigen bzw. psychologischen Basis ihrer Erkenntnisse kommt die Psychiatrie nur selbst zu Schaden.

Die Psychiatrie schadet sich selbst, wenn sie sich missversteht.

Es nützt also nichts wenn man die biologischen Theorien – die sämtliche regulative Prinzipien sind – so wie die psychologischen Theorien in der Psychiatrie ebenfalls regulative Prinzipien sind – überbewertet und überstrapaziert. Sie haben ihren Wert. Die Psychiatrie ist und bleibt aber eine dialektische Disziplin.

In der Psychiatrie kann man die Erkenntnisse nur auf der Ebene der Vorstellungen erlangen. Man kann die psychiatrischen Ideen nur auf der Ebene der Vorstellungen durch den Vergleich und das Abwägen der Ideen gegeneinander bestimmen und „überprüfen“. Man kann eine psychiatrische Idee nicht „physisch“ überprüfen. Man kann eine psychiatrische Idee nicht objektivieren. Man kann nur manch eine psychiatrische Idee „physisch“ erklären – aber objektivieren kann man sie nicht.

Die Psychiatrie sollte nicht vergessen, dass sie primär mit der Psyche und ihren Erscheinungen, also mit psychischen Phänomenen und nicht primär mit dem Körper befasst ist und auf dieser Grundlage ihr Wissen erwirbt. (griechisch: phenomenon – das was erscheint, das Erscheinende)

Natürlich entsteht die Psyche und die psychischen Phänomene auf der Grundlage des Körperlichkeit – also auf der Grundlage der neuronalen Funktion der Nervenzellen. Die Psyche bzw. die psychischen Phänomene kann man jedoch nicht auf der Grundlage des Körperlichkeit – also nicht auf der Grundlage der neuronalen Funktion erkennen und diagnostisch bestimmen. Es gibt einen großen Unterschied zwischen einem psychischen Phänomen und einem körperlichen Phänomen das man objektiv gültig bestimmen kann bzw. zwischen dem Begriff einer Idee und einem Objekt, das als Faktum erkannt werden kann. Es gibt einen großen Unterschied zwischen einem mentalen Objekt und einem physischen Objekt. (vgl.  mit Kant Zitat 7)

Man kann Psychisches nicht auf der Ebene des Körperlichkeit erfassen – das heißt man kann aus der Körperlichkeit nicht die Psyche erkennen. Man kann höchstens im einen oder anderen Fall durch einen körperlichen Befund einen psychischen Befund  erklären und diesen damit besser verstehen- aber objektiv bestimmen kann man in dadurch nicht.

Die ganze Bemühung um die Objektivierung der psychischen Phänomene und der psychiatrischen Diagnosen ist also vergeblich – und es resultiert diese Bemühung aus dem Missverständnis der Erkenntnisbasis – sprich aus dem Missverstehen der psychiatrischen und psychologischen Ideen. (vgl. mit Kant Zitat 4) (Weiteres dazu auf Poster 6: Diagnosis in Psychiatry – the Role of Biological Markers – an investigation in the light of Immanuel Kant`s philosophy)

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Weiteres * über Konsequenzen für die Psychiatrie als Folge des falschen Verstehens der psychiatrischen Ideen bzw. der Basis des Wissens in der Psychiatrie in den Beiträgen des blog: Konsequenzen

und in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im April 2019 im Verlag tredition

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(letzte Änderung: 26.04.2020, abgelegt unter: Diagnostik, Konsequenzen, Psychiatrie, psychiatrische Wissenschaft, )

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