Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

klinische Erscheinung

Eine klinische Erscheinung ist eine Erscheinung wie sie in der Klinik von einem Arzt im Rahmen der klinischen Untersuchung (des Patienten) („am Bett„) beobachtet/festgestellt wird.

Anmerkung: der Begriff Klinik stammt aus dem Griechischen:

Klinik (von altgriechisch κλίνη klinē „Bett, Liege“)

Die klinische Erscheinung der Krankheit bzw. der gesundheitlichen Störung oder die der psychischen Störung zeigt sich nämlich durch das klinische Erscheinungsbild.

Allerdings kann sich die klinische Erscheinung auch auf einen Befund beziehen der nicht am Bett des Patienten erhoben wird, etwa auf das histopathologische Bild das der Pathologe/Histopathologe im Mikroskop auf dem histologischen/histopathologischen Schnitt (Schnittbild) des Präparats erkennt. Oder es erkennt ein Radiologe in Rahmen der bildgebenden Untersuchung eine klinisch relevante Erscheinung im Röntgenbild, etwa eine Verschattung (in) der Lunge etc. In diesem Sinn kann sich die klinische Erscheinung auf einen sonstigen Befund beziehen bzw. bezieht sie sich hier auf einen Zusatzbefund der neben dem klinischen Befund im Rahmen der klinisch körperlichen Untersuchung erhoben wird.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet muss man  unterscheiden, ob die klinische Erscheinung auf Fakten und damit auf eine faktische Einheit zurückgeführt werden kann, oder ob die klinische Erscheinung nur durch die systematische Einheit der Idee und daher nur durch den Begriff der Idee erkannt werden kann, falls der Sachverhalt durch das Schema der Idee aufgefasst werden kann bzw. dadurch aufgefasst wird (vgl. mit Kant Zitat 7).

Klinische Erscheinungen in der Heilkunde:

In der Medizin ist bei einer gesundheitlichen Störung oder bei einer Krankheit des Körpers das klinische Erscheinungsbild in der medizinischen Diagnostik das klinische Bild* das durch körperliche Befunde oder durch den körperlichen Symptomenkomplex entsteht und letztlich die medizinische Diagnose bestimmt.

Hingegen ist in der Psychiatrie die klinische Erscheinung das klinische Erscheinungsbild der psychischen Störung, wie es infolge der  psychopathologischen Phänomen bzw. wie es infolge des psychisches Symptomenkomplexes entsteht. Man kann auch sagen: in der Psychiatrie zeigt sich die krankheitswertige Störung der Psyche durch den psychischen Symptomenkomplex bzw. durch die einzelnen psychopathologischen Phänomene der psychischen Störung.

Dabei wird in der psychiatrischen Diagnostik  von der Fachperson – also vom Psychiater/Psychiaterin – durch den psychischen Befund – man kann auch sagen: durch den psychopathologischen Befund respektive durch den psychiatrischen Befund die klinische Erscheinung und damit das klinische Erscheinungsbild der psychischen Störung durch die psychiatrischen Diagnose erfasst.

Auch in der Psychosomatik, in der Alternativmedizin und Komplementärmedizin erfasst der Arzt die klinische Erscheinung der gesundheitlichen Störung durch das klinische Erscheinungsbild und bestimmt dadurch die jeweilige Diagnose.

Dabei hängt die Auffassung der klinischen Erscheinung vom fachlichen Wissen der Fachperson respektive von deren fachlicher Sichtweise ab. Dies ist insbesondere in der Psychiatrie (auch in der Psychologie und Psychotherapie) und auch in Teilbereichen der Medizin und ebenso in der Psychosomatik, Alternativmedizin und Komplementärmedizin von Belang, weil immer dort wo das Wissen in der Diagnostik* auf Konzepten – und damit auf Ideen – beruht, es von der jeweiligen Sichtweise abhängt, die auf den Sachverhalt projiziert wird.

Man kann auch sagen, dass hier das erlangte Wissen von den Ideen abhängt, die auf den Sachverhalt projiziert werden. Karl Jaspers hat dies realisiert, wenn er in seinem Buch „Allgemeine Psychopathologie“ (ab der 4. Auflage) sinngemäß schreibt, dass wir in der Psychiatrie die psychischen Sachverhalte durch die denkende Anschauung unter Führung von Ideen erkennen (vgl. mit Jaspers Zitat).

Und in gleicher Weise ist dies auch für die Psychologie, die Psychotherapie, die Psychosomatik und Teilbereiche der universitären Medizin und ebenso für die Alternativmedizin und Komplementärmedizin von Relevanz.

Man kann auch sagen, dass in diesen Bereichen der Heilkunde das Wissen auf Ideen bzw. auf Konzepten beruht, insofern diese auf den jeweiligen Sachverhalt angewandt/projiziert werden (Beispiel: so wird etwa die medizinische Diagnose Fibromyalgie oder die medizinische Diagnose vegetative Dystonie mit Hilfe eines Konzepts erkannt). Auch in der Histopathologie arbeitet man in der Diagnostik mit Konzepten, wenn man etwa davon ausgeht, dass es sich bei einem papillären Schilddrüsenkarzinom um eine grundsätzlich andere Entität handelt als dies bei einem follikulären Schilddrüsenkarzinom der Fall ist. Es wird hier nämlich die histopathologische Diagnose mithilfe eines diagnostischen Schemas erfasst bzw. wird die entsprechende medizinische Diagnose gestellt, falls die klinische Erscheinung in Form des typischen klinischen Erscheinungsbildes den diagnostischen Kriterien (hinreichend) genügt – oder man kann auch sagen: die histopathologischen Befunde dem Schema (der diagnostischen Idee) (vgl. mit Kant Zitat 7) (hinreichend) genügen.

Anmerkung: *

Die Subjektivität des Erkennens der klinischen Erscheinung und damit des  klinischen Bildes/histopathologischen Bild/Schnittbildes spielt auch in der Histopathologie/Zytopathologie eine Rolle, weil auch hier das diagnostische Wissen durch das (diagnostische) Schema der Idee erlangt wird (vgl. mit Kant Zitat 7). Weiteres dazu in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im Verlag tredition (April 2019)

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(letzte Änderung 04.09.2020, abgelegt unter: Begriff, Definition, Diagnostik, Medizin, Nervensystem, Neurologie, Phänomen, Psyche, Psychiatrie, Psychologie, Psychopathologie, Psychosomatik)

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