Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

technokratisches Denken

Das technokratische Denken ist ein Denken das die Technik und die technischen Vorgänge zum Vorbild hat um etwas zu beherrschen.

Man kann auch sagen: das technokratischen Denken ist ein Denken das den gegenständlichen Zusammenhang gemäß der Technik versteht und erklärt.

In der Heilkunde ist das technokratische Denken mit dem naturwissenschaftlichen Denken verwandt bzw. teils auch aus diesem hervorgegangen (vgl. mit Robert Jütte Zitat).

Dabei ist das technokartische Denken insbesondere mit dem mechanistischen Denken verwandt, weil die Technik weitgehend aus der Mechanik hervorgegangen ist.

In der Gegenwart ist das technokratische Denken in der Medizin und überhaupt im Alltag der westlichen und zunehmend auch in der östlichen Zivilisation stark verbreitet und es entstand dadurch ein Machbarkeitsglaube.

Diesem Ansatz gemäß wird der Mensch – vergleichbar mit einer technischen Apparatur – angesehen, bei der nach Belieben die Teile des „Apparats“ ausgewechselt und durch neue Teile ersetzt werden können und so entsteht damit verbunden der Glaube dass viele medizinische Probleme dadurch beherrscht werden können.

Auf diese Art und Weise werden Gelenke ersetzt und es werden Organe durch Organtransplantationen ersetzt, oder es werden Medikamente gegeben um damit etwas zu beherrschen. Dabei sei an dieser Stelle festgehalten, dass der Schreiber dieser Zeilen nicht grundsätzlich gegen derartige Unternehmungen eingestellt ist, sondern gegen die leichtfertige Vorgehensweise und die allzu schnelle Indikation – insbesondere bei heiklen Operationen – bis hin ins höchste Lebensalter.

Und etwas ironisch betrachtet wartet man nur noch darauf bis das Gehirn als Teil des zentralen Nervensystems verpflanzt und ersetzt wird – weil ja  – rein faktisch betrachtet auch das Gehirn ein anatomisch abgegrenztes Organ ist und damit auch dieses oberflächlich betrachtet ersetzbar und „verpflanzbar“ und damit transplantierbar erscheint.

Derartiges Denken ist die Folge von technokratischem bzw. mechanistischem Denken das etwa in der Medizin im Sinne der Schulmedizin, in der Psychiatrie und auch in der Psychologie grundsätzlich fehl am Platz ist.

Wenn man den Sachverhalt kritisch betrachtet, dann handelt es sich beim Menschen nur sehr beschränkt um etwas das mit einer technischen Apparatur verglichen werden kann, und es sind demgemäß die Ergebnisse, die mit dem Ersatz der Körperteile verbunden sind oftmals als sehr bescheiden oder als enttäuschend zu bezeichnen. Insbesondere dann, wenn die Indikation nur fraglich gegeben war. Es bedarf also der kritischen Unterscheidung, ob etwas machbar ist und in welchem Umfang es machbar ist und unternommen werden kann und soll. Es ist also im einzelnen Fall kritisch zu prüfen inwiefern der Mangel ersetzbar bzw. kompensierbar ist.

Das Prinzip Hoffnung und der unkritische Glaube an die Wissenschaft, also der heutzutage stark verbreitete Wissenschaftsglaube sorgt dafür, dass in der Medizin im Sinne der universitären Medizin die Entwicklung weiter in die technokratische Richtung geht und das Denken der Studenten und späteren Ärzte in der Lehre, Praxis und Wissenschaft dadurch massiv prägt ist. Es führt diese Sichtweise, die in verschiedenen Fällen nur fraglich als ärztliche Sichtweise im ursprünglich hypokratischen Sinne bezeichnet werden kann zu einem unkritischen Denken.

Es werden auf diesem Weg oftmals unkritisch Ziele avisiert und prognostiziert, die so tatsächlich nicht erreichbar sind.

Das unkritische technokratische Denken hat unter anderem zur Folge, dass die Menschen zum großen Teil sehr sorglos mit ihrer Gesundheit umgehen, eben weil man den „Schaden“ oder den „Defekt“ in Zukunft ja – auf Kosten der Allgemeinheit – also zum Nulltarif auf Kosten der allgemeinen Versicherung (Krankenversicherung) repariert bekommt und den „Schaden“ durch eine Operation beheben kann.

Es ist also erstaunlich welche Unvernunft – um nicht zu sagen welche Dummheit als Steigerung der Unvernunft – in der Gesellschaft und daher auch in der Medizin der Gegenwart vielfach angetroffen wird, und wie das unkritische Publikum bereitwillig  ist die Dinge an sich vornehmen zu lassen, insbesondere wenn die Kosten für die Unternehmungen von der Allgemeinheit oder den privaten Versicherungen getragen werden. Verstehbar führt dies volkswirtschaftlich gesehen an die Grenzen oder über die Grenzen der Finanzierbarkeit hinaus, insbesondere dann, wenn die betroffene Person aus polititischen Gründen nicht durch einen Selbstbehalt in Bezug auf die Kosten in die Entscheidung mit eingebunden wird.

Während also das gesamtheitliche, vernünftige Überlegen – im Sinne des guten alten Hausverstandes  – man kann auch sagen im Sinne des gesunden Menschenverstandes – angesichts des tatsächlichen und des propagierten Fortschritts der Wissenschaft – in den Hintergrund gerät, blüht das Prinzip Hoffnung und der blinde Glaube an den Fortschritt dank der technischen Entwicklung, die tatsächlich in vielen Bereichen große Fortschritte verzeichnet.

Weil aber der Mensch primär ein Naturwesen und in anderer Hinsicht ein fühlendes und geistiges Wesen und kein technisches Wesen ist, lohnt es sich über diese Dinge gründlich nachzudenken und soll man vor allem nachdenken über das woran am meisten gelegen (-> Gracián Zitat).

Mit anderen Worten: es ist problematisch wenn in der Medizin der Leitspruch primum non nocere durch den blinden Machbarkeitsglauben ersetzt wird, weil damit die Vernunft durch die Unvernunft ersetzt wird. Oder man kann auch sagen: weil damit der gute alte Hausverstand auf der Strecke bleibt.

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(letzte Änderung 17.11.2019, abgelegt unter: Definition, denken, Medizin, Philosophie, Psychiatrie, Definition, diverses, Philosophie, Wissenschaft)

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