Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Die Psychiatrie gründet sich auf die Phänomenologie

Die Psychiatrie gründet sich auf die Phänomenologie.

Wie man sich überzeugt entsteht das psychiatrische Wissen durch die psychischen Erscheinungen.

Man hat zwar seit langem versucht gewisse psychiatrische Diagnosen biologisch bzw. physisch begründet zu bestimmen, tatsächlich gründen sich jedoch sämtliche Diagnosen in der Psychiatrie auf psychische Phänomene bzw. auf psychopathologische Phänomene.

Daher ist die Diagnostik der psychischen Störungen phänomenologisch bzw. psychopathologisch begründet.

Es ist also nicht gelungen diagnostische Einheiten in der Psychiatrie biologisch bzw. physisch begründet zu bestimmen, sondern werden diese nach wie vor phänomenologisch bzw. psychopathologisch begründet erkannt und bilden daher die Phänomenologie bzw. die Psychopathologie die Basis der Psychiatrie als empirische Wissenschaft.*

Mit anderen Worten: eine psychiatrische Fachperson erkennt die klinische Erscheinung – man kann auch sagen das klinische Erscheinungsbild der psychischen Störung und damit die psychiatrische Diagnose durch den psychischen Befund bzw. durch den psychopathologischen Befund – unter Berücksichtigung des Verlaufs.

Man kann auch sagen: ein Psychiater/eine Psychiaterin erkennt die krankheitswertige Störung der Psyche durch das Vergleichen und Gewichten der fachlichen Ideen (Ponderieren der Ideen) bzw. in Bezug auf definierte Typen (Karl Jaspers) durch das Schema der Idee (vgl. mit Jaspers Zitat).

Es gilt also weiterhin was bereits Wilhelm Griesinger geschrieben hat, dass eine psychische Krankheit und somit eine psychische Störung auch derzeit nur auf der Grundlage der psychischen Anomalie diagnostisch erfasst werden kann (vgl. mit Griesinger Zitat) und nicht auf der Grundlage von anatomischen, histologischen, biologischen, genetischen, bildgebenden oder sonstigen physischen Befunden respektive nicht auf der Grundlage von biologischen Befunden.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet findet man den tiefer liegenden Grund warum man psychische Störungen nicht „physisch“, sondern nur „jenseits der physis„, also nur „meta-physisch“ erfassen kann, in der Tatsache begründet, dass man psychische Störungen nur auf der Grundlage der psychischen Phänomene diagnostisch erfassen kann. Man kann eine psychische Erscheinung nur auf der Ebene der Vorstellungen bzw. nur auf der „Ebene  der Ideen“ durch den Begriff der Idee und daher nur durch die systematische Einheit der Idee (Immanuel Kant – vgl. mit Kant Zitat 7) erkennen und in der Diagnostik bestimmen.

Tatsächlich kann man psychische Störungen nicht auf Grundlage von körperlichen/physischen Auffälligkeiten erkennen und bestimmen. Man kann nicht auf der Grundlage von körperlichen Auffälligkeiten wissen, ob und was für eine psychische Störung vorliegt. Man kann dies unter Umständen vermuten – aber wissen kann man  es nicht. Es ist zwar oftmals nahe liegend, dass eine körperliche Auffälligkeit – etwa eine im Computertomogramm (CCT) oder in der Magnetresonanztomographie (MRT) sichtbare Läsion im Inneren des Kopfes eine psychische Störung verursacht – tatsächlich wissen kann man dies jedoch nicht. Man kann nicht schon z.B. aus dem Bild bzw. aus dem bildgebenden Befund wie er zum Beispiel mit der Methode der Computertomographie (CCT) oder der Magnetresonanztomographie (MRT) oder der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) erhoben wird, erkennen, ob eine psychische Störung – und was für eine psychische Störung vorliegt.

Es gilt in gleicher Weise für die psychiatrischen Ideen was Immanuel Kant in Bezug auf die Psyche und die psychologische Ideen schon vor mehr als 200 Jahren geschrieben hat:

Die „Gesetze der körperlichen Erscheinungen, sind von ganz anderer Art als die Erklärungen dessen was bloß für den inneren Sinn gehöret; …“ (vgl. mit Kant Zitat 4)

Tatsächlich sind die objektiv bestimmbaren körperlichen Erscheinungen von ganz anderer Art als die nur subjektiv bestimmbaren psychischen Erscheinungen. Psychische Erscheinungen – sprich psychische Phänomene kann man nur phänomenologisch bzw. in der Psychiatrie nur psychopathologisch begründet – also nur auf der Grundlage der Unterschiede der krankheitswertigen psychischen Phänomene bzw. auf der Grundlage der Unterschiede der Ideen mit der philosophischen Methode der Dialektik erkennen, und diese daher nur subjektiv gültig bestimmen.

Hingegen kann man körperliche Erscheinungen vielfach auf der Grundlage von unterschiedlichen körperlichen Merkmalen bzw. auf der Grundlage von unterschiedlichen körperlichen Objekten also physisch bzw. biologisch erfassen, womit diese objektiv bestimmbar sind.

Betrachtet man ein nicht-objektivierbares Phänomen und einen körperlichen Gegenstand und vergleicht man die beiden Erkenntnisobjekte, so bemerkt man einen großen Unterschied. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Ein Phänomen ist etwas das im Bewusstsein einer Person durch den Begriff der Idee  als systematische Einheit der Idee erscheint (griechisch: phenomenon – das was erscheint, das Erscheinende) (vgl. mit Kant Zitat 7). Es handelt sich dabei also um ein Erkenntnisobjekt das uns nur auf der Ebene der Vorstellungen, also nur auf der Ebene der Ideen als Erkenntnisobjekt gegeben ist. Auf der Ebene der physischen Objekte gibt es kein korrespondierendes Objekt im Sinn einer korrespondierenden abgegrenzten physisch existenten Einheit die dieser Idee entspricht. (Weiteres dazu auf Poster 6: Diagnosis in Psychiatry – the Role of Biological Markers – an investigation in the light of Immanuel Kant`s philosophy)

Im Gegensatz dazu ist uns ein physisches Objekt, das heißt ein real existentes Erkenntnisobjekt als tatsächlich existentes Objekt zur Erkenntnis gegeben.

Ein Phänomen – und hier wiederum insbesondere ein psychisches Phänomen ist uns nur als mentales Erkenntnisobjekt – also nur als Gegenstand in der Idee zur Erkenntnis gegeben, wohingegen ein real existentes Objekt, ein körperliches Objekt oder das Zeichen eines körperlichen Objekts uns als wirklich existentes Erkenntnisobjekt, als Gegenstand schlechthin gegeben ist. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Im Unterschied der Erkenntnisobjekte findet man also den tiefer liegenden Grund warum man eine psychische Störung bzw. ein psychische Krankheit nicht „physisch“ bestimmen kann. In der Erkenntnisbasis findet man den Grund warum man psychische Störungen nur subjektiv gewiss und nicht objektiv gewiss erkennen und in der Diagnostik bestimmen kann. 

Man kann eine psychische Störung nur phänomenologisch begründet beschreiben und daher nur phänomenologisch begründet erfassen. Man kann eine solche gesundheitliche Störung nur auf Grundlage der psychischen Anomalie beschreiben und diagnostisch bestimmen, wie dies bereits Wilhelm Griesinger erkannt hat (vgl. mit Griesinger Zitat). 

Man kann eine psychische Störung nicht körperlich erfassen und körperlich diagnostisch allgemein gültig bestimmen. Daher kann man eine psychische Störung nicht objektivieren. Man kann nur manch eine psychische Störung körperlich begründet erklären – wenn man auffällige körperliche Befunde findet – aber diagnostisch objektiv bestimmen kann man sie dadurch nicht. Man kann im Zweifelsfall nicht auf der Grundlage von objektiven Befunden allgemein gültig entscheiden, ob eine psychische Störung vorliegt und was für eine psychische Störung vorliegt.

Es ist zwar so, dass psychische Störungen – so wie die psychische Normalfunktion – infolge der neuronalen Aktivität im Nervensystems entsteht – aber diagnostisch bestimmen kann man sie nur phänomenologisch bzw. nur psychopathologisch.

An dieser Tatsache wird sich vorhersehbar auch in Zukunft nichts ändern. Vorhersehbar werden auch in ferner Zukunft psychische Störungen auf der Grundlage von auffälligen psychischen Auffälligkeiten diagnostisch erfasst werden. Es wird auch in ferner Zukunft trotz der Forschungen in der Biologischen Psychiatrie und in den Systemischen Neurowissenschaften keine einzige psychische Störung jemals physisch diagnostisch bestimmt werden können – ganz einfach deswegen nicht, weil man ein psychisches Phänomen nicht physisch erfassen und auch nicht physisch diagnostisch bestimmen kann. Eben: weil „die Gesetze der körperlichen Erscheinungen von ganz anderer Art sind als das was bloß für den inneren Sinn gehöret.“ (vgl. mit Kant Zitat 4). Es ist also vergeblich sich zu bemühen die Psychiatrie biologisch zu begründen. Und es bemüht sich daher die Psychiatrie vergeblich ein kräftiger Zweig der medicinischen Wissenschaft zu werden bzw. zu sein – wie Emil Kraepelin geglaubt hat, dass dies zutreffend ist (vgl. mit Kraepelin Zitat 2 ). Die Psychiatrie kann keine Wissenschaft wie die Medizin sein, die in vielen Fällen nach den Methoden der Naturwissenschaft ihre diagnostischen Einheiten erkennt und bestimmt.

Karl Jaspers hat erkannt, dass die Ideen in der Psychiatrie Ideen im Sinne von Immanuel Kant sind. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Daher schreibt Jaspers, dass (in der Psychiatrie) „die Idee der Krankheitseinheit in irgendeinem einzelnen Fall sich niemals verwirklichen läßt.“ (vgl. mit Jaspers Zitat 6)

Tatsächlich kann man in der Psychiatrie eine psychische Störung nur in Bezug auf den (definierten) Typus – also nur in Bezug auf definiertes Ideal (vgl. mit Jaspers Zitat) –  und nicht auf der Grundlage von körperlichen Merkmalen diagnostisch bestimmen. Man kann eine psychische Störung nicht auf Grundlage der Zugehörigkeit zu einer Gattung bestimmen, wie dies bei einer objektivierbaren körperlichen Diagnose in der Medizin der Fall ist.

Daher ist „die Idee der Krankheitseinheit (in der Psychiatrie) keine erreichbare Aufgabe, aber der fruchtbarste Orientierungspunkt.” – wie dies Jaspers erkannt hat. (vgl. mit Jaspers Zitat 6)

Tatsächlich kann man in der Psychiatrie (Psychologie und Psychotherapie) in Bezug auf solche geistigen Orientierungspunkte subjektives Wissen und damit relatives Wissen bzw. beschränktes Wissen erlangen. Man kann also in der Psychiatrie kein absolutes, kein objektives Wissen erlangen – sondern nur Wissen in Bezug auf definierte Orientierungspunkte.

Tatsächlich erlangt man in der psychiatrischen Praxis und auch in der psychiatrischen Wissenschaft  nur mit Hilfe, der per Konvention definierten psychiatrischen Kategorien der angewandten psychiatrischen Klassifikation in diesem Sinn angenähertes Wissen.

Man erlangt – wie Jaspers dies formuliert hat – mit

Hilfe dieser methodischen Hilfsmittel ein angenähertes Wissen (vgl. mit Jaspers Zitat) – das Ganze als Idee kann ich nicht geradezu erkennen – dies ist und bleibt eine unerreichbare Aufgabe. (vgl. mit Jaspers Zitat 6)

In diesem Sinn sollte man in Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie und in den zugehörigen Wissenschaften sich dessen bewusst sein, dass man in diesen Erkenntisbereichen auf der Grundlage von Ideen in Bezug auf definierte Typen nur angenähertes Wissen erreichen kann.

Wenn man sich dieser Beschränktheit in der Psychiatrie bewusst ist, dann wird man sich bemühen die jeweils erlangte Idee richtig/angemessen zu verwenden. Dann wird man die psychologischen Ideen, die psychiatrischen Ideen und ebenso die psychotherapeutischen Ideen nur relativistisch verwenden (vgl. mit Kant Zitat 4). Dann wird die Verwendung dieser Ideen nur von Vorteil und damit nur von Nutzen sein, und wird man nicht in Widersprüche (Antinomien) geraten. (vgl. mit Jaspers Zitat, Kant Zitat 2, Kant Zitat 3, Kant Zitat 22 und Kant Zitat 10)*

Wenn man in der Psychiatrie in Zukunft die psychiatrischen Ideen generell in diesem Sinn relativistisch verwenden wird – wenn dies also in der psychiatrischen Lehre beachtet und berücksichtigt werden wird – wenn man also die Ideen in der Schwebe halten wird – wie dies Jaspers gefordert hat (vgl. mit Jaspers Zitat 2) – und wenn man in der psychiatrischen Wissenschaft nicht weiterhin bestrebt sein wird gewisse psychiatrische Diagnosen zu objektivieren oder deren Validität und Reliabilität durch biologische Befunde zu sichern – dann wird man sagen können, dass die Psychiatrie als Disziplin der Heilkunde eine im Sinn der Aufklärung aufgeklärte Wissenschaft sein sein wird – vorher wird man dies nicht mit gutem Grund sagen können.

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Weiteres* zur Grundlage des Wissens in der Psychiatrie und die daraus resultierenden Konsequenzen für die Praxis und Wissenschaft in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im April 2019 im Verlag tredition

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(letzte Änderung 11.11.2020, abgelegt unter: Diagnostik, Forensische Psychiatrie, Gutachten, Psychiatrie, psychiatrische Wissenschaft)

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