Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

bildgebende Einheit

Eine bildgebende Einheit ist in der Medizin eine Einheit, die sich optisch darstellen lässt.

Demgemäß ist eine bildgebende Einheit in der Medizin  ein charakteristisches Bild das optisch als typisches oder spezifisches Ganzes in der Bildgebung sichtbar ist.

Zum Beispiel wird in einem Röntgenbild eine umschriebene Einheit sichtbar, die als bildgebende Einheit bezeichnet werden kann. Oder in einem CCT-Bild (Computertomographischen Bild), oder in einem MRT-Bild (Bild wie es durch die Magnetresonanztomographie zur Darstellung kommt) wird eine bildgebende Einheit sichtbar. Auch in der funktionellen Bildgebung werden optische Darstellungen gewonnen, die als bildgebende Einheiten mehr oder weniger scharf abgegrenzt erscheinen. Es handelt sich dabei um das Abbild der Nervenzellfunktion, also um das Abbild der neuronalen Funktion oder man kann auch sagen um das Abbild der neuronalen Aktivität des Nervensystems inbesondere des zentralen Nervensystems.

Immer handelt es sich bei einer bildgebenden Einheit um ein optisch sichtbares Bild. Ein solches Bild entspricht einer physisch abgegrenzten Einheit. Man stellt sich also Arzt etwa vor, dass es sich hier tatsächlich um eine Einheit im Sinne einer faktischen Einheit handelt.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet wird eine bildgebende Einheit auf der Ebene der physischen Objekte bzw. auf der Ebene der physischen Funktion erfasst.

In einem Röntgenbild erfasst man z.B. eine knöcherne Fraktur, oder eine Raumforderung (zum Beispiel das Abbild eines Tumors) als physisches Objekt. Desgleichen erfasst man in einem CCT-Bild, oder in einem MRT-Bild ein physisches Objekt und findet sich in der bildgebenden Einheit das Abbild dieses Objekts.

In der funktionellen Bildgebung des Gehirns erfasst man die neuronale Funktion der Nervenzellen. Man gewinnt damit also ein Abbild, das aufzeigt in welchem Ausmaß die Nervenzellen in einem gewissen Bereich des Gehirns zu einer gewissen Zeit mehr oder weniger aktiv sind. Es handelt sich somit bei diesem Abbild um das Abbild einer physischen Funktion.

Relation der bildgendenden Einheit zum Befund

Bei einem Röntgenbefund steht der bildgebende Befund in einer direkten Relation zum Objekt. Man sieht etwa die Aufhellung einer Frakturlinie, oder den Schatten einer Raumforderung, und man kann damit den Schatten eines physischen Objekts erkennen. Analoges gilt auch für ein Bild, wie es durch eine Ultraschalluntersuchung durch das Echo der Schallwellen gewonnen wird.

Relation der bildgebenden Einheit bei der funktionellen Bildgebung mit dem Befund

A) Relation der bildgenden Einheit bei der funktionellen Bildgebung mit der neuronalen Funktion

Bei der Funktionellen Bildgebung, wie sie etwa mit der Methode der Funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT), oder der Positronen-Emissions-Tomographie (PET-Scan) gewonnen wird, gewinnt man ein funktionelles Bild, das nicht unbedingt mit einer anatomischen Einheit korreliert. Es kann sein, dass ein solches Abbild mit einem umschriebenen anatomischen Bezirk korreliert, es kann aber auch sein, dass eine solche Relation nicht besteht, weil das Bild der funktionellen Bildgebung Nervenzellen gemäß ihrer Aktivität abbildet, und dabei dieses Abbild mit den Grenzen einer anatomischen Einheit korrelieren kann, aber nicht unbedingt korrelieren muss. Man erkennt damit einen Unterschied im Vergleich zu einer Röntgenuntersuchung, oder einer CCT-Untersuchung. Analoges gilt auch für eine MRT- Untersuchung oder eine Ultraschall-Untersuchung.

B) Relation der bildgenden Einheit bei der funktionellen Bildgebung mit der psychischen Funktion bzw. dem psychischen Phänomen

Bezüglich der psychischen Funktion oder dem psychischen Phänomen und dem Abbild der neuronalen Funktion gibt es keine bestimmte und daher keine bestimmbare Relation zwischen den beiden Einheiten. Die bildgebende Einheit ist eine „physische Einheit“ das psychische Phänomen hingegen ist eine „psychische Einheit“; und es ist eine solche Einheit eine meta-physische Einheit, weil sie durch eine Idee (vgl. mit Kant Zitat 7) und zwar durch eine bloße Idee (vgl. mit Kant Zitat 4) bzw. durch den Begriff der Idee (vgl. mit Kant Zitat 7) respektive durch den Begriff der bloßen Idee erkannt wird.

Eine „physische Einheit“ wird auf der Ebene der physischen Objekte erfasst, im gegenständlichen Fall der funktionellen Bildgebung mit der Methode der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) wird die neuronale Funktion als „physisches Phänomen“ bzw. als „physische Einheit“ erfasst. Im Gegensatz dazu wird die psychische Einheit, also das „psychische Phänomen“ durch den Begriff der Idee erfasst. (vgl. mit Kant Zitat 7).

Oder man kann auch sagen: das „psychische Phänomen“ wird durch den Begriff der Idee erfasst, falls die Merkmale der Idee durch das Schema der Idee von der erkennenden Person aufgefasst werden (vgl. mit Kant Zitat 7). In diesem Fall erscheint der Begriff der Idee als systematische Einheit im Bewusstsein der erkennenden Person als Gegenstand in der Idee (vgl. mit Kant Zitat 7).

Es ist dieses Erkenntnisobjekt also ein mentales Erkenntnisobjekt das als Gegenstand in der Idee  im Bewusstsein dieser erkennenden Person erscheint (vgl. mit Kant Zitat 7). Wohingegen das „physische Phänomen“ einer jeden Person als Gegenstand schlechthin und somit als dasselbe Erkenntnisobjekt zur Erkenntnis gegeben ist (vgl. mit Kant Zitat 7).

Man erkennt damit, dass es sich im einen Fall um ein Erkenntnisobjekt handelt das uns als tatsächlich existentes Objekt auf der „Ebene der Objekte“ zur Erkenntnis gegeben ist, wohingegen im anderen Fall es sich um ein Erkenntnisobjekt handelt das uns nur als der Begriff der Idee auf der „Ebene der Ideen“ zur Erkenntnis gegeben ist (vgl. mit Kant Zitat 7). Es ist dies also eine ideologische Einheit bzw. eine meta-physische Einheit – man kann auch sagen eine mentale Einheit, die durch den Begriff der Idee erkannt wird. Wohingegen die Einheit auf der Ebene der Objekte eine faktische Einheit ist.

Man erkennt damit, dass es hier um die Relation von zwei grundsätzlich unterschiedlichen Einheiten bzw. Erkenntnisobjekten geht.

Es wird einerseits ein „physisches Erkenntnisobjekt“ – im gegenständlichen Fall in der Form einer „physischen Funktion“ erfasst, und auf der anderen Seite ein „psychisches Erkenntnisobjekt“, das in der Form des Begriffs der Idee als systematische Einheit im Bewusstsein der erkennenden Person erscheint (vgl. mit Kant Zitat 7) (griechisch: phenomenon – das was erscheint, das Erscheinende).

Diesen großen Unterschied in den Erkenntnisobjekten muss man berücksichtigen, wenn man durch „physische“ Befunde „psychische“ Befunde interpretiert bzw. erklärt. Weil es sich bei den beiden Erkenntnisobjekten um ganz unterschiedliche Erkenntnisobjekte handelt (vgl. mit Kant Zitat 7).

Immanuel Kant unterscheidet daher ein Erkenntnisobjekt das uns als Gegenstand schlechthin gegeben ist von einem Erkenntnisobjekt das uns nur als Gegenstand in der Idee zur Erkenntnis gegeben ist. Im einen Fall kann man das Erkenntnisobjekt auf der „Ebene der Objekte“ in der Regel objektiv  gültig und damit allgemein gültig bestimmen, im anderen Fall kann man es nur auf der „Ebene der Ideen“ und daher nur subjektiv gültig erkennen und bestimmen.

Daher schreibt Immanuel Kant dass die Gesetze körperlicher Erscheinungen von ganz von anderer Art sind als das was bloß für den inneren Sinn gehöret (vgl. mit Kant Zitat 4).

Man kann also auf der Grundlage des „physischen“ Befundes, wie er durch die funktionelle Bildgebung in der Psychiatrie gewonnen wird noch nicht wissen, um was für ein „psychisches“ Phänomen es sich handelt. Nur wenn man bereits phänomenologisch den psychischen Befund erhoben hat, und dann eine Untersuchung mit der funktionellen Bildgebung durchführt, so kann man den psychischen Befund durch das Abbild der neuronalen Funktion, also durch den Befund der funktionellen Bildgebung  erklären und auf dieser Grundlage interpretieren. Allein aus dem Abbild der neuronalen Funktion, ohne den psychischen bzw. psychopathologischen Befund zu kennen, könnte man zu diesem Abbild nichts Sinnvolles sagen. Man sieht tatsächlich nur ein farbiges Abbild bzw. eine Abfolge von farbigen Bildern, die in einander übergehen, so wie farbige Bilder auf einem PC-Bildschirmschoner ineinander übergehen, ohne dass man eigentlich weiß was diese Abbilder bedeuten. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Im Gegensatz zur Relation des Bildes, wie es in der Röntgenuntersuchung in der Medizin – und auch durch die CCT-, MRT-, Ultraschall – Untersuchung gewonnen wird, findet man also bei der funktionellen Bildgebung, dass hierbei ganz unterschiedliche Erkenntnisobjekte in eine Relation zu einander gebracht werden. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet findet man also einen großen Unterschied in den Erkentnnisobjekten und es hat bereits Immanuel Kant aufgezeigt, dass die einen Erkenntnisobjekte von ganz anderer Art sind als die anderen (vgl. mit Kant Zitat 4).

Tatsächlich kann man demgemäß das eine nicht auf der Grundlage des anderen erkennen, und wissen was es bedeutet, weil die

Gesetze körperlicher Erscheinungen“ von „ganz anderer Art sind„, als das „was bloß für den inneren Sinn gehöret„; … (vgl. mit Kant Zitat 4).

Man kann zwar sagen, dass das psychische Phänomen als Ergebnis der neuronalen Funktion in der Psyche entsteht, man kennt jedoch nicht den individuellen mentalen Prozess auf dessen Grundlage das psychische Phänomen im Individuum entsteht, daher kann man nicht wissen was die neuronale Funktion bedeutet. Es gibt also die Relation der neuronalen Funktion mit dem psychischen Phänomen, aber die Relation der beiden zueinander kennt man nicht. Daher kann man keine gesetzmäßge Beziehung zwischen dem körperlichen Vorgang und den psychischen Erscheinungsformen finden, wie dies Emil Kraepelin bei gewisssen psychischen Krankheiten erwartet hat (vgl. mit Kraepelin Zitat 8).

Es kann also im einzelnen Fall sein, dass ein neuronales Abbild eine gewisse Bedeutung hat, die man schon in einem anderen Fall festgestellt hat. Es kann aber sein, dass in einem anderen Fall ein gewisses psychisches Phänomen mit einem devianten, oder einem anderen, nur ähnlichen Abbild korreliert. Im einzelnen Fall kann man also nicht wissen, wie es um die Korrelation steht. Daher kann man nicht schon aus dem Abbild der neuronalen Funktion wissen um was für ein psychisches Phänomen es sich handelt. Dies bedeutet: man kann durch das Abbild bzw. durch den bildgebenden Befund, wie er in der Funktionellen Bildgebung gewonnen wird das psychische Phänomen – und damit auch die psychische Störung und somit die psychiatrische Diagnose nicht objektivieren, sondern man kann durch das Abbild bzw. den bildgebenden Befund das psychische Phänomen nur erklären bzw. erläutern und in Bezug auf die zugrunde liegende bzw. die zugrunde liegend vermutete Ursache besser interpretieren – aber objektiv gültig bestimmen kann man es dadurch nicht. Man erkennt damit, dass es durch die biologischen wissenschaftlichen Forschungen in der Biologischen Psychiatrie nicht möglich ist – und zukünftig auch grundsätzlich nicht möglich ist – psychiatrische Einheiten und somit psychiatrische Diagnosen  durch die Funktionelle Bildgebung zu objektivieren.

Der tiefer liegende Grund warum die objektiv gültige Bestimmung eines psychischen Phänomens durch die Funktionelle Bildgebung nicht möglich ist, findet sich also im großen Unterschied der Erkenntnisobjekte (vgl. mit Kant Zitat 7) (Weiteres dazu auf Poster 6: Diagnosis in Psychiatry – the Role of Biological Markers – an investigation in the light of Immanuel Kant`s philosophy)

Diesen grundsätzlichen Unterschied hat der Psychiater und Philosoph Karl Jasper auf der Grundlage der Philosophie von Immanuel Kant erkannt.

Und schreibt daher Karl Jaspers treffend:

3. Die Idee der Krankheitseinheit läßt sich in irgendeinem einzelnen Fall niemals verwirklichen. Denn die Kenntnis des regelmäßigen Zusammentreffens gleicher Ursachen mit gleichen Erscheinungen, Verlauf, Ausgang und Hirnbefund setzt eine vollendete Kenntnis aller einzelnen Zusammenhänge voraus, eine Kenntnis, die in der unendlichen Zukunft liegt. Die Idee der Krankheitseinheit ist in Wahrheit eine Idee im Kantischen Sinne. …. Die Idee der Krankheitseinheit ist keine erreichbare Aufgabe, aber der fruchtbarste Orientierungspunkt.” (vgl. mit Jaspers Zitat 6)

Im Gegensatz zu Karl Jaspers hat offenbar Emil Kraepelin den Unterschied zwischen den Erkenntnisobjekten nicht richtig erkannt. Emil Kraepelin hat nämlich geglaubt, dass man bei gewissen psychischen Störungen gesetzmäßige Relationen zwischen den unterschiedlichen Erkenntnisobjekten finden kann. Emil Kraepelin hat geglaubt, dass man gesetzmäßige Beziehungen zwischen den körperlichen Vorgängen und den psychischen Erscheinungsformen bei gewissen psychischen Störungen finden kann (vgl. mit Kraepelin Zitat 8) und dass man gewisse Einheiten, insbesondere die Einheit Dementia praecox – aus der alsbald die Einheit Schizophrenie hervorgegangen ist – auf dieser Grundlage wird allgemein gültig bestimmen können (vgl. mit Kraepelin Zitat 1).

Dies ist jedoch nicht möglich, wie dies zuvor am Beispiel der Funktionellen Bildgebung aufgezeigt werden konnte. Man kann keine „gesetzmäßigen Beziehungen“ zwischen den „körperlichen Vorgängen“ und den „psychischen Erscheinungsformen“ finden – und es bemüht sich daher die psychiatrische Wissenschaft in dieser Hinsicht in der psychiatrischen Diagnostik seit langem vergeblich. (Weiteres dazu auf Poster 6: Diagnosis in Psychiatry – the Role of Biological Markers – an investigation in the light of Immanuel Kant`s philosophy)

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Hinweis:

Weiteres zur Thematik bildgebende Einheit in meinem Buch mit dem Titel:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im Verlag tredition (April 2019).

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(letzte Änderung 21.10.2019, abgelegt unter: Befund, Diagnostik, Einheit, Heilkunde, Medizin, Psyche, Psychiatrie, psychische Störung)

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