Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

subjektives Wissen

Subjektives Wissen ist Wissen das ein Subjekt erlangt.

Weil das subjektive Wissen von einer Person erlangt wird ist es primär für diese Person bzw. für dieses Subjekt (vgl. mit Kant Zitat 9) gültig und daher subjektiv gütig.

So ist etwa die Meinung einer Person oder der persönliche Glaube subjektives Wissen.

Subjektives Wissen hängt immer vom erkennenden Subjekt ab, insofern es auf einem Wahrnehmungsurteil beruht, wohingegen objektives Wissen auf einem Erfahrungsurteil beruht (vgl. mit Kant Zitat 6).

Subjektives Wissen entsteht nämlich auf der Grundlage von (persönlichen) Vorstellungen bzw. Ideen und es hängt dieses Wissen demgemäß in der Regel von der subjektiven Norm bzw. dem subjektiv gültigen geistigen Maßstab ab.

Im Gegensatz dazu ist objektives Wissen, Wissen das für jedes Subjekt gültig und daher allgemein gültig ist und es wird solches Wissen auf der Grundlage einer objektiven Norm erlangt.

Sehr vieles von dem was wir wissen ist subjektives Wissen. Nur relativ wenig von dem was wir wissen ist objektives Wissen.

Subjektives Wissen wird also von einer Person bzw. von einem Individuum erlangt.

Subjektives Wissen ist für ein Subjekt mehr oder weniger gültig. Das heißt solches Wissen ist subjektiv mehr oder weniger gewiss.

Im Gegensatz dazu ist objektives Wissen für jedes Subjekt gewiss und damit allgemein gültig.

Subjektives Wissen ist also primär nur für das Subjekt bzw. für die Person gültig, die es erlangt.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet gründet sich subjektives Wissen auf Vorstellungen, also auf Ideen, die im Bewusstsein der Person erscheinen. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Solches Wissen kann objektiv gültig sein, es muss aber nicht objektiv gültig sein.

Nur wenn das Wissen der Person sich auf ein real existentes, ein vorzeigbares Objekt gründet, nur dann ist es nicht nur für das Subjekt, als nicht nur subjektiv gewiss, sondern objektiv gewiss. In einem solchen Fall kann erwartet werden, dass auch alle anderen Personen zum selben Ergebnis, sprich zum selben Wissen gelangen. Nur in diesem Fall handelt es sich beim vorerst subjektiv gültigen Wissen auch um objektiv gültiges Wissen (vgl. mit Kant Zitat 9).  Zum Beispiel wenn man in der Medizin auf der Grundlage des klinischen Erscheinungsbildes vorerst glaubt, dass es sich um einen Herzinfarkt handelt und es sich im Rahmen der weiteren Abklärung herausstellt, dass die betroffene Person tatsächlich einen Herzinfarkt erlitten hat, dann handelt es sich um objektiv gültiges Wissen.

In den anderen Fällen, in denen das subjektive Wissen nur auf der Ebene der Vorstellungen gültig ist, und es sich nicht auf ein real existentes, ein demonstrierbares Objekt gründet bzw. nicht auf ein solche Objekt zurückgeführt werden kann, handelt es sich um nur subjektiv gültiges Wissen, also um ein Wissen, das nur für die Person, die es erlangt hat mehr oder weniger gültig ist. (vgl. mit Kant Zitat 9)

Es kann allerdings sein, dass auch andere Personen in Bezug auf einen Sachverhalt zur selben Sichtweise, sprich zur selben (subjektiven) Erkenntnis gelangen. Trotzdem handelt es sich in einem solchen Fall jedoch nur um subjektives Wissen und nicht um objektives Wissen – auch wenn die anderen Personen auf der Ebene ihrer Vorstellungen zum selben Ergebnis gelangen.

In der Praxis werden in der Regel verschiedene Personen in Bezug auf einen Sachverhalt auf der Ebene ihrer Vorstellungen zum selben (subjektiven) Wissen gelangen, sprich zum selben Ergebnis gelangen, wenn der Sachverhalt typisch ist, weil in einem solchen Fall die Personen auf der Grundlage von ähnlichen Voraussetzungen zu ähnlichen Vorstellungen und damit zu ähnlichen Ideen gelangen. Es handelt sich in einem solchen Fall jedoch beim erlangten Wissen nur um subjektives Wissen und nicht um objektives Wissen auch wenn die verschiedenen Personen zum selben Ergebnis gelangen. Dies ist zum Beispiel in der Medizin der Fall wenn verschiedene Ärzte bei einem typischen klinischen Bild alle die Diagnose Migräne feststellen, oder wenn in der Psychiatrie alle Psychiater die Diagnose Schizophrenie feststellen, weil das klinische Erscheinungsbild typisch ist.

Man kann auch sagen, es handelt sich in einem solchen Fall um subjektive Evidenz und nicht um objektive Evidenz.

Immanuel Kant hat aufgezeigt, dass nur in Bezug auf ein (äußeres) bzw. ein real existentes Objekt allgemein gültiges Wissen erlangt werden kann, weil nur in Bezug auf ein solches Objekt alle Urteile miteinander übereinstimmen. (vgl. mit Kant Zitat 9)

In Bezug auf ein Objekt, das uns nur auf der Ebene der Vorstellungen als Erkenntnisobjekt gegeben ist, das uns also nur als Gegenstand in der Idee gegeben ist, der als mentales Erkenntnisobjekt in der Form des Begriffs einer Idee in unserem Bewusstsein erscheint, können wir kein allgemein gültiges bzw. kein objektives Wissen erlangen, weil ein solches Erkenntnisobjekt in Abhängigkeit von subjektiven Voraussetzungen erkannt wird. (vgl. mit Kant Zitat 9)

Dies ist der Grund warum nur ein Teil der medizinischen Diagnosen objektiv erkannt werden kann, und die anderen medizinischen Diagnosen sowie sämtliche psychiatrische Diagnosen nicht objektiv gewiss erkannt werden können.

In der Medizin können wir nur in dem Teilbereich objektives bzw. allgemein gültiges Wissen erlangen, wo sich das Wissen auf real existente Objekte gründet bzw. wo auf der Grundlage von solchen Objekten objektive Befunde erhoben werden können. In der Regel sind dies in der Medizin körperliche Objekte bzw. die Zeichen von körperlichen Objekten, die wir objektiv gültig bestimmen können – die Zeichen von solchen körperlichen Objekten werden im Englischen in der Medizin medical signs genannt.

Im Bereich der Medizin, wo sich das diagnostische Wissen auf Symptome und auf nicht-objektivierbare körperliche Phänomene (griechisch: phenomenon – das was erscheint, das Erscheinende) gründet, kann kein allgemein gültiges Wissen erlangt werden. Daher kann man z.B. die Diagnosen: Migräne, Spannungskopfschmerz, Fibromyalgie, Somatoforme Schmerzstörung u.a. nicht allgemein gültig bzw. nicht objektiv bestimmen.

In gleicher Weise kann man in der Psychiatrie (Psychologie und Psychotherapie) kein allgemein gültiges Wissen erlangen, sondern nur subjektiv gültiges Wissen, weil sich auch in diesen Erkenntnisbereichen das Wissen auf Symptome und nicht-objektivierbare Phänomene gründet.

Subjektives Wissen ist nur relativ gültiges Wissen also relatives Wissen. Subjektives Wissen bezieht sich auf eine Idee, auf ein mentales Erkenntnisobjekt das nicht objektivierbar ist. Der konkrete Fall entspricht daher dieser Idee bzw. diesem Ideal mehr oder weniger und es ist daher dieses Wissen nur relativ gültig. Daher handelt es sich um relatives Wissen und nicht um absolutes Wissen.

Daher hat Karl Jaspers richtig erkannt, dass man psychiatrische Ideen nur in Bezug auf einen Typus und nicht in Bezug auf eine Gattung bestimmen kann. (vgl. mit dem Jaspers Zitat)

Man kann in der Psychiatrie – wie dies Karl Jaspers aufgezeigt hat – sich dem Ganzen der Idee durch das Schema der Idee nur nähern, das Ganze als Idee kann ich nicht geradezu erkennen. (vgl. mit dem Jaspers Zitat)

Man kann also in vielen Erkenntnisbereichen kein absolutes Wissen sondern nur subjektives Wissen erlangen das relatives Wissen ist, weil das Wissen nur auf der Ebene der Vorstellungen überprüft werden kann (vgl.mit Kant Zitat 7) und nicht empirisch am Probierstein der Erfahrung geprüft werden kann. (vgl. mit Kant Zitat 10)

Es ist daher subjektives Wissen immer beschränktes Wissen.

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(letzte Änderung 22.11.2017, abgelegt unter: Subjektivität, Wissen, subjektives Wissen)

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