Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

psychiatrisches Wissen

Psychiatrisches Wissen ist Wissen  das in der Psychiatrie auf Grundlage der psychopathologischen Phänomene von einem Psychiater/Psychiaterin erkannt und in der psychiatrischen Diagnostik in Bezug auf eine psychische Störung bestimmt wird.

Damit wird deutlich, dass psychiatrisches Wissen auf der Grundlage von Ideen unter Führung von Ideen durch die Schemata der Ideen in Bezug auf (definierte) Typen erlangt wird – wie dies der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers – auf Basis der Philosophie von Immanuel Kant realisiert – und in seinem Buch „Allgemeine Psychopathologie“ ab der 4. Auflage aufgezeigt hat (vgl. mit Jaspers Zitat).

Allerdings kann ich als Fachperson dabei das Ganze als Idee nicht geradezu erkennen sondern ich kann mich diesem Ganzen (als Idee) durch das Schema der Idee nur nähern (vgl. mit Jaspers Zitat).

Ich kann auch sagen: ich kann als Fachperson die psychischen Erscheinungen durch den Begriff der Idee vermittelt durch das Schema der Idee geistig auffassen, insofern der  fachliche Sachverhalt infolge des mentalen Prozesses als systematisch Einheit (der Idee) in meinem Bewusstsein erscheint (vgl. mit Kant Zitat 7).

Dabei ist psychiatrisches Wissen empirisches Wissen, wie es in der psychiatrischen Praxis und der psychiatrischen Wissenschaft durch das systematische Studium der psychischen Störungen entstanden ist und zur Entwicklung der psychiatrischen Ideen und der psychopathologischen Begriffe geführt hat.

Es ist das psychiatrische Wissen also das Wissen, wie es im Umgang mit psychisch Kranken in der psychiatrischen Klinik entstanden ist (vgl. mit Pinel Zitat 1, Griesinger Zitat, Kahlbaum Zitat 2 usf.)

Dabei war Philippe Pinel der erste Arzt der begonnen hatte den Wahnsinn systematisch der Grundlage der psychischen Erscheinungen und auf Basis der klinischen Erfahrung – somit empirisch begründet – auf Grundlage der Phänomenologie bzw. auf Grundlage der Psychopathologie – nach einem System geordnet – somit systematisch – zu diagnostizieren (vgl. mit Pinel Zitat 2) und es entstand auf diesem Weg die psychiatrische Wissenschaft als empirische Wissenschaft bzw. als Teil und Disziplin der Heilkunde der mit den krankheitswertigen Störungen der Psyche und somit auch mit denjenigen des Geistes befasst ist.

Dabei ist psychiatrisches Wissen empirisches Wissen das durch rational begründete Ideen entstanden ist, die ausgehend von den psychischen Auffälligkeiten, wie sie im Alltag und in der Klinik zu beobachten waren durch vernünftig begründete Ideen erfasst wurden. Es entstand in diesem Sinn die Psychiatrie als empirisch begründete Wissenschaft, wie es der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers formuliert hat: durch die denkende Anschauung unter Führung von Ideen (vgl. mit Jaspers Zitat). Oder man kann auf der Grundlage der klinischen Erfahrung in Verbindung mit der vernünftigen Überlegung – auch sagen, dass das Wissen in der Psychiatrie auf der Grundlage der Klinik (der klinischen Anschauung), dem Verstand und der (reinen) Vernunft (vgl. mit Kant Zitat 10) der Fachleute entstanden ist.

Wie man sich überzeugt nimmt das psychiatrische Wissen seinen Ausgang von psychischen Symptomen und krankheitswertigen psychischen Phänomenen.

Weil psychische Symptome und psychische Phänomene (griechisch: phenomenon – das was erscheint, das Erscheinende) grundsätzlich nur subjektiv gültig erkannt werden können, handelt es sich dabei um subjektives Wissen das gleichzeitig auch beschränktes Wissen ist, weil subjektive Voraussetzungen in das Wissen der Fachperson  im Sinne des Subjekts mit einfließen (vgl. mit Kant Zitat 9).

Dies hat zur Folge, dass auch das Wissen, das in der psychiatrischen Wissenschaft gewonnen wird auf der Grundlage von subjektivem Wissen entsteht. Und es hat dies zur Folge, dass auch das Wissen, wie es zum Beispiel in Bezug auf die einzelnen psychopathologischen Phänomene im AMDP-System entsteht von subjektiven Voraussetzungen abhängig ist.

Im Gegensatz dazu gründet sich in einem Teilbereich der Medizin das Wissen auf Fakten und es ist daher solches Wissen objektives Wissen.

Es gibt also unter dem medizinischen Wissen zum Teil objektives Wissen und zum anderen Teil subjektives Wissen. Das heißt ein Teil des Wissens das in der medizinischen Wissenschaft gewonnen wird, nimmt seinen Ausgang von objektiven Wissen und anderes Wissen das in der medizinischen Wissenschaft gewonnen wird nimmt seinen Ausgang von subjektiven Wissen.

Dies hat zur Folge, dass manch ein Wissen, das die medizinische Wissenschaft hervorbringt Wissen von höherem Erkenntniswert bzw. Wissen vom Grad der Gewissheit ist. Dies ist in der Psychiatrie grundsätzlich nicht der Fall, sondern es handelt sich hier immer um Wissen vom Grad der fachlichen Meinung bzw. um Wissen vom Grad des fachlichen Glaubens, weil psychiatrisches Wissen aus psychischen Phänomenen entsteht bzw. abgeleitet wird und daher phänomenologisch begründetes Wissen ist – man kann auch sagen, weil es psychopathologisch begründetes Wissen ist. Schließlich kann man auch sagen, dass das Wissen in der Psychiatrie durch die denkende Anschauung der Fachperson entsteht, insofern diese die klinischen Erscheinung der psychischen Störung – vermittelt durch das Schema der Idee – oder man kann auch sagen: in Bezug auf den passenden Typus – angemessen (psychopathologisch begründet) auffasst (vgl. mit Jaspers Zitat).

Medizinhistorisch betrachtet entstand das psychiatrische Wissen im Sinne der psychiatrischen Wissenschaft als der Arzt Philippe Pinel begonnen hatte den Wahnsinn empirisch systematisch zu studieren (vgl. mit Pinel Zitat 2). Damit nahm die „Psych-iaterie“ – ihren Anfang – wie diese empirische Wissenschaft später vom Stadtphysikus John Christian Reil benannt wurde und es ging bald daraus der Begriff „Psychiatrie“ hervor.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet ist psychiatrisches Wissen Wissen das auf Ideen und zwar auf bloßen Ideen im Sinne von Immanuel Kant beruht. Man kann also sagen, dass psychiatrisches Wissen auf psychiatrischen Ideen beruht. Daher kann man auch sagen: psychiatrisches Wissen wird durch regulative Begriffe erlangt bzw. erkannt durch die psychische und psychopathologische Phänomene geistig von der Fachperson erfasst werden. Oder man kann auch sagen: durch das psychiatrische Denken werden die systematischen Einheiten (der Ideen) erkannt, die im Bewusstsein der erkennenden Fachperson – also im Bewusstsein eines Psychiaters in Form der Begriffe der Ideen erscheinen, falls diese die Merkmale der jeweiligen Idee vermittelt durch das Schema der Idee geistig aufgefasst (vgl. mit Kant Zitat 7). Daher entsteht das psychiatrische Wissen also auf der Grundlage von Ideen durch die denkende Anschauung unter der Führung von Ideen (vgl. mit Jaspers Zitat).

In diesem Sinn erkennt man in der Psychiatrie – so wie in der Psychologie – durch die Schemata der Ideen die psychischen Erscheinungen, wie dies der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers auf der Grundlage der Philosophie von Immanuel Kant realisiert hat (vgl. mit Jaspers Zitat).

Wie man sich überzeugt werden somit in der Psychiatrie die einzelnen Merkmale der psychischen Störungen und auch die ganzen psychischen Symptomenkomplexe der unterschiedlichen psychischen Störungen durch psychiatrische Konzepte erkannt.

Man täuscht sich in der Psychiatrie wenn man glaubt, dass man die psychischen Erscheinungen biologisch bzw. physiologisch begründet erkennen kann. In dieser Hinsicht hat sich der Psychiater Emil Kraepelin getäuscht, der geglaubt hat, dass die Psychiatrie dabei ist eine Wissenschaft werden bzw. zu sein, die auf der Grundlage des naturwissenschaftlichen Verständnisses sich zu einem kräftigen Zweig der medicinischen Wissenschaft fortentwickelt (vgl. mit Kraepelin Zitat 2).

Dies ist wegen des großen Unterschieds der Erkenntnisobjekte grundsätzlich nicht möglich (vgl. mit Kant Zitat 7).

Vielmehr handelt es sich in der Psychiatrie und somit beim psychiatrischen Wissen – so wie in der Psychologie – um ein Wissen das nur jenseits der physis bzw. nur jenseits der Biologie und somit jenseits der körperlichen bzw. biologischen Fakten auf der Grundlage von bloßen Ideen erkannt wird (vgl. mit Kant Zitat 4), die in der Form der Begriffe der Ideen im Bewusstsein der erkennenden Fachperson erscheinen (vgl. mit Kant Zitat 7).

Es handelt sich dabei also um ein Wissen das nicht auf der „Ebene der Objekte“ geprüft und validiert werden kann. Man kann also psychiatrisches Wissen nicht physisch (physiologisch, biologisch, bildgebend, biochemisch, chemisch oder mit einer sonstigen physischen Methode) überprüfen; in den Worten von Immanuel Kant es gibt keinen Probierstein der Erfahrung (vgl. mit Kant Zitat 10) für psychiatrisches Wissen.

Daher sollte man in der psychiatrischen Praxis, in der psychiatrischen Wissenschaft und in der psychiatrischen Ausbildung respektive Lehre beachten, dass dieses Wissen nicht biologisch bzw. nicht physiologisch, etwa durch die Methode der Funktionellen Bildgebung (fMRT) oder durch sonst eine physische Methode überprüft werden kann. Man kann also in der Psychiatrie nicht objektive Evidenz erlangen, wie dies in der Medizin in vielen Fällen möglich ist, sondern man erkennt die psychischen Sachverhalte nur auf der Grundlage von subjektiver Evidenz.

Daher handelt es sich beim psychiatrischen Wissen bezüglich der krankheitswertigen Erscheinungen der Psyche immer um beschränktes Wissen, das man auf der Grundlage von Ideen erlangt (vgl. mit Kant Zitat 3a). Man kann auch sagen: es handelt sich dabei immer um subjektives Wissen das relatives Wissen ist und das auch beschränktes Wissen ist.

Daher sollte man in der Psychiatrie die Beschränktheit des psychiatrischen Wissens und die daraus resultieren Konsequenzen beachten, damit man nicht in ewige Widersprüche und in Streitigkeiten gerät (vgl. mit Kant Zitat 2a). Oder wie es Karl Jaspers formuliert hat: man soll solches Wissen in Schwebe halten (vgl. mit Jaspers Zitat 2) und angemessen verwenden damit man nicht in Antinomien gerät (vgl. mit Jaspers Zitat).

Weiteres, insbesondere zu den Konsequenzen im blog: Konsequenzen.

und

in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im April 2019 im Verlag tredition

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(letzte Änderung 16.11.2020, abgelegt unter: Definition, Psychiatrie, Wissen, psychiatrische Wissenschaft)

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