Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

psychiatrische Theorie

Eine psychiatrische Theorie ist eine Theorie die das Auftreten von psychopathologischen Phänomenen oder des ganzen psychischen Symptomenkomplexes im Rahmen einer psychischen Störung als Folge einer Ursache erklärt.

Dabei kann die psychiatrische Theorie diesen Zusammenhang biologisch begründet erklären – in diesem Fall handelt es sich um eine biologische Theorie durch die man das Auftreten des klinischen Erscheinungsbildes biologisch begründet verstehen kann. Derartige Theorien sind etwa der Biologischen Psychiatrie entwickelt worden (Transmitter-Mangeltheorie bei depressiven Störungen, oder Rezeptor-Theorie bei Schizophrenie die eine Störung an gewissen Rezeptoren von Nervenzellen erklärt).

Oder es handelt sich um eine psychologische Theorie bzw. um eine psychotherapeutische Theorie die den Zusammenhang psychologisch bzw. psychotherapeutisch erklärt.

Man macht in der Psychiatrie die Erfahrung, dass man gewisse psychische Erscheinungen nur körperlich begründet erklären kann, andere jedoch psychologisch.

Dabei lehrt die Erfahrung lehrt, dass man in der psychiatrischen Praxis und auch in der psychiatrischen Wissenschaft das Zutreffen einer psychiatrischen Theorie nicht allgemein gültig beweisen kann. Es kann die psychiatrische Wissenschaft also keinen physischen bzw. keinen allgemein gültigen biologischen Beweis liefern, dass etwa eine gewisse biologische Theorie die einzig richtige Erklärung ist. Vielmehr gibt es dafür nur mehr oder weniger deutliche Hinweise dass diese Theorie einen wesentlichen Aspekt bzw. einen wesentlich Faktor der komplexen Ursache aufzeigt. Dazu kann man sagen dass die Ursache des Auftretens einer psychischen Störung in aller Regel eine komplexe Ursache ist und man daher nicht verlässlich sagen kann welcher Faktor für was genau kausal ist.*

Man kann in der psychiatrischen Praxis und in der psychiatrischen Wissenschaft also nicht hergehen und am konkreten Fall eine Theorie „physisch“ überprüfen und „physisch“ beweisen, dass sie die einzig richtige ist und daher nur sie zutreffend ist.

Man kann z.B. nicht am konkreten Fall beweisen, dass ein bestimmtes psychisches Phänomen bzw. ein bestimmtes psychopathologisches Phänomen die Folge einer eindeutigen Ätiologie bzw. einer eindeutigen Kausalität ist. Allerdings gibt es biologische Befunde wie sie etwa mit Methoden der Systemischen Neurowissenschaften gewonnen werden (bildgebende Befunde durch bildgebende Methoden gewonnen – etwa mit der Funktionellen Magnetresonanztomographie oder mit dem PET Scan) durch die man Sachverhalte biologisch begründet erklären und verstehen kann.

Man kann also eine biologische Theorie in der Psychiatrie nicht „physisch“ am konkreten Fall überprüfen bzw. man kann nicht allgemein gültig beweisen, dass sie zutreffend ist.*

Der tiefer liegende Grund, warum ein solcher Beweis nicht möglich ist, liegt darin, dass eine psychiatrische Theorie sich auf psychische Merkmale nämlich auf psychische Symptome und auf krankheitswertige psychische Phänomene gründet, die auch als psychopathologische Phänomene bezeichnet werden. Solche Krankheitsmerkmale können nicht „physisch“ verifiziert und „physisch“ validiert werden, sondern es können solche Merkmale nur psychisch bzw. nur psychologisch also nur auf der mentalen Ebene – somit nur auf der Ebene der Ideen – erkannt und hier nur subjektiv gültig „überprüft“ werden. Hingegen ist eine physische und damit eine objektive Überprüfung also eine Überprüfung auf der Ebene der demonstrierbaren Objekte in diesem Fall nicht möglich.

Es handelt sich dabei also um Erkenntnisobjekte, die uns nur als „Gegenstand in der Idee“ gegeben sind. Mit anderen Worten gesagt: es handelt sich bei derartigen Erkenntnisobjekten um mentale Erkenntnisobjekte nicht um physische Erkenntnisobjekte bzw. um physische Objekte, die wir „physisch“ bestimmen können.

An der Erkenntnisbasis findet sich also der tiefer liegende Grund warum man ein psychisches Phänomen und damit eine psychische Störung nicht objektivieren kann.

Immanuel Kant hat aufgezeigt, dass zwischen einem Erkenntnisobjekt, das uns als „Gegenstand schlechthin“ zur Erkenntnis gegeben ist und einem Erkenntnisobjekt, das uns nur als „Gegenstand in der Idee“ zur Erkenntnis gegeben ist ein großer Unterschied besteht (vgl. Kant Zitat 7).

Dies ist der Grund warum man psychiatrische Theorien nicht beweisen kann, was bei einem Teil der medizinischen Theorien möglich ist.

Schlussbemerkung: da für das Auftreten der psychischen Störung oftmals biologische Faktoren, psychische Faktoren, soziologische Faktoren und sonstige Faktoren eine Rolle spielen wird man in den meisten Fällen sagen können dass die eigentliche Ursache eine komplexe Ursache bzw. eine multifaktorielle Ursache ist – wenngleich im konkreten Fall etwa biologischen Faktoren am wesentlichsten sind – oder in einem anderen Fall psychische Faktoren oder sonstige. Demgemäß kann man auch sagen, dass die psychiatrische Theorie die das Auftreten der konkreten psychischen Störung erklärt in der Regel eine komplexe Theorie ist.

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Weiteres* zu dieser Thematik auf Grundlage der Philosophie von Immanuel Kant in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im April 2019 im Verlag tredition

 

(letzte Änderung 27.11.2020, abgelegt unter: Psychiatrie, Theorie, Definition)

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