Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Urteilskraft

Die Urteilskraft ist die Kraft ein bestmögliches Urteil zu bilden.

Es ist die Urteilskraft also das  Vermögen entweder ein richtiges oder ein den Umständen entsprechend angemessenes, bestmögliches Urteil kraft der Unterscheidung und Überlegung zu bilden um zur besten Lösung zu gelangen.

Dabei muss man unterscheiden ob sich das Urteil auf eine faktische Einheit oder eine systematische Einheit bezieht (vgl. mit Kant Zitat 7).

Im zuerst genannten Fall kann ich ein eindeutig richtiges oder falsches Urteil bilden.

In Bezug auf ein Urteil das sich auf eine systematische Einheit bezieht schreibt Immanuel Kant im Hinblick auf den Einsatz der menschlichen Vernunft in der Kritik der reinen Vernunft:

Wenn der Verstand überhaupt als das Vermögen der Regeln erklärt wird, so ist die Urteilskraft das Vermögen unter Regeln zu subsumieren, d. i. zu unterscheiden ob etwas unter einer Regel gegeben (casus datae legis) stehe, oder nicht (vgl. mit Kant Zitat 12).

Immanuel Kant zeigt in weiterer Folge auf, dass die Urteilskraft ein besonderes Talent ist, insofern es die Person befähigt durch ihren Verstand und ihre Vernunft – man kann auch sagen: durch ihre vernünftige Überlegung zu unterscheiden, ob etwas einer Regel zu subsumieren ist, wobei dieses Vermögen und damit diese Fähigkeit nicht belehrt, sondern durch die Praxis nur geübt und dadurch die Urteilskraft geschärft werden kann (vgl. mit Kant Zitat 12).

Man erkennt damit, inwiefern das kritische, freie und unabhängige Denken bzw. das anlagebedingt gegebene unbeeinflusste Urteilsvermögen durch die Praxis und damit durch die Übung zwar geschärft, die natürliche Urteilskraft als solche aber nicht belehrt und gelernt werden kann (vgl. mit Kant Zitat 12).

Aus der Sicht der Biologie betrachtet wird damit deutlich, inwiefern für die Urteilskraft die anlagebedingt gegebenen Analysatoren des Gehirns im Sinne des russischen Physiologen Iwan Pertrowitsch Pawlow (vgl. mit Pawlow Zitat) für das Urteilsvermögen entscheidend sind, insofern diese in der Praxis zwar geübt und damit in ihrer Funktion und Nützlichkeit als Funktionseinheiten befördert und geschärft werden können, ihre Anlage als solche aber nicht geschaffen oder durch Bemühung grundsätzlich geändert werden kann.

Ferner wird durch dieses Konzept von Iwan Petrowitsch Pawlow deutlich, wie die nicht angemessene Verwendung des Verstandes und der Vernunft respektive die nicht angemessene Verwendung des Denkvermögens sich nachteilig auswirkt.

Als Folge des unzweckmäßigen Gebrauchs des Denkvermögens bzw. des Urteilsvermögens wird die jeweilige Person ins Hintertreffen geraten, eben, weil sie ihre Möglichkeiten im vernünftigen Überlegen und damit im vernünftigen Denken und in weiterer Folge im angemessenen Handeln nicht richtig nützt.

So wird eine solche Person zum Beispiel zur falschen Einschätzung des Sachverhalts gelangen, wenn sie zum Beispiel glaubt alles Wesentliche schon erkannt zu haben, falls sie etwa eine Vorstellung und damit eine Idee über einen Sachverhalt entwickelt hat, und dabei nicht beachtet, dass dieses ihr Wissen unter Umständen beschränktes Wissen bzw. nur relatives Wissen und im gegebenen Fall nicht das bestmögliche Wissen ist.

Eine solche Person wird zu Recht als unkritisch bzw. als nicht im Sinne der Aufklärung aufgeklärt bezeichnet, wenn sie ihren Verstand und ihre Vernunft nicht richtig einsetzt und nützt.

Falls also eine Person ihre Erkenntnis und damit, das von ihr erlangte Wissen überschätzt, obwohl es z. B. auf einem Glauben oder einen Meinung beruht – also nicht auf Tatsachen bzw. nicht auf Fakten – wenn sie also ihr subjektives Wissen wie objektives Wissen ansieht, dann wird sie in Probleme und in Schwierigkeiten geraten.

Wer hingegen nach der besten Lösung strebt und unter Einsatz der Klugheit und Intelligenz – also intelligentvernünftig und damit klug entscheidet, der wird die bestmögliche Lösung finden.

Betrachtung der Urteilskraft und des Urteilsvermögens unter verschiedenen Gesichtspunkten:

Natürliche Einflüsse:

Das Urteilsvermögen und damit auch die Urteilskraft ist einer jeden Person anlagebedingt in gewisser Hinsicht natürlich gegeben. Andererseits kann dieses Vermögen der Person durch verschiedenen Einflüsse gefördert und andererseits auch beeinträchtigt werden.

Es kann die Urteilskraft und damit das Urteilsvermögen durch die Emotion nachteilig beeinflusst werden. Man kennt den Sachverhalt, wo man selbst oder auch eine andere Person durch die Emotion bzw. durch das Gemüt in der Beurteilung eines Sachverhalts nachteilig beeinflusst ist, und daher die Sache nicht richtig einschätzt.

Es kann das Urteilsvermögen und damit Urteilskraft und ebenso die Kritikfähigkeit durch Gefühle und teils auch durch Empfindungen nachteilig beeinflusst und beeinträchtigt sein (Beispiele dazu: Rosa-rote Brille bei Verliebtheit, nachteilige Auswirkung von Vorurteilen bei der Einschätzung eines Sachverhalts, Naheverhältnis und daraus resultierende Befangenheit eines Richters in einem Gerichtsverfahren, oder Befangenheit und Voreingenommenheit eines Sachverständigen bei der Erstattung eines Gutachtens usf.).

Auch Neid, Selbstüberschätzung, Einbildung, unangebrachter Stolz und Arroganz können sich nachteilig auf die Urteilskraft auswirken. Ebenso Wut, Trotz, Angst, Unsicherheit, Mangel an Selbstbewusstsein, fehlende Selbstsicherheit. Überhaupt können nachteilige Auswirkungen wie sie durch die Gefühlssphäre entstehen das Urteilsvermögen und in diesem Zusammenhang die Urteilskraft nachteilig beeinflussen.

Auch negative Einflüsse bezüglich der Kognition wirken nachteilig aus bzw. korreliert dies mit einer Einschränkung der Urteilskraft.

Übermüdung, Faulheit (Denkfaulheit), Bequemlichkeit, falls nicht alle Entscheidungsgrundlagen respektive Kriterien beachtet und berücksichtigt werden, also Nachlässigkeit, fehlendes Engagement, Mangel an Identifikation mit der Aufgabe oder der Sache befördern die nachteiligen Auswirkungen auf die Beurteilung des Sachverhalts und spielt hier die mangelhaft eingesetzte Urteilskraft eine Rolle.

Man erkennt damit, dass die Urteilskraft und damit das Denkvermögen einer Person von der Situation und diversen Umständen abhängig ist, und die Urteilskraft somit eine dynamische Größe ist bzw. die Urteilskraft einer Dynamik und situativen Veränderung unterliegt.

Auch das Alter, der Stand der persönlichen, individuellen Entwicklung, die Reife usf. spielen als Faktoren im Sinn einer komplexen Ursache beim Denkvermögen und beim Urteilsvermögen eine Rolle. Ebenso natürlich in positiver Hinsicht die Gesundheit bzw. in negativer Hinsicht die Krankheit / gesundheitliche Störung.

Dies ist insbesondere von Relevanz, wenn es sich um ein ausgeprägte psychische Störung handelt, die unter Umständen das Ausmaß einer Psychose erlangt (ausgeprägte Gemütsstörung: Depression (depressive Störung) von mittlerem bis schwerem Grad, Manie, oder eine psychische Störung aus dem Formenkreis der Schizophrenie, Paranoia, Wahn, oder eine primär organisch bedingte Störung des Gehirns und damit einhergehend auch eine Störung der geistigen Funktion bzw. der psychischen Funktion: Organisches Psychosyndroms (OPS) bis hin zur Demenz, Rausch, Delir usf.

Schließlich ist die Urteilskraft auch bei der anlagebedingten geistigen Behinderung bzw. bei der mentalen Retardierung eingeschränkt. Wie die Erfahrungen in der Pädagogik und Sonderpädagogik lehren, kann jedoch hier das Urteilsvermögen und somit die Urteilskraft durch die Förderung bis zu einem gewissen Grad günstig beeinflusst werden.

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(letzte Änderung 02.08.2019, abgelegt unter: Begriff, Definition, denken, Erkennen, Erkenntnis, Forensik, Forensische Psychiatrie, Geist, Gutachten, Kognition, Krankheit / gesundheitliche Störung, Neurologie, Philosophie, Psyche, Psychiatrie, Psychologie, Rechtsprechung, Urteil,Wissenschaft)

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