Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

medizinische Idee

Eine medizinische Idee ist eine Idee die sich auf einen medizinischen Sachverhalt bezieht.

Es gibt in der Medizin die unterschiedliche medizinischen Ideen.

Betrachtet man sämtliche medizinischen Ideen, so findet man solche, die man physisch überprüfen kann, und andererseits solche, die man nicht physisch überprüfen kann. Zum Beispiel ist ein medizinisches Konzept in der Regel eine medizinische Idee, die man nicht physisch überprüfen kann. So kann man z.B. das Konzept Migräne nicht physisch überprüfen. Man kann nicht physisch (physikalisch, chemisch, biochemisch, bildgebend oder mit sonst einer physischen Methode) überprüfen ob die vaskuläre Theorie, die neurogene Entzündungstheorie, die Hirnstammtheorie oder sonst eine Theorie im Hinblick auf die Ursache dieses Kopfschmerzes zutreffend ist. Auch die Einheit vegetative Dystonie, die ebenfalls auf einer medizinische Idee beruht, kann nicht physisch überprüft werden und dies gilt auch für viele andere medizinische Ideen.

Andererseits kann man viele andere medizinische Verdachtsdiagnosen physisch überprüfen und damit die Kausalität der gesundheitlichen Störung objektiv gültig beweisen. Das heißt, wenn man die Verdachtsdiagnose – die primär nur eine Idee (vgl. mit Kant Zitat 7) ist – auf der Ebene der Objekte physisch überprüfen und damit das Zutreffen der  Diagnose (z.B. die Diagnose Herzinfarkt) allgemein gültig beweisen kann – dann ist die Vorstellung keine bloße Idee – im Sinne von Immanuel Kant – mehr, sondern eine tatsächlich existente Einheit, also eine Einheit für deren Existenz es auf der Ebene der physischen Objekte einen allgemein gültigen Beweis gibt. In einem solchen Fall ist in der Medizin also die Objektivierung möglich. Im Gegensatz dazu ist die Einheit eines medizinischen Konzepts nur eine (bloße) Idee, also etwas was nur auf der Ebene der Vorstellungen als Einheit existiert und daher nur durch die systematische Einheit der Idee bzw. nur durch den Begriff der Idee erkannt werden kann, falls die erkennende Person die Merkmale der Idee durch das Schema der Idee auffasst (vgl. mit Kant Zitat 7). Das heißt die Beschwerden sind zwar vorhanden und werden von der betroffenen Person subjektiv real erlebt, aber die diagnostische Einheit als solche kann nicht objektiv gültig und damit allgemein gültig bestimmt werden – eben weil dies eine bloße Idee (vgl. mit Kant Zitat 8) ist die nur durch ein physisch nicht überprüfbares Konzept erfasst werden kann.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet ist eine medizinische Idee primär eine Idee um gewisse Merkmale durch den Bezug auf diese Idee vermittelt durch das Schema der Idee aufzufassen (vgl. mit Kant Zitat 7). Es wird eine solche Idee also durch die systematische Einheit der Idee erkannt (vgl. mit Kant Zitat 7). Sekundär kann das Zutreffen der Idee in gewissen Fällen durch objektive Befunde allerdings allgemein gültig bewiesen werden (Beispiel: Verdacht auf Herzinfarkt – Nachweis der spezifischen Enzyme/Enzymanstieg etc.).

Hingegen kann bezüglich einer syndromalen Diagnose kein solcher Beweis vorgeführt werden, weil diese medizinische Diagnose eine phänomenologische Diagnose ist. In diesem Fall wird nämlich die Diagnose durch den Symptomenkomplex  erfasst ohne dass das Zutreffen der Idee allgemein gültig bewiesen werden kann. Es werden also durch eine solche Idee die charakteristischen Merkmale durch den Bezug auf diese diagnostische Einheit aufgefasst (vlg. mit Kant Zitat 7). So werden z.B. die charakteristischen Symptome und die charakteristischen Phänomene der gesundheitlichen Störung, die man als Migräne bezeichnet, durch den Bezug auf diese Entität aufgefasst. Da eine solche Einheit nur auf der Ebene der Vorstellungen definiert und bestimmt werden kann, handelt es sich bei einer solchen Einheit um die systematische Einheit der bloßen Idee (vgl. mit Kant Zitat 8) bzw. beim Begriff um einen regulativen Begriff.

Man findet also in der Praxis und in der medizinischen Wissenschaft und Forschung medizinische Ideen, die man letztlich auf der Ebene der physischen Objekte, also auf der Ebene der physischen Tatsachen als Einheiten nachweisen kann. Das heißt man kann eine korrespondierende Einheit – die man als Gattung bezeichnet – einer solchen Idee zuordnen, wohingegen man andere diagnostische Einheiten nur in Bezug auf einen definierten Typus bestimmen kann. Dies trifft etwa auf einen Tinnitus, Schwäche, Schwindel usf. zu. Solche Merkmale bzw. solche Einheiten kann man nur subjektiv gültig bestimmen, da sie nur auf der Ebene der Vorstellungen/Wahrnehmungen/Empfindungen von einem Subjekt bestimmt werden können.

Viele funktionelle Diagnosen in der Medizin basieren also auf nicht-objektivierbaren medizinischen Ideen. Solche Ideen sind sehr nützlich, allerdings sollte man nicht außer Acht lassen, dass es sich bei diesen Erkenntnissen, die man auf der Grundlage von bloßen Ideen gewinnt, um nur relativ gültige Erkenntnisse, und nicht um absolut gültig Erkenntnisse handelt. Man kann nämlich im Zweifelsfall nicht allgemein gültig feststellen, ob eine solche Idee zutrifft. Auch in dem Fall, wenn eine solche medizinische Idee zutrifft, dann trifft sie im einen Fall relativ gut zu, und im anderen nur relativ schlecht. Dies ist der Fall wenn das klinische Erscheinungsbild nur wenig typisch ist. Nur falls das klinische Erscheinungsbild typisch ist, nur dann kann man berechtigt sagen, dass der entsprechende Begriff bzw. die entsprechende Einheit relativ gut zutrifft. Man kann also mit solchen Ideen nur relatives Wissen und kein absolutes Wissen erlangen – dessen sollte man sich bewusst sein. So kann man z.B. im Zweifelsfall nicht allgemein gültig entscheiden, ob etwa die Diagnose Migräne, oder die Diagnose Spannungskopfschmerz zutrifft, oder ob die Diagnose Fibromyalgie zutreffend ist. Die Erkenntnis von solchen Diagnosen kann man nur auf der Ebene der Vorstellungen mit Hilfe dieser Konzepte – die sämtliche bloße Ideen sind – erlangt und überprüft werden. Hier handelt es sich beim Arzt oder Gutachter/Sachverständigen um ein diagnostisches Urteil im Sinne eines Wahrnehmungsurteil von Immanuel Kant und nicht um ein Erfahrungsurteil.

Es gibt also in der medizinischen Praxis und auch in der medizinischen Wissenschaft Ideen die zu allgemein gültigen Erkenntnissen führen, und andererseits medizinische Ideen, die nur zu subjektiv gültigen Erkenntnissen bzw. zu nur subjektiv Wissen führen. Diese Unterschiede im Wissen sollte man in der Praxis und in der Wissenschaft beachten, weil man ansonsten in die verschiedensten Schwierigkeiten und Widersprüche gerät.

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Das oben ausgeführte trifft im Übrigen in der Heilkunde auch auf das Wissen in der Alternativmedizin, Komplementärmedizin und Psychosomatik zu.

Weiteres über medizinische Ideen in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im April 2019 im Verlag tredition

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(letzte Änderung 03.09.2019, abgelegt unter Heilkunde, Gutachten, Idee, Medizin, Diagnostik, Rechtsprechung, Wissenschaft)

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