Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

phänomenologische Diagnose

Eine phänomenologische Diagnose ist eine Diagnose die das klinische Erscheinungsbild erfasst.

Demgemäß wird die phänomenologische Diagnose durch die klinische Erscheinung  bestimmt, die die Facherperson im Rahmen der Untersuchung durch das klinische Erscheinungsbild erkennt.

Man kann auch sagen: eine phänomenologische Diagnose ist eine Diagnose, die auf Grund der klinischen Erscheinung gestellt wird.

So wird etwa in der Histopathologie die histopathologische Diagnose im konkreten Fall aufgrund des histopathologischen Bildes gestellt das der Histopathologe bei Betrachtung des mikroskopischen Bildes/Schnittbildes infolge der mikroskopisch sichtbaren Zellen und sonstigen Strukturen erkennt (Beispiel: papilläres Schilddrüsenkarzinom oder follikuläres Schilddrüsenkarzinom).

Oder es wird in der Neurologie etwa eine neurologische Diagnose, die in vielen Fällen eine phänomenologische Diagnose ist, durch den neurologischen Symptomenkomplex erkannt und in der Diagnostik bestimmt (Beispiel: Migräne oder Spannungskopfschmerz).

Man kann auch sagen: eine phänomenologische Diagnose gründet sich auf den phänomenologischen Befund.

Entweder auf die sinnlich wahrnehmbaren Merkmale die insgesamt sich als Bild darstellen. Oder etwa in Bezug auf eine gesundheitliche Störung die durch ein geistiges Bild erfasst wird etwa auf ein einzelnes Phänomen oder ein einzelnes Symptom oder auf den ganzen Symptomenkomplex.

(altgriechisch  φαινόμενον fainómenon – ”ein Erscheinendes, ein sich Zeigendes”)

Es ist eine phänomenologische Diagnose in der Heilkunde also eine Diagnose, die auf Grund der klinischen Erscheinung gestellt wird.

Dabei werden gewisse gesundheitliche Störungen (Krankheiten) primär durch eine phänomenologische Diagnose erkannt, können sekundär jedoch auf eine faktische Diagnose zurückgeführt werden (Beispiel aus der Neurologie: die neurologische Störung: Hemiparese wird primär durch den neurologischen Symptomenkomplex erfasst, kann sekundär aber zum Beispiel auf einen Infarkt der Arteria cerebri media zurückgeführt werden).

Eine phänomenologische Diagnose die nicht auf eine faktische Diagnose zurückgeführt werden kann, kann eine syndromale Diagnose oder man kann auch sagen eine funktionelle Diagnose sein.

Während bei einer ätiologischen Diagnose die Ursache und damit die Kausalität klar ist, weil der Grund der gesundheitlichen Störung auf der Grundlage von objektiver Evidenz bzw. augenscheinlich evident und daher objektiv gültig und damit allgemein gültig bestimmt werden kann, ist dies bei einer phänomenologischen Diagnose nicht der Fall, weil diese nur auf der Grundlage von subjektiver Evidenz und daher nur subjektiv gültig erkannt und bestimmt werden kann.

Man kann daher bei einer phänomenologischen Diagnosen die Ursache der gesundheitlichen Störung primär nur durch den Begriff der Idee erkennen, der als systematische Einheit im Bewusstsein der erkennenden Person als Gegenstand in der Idee erscheint (vgl. mit Kant Zitat 7), falls die erkennende Person die Merkmale der Idee durch das Schema der Idee (vgl. mit Kant Zitat 7) geistig auffassen kann.

Es handelt sich daher bei einer phänomenologischen Diagnose um eine subjektiv gültige Erkenntnis und es wird daher eine phänomenologische Diagnose durch eine Wahrnehmungsurteil erkannt.

Daher kann man die Ursache der gesundheitlichen Störung, die durch eine phänomenologische Diagnose erkannt wird nicht als conditio sine qua non erkennen – sondern nur als komplexe Ursache, ausgenommen der Fall, in dem die gesundheitliche Störung sekundär auf eine faktische Ursache zurückgeführt werden kann.

In der Medizin gibt es viele phänomenologische Diagnosen, die auf diese Art und Weise bestimmt werden. So ist z.B. die neurologische Diagnose Migräne oder die neurologische Diagnose Spannungskopfschmerz.

In der Inneren Medizin sind die Diagnosen: Fibromyalgie, Somatoforme Schmerzstörung, Fatigue Syndrom, Vegetative Dystonie usf. phänomenologische Diagnosen.

Eine solche medizinische Diagnose wird auf der Grundlage des körperlichen Symptomenkomplexes erkannt und bestimmt, ohne dass die Ursache der gesundheitlichen Störung näher bekannt und näher bestimmbar ist, weil es sich hierbei um eine komplexe Ursache handelt. Daher kann man eine phänomenologische Diagnose nicht auf der Grundlage der Ursache bestimmen – sondern, eben nur auf der Grundlage der klinischen Erscheinungen.

In diesem Sinn sind viele medizinische Diagnosen in der Heilkunde primär phänomenologische Diagnosen und es können gewisse davon, nachdem im Rahmen der Abklärung körperliche Befunde gefunden werden, diese auf eine faktische Diagnose zurückgeführt werden (Beispiel: Diagnose: unklare Brustschmerzen (= phänomenologische Diagnose) kann in die faktische Diagnose Herzinfarkt überführt bzw. zurückgeführt werden, nach dem die entsprechenden körperlichen Befunde (physische Befunde) EKG (Elektrokardiogramm), spezifische Enzymbefunde, Ultraschallbefunde etc.) nachgewiesen worden sind.

In der Psychiatrie sind alle psychiatrischen Diagnosen phänomenologische Diagnosen, weil eine psychische Störung grundsätzlich nur auf der Grundlage der psychopathologischen Phänomene bzw. nur auf der Grundlage des psychischen Symptomenkomplexes mit der Hilfe eines psychiatrischen Konzeptes erkannt und diagnostisch bestimmt wird und eine solche diagnostische Einheit nicht auf einen körperlichen Befund zurückgeführt und auf dieser Grundlage allgemein gültig bestimmt werden kann.

Im Gegensatz dazu gibt es in der Medizin viele medizinische Diagnosen, die auf der Grundlage von objektiven Befunden diagnostisch allgemein gültig bestimmt werden können, was in der Psychiatrie grundsätzlich bei den psychiatrischen Diagnosen nicht möglich ist.

Ferner erkennt man, dass auch die Diagnosen in der Alternativmedizin also die alternativmedizinischen Diagnosen und auch die Diagnosen in der Psychosomatik also die psychosomatischen Diagnosen phänomenologische Diagnosen sind, weil auch in diesen Bereichen der Heilkunde die gesundheitlichen Störungen infolge der klinischen Erscheinungsbilder in der Diagnostik erfasst und beschrieben werden.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet erkennt man, dass eine phänomenologische Diagnose mit der Hilfe einer projektierten Einheit erkannt wird (vgl. mit Kant Zitat 8). Man geht also davon aus, dass es eine solche zu Grunde liegende Einheit gibt, falls man in der Praxis den Sachverhalt bzw. das klinische Erscheinungsbild unter dem Begriff dieser Idee auffassen kann. dann kann diese diagnostische Einheit subjektiv gültig unter diesem Begriff bestimmt werden. In diesem Fall kann ich also den Symptomenkomplex durch diese phänomenologische Diagnose bzw. durch den Begriff der Idee subjektiv gültig erkennen und bestimmen (vgl. mit Kant Zitat 7). Es handelt sich bei einer solchen diagnostischen Einheit also um eine systematische Einheit im Sinn von Immanuel Kant (vgl. mit Kant Zitat 7). Man erkennt damit, dass es sich bei einer phänomenologischen Diagnose in der Heilkunde um eine nützliche Einheit und damit um eine zweckmäßige Einheit handelt, weil auf dieser Grundlage der Sachverhalt systematisch – nämlich nach einem definierten System geordnet – in der Diagnostik erfasst und in der Wissenschaft systematisch studiert werden kann, wenn gleich die eigentliche Ursache dieser Form einer gesundheitlichen Störung nicht näher bekannt ist und auch nicht näher bestimmt werden kann. Man kann somit auch sagen, dass es sich bei einer solchen diagnostischen Einheit um ein nützliches Konzept handelt.

Eine solche, durch den Begriff der Idee definierte Einheit, hat in der Heilkunde eine praktisch tätige Fachperson auf der Grundlage  klinischen Erfahrung und vernünftiger Überlegung erkannt und in Bezug auf ihre Grenzen auf der Ebene ihrer Vorstellungen definiert. So hat zum Beispiel der Psychiater Eugen Bleuler ausgehend vom Begriff der Dementia praecox die phänomenologische Diagnose Schizophrenie bzw. die Gruppe der Schizophrenien beschrieben und damit eine neue Krankheitseinheit in der Psychiatrie definiert hat (vgl. mit Bleuler Zitat).

Man erkennt damit, dass es sich bei einer phänomenologischen Einheit und damit bei einer phänomenologischen Diagnose um eine ganz andere Einheit handelt, als dies bei einer objektiv bestimmbaren Einheit der Fall ist, die auf der Grundlage von körperlichen Befunden auf der Ebene der Objekte bzw. auf der Ebene der „Natur“ (der natürlichen Erscheinungen) entdeckt worden ist. (vgl. mit Kant Zitat 22)

Damit wird deutlich, dass es sich beim Wissen um eine phänomenologische Diagnose um beschränktes Wissen handelt das man auf der Grundlage einer nicht-objektivierbaren Idee bzw. auf der Grundlage eines Konzepts erkannt hat und dass in der Praxis die phänomenologische Diagnose erkannt wird, wenn die phänomenologische Einheit auf den Sachverhalt projiziert wird (vgl. mit Kant Zitat 8) und dieser unter dem Begriff der Idee aufgefasst werden kann, weil die Merkmale der Idee dem Schema der Idee hinreichend genügen (vgl. mit Kant Zitat 7).

Nachfolgend werden weitere phänomenologische Diagnosen exemplarisch aufgelistet die durch den Symptomenkomplex erkannt werden:

Schwindel

Schwäche

Kraftlosigkeit

Tinnitus

Bulimie

funktionelle Herzbeschwerden, die nicht auf eine körperliche Ursachezurückgeführt werden können.

Phänomenologische Diagnosen aus der Psychiatrie:

Depression (depressive Störung)

Schizophrenie

Organisches Psychosyndrom (OPS)

Demenz

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung)

Oligophrenie

geistige Behinderung

Autismus bzw. Autismus Spektrums-Störung

mit den Unterformen frühkindlicher Autismus, Asperger Syndrom, atypischer Autismus, nicht näher bezeichnete tiefgreifende Entwicklungsstörung, wie sie in der Kinder-Jugendpsychiatrie beschrieben und näher definiert worden sind.

weitere phänomenologische Diagnosen:

Anorexie

funktionelle Magen-Darmstörungen

usf.

Grundsätzlich sind alle syndromalen Diagnosen im engeren Sinn phänomenologische Diagnosen.

Man erkennt, dass auch alle funktionellen Diagnosen phänomenologische Diagnosen sind.

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(letzte Änderung 15.11.2019, abgelegt unter; Alternativmedizin, Definition, Diagnose, funktionelle Diagnose, medizinische Diagnose, psychiatrische Diagnose, syndromale Diagnose, Medizin, Psychiatrie, Psychosomatik)

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