Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

psychische Störung – körperliche Störung

Wenn man sich die Frage stellt: Was ist der Unterschied zwischen einer psychischen Störung und einer körperlichen Störung, so kann man folgendes sagen:

Nicht jede, aber manch eine körperliche Störung kann man auf der Grundlage von körperlichen (physischen) Parametern objektiv gültig bestimmen. Man kann nämlich viele körperliche Parameter physisch begründet allgemein gültig messen (z.B. Blutdruck, Blutzucker und sonstige Laborwerte, Hirnströme, Herzströme usf.). Daher kann man viele Diagnosen in der Medizin, die sich auf physische Parameter und damit auf faktische Befunde und somit auf faktische Einheiten gründen objektiv und damit allgemein gültig bestimmen. Es gibt hier also einen allgemein gültigen Beweis der auf der Demonstration beruht.

Man kann also auf dieser Basis gewisse auf Fakten und damit auf Objekte gegründete Diagnosen und ebenso Diagnosen die sich auf allgemein gültig feststellbare Funktionsstörungen gründen in der Medizin allgemein gültig bestimmen, wenn gewisse Parameter objektiv bestimmbar sind.

Hingegen kann man in der Psychiatrie eine psychischen Störung grundsätzlich nicht objektiv bestimmen, weil sich hier die Diagnose auf psychische Phänomene bzw. auf psychopathologische Phänomene gründet und solche Phänomene grundsätzlich nicht allgemein gültig bestimmbar sind. Weil hier also die Merkmale der gesundheitlichen Störung nicht objektiv gültig bestimmbar sind, ist es nicht möglich die psychiatrische Diagnose allgemein gültig zu bestimmen.

Deswegen kann man in der Psychiatrie nur auf der Ebene der Vorstellungen und daher nur in Bezug auf (definierte) Typen „prüfen“ und erkennen ob ein solches Merkmal oder der ganze psychische Symptomenkomplex der psychischen Störung vorhanden ist. Wohingegen in der Medizin viele medizinische Diagnosen auf der Grundlage von Fakten in Bezug auf die Zugehörigkeit zu Gattungen allgemein gültig bestimmbar sind. Diesen Sachverhalt hat in der Psychiatrie der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers auf der Grundlage der Philosophie von Immanuel Kant realisiert (vgl. mit Jaspers Zitat).

Man kann also eine Störung der Psyche grundsätzlich nicht objektivieren –  was hingegen bei den gesundheitlichen Störungen des Körpers in vielen Fällen möglich ist.

Es macht nämlich einen großen Unterschied ob uns ein Erkenntnisobjekt als real existierendes Objekt und damit als Gegenstand schlechthin gegeben ist, oder nur als Gegenstand in der Idee  bzw. nur als der Begriff der Idee und damit nur als mental existierendes Erkenntnisobjekt. (vgl. mit Kant Zitat 7). Man kann auch sagen: ein nur mental mir gegebenes Erkenntnisobjekt kann ich nur durch die systematische Einheit der Idee erkennen, falls ich die Merkmale der Idee durch das Schema der Idee geistig auffasse (vgl. mit Kant Zitat 7).

In diesem Sinne sind uns in der Medizin viele Erkenntnisobjekte und damit viele Befunde als real existierende Objekte, als Gegenstand schlechthin direkt oder indirekt zur Erkenntnis gegeben, hingegen in der Psychiatrie (Psychologie und Psychotherapie) nur als Gegenstand in der Idee. (vgl. mit Kant Zitat 7)

In der Erkenntnisbasis findet sich also der tiefer liegende Grund warum ein Teil der medizinischen Diagnosen und in der Psychiatrie sämtliche psychiatrische Diagnosen nicht objektiv, sondern nur subjektiv gültig bzw. nur subjektiv gewiss bestimmbar sind.

Nur eine medizinischen Diagnose deren Erkenntnis sich auf ein real existentes Objekt bzw. die Beschaffenheit (Eigenheit) von einem solchen Objekt gründet kann man objektiv gültig bestimmen. (vgl. mit Kant Zitat 9)

Karl Jaspers hat erkannt, dass die Ideen in der Psychiatrie (bloße) Ideen im Sinne von Immanuel Kant sind. (vgl. mit Jaspers Zitat und Kant Zitat 4) und es hat daher Jaspers treffend geschrieben, dass diese Schemata methodische Hilfsmittel sind. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Dies gilt analog auch für die nicht objektivierbaren Diagnosen in der Medizin. Auch diese Einheiten sind näher betrachtet nur durch bloße Ideen im Sinne von Immanuel Kant bestimmbar, weil es hier keinen Probierstein der Erfahrung gibt (vgl. mit Kant Zitat 10).

Durch eine solche Einheit kann ein gewisser Symptomenkomplex durch den Bezug auf die Idee bzw. durch das Schema der Idee und somit durch die systematische Einheit der Idee geistig aufgefasst werden.

Man kann auch sagen: hier kann ich die diagnostische Einheit durch den Begriff der Idee (vgl. mit Kant Zitat 7) erkennen, aber allgemein gültig bestimmen kann ich sie dadurch nicht.

Es handelt sich bei einem solchen Schema also um ein methodisches Hilfsmittel – wie dies Jaspers erkannt hat (vgl. mit Jaspers Zitat) und man sollte daher eine solche diagnostische Einheit nicht als physisch existente Einheit ansehen. Daher ist es auch nicht möglich eine solche Einheit zu objektivieren.

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Weiteres über psychische Störungen und körperliche Störungen und ihren Unterschied in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im April 2019 im Verlag tredition

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(letzte Änderung 24.09.2019; abgelegt unter: Diagnostik, funktionelle Diagnose, Medizin, Psychiatrie, Psyche, psychische Störung, Störung)

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