Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Verdachtsdiagnose in der Neurologie

Eine Verdachtsdiagnose in der Neurologie ist eine neurologische Diagnose, wie sie sich aus einem neurologischen Symptomekomplex ergibt.

Eine Verdachtsdiagnose sollte man flexibel verwenden. Bei einer Verdachtsdiagnose handelt es sich nämlich um ein Konzept, wie es sich aus dem gegenwärtigen klinischen Bild (klinischen Erscheinungsbild) ergibt. Wenn sich das klinische Bild ändert, dann ändert sich unter Umständen auch die Vorstellung über die zu Grunde liegende Ursache.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet handelt es sich bei einer Verdachtsdiagnose um eine bloße Idee im Sinne von Immanuel Kant (vgl. mit Kant Zitat 8). Eine solche Idee wird durch die systematische Einheit der Idee erkannt (vgl. mit Kant Zitat 7). Es handelt sich dabei also um eine Einheit, die man vorerst nicht als fixe Einheit ansehen soll. Man kann auch sagen: es handelt sich bei der Verdachtsdiagnose um eine Idee, wie sie sich aus der momentanen Erfahrung und Befundlage ergibt. Wenn sich die Erfahrung und die Befundlage ändert, dann sollte sich auch die Vorstellung in Bezug auf die zu Grunde liegend gedachte Einheit bzw. in Bezug auf die zu Grunde liegend gedachte Ursache der klinischen Erscheinung ändern. Man sollte also eine solche Idee flexibel verwenden. Das bedeutet, man sollte eine solche Idee nur relativistisch verwenden. Wenn man eine solche Idee als absolute Erkenntnis und damit wie eine faktische Einheit ansieht, dann hat man sich getäuscht, dann hat man die Idee missverstanden und falsch gebraucht. Dann hat man die Idee konstitutiv gebracht, was grundsätzlich falsch ist (vgl. mit Kant Zitat 3a).

Man kann daher eine neurologische Verdachtsdiagnose vorerst also nur in Bezug auf einen Typus bestimmen und nicht in Bezug auf eine objektiv bestimmbare Gattung. Man kann im konkreten Fall sich nicht sicher sein, dass die zu Grunde liegend gedachte Ursache die tatsächliche Ursache ist, die dieses klinische Erscheinungsbild hervorruft. Nur in dem Maße, wie das vorhandene klinische Erscheinungsbild dem Ideal entspricht, ist die angewandt Idee relativ gültig und damit relativ richtig. Eine solche Erkenntnis kann also mehr oder weniger zutreffend und damit mehr oder weniger gültig sein.

Wenn sich der Symptomenkomplex ändert, dann ändert sich unter Umständen auch die zu Grunde liegend gedachte Ursache. Dann kann man den Symptomenkomplex nicht mehr so erklären, wie man in vorher erklärt hat. Dann muss man den Symptomenkomplex anders, also durch eine andere Kausalität erklären. Das bedeutet: man muss dann die Verdachtsdiagnose in diesem Fall anders erklären.

Wenn man z.B. zu einer gewissen Zeit die Verdachtsdiagnose „Normaldruckhydrozephalus“ stellt und das klinische Bild sich ändert, also zum Beispiel sich im Laufe der Zeit eine einseitige Symptomatik entwickelt, dann sollte man die Verdachtsdiagnose „Normaldruckhydrozephalus“ verlassen, dann sollte man nicht an dieser Diagnose „kleben“ bleiben, nur weil man sie zu einem früheren Zeitpunkt in Erwägung gezogen hat. In diesem Fall spricht das klinische Erscheinungsbild für eine andere Ursache, etwa für eine vaskuläre Ursache, die eine einseitige Symptomatik erklären kann – auch wenn man keine entsprechenden Befunde insbesondere keine eindeutigen bildgebenden Befunde erheben kann.

Eine solche Diagnose bzw. eine solche Verdachtsdiagnose sollte man also  nur relativistisch verwenden. Eine solche Diagnose hat nur eine relative Bedeutung und Berechtigung und keine absolute. Wenn man die Beschränkung im Grad der Erkenntnis bzw. des persönlichen Wissens nicht beachtet, dann man missversteht man die Idee. Dann verwendet man die Verdachtsdiagnose, die eine bloße Idee ist konstitutiv. Die konstitutive Verwendung einer Idee ist jedoch grundsätzlich falsch (vgl. mit Kant Zitat 3a) und führt unter Umständen zu falschen Schlussfolgerungen bzw. zu einer nicht gerechtfertigten Indikation etwa zu einer neurochirurgischen Intervention.

Man sollte also eine Verdachtsdiagnose grundsätzlich flexibel verwenden, und je nach dem klinischem Bild auch andere Ursachen als mögliche Ursachen in Erwägung ziehen und nicht geistig an einer früher gestellten Verdachtsdiagnose bzw. an einer früher angenommenen Idee in Bezug auf eine Ursache kleben bleiben.

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Weiteres zur Diagnostik in der Medizin – insbesondere auch im Hinblick auf die Diagnose: Normaldruckhydrozephalus und sonstige Verdachtsdiagnosen in der Neurologie und Neurochirurgie – in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im April 2019 im Verlag tredition

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(letzte Änderung 20.09.2019, abgelegt unter: Medizin, Neurologie, Diagnostik)

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