Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Pinel Zitat 1 – Diagnostik des Wahnsinns – Beginn der Psychopathologie

„Die beynahe zweyjährige Ausübung der Arzneywissenschaft im Hospital von Bicêtre hat mir die Nothwendigkeit fühlbar gemacht, diese Ansichten zu realisieren, um einige Fortschritte in Ansehung der Lehre von Wahnsinn zu machen. Die Schriften alter und neuer Authoren über diesen Gegenstand, mit meinen vorigen Beobachtungen verglichen, erlaubten mir nicht, aus einem gewissen eingeschränkten Kreis herauszutreten; hätte ich nun dasjenige vernachlässigen sollen, was der Anblick der Wahnsinnigen durch eine lange Reihe von Jahren, und die Fertigkeit zu reflectiren und zu beobachten, einen mit gesundem Verstand begabten Menschen, der sich seine Pflichten angelegen seyn liess, und Aufsicht über die Wahnsinnigen des Hospitals hatte, lehren konnte? Der dogmatische Ton des Doctors wurde aufgegeben: öftere Besuche, die manchmal durch mehrere Stunden des Tags fortgesetzt wurden, halfen mir dazu, mit den heftigsten Ausbrüchen der Wahnsinnigen vertraut zu werden. Sodann unterhielt ich mich zu wiederholten Malen mit dem Menschen, der ihren vorherigen Zustand und ihre irrigen Ideen am besten kannte. Ich bezeigte die größte Aufmerksamkeit, um alle Prätensionen seiner Eigenliebe zu schonen, machte verschiedene und oft wiederholte Fragen in Ansehung des nämlichen Gegenstandes; waren gleich die Antworten dunkel, so wurden von mir keine Einwendungen in Ansehung dessen gemacht, was er zweifelhaftes oder wenig wahrscheinliches vorbrachte, sondern ich schob es zur weiteren Untersuchung auf, um das Gehörte aufzuklären oder zu berichtigen. Auch machte ich täglich Anmerkungen über die beobachteten Thatsachen, ohne andere Absicht, als sie zu vervielfältigen und zur möglichen Genauigkeit zu erheben.

Dies ist der Gang, den ich seit beynahe zwey Jahren befolgte, um die medicinische Lehre von Wahnsinn mit allen durch eine Art Empirism erworbenen Kenntnissen zu bereichern, oder vielmehr um die ersteren zu ergänzen, und den andern (nämlich den Empirism) auf allgemeine Grundsätze, die ihm mangelten, zurückzuführen.

Eine isolirte Krankenanstalt, die eine gewisse Anzahl von Wahnsinnigen und Epileptischen aufzunehmen bestimmt ist, erleichterte mir ausserdem die anderweitigen Untersuchungen über die Wirkungen der Arzneymittel und den mächtigen Einfluss eines nach den individuellen Dispositionen, oder den hinzukommenden Krankheiten abgeänderten äusserlichen Verhaltens (Regim.).

Man weiss, wie wenig die öffentliche Meinung der Medicin günstig ist, und es würde mich wenig Mühe kosten, darüber fremde Beystimmung zu erhalten, dass unter allen Theilen der Naturwissenschaft, die Kunst, innere Krankheiten zu beobachten, und sie durch äussere Kennzeichen festzuhalten, eine der schwersten ist; um wie vieles muss nicht das Studium des Wahsinns diese Schwierigkeiten vergrössern?

Fürs erste findet eine natürliche Entfremdung und ein starker Widerwille gegen Menschen statt, wovon die einen durch immerwährendes Jammern und das Geschrey der Raserei erschrecken; die andern uns mit einer bäurischen und wilden Härte von sich stossen; noch andere uns durch ein Geschwätz ohne Sinn und Zusammenhang betäuben.

Will man die Phänomene des Wahnsinns, das heisst irgend einer Verletzung der Verstandes- und Gemüthsfähigkeiten zeichnen und beschreiben, so erblickt man nichts (a) als Verwirrung und Unordnung, man fängt nur flüchtige Züge auf, welche auf einen Augenblick einiges Licht geben, um uns hinterher nur in desto grössere Dunkelheit zu lassen, wenn man nicht von der Analyse der Verstandesverrichtungen, von einem fixen Punkte ausgeht. Aber hat man sich dabey nicht vor einer anderen Klippe zu hüten, nämlich, dass man metaphysische Untersuchungen und idealogische Ausschweifungen mit einer Erfahrungswissenschaft vermische. Man muss daher die Ideen aus den Nebenwissenschaften mit einer Art Nüchternheit entlehnen, und von jenen überhaupt nur solche aufnehmen, die am wenigsten zweifelhaft sind, und hiermit vornehmlich die Betrachtung der äusseren Kennzeichen und physische Veränderungen, die ihnen entsprechen konnten, zu verbinden suchen. Nicht minder muss man sich gegen das Hinderniss anderer Art mit Muth und Standfestigkeit bewaffnen, das ist, gegen das scheue Wesen, und das äusserste Misstrauen, welches die Wahnsinnigen gegen alles haben was sie umgibt, und wodurch sie veranlasst werden, sich entweder zu verstellen oder ein unüberwindliches Stillschweigen beobachten. Es wäre sehr unzweckmäßig, ihnen gerade zu seine Absicht, dass man sie beobachten, und das Geheimniss ihrer Gedanken durch verschiedene Fragen auszuforschen wolle, merken zu lassen. ….

… Was soll ich nun von den Melancholischen sagen, die nur über einen besonderen Punkt delirieren, und mit denen man sich eine Zeitlang besprechen kann, ohne die mindeste Verletzung des Verstandes zu bemerken.“ (Ende des Zitats)

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Aus der Einleitung von Seite  XLI  bis XLVII aus dem Buch von Philippe Pinel

PHILOSOPHISCH- MEDICINISCHE ABHANDLUNG ÜBER GEISTESVERIRRUNGEN ODER MANIE

von Philippe Pinel Professor der Medicinal-Schule zu Paris, …

aus dem Französischen übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Mich. Wagner, Wien, bey Carl Schaumburg und Compagnie, 1801

hier das Link zur Kopie der deutschen Übersetzung der Orginalschrift, veröffentlicht unter Google Books

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Titel der französischen Orginal Schrift: Traité medico-philosophique sur l`alienation mentale

(französisch:l`aliénation mental = geistige Entfremdung im Sinn der „Geistesverwirrung“)

Hier das Link zu französischen Orginalschrift (2. Ausgabe 1809).

Hier das Link zur englischen Übersetzung der Orginalschrift

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(letzte Änderung 08.12.2019, abgelegt unter: Psychiatrie, Diagnostik, Klassifikation, Systematik, Zitate)

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Anmerkung zum Zitat:

Aus dem Zitat ist ersichtlich, dass Philippe Pinel durch sein systematisches Studium des Wahnsinns erste psychische Symptomenkomplexe erkannt hat.

Durch sein systematisches Beobachten und Studieren der psychisch Kranken hatte Pinel unter anderem erkannt, dass der Wahnsinn sich von der Melancholie durch die Störung in der Verletzung des Verstandes unterscheidet, wohingegen die Melancholischen nur über einen besonderen Punkt delirieren.

Es hat Philippe Pinel damit den phänomenologischen Unterschied zwischen einer Psychose aus dem schizophrenenen Formenkreis erkannt, die von ihm auch als Manie (siehe die Überschrift seines Buches) bezeichnet worden ist, und die später von Bénédict Augustin Morel als „Dementia praecox“ beschrieben worden ist, die dann Emil Kraepelin in seine psychiatrische Klassifikation aufgenommen hat, und die in weiterer Folge von Eugen Bleuler in modifizierter Form als Schizophrenie bzw. als Gruppe der Schizophrenien beschrieben und damit gegenüber den anderen psychischen Krankheiten bzw. psychischen Störungen definiert worden ist.

Und es sollte sich erweisen, dass die Schizophrenie eine wesentliche Form einer psychischen Störung ist bzw. diese psychiatrische Kategorie eine Grundform der psychiatrischen Klassifikation bildet.

Es hat Philippe Pinel im Prinzip also die phänomenologische Grundlage der Psychiatrie  und damit die Basis der Psychiatrie als empirische Wissenschaft erkannt, wenn er auf diese Art und Weise den Wahnsinn von der Melancholie (Gemütsstörung), nämlich der Depression bzw. dem „depressiven Irresein“ (Emil Kraepelin) durch die philosophische Methode der Dialektik grundsätzlich unterscheidet, nämlich durch die Fertigkeit zu reflectieren und zu beobachten um sodann darüber mit gesunden Verstand zu argumentieren.

Man kann auch sagen: Philippe Pinel hat im Prinzip erkannt, dass die verschiedenen psychischen Krankheiten (psychischen Störungen) phänomenologisch und damit psychopathologisch diagnostisch erfasst werden, wenngleich die Begriffe Phänomenologie, Psychopathologie und Psychiatrie zu seiner Zeit noch gar nicht bekannt waren.

Durch diese Erkenntnisse hatte Philippe Pinel die Grundlage der psychiatrischen Diagnostik geschaffen, auf der in weiterer Folge die psychiatrische Wissenschaft entstehen als empirische Wissenschaft konnte.

Bezüglich dem Erkennen und damit in Bezug auf das Diagnostizieren in der Psychiatrie hat der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers später auf der Grundlage der Philosophie von Immanuel Kant realisiert, dass die psychischen Erscheinungen/psychischen Phänomene und damit auch die psychopathologischen Phänomene und ebenso die psychischen Symptomenkomplexe der psychischen Störungen und damit letztlich die psychiatrischen Diagnosen auf Grundlage von Ideen durch die Schemata der Ideen in Bezug auf (definierte) Typen (vgl.. mit Jaspers Zitat) erkannt werden, wobei hier die Idee eine Idee im Kantischen Sinne ist (vgl. mit Jaspers Zitat 6). Es hat Jaspers damit also  die bloße Ideen von Immanuel Kant gemeint – ohne diesen Begriff in seinem Buch „Allgemeine Psychopathologie“ zu verwenden (vgl. mit Kant Zitat 8 und mit Kant Zitat 4).

Abschließend kann man also festhalten, dass aus dem obigen Zitat, aus Schrift von Philippe Pinel ersichtlich ist, dass er als Arzt, der mit psychisch Kranken befasst war, nicht nur die wesentlichen Elemente der psychiatrischen Diagnostik und psychiatrischen Klassifikation, sondern im Prinzip auch die der psychiatrischen Systematik erkannt hat.

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Weiteres dazu in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im April 2019 im Verlag tredition

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(letzte Änderung 04.03.2020, abgelegt unter: Diagnostik, Psychiatrie, Psychopathologie, Systematik, Zitate)

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