klinisches Erscheinungsbild (klinisches Bild)

Das klinische Erscheinungsbild ist das Bild durch das der Arzt die klinische Erscheinung der gesundheitlichen Störung/Krankheit erkennt und in der Diagnostik bestimmt.

Man kann auch sagen: in der Heilkunde ist das klinische Bild respektive das klinische Erscheinungsbild das geistige Bild oder das visuell sichtbare Bild durch das der Arzt den medizinischen Sachverhalt in der Diagnostik durch diese phänomenologische Einheit erfasst.

Man muss dabei also unterscheiden, ob das klinische Bild dem Arzt in der Medizin (zum Beispiel dem Pathologen in der Pathologie / Histopathologie / Zytopathologie oder dem Radiologen in der Radiologie) als sichtbares Bild (Beispiel: histologisches Bild/ histopathologisches Bild/zytopathologisches Bild oder als Röntgenbild/CCT-Bild/MRT-Bild/Ultraschall-Bild/PET Scan etc.) tatsächlich gegeben ist, oder ob das klinische Bild bzw. das klinische Erscheinungsbild ihm nur als „rein geistiges Bild“ – im Sinn einer bloßen Idee von Immanuel Kant –  gegeben ist, durch das der Untersucher etwa den Symptomenkomplex der gesundheitlichen Störung erfasst. Dies trifft nicht nur auf die körperlichen Störungen, die aufgrund der klinischen Erscheinung erfasst werden, sondern auch auf die psychischen Störungen die in der Psychiatrie aufgrund der psychischen Symptomenkomplexe in der psychiatrischen Diagnostik erkannt und bestimmt werden.

Ein derartiges Bild ist uns also nur als rein geistiges Bild und daher nur als der Begriff der Idee gegeben (vgl. mit Kant Zitat 7), weil ein solches Bild nur auf der Ebene der Vorstellungen bzw. nur auf der „Ebene der Ideen“ als  Idee „angeschaut“ und daher nur als die systematische Einheit der Idee (vgl. mit Kant Zitat 7) erkannt werden kann. Ein derartiges Bild wird durch den Begriff der bloßen Idee erkannt (vgl. mit Kant Zitat 8) und es ist dies ein regulativer Begriff im Sinn von Immanuel Kant.

Im zuerst genannten Fall kann ich die Einheit und damit die Entität durch sinnlich wahrnehmbare, körperliche Merkmale (physische Merkmale)  durch das Schema der Idee bzw. durch das  diagnostische Schema bestimmen. Im zweit genannten Fall kann ich die Einheit nur durch die (rein) geistige Analyse und Synthese erkennen, ohne dass ich die Einheit am Probierstein der Erfahrung (physisch) überprüfen kann (vgl. mit Kant Zitat 10).

(Erkenntnistheoretische bzw. philosophische Anmerkung: daher hat Immanuel Kant eine solche Idee treffend als bloße Idee bezeichnet, weil sie sich auf ein transzendentes Erkenntnisobjekt bezieht bzw. dies der Begriff einer transzendentalen Idee ist.)*

Man kann dieses klinische Bild weil es ein rein geistiges Bild ist aufgrund der klinischen Erfahrung und durch das fachliche Denken also nur durch das (bloße) Denken bzw. nur durch den Verstand und die Vernunft somit nur rein geistig „erfassen“ bzw. nur „begrifflich“ durch eine bloße Idee im Sinne von Immanuel Kant erfassen, ohne dass ich die Möglichkeit habe das Ganze als diagnostische Einheit physisch zu überprüfen.

Ein klinisches Bild kann also vermittelt durch das Schema der Idee (vgl. mit Kant Zitat 7) bzw. durch das diagnostische Schema der diagnostischen Einheit angenähert erkannt werden und dabei kann es in gewissen Fällen in der Diagnostik physisch näher überprüft werden (Beispiel: Entnahme einer Gewebsprobe (Konisation) nach zytopathologischen Befund nach Papanicolaou) oder es kann das klinische Bild nur rein geistig erkannt und untersucht werden.

In gewissen Fällen kann man das klinische Bild also physisch – auf der Ebene der Objekte näher überprüfen – und damit den Befund objektivieren – wohingegen dies in anderen Fällen nicht möglich ist und ich den Befund nur subjektiv gültig bestimmt kann.

In der Psychiatrie ist ein klinisches Bild in diesem Sinn immer ein rein geistiges Bild, insofern hier die Einheit niemals visuell gesehen wird, sondern der Sachverhalt immer nur durch das (reine/bloße) Denken bzw. nur durch die denkende Anschauung (vgl. mit Jaspers Zitat) erkannt wird, wie dies der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers auf der Grundlage der Philosophie von Immanuel Kant realisiert hat.

Es ist ein Bild in der Psychiatrie (Psychologie) also immer ein rein geistiges Bild das als Vorstellung  bzw. als der Begriff der Idee im Bewusstsein der Fachperson – somit im Bewusstsein des Arztes / Psychiaters / der Ärztin / Psychiaterin – im Rahmen der klinischen Untersuchung als diagnostische Einheit in Erscheinung tritt.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet handelt es sich beim klinischen Bild bzw. beim klinischen Erscheinungsbild in diesem Fall also um eine Idee, die als bloß Idee in der Form des Begriffs der Idee im Bewusstsein der erkennenden Person als systematische Einheit erscheint (vgl. mit Kant Zitat 7).

Immanuel Kant unterscheidet daher eine Erkenntnis, für die wir einen Probierstein der Erfahrung haben, von einer Erkenntnis für die wir keinen Probierstein der Erfahrung haben (vgl. mit Kant Zitat 10).

In der Medizin kann eine Idee, z.B. eine Verdachtsdiagnose in vielen Fällen allgemein gültig überprüft, das heißt diese Idee kann allgemein gültig verifiziert bzw. falsifiziert werden, das heißt man kann eine solche Idee (Vorstellung) empirisch physisch auf der Ebene der Objekte bzw. auf der Ebene der Fakten überprüfen. Man sagt dann eine Objektivierung der gesundheitlichen Störung und damit der medizinischen Diagnose ist möglich (Beispiel: vorerst unklaren Brustschmerzen, die primär durch den Symptomenkomplex und damit durch eine phänomenologische Diagnose erfasst werden können sekundär auf den Herzinfarkt und damit auf eine faktische Diagnose bzw. eine ätiologische Diagnose zurückgeführt werden).

In der Psychiatrie erlangt die untersuchende Person im Laufe der Erhebung der Anamnese und klinischen Untersuchung ebenfalls eine Idee bzw. eine Vorstellung um was für eine psychische Störung und damit um was für eine psychiatrische Diagnose es sich handelt bzw. handeln könnte.

Im Unterschied zur Medizin kann man in der Psychiatrie eine solche Idee jedoch nicht auf der Grundlage von objektiven Befunden überprüfen, wie dies in der Medizin in vielen Fällen möglich ist. In der Psychiatrie kann die Idee – weil dies eine bloße Idee im Sinn von Immanuel Kant ist – nur auf der Ebene der Vorstellungen subjektiv gültig „überprüft“ werden. Auf der Ebene der Objekte kann man eine psychiatrische Idee und auch eine psychologische Idee nicht überprüfen (vgl. mit Kant Zitat 4). Daher kann man eine psychiatrische Idee – so wie eine psychologische Idee – nicht objektivieren.

Im Zweifelsfall kann man selbst bei einer psychiatrischen Diagnose der 3. Schicht nach der Schichtenlehre / Schichtenregel von Karl Jaspers auf der Grundlage von vorgefundenen objektiven Befunden nicht verlässlich und damit nicht reliabel und valide entscheiden, ob die psychiatrische Diagnose zutreffend ist oder nicht. Noch weniger kann dies bei den psychiatrischen Diagnosen der 2. und 1. Schicht nach der Schichtenregel von Karl Jaspers entschieden werden, weil man in der Psychiatrie immer nur auf der Ebene der Vorstellungen „prüfen“ und entscheiden kann, ob eine Idee bzw. ob ein klinisches Erscheinungsbild einer psychiatrischen Kategorie zuzuordnen ist oder nicht.

Man kann 5 Gruppen von klinischen Erscheinungsbildern im Hinblick auf die Relation der Erscheinung zum kausalen Substrat unterscheiden:

1) klinisches Erscheinungsbild das auf der Grundlage von objektiven Befunden allgemein gültig bestimmt werden kann (z.B. klinisches Erscheinungsbild bei Verdacht auf Herzinfarkt, oder Verdacht auf Knochenbruch). Es handelt sich dabei also um eine objektivierbare gesundheitliche Störung.

2) klinisches Erscheinungsbild bei dem ein objektiver Befund nachgewiesen werden kann, der das klinische Erscheinungsbild oftmals unzweifelhaft erklärt. (Zum Beispiel das klinische Erscheinungsbild das bei einem Schlaganfall in Folge eines ischämischen Insultes auftritt. Diese gesundheitliche Störung kann in der Regel unzweifelhaft durch den bildgebenden Befund des CCT Bildes (Computertomographie) oder des MRT Bildes (Magnetresonanztomographie) erklärt werden. Im Zweifelsfall kann man jedoch auch hier nicht verlässlich und damit nicht reliabel und valide entscheiden, ob etwa ein kleiner Insult das klinische Erscheinungsbild hervorruft. Oder in einem anderen Fall von Rückenschmerzen ob etwa ein kleiner Bandscheinbenvorfall, der als bildgebende Einheit sichtbar ist, das klinische Erscheinungsbild und damit die Rückenschmerzen und die Bewegungseinschränkung bewirkt.

3) klinisches Erscheinungsbild bei dem ein objektiver Befund das klinische Erscheinungsbild zwar erklärt, bei dem es unter Umständen allerdings nicht gewiss ist, ob dieser Befund die Ursache des klinischen Bildes ist. Zum Beispiel ein kleineres Meningeom, das im Rahmen der Abklärung eines Kopfschmerzes gefunden wird. Bei einem solchen Befund kann man oftmals nicht sicher sein, dass dieser objektiv bestimmbare Befund die Ursache des Phänomens ist. Dies sollte bei der Indikation zu einer Operation beachtet und berücksichtigt werden! In der Psychiatrie zählen die psychischen Störungen der 3. Schicht nach der Schichtenregel von Karl Jaspers  zu denjenigen bei denen man organische Befunde feststellen kann. Das Zutreffen der psychiatrischen Diagnose kann dadurch jedoch nicht bestimmt werden. Mit anderen Worten: man kann durch diese organischen Befunde feststellen ob eine gewisse psychiatrische Diagnose zutreffend ist, etwa ob eine beginnende Demenz bzw. ein leichtgradiges Organisches Psychosyndrom (OPS) besteht, falls im bildgebenden Befund  z.B. erweiterte Liquorräume sichtbar sind.

4) klinisches Erscheinungsbild bei dem keine objektiven körperlichen Befunde feststellbar sind und bei dem auch keine körperlich bestimmbare Ursache angegeben werden kann, die das klinische Erscheinungsbild erklärt. Bei dem man jedoch gewisse Faktoren kennt, die oftmals wesentlich für das Auftreten einer solchen gesundheitlichen Störung sind und bei dem man daher Merkmale findet, die zwar eine Objektivierung der Diagnose nicht ermöglichen, die jedoch häufig bei einer solchen gesundheitlichen Störung gefunden werden. Dazu zählen in der Psychiatrie die Diagnosen der 2. Schicht nach der Schichtenregel von Karl Jaspers. In einem solchen Fall kann man unter Umständen physische Merkmale feststellen – etwa gewisse Gene, also gewisse genetische Befunde und man kann daher durch eine entsprechende biologische Theorie bevorzugt die Ursache erklären. Man kann jedoch in einem solchen Fall diese Ursache nicht objektiv überprüfen, man kann nicht allgemein gültig feststellen und allgemein gültig entscheiden, ob sie diese Ursache die tatsächliche Ursache. In der Psychiatrie zählen zu diesen gesundheitlichen Störungen die Störungen vom Typ der Schizophrenie, dann auch die Störungen vom Typ der manisch-depressiven Krankheit, weiters die schizoaffektiven Psychosen usf. In der Medizin zählen zu diesen Diagnosen z.B. die Diagnosen der funktionellen Schmerzsyndrome (Migräne, Spannungskopfschmerz, Fibromyalgie, Somatoforme Schmerzstörung usf.)

5) klinisches Erscheinungsbild bei dem keine spezifischen körperlichen Merkmale gefunden werden und bei dem eine Theorie nur mehr oder weniger bevorzugt angegeben werden kann, die den Sachverhalt erklärt. Durch eine solche Theorie kann man den Sachverhalt verstehen und unter Umständen erklären, aber diagnostisch bestimmen kann man die gesundheitliche Störung auf dieser Grundlage so wie zuvor ausgeführt nicht. Man kann also in einem solchen Fall je nach Situation und Sachverhalt verschieden eine passende Theorie anwenden oder entwickeln, ohne dass man jedoch durch die Theorie den Sachverhalt allgemein gültig überprüfen kann. In der Psychiatrie zählen die Diagnosen der 3. Schicht nach der Schichtenregel von Karl Jaspers zu diesen psychiatrischen Diagnosen.

Zusammenfassend kann man somit sagen, dass man bei manch einem klinischen Bild bzw. klinischen Erscheinungsbild durch die weitere Abklärung  objektives Wissen erlangen kann. In anderen Fällen ist dies jedoch in der Heilkunde grundsätzlich nicht möglich, weil diese diagnostischen Einheiten auf der Grundlage von nicht überprüfbaren Konzepten erkannt und daher nur subjektiv gültig bestimmt werden können. Daher kann man in solchen Fällen auf der Grundlage von Ideen nur subjektives Wissen erlangen. Es handelt sich somit in diesen Fällen immer um beschränktes Wissen.

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Hinweis:*

Weiteres zum Thema: klinisches Bild (klinisches Erscheinungsbild) in unterschiedlichen Bereichen der Heilkunde in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im Verlag tredition, April 2019

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(letzte Änderung 09.10.2022, abgelegt unter: Diagnose, Diagnostik, Idee, Medizin, Medizinische Diagnostik, Phänomen, Philosophie, Psyche, Psychiatrie, Psychopathologie, Psychologie)

weiterhin pos. 1 am 08.04.2024

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