Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Bild

Ein Bild ist eine Darstellung von einem Erkenntnisobjekt.

Es kann ein Bild entweder ein materielles Bild oder ein rein geistiges Bild sein (vgl. mit Kant Zitat 7).

So ist etwa ein Bild (materielles Bildwerk) das vom Künstler gemalt wird ein sinnlich wahrnehmbares Bild. Demgemäß kann dieses Bild von jeder Person, die es gerade sieht (anschaut) betrachtet, studiert und untersucht werden. Auch ein histologisches Bild bzw. ein Schnittbild in der Histologie oder in der Histopathologie ist ein sinnlich wahrnehmbares Bild – das durch die Betrachtung vom Histopathologen im Rahmen der Diagnostik in der Pathologie im Mikroskop angeschaut und studiert wird. Es sind derartige Bilder also ein visuell sichtbare Bilder.

Im Gegensatz dazu ist ein rein geistiges Bild eine Vorstellung bzw. eine Idee, die nur als der Begriff der Idee im Bewusstsein der erkennenden Person als systematische Einheit erscheint (vgl. mit Kant Zitat 7).

In diesem Sinn ist wird etwa in der Medizin der Symptomenkomplex der gesundheitlichen Störung durch ein rein geistiges Bild erkannt das als der Begriff der Idee im Bewusstsein des Arztes als systematische Einheit erscheint, falls diese die Merkmale der Idee durch das Schema der Idee geistig auffasst (vgl. mit Kant Zitat 7).

Anmerkung zur Diagnostik in der Histopathologie: Das histopathologische Bild (Schnittbild) ist zwar ein visuell sichtbares Bild – die Entscheidung des Histopathologen welcher Entität die diagnostische Einheit zuzuordnen ist beruht hier jedoch auf dem mentalen Prozess der Fachperson. Das heißt die histopathologische Diagnose kann hier nur durch die Anwendung des diagnostischen Schemas bestimmt werden.*

Ein rein geistiges Bild kann von einer anderen Person nicht sinnlich wahrnehmbar betrachtet werden, sondern man kann höchstens sich selbst vorstellen/denken was diese andere Person davon hält – was sie sich durch ihre Imagination infolge der aufgefassten Merkmale/Befunde vorstellt, aber wissen was sie denkt – das kann man nicht.

Dabei wird die Einheit des Bildes durch die Person erkannt, die es entweder mit den Augen sieht oder die es auf der Ebene ihrer Vorstellungen durch den Begriff der Idee als systematische Einheit erkennt und damit geistig sieht (vgl. mit Kant Zitat 7).

Es wird dabei in jedem Fall die Einheit des Bildes durch die Analyse und Synthese erkannt, insofern die erkennende Person die Merkmale der Idee durch das Schema der Idee geistig auffasst und damit die systematische Einheit der Idee erkennt (vgl. mit Kant Zitat 7).

Wobei im Fall eines materiellen Bildes bzw. eines visuell sichtbaren Bildes durch die Synthese die physischen, also die sinnlich wahrnehmbaren Merkmale erfasst und als Einheit und damit als Bild erkannt werden.

Hingegen im Fall des rein geistigen Bildes durch die reine Synthesis (vgl. mit Kant Zitat 13) und daher durch den reinen Verstandesbegriff das (rein) geistige Bild erkannt wird.

Erläuterungen zu den verschiedenen Bildern:

Menschen machen sich in vielerlei Hinsicht ihre (geistigen) Bilder. Sie beobachten eine Person und denken über sie nach. Es kommen ihnen Einfälle  (Assoziationen) in den Sinn. Es ist hierbei also der eigene Verstand – etwa der eigene Hausverstand (z. B. in Verbindung mit dem Sachverstand) – und in der Regel auch die eigene Vernunft im Spiel. Dabei gründet sich in manchen Fällen das (geistige) Bild auf Vorstellungen, die durch die reine Vernunft gewonnen worden sind.

So macht sich zum Beispiel ein Lehrer von einem Schüler ein (geistiges) Bild und umgekehrt macht sich auch der Schüler vom Lehrer sein Bild. In der Politik macht sich ein Politiker vom anderen Politiker sein Bild. Eine Frau macht sich über einen Mann ein Bild (Anmerkung: wobei Frauen in vielen Fällen in Bezug auf das Erkennen des Wesentlichen – also im Erkennen des zutreffenden Gesamtbildes – den Männern oftmals überlegen sind). Ein Richter oder eine Richterin macht sich bei Gericht über den Kläger oder den Angeklagten ein (geistiges) Bild.

Wir sind also häufig mit geistigen Bildern befasst und teils auch mit materiellen Bildern. So ist auch ein Arzt, wenn er in der Medizin oder in der Psychiatrie tätig ist, ständig mit geistigen Bildern – allerdings teils auch mit materiellen Bildern – befasst, wie er diese im Rahmen seiner fachlichen Ausbildung durch die Ausbildung, die Lehre und die Wissenschaft vermittelt, erworben hat und wie er sie nun demgemäß in der Praxis im konkreten Fall entwickelt und weiter entwickelt. Es spielen hier also auch die Theorien eine große Rolle, wie sie gerade geläufig bzw. in Mode sind.

Wenn ein Psychologie die Intelligenz einer Person untersucht, so gelangt er letztlich zu einem geistigen Bild. Ebenso wenn ein Psychiater eine psychisch auffällige Person untersucht und letztlich eine psychiatrische Diagnose stellt, dann hat diese Fachperson sich ein geistiges Bild von der vorliegenden psychischen Störung in Bezug auf einen definierten Typus gemacht. Auch ein Sachverständiger der ein Gutachten erstattet gelangt zu einem geistigen Bild. So gelangt etwa ein Gutachter in der Forensischen Psychiatrie infolge der von ihm erhobenen Befunde zu seinem geistigen Bild in Bezug auf den psychischen Zustand bzw. in Bezug auf die zu beurteilende psychische Störung, die er durch die psychiatrische Diagnose geistig erfasst hat.

In gleicher Weise macht sich ein Arzt in der körperlichen Medizin (etwa ein Arzt für Allgemeinmedizin, ein Chirurg, ein Internist usf.) ein geistiges Bild wenn er den Patienten untersucht. Dabei kann dieser Arzt im Gegensatz zum Psychiater sein geistiges Bild oftmals durch körperliche bzw. durch physische Befunde belegen und damit die medizinische Diagnose dadurch objektiv gültig sichern, was in der Psychiatrie nicht möglich ist, weil sich hier die Diagnose auf ein rein geistiges Bild gründet das letztlich nicht physisch und daher nicht auf der Ebene der Objekte bzw. nicht objektiv gültig, sondern nur subjektiv gültig gesichert bzw. überprüft werden kann, weil es sich auf eine bloße Idee im Sinne von Immanuel Kant gründet.

Eine Zwischenposition besteht in der Histopathologie einem Teilgebiet der Pathologie, wo der Pathologe im Mikroskop zwar ein histologisches Schnittbild – als sinnlich wahrnehmbares Bild – sieht aber in vielen Fällen nur unter Zuhilfenahme eines Konzepts entscheiden kann was für eine histopathologische Diagnose festzustellen ist. Es kann also in diesem Fall die Entität nur mit der Hilfe des Konzepts bzw. nur durch die Anwendung des diagnostischen Schemas (der Idee) festgestellt werden (Beispiel: papilläres Schilddrüsenkarzinom als Typ versus follikuläres Schilddrüsenkarzinom als Typ).

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Weiteres zur Diagnostik von sinnlich wahrnehmbaren und geistigen Bildern durch phänomenologische Diagnosen in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im April 2019 im Verlag tredition

(letzte Änderung 23.11.2019, abgelegt unter: Diagnose, Diagnostik, Definition, Philosophie)

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