Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Jaspers Zitat 6b1 : Übergänge zwischen den Phänomenen

Karl Jaspers schreibt in seinem Buch: „Allgemeine Psychopathologie“:

c) Übergänge zwischen den Phänomenen. Es scheint, daß viele Kranke dieselben Inhalte in schneller Zeitfolge in den verschiedensten phänomenologischen Gegebenheitsformen vor dem geistigen Auge haben können. Indem so in einer akuten Psychose etwa derselbe Eifersuchtsinhalt in den verschiedensten Formen (gefühlszuständlich, halluzinatorisch, wahnhaft) wiederkehrt, könnte man mißverständlich von „Übergängen“ zwischen den verschiedenen Formen reden. Diese allgemeine Wendung von den „Übergängen“ ist jedoch das Ruhekissen der Analysierfaulheit. Wohl ist es richtig, daß das individuelle momentane Erlebnis ein Ineinander vieler bei der Beschreibung trennbarer Phänomene ist: daß z. B. ein halluzinatorisches Erlebenis von dem eigentlichen Evidenzerlebnis des Wahns durchsetzt ist, daß dann die sinnlichen Elemente immer mehr abnehmen können, und daß man im individuellen Fall oft nicht feststellen kann, ob solche vorhanden waren und wie sie vorhanden waren. Die klaren Unterschiede der Phänomene, die phänomenologischen Abgründe (z. B. zwischen Leibhaftigkeit und Bildhaftigkeit) im Gegensatz zu den phänomenologischen Übergängen (z. B. von Bewußtheiten zu Halluzinationen) bleiben darum bestehen. … “

aus

Karl Jaspers: “Allgemeine Psychopathologie”, 9. unveränderte Auflage, Springer-Verlag Berlin-Heidelberg-New York 1973, Seite 51, ISBN 3-540-03340-8, ISBN 0-387-03340-8

Anmerkung zum Zitat:

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet erkennt man, dass die einzelnen psychischen Phänomene bzw. die einzelnen psychopathologischen Phänomene sich aus einem gewissen Sachverhalt heraus entwickeln und diese unter einem gewissen Gesichtspunkt entweder von der betroffenen Person erlebt werden oder vom Psychopathologen von einem gewissen Gesichtspunkt aus geistig gesehen werden. Daher handelt es sich bei einem solchen „Übergang“ – wie er im Zitat von Karl Jaspers gemeint ist, etwa zwischen der Leibhaftigkeit und der Bildhaftigkeit um den veränderten Standpunkt bzw. um die veränderte Wahrnehmung aus der veränderten Position des Bewusstseins, die entweder in diesem Beispiel aus dem Leib-Erleben heraus als Empfindung wahrgenommen wird oder die aus dem nicht- zum-Ich-gehörigen „Bild“ erlebt wird – das als Halluzination bezeichnet wird, die im Bewusstsein der betroffenen Person als Phänomen, etwa als optisches Phänomen erscheint das allerdings nicht zum Ich gehörig erlebt wird.

Es handelt sich also jeweils um eine systematische Einheit, die – psychologisch betrachtet – auf der Ebene des Bewusstseins – erlebt wird – und die philosophisch betrachtet – auf der Ebene der Ideen – je nach dem in der Form des einen Begriffs der Idee oder in der Form des anderen Begriffs der Idee – aber immer als systematische Einheit aus dem eigenen Bewusstsein durch den mentalen Prozess bzw. durch das Denken entsteht (vgl. mit Kant Zitat 7), die das eine mal den einen Zusammenhang dann den anderen erfasst, je nach dem wie das Phänomen als Folge des Gesichtspunkts erlebt oder diagnostisch interpretiert wird. Und es gibt daher diese „Übergänge“ im Sinn des anderen subjektiven Erlebens, die unter Umständen wie am Beispiel des Eifersuchtswahns von Karl Jaspers aufgezeigt als gefühlsmäßig, halluzinatorisch, wahnhaft beschrieben werden – je nach dem das Phänomen auf das Gefühl bezogen erlebt wird,  oder auf das innerlich-visuelle Erleben bezogen erlebt wird – etwa im Sinn einer optischen Halluzination – oder wie es in Bezug auf den Wahn als Phänomen erlebt wird – in der Form einer eigenartigen krankheitswertigen Wahrnehmung der Realität,  die aus der Sicht der diagnostizierenden Person als solche erkannt wird, weil diese Form der Realitätswahrnehmung im eigenen Bewusstsein und bei anderen sogenannt normalen Personen in Bezug auf diesen Sachverhalt nicht zu beobachten ist und, die daher bei der wahnkranken Person als psychische Störung im Sinn eines Wahns und damit als Psychose bewertet wird. Immer kommt es also auf den angewandten (geistigen) Gesichtspunkt bzw. auf die persönliche Sichtweise an.

Neurophysiologisch betrachtet kann man sich vorstellen und somit die Theorie entwickeln, dass je nach dem psychischen Phänomen die neuronale Funktion „schwerpunktmäßig“ in unterschiedlichen Regionen des Gehirns stattfindet und demgemäß etwa das Limbische System durch die psychische Störung vorrangig betroffen ist (etwa bei einer psychischen Störung vom Typ einer schizoaffektiven Störung) oder das optische System (visueller Kortex mit Randgebieten) und sich daher hier der Fokus des Bewusstseins bildet und dies unter Umständen zum Erleben einer optischen Halluzination führt. Oder in einem Fall, wenn nicht bevorzugt lokale Bereiche des Cortex betroffen sind, und das Phänomen der falschen Assoziation sich auf die ganze Abfolge von einzelnen Erlebnisinhalten bezieht, was aus der Sicht des Arztes bzw. des Psychopathologen als Wahn diagnostiziert wird, weil hier eine Verkennung des Zusammenhangs durch die falsche Verknüpfung entsteht und als Folge davon  die Störung im Realitätsbezug auftritt die treffend synonym als Paranoia (= daneben liegendes Wissen) bezeichnet wird.

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Weiteres zum Erkennen untersucht auf Grundlage der Philosophie von Immanuel Kant in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im April 2019 im Verlag tredition

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(letzte Änderung 15.06.2020, abgelegt unter: Diagnostik, Psychiatrie, psychische Störung, Psychopathologie, Zitate)

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