Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Jaspers Zitat 5 – Systematik in der Psychologie und Psychiatrie

„Es besteht die Tendenz, mit unserer Systematik wieder das System zu vernichten. Man muß alles Systematische als Technik zu beherrschen versuchen, man kann ohne sie nicht denken, aber man behält nur dann Anschauungsfähigkeit und behält nur dann Freiheit der unendlichen Gegenständlichkeit für die Betrachtung, wenn man jede Systematik wieder begrenzt und relativiert.

Aus:

Karl Jaspers: „Psychologie der Weltanschauungen“, 6. Auflage, Springer-Verlag, Berlin-Heidelberg-New York, 1971, Seite 19

vergleiche mit Kant Zitat 4 bezüglich der Relativität von psychologischen Ideen.

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Anmerkung zu obigem Zitat:

Karl Jaspers hat bekanntlich nach drei Semestern Rechtswissenschaft zuerst das Medizinstudium und die Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie absolviert bevor er sich später intensiver der Philosophie zuwandte und in jener Zeit unter anderem das Buch „Psychologie der Weltanschauungen“ (1. Auflage 1919) geschrieben hat. Dabei hatte Jaspers schon zuvor das Buch „Allgemeine Psychopathologie“ (1. Auflage 1913) als junger Arzt und Psychiater geschrieben.

Aus diesen beiden Werken ist ersichtlich, dass Jaspers sich intensiv mit Grundsatzfragen des Erkennens und daher mit Fragen der Diagnostik in Psychiatrie (Medizin) und Psychologie befasste. Dabei hatte er nach vertieftem Studium der Schriften von Immanuel Kant (vgl. mit Jaspers Zitat 14) realisiert, dass das Wissen in der Psychiatrie (und Psychologie) auf Ideen beruht und er schreibt ist diesem Zusammenhang, dass ich das Ganze als Idee nicht geradezu erkennen kann, sondern ich mich dem Ganzen als Idee durch das Schema der Idee nur nähern kann (vgl. mit Jaspers Zitat).

Demgemäß beruht die Systematik in der Psychiatrie und Psychologie auf Ideen bzw. sind hier die Ideen kantsche Ideen – also bloße Ideen im Sinne von Immanuel Kant – und wird damit verständlich warum Jaspers darauf hinweist, dass hier  jede Systematik wieder begrenzt und relativiert werden muss. Eben, weil das fachliche Erkennen, Denken und Wissen – nur auf der „Ebene der Ideen“ möglich ist. Damit wird einsichtig, warum man in diesen Bereichen des Wissens nur subjektives Wissen und damit nur beschränktes Wissen erlangen kann bzw. hier das Wissen auf Grundlage von subjektiver Evidenz und nicht auf Grundlage von objektiver Evidenz erlangt wird. Es wird damit also klar, warum in der Psychiatrie (Psychologie, Psychotherapie und auch in Teilbereichen der Medizin) das fachliche Wissen nur in Bezug auf Typen erlangt wird, in anderen Teilbereichen der universitären Medizin jedoch in Bezug auf Gattungen (vgl. mit Jaspers Zitat).*

Hinweis: 

Weiteres* zu dieser Thematik in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im Verlag tredition, April 2019.

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(letzte Änderung 16.03.2020, abgelegt unter: denken, Diagnostik, Diagnostizieren, Erkennen, Heilkunde, Klassifikation, Medizin, Medizinische Diagnostik,  Philosophie, Psychiatrie, Psychologie, Psychopathologie, Relativität, Systematik, Zitate)

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