Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Zur Entstehung der Psychiatrie als Wissenschaft

Die Psychiatrie entstand als Wissenschaft als Ärzte gewisse psychische Auffälligkeiten als Krankheiten der Psyche erkannten und anfingen diese systematisch zu studieren.

Philippe Pinel hat den Wahnsinn als psychische Krankheit bzw. als krankheitswertige psychische Störung erkannt und beschrieben (vgl. mit Pinel Zitat 2)

Obwohl der Begriff Psychiatrie damals noch gar nicht bekannt war – hat Pinel durch seinen kritischen Beobachtungsgeist, die aphoristische Sprache und die Methode der Classifikation erste psychische Symptomenkomplexe des Wahnsinns beschrieben (vgl. mit Pinel Zitat 2).

Auf diese Art und Weise sind also die unterschiedlichen psychische Symptome und psychischen Phänomene – somit die charakteristischen einzelnen psychopathologischen Phänomene – und in weiterer Folge die charakteristischen psychischen Symptomenkomplexe der unterschiedlichen psychischen Störungen erkannt und ärztlich beschrieben worden.

Man hat also in der Psychiatrie auf der Grundlage der unterschiedlichen psychischen Erscheinungen – somit auf der Grundlage der Phänomenologie bzw. der Psychopathologie – die unterschiedlichen klinischen Erscheinungsbilder als die Formen der verschiedenen psychischen Störungen in Analogie zur Naturgeschichte erkannt (vgl. mit Pinel Zitat 2).

Und es hat sodann einige Zeit später Wilhelm Griesinger eine erste umfassende psychiatrische Klassifikation mit den drei

Hauptgruppen„:

Psychische Depressionszustände,

Psychische Exaltationszustände

Psychische Schwächezustände

und dazu gehörige Untergruppen in seinem Buch: “Pathologie und Therapie der Psychischen Krankheiten” (1. Auflage 1845, Stuttgart) beschrieben.

Während man in der Medizin viele gesundheitliche Störungen und Krankheiten auf der Grundlage der körperlichen Erscheinungen und Merkmale, dabei zum Teil auch auf der Grundlage von körperlichen Fakten in der Natur, somit in diesen Fällen auf der Grundlage von körperlichen objektiven Befunden mit naturwissenschaftlichen Methoden studieren konnte, war dies in der Psychiatrie grundsätzlich nicht möglich.

In der Psychiatrie konnte man die psychischen Erscheinungen nur auf Grundlage der psychischen Anomalie und damit nur psychologisch erkennen, wie dies Wilhelm Griesinger richtig erkannt hat (vgl. mit Griesinger Zitat). Wilhelm Griesinger hatte jedoch infolge seiner klinischen Beobachtung und klinischen Erfahrung vermutet, dass anatomische Veränderungen des Gehirns die Ursache der psychischen Krankheiten bilden, und er war daher zuversichtlich, dass in Zukunft eine Klassifikation der psychischen Krankheiten auf der Grundlage der anatomischen Veränderungen des Gehirns möglich sein wird (vgl. mit Griesinger Zitat).

Ähnlich dachte später auch der Psychiater Emil Kraepelin, der geglaubt hat, dass die Psychiatrie auf der Grundlage des naturwissenschaftlichen Verständnisses sich zu einem kräftigen Zweige der medicinischen Wissenschaft fortentwickelt (vgl. mit Kraepelin Zitat 2).

Und es hat nochmals später der Psychiater Eugen Bleuler geglaubt, dass etwa die diagnostische Einheit Schizophrenie, die er aus der diagnostischen Einheit Dementia praecox abgeleitet hat, in Zukunft – so wie ein bakterielle Krankheit in der Medizin – wird diagnostiziert werden können und damit der Begriff Schizophrenie wird aufgelöst werden können (vgl. mit Bleuler Zitat 2).

Dementgegen hat Karl Jaspers auf der Grundlage der Philosophie von Immanuel Kant erkannt, dass in der Psychiatrie (Psychologie) die psychischen Erscheinungen nur auf der Grundlage von Ideen im Kantschen Sinne erkennbar sind, und es schreibt Jaspers daher in seinem Buch: „Allgemeine Psychopathologie“:Wenn ich das Ganze als Idee auch nicht geradezu erkennen kann, so nähere ich mich ihm – mit Kants Worten – durch das “Schema” der Idee (vgl. mit Jaspers Zitat).

Die Psychiatrie als Wissenschaft hat allerdings in den letzten Jahrzehnten nicht die Sichtweise von Karl Jaspers weiter verfolgt, sondern die von Emil Kraepelin und waren diese Fachleute die die Entwicklung der Psychiatrie in den letzten Jahrzehnten bestimmten, insbesondere nachdem vor etwas mehr als einem halben Jahrhundert erste wirksame Substanzen, sogenannte Psychopharmaka entdeckt worden waren.

Man war in der Psychiatrie in weiterer Folge also zuversichtlich in absehbarer Zeit gewisse psychische Störungen/psychische Krankheiten biologisch begründet zu erkennen und damit gewisse psychiatrische Diagnosen physisch begründet in der psychiatrischen Diagnostik bestimmen zu können, so wie dies in der Medizin bei vielen gesundheitlichen Störungen/Krankheiten seit langem möglich war und viele medizinischen Diagnosen objektiv gültig bestimmbar sind.

Die Erfahrung und Ergebnisse der psychiatrischen Wissenschaft – insbesondere die der Biologischen Psychiatrie und neuerdings auch die der Systemischen Neurowissenschaften lehren jedoch, dass dies nicht möglich ist. Bis zum heutigen Tag konnte man noch kein einziges psychisches Phänomen und damit auch keine einzige psychische Störung physisch oder biologisch begründet in der Diagnostik bestimmen, sondern es werden nach wie vor sämtliche psychische Störungen psychologisch auf Grundlage der psychischen Anomalie (vgl. mit Griesinger Zitat) – somit kann man in aktueller Terminologie sagen psychopathologisch begründet -also auf Grundlage der Psychopathologie – oder man kann auch sagen: auf Grundlage der Phänomenologie erkannt und in der psychiatrischen Diagnostik bestimmt.

Durch die „Allgemeine Psychopathologie“ von Karl Jaspers und die Philosophie von Immanuel Kant – insbesondere durch die „Kritik der reinen Vernunft“ kann gezeigt werden warum dem so ist.*

Dem ist so, weil ein einzelnes psychisches Phänomen und damit auch ein einzelnes psychopathologisches Phänomen und somit auch der ganze psychische Symptomenkomplex der psychischen Störung und somit die zugehörige psychiatrische Diagnose nur in Bezug auf den definierten Typus durch das Schema der Idee erkennen und in der psychiatrischen Diagnostik bestimmen kann (vgl. mit Jaspers Zitat).

In den Worten von Immanuel Kant kann man sagen, dass man als Psychiater die psychische Störung nur durch den Begriff der Idee erkennen kann, der als systematische Einheit im Bewusstsein der Fachperson erscheint, wenn diese die charakteristischen Merkmale der psychischen Störung durch das Schema der Idee geistig auffasst (vgl. mit Kant Zitat 7).

Man kann also so, wie dies Karl Jaspers erkannt hat, ein einzelnes psychisches Phänomen und auch die psychische Störung nur durch das Schema der Idee – und daher nur angenähert – erkennen, und es schreibt Karl Jaspers daher treffend, dass man in der Psychiatrie das Ganze als Idee und damit das Ganze der diagnostischen Einheit nicht geradezu erkennen kann. (vgl. mit Jaspers Zitat).

Wie man sich überzeugt kann ein Psychiater / Psychiaterin in der psychiatrischen Praxis und in der psychiatrischen Wissenschaft in diesem Sinn das Ganze als Idee nicht geradezu erkennen. Es wird nämlich eine einzelne psychische Störung mit der Hilfe der psychiatrischen Kategorie einer psychiatrischen Klassifikation erkannt, die das Schema der psychiatrisch-diagnostischen Idee ist. (vgl. mit Jaspers Zitat und Kant Zitat 7)

Es können also – so wie dies Karl Jaspers aufgezeigt hat – die psychischen Störungen (Krankheiten) durch diese Schemata der Ideen somit nur in Bezug auf Typen angenähert erkannt und diagnostisch bestimmt werden (vgl. mit Jaspers Zitat) und es läßt sich daher in der Psychiatrie die Idee der Krankheitseinheit in irgend einem einzelnen Fall niemals verwirklichen (vgl. mit Jaspers Zitat 6) – womit Karl Jaspers aussagt, dass eine psychische Krankheit (psychische Störung) nicht objektiv gültig, sondern nur subjektiv gültig bestimmbar ist.

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Weiteres* zur Basis des Wissens in der Psychiatrie als praktische Disziplin der Heilkunde und als empirische Wissenschaft in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im April 2019 im Verlag tredition

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(letzte Änderung 09.12.2019, abgelegt unter: Psychiatrie, psychiatrische Wissenschaft, Diagnostik)

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