Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Zur Entstehung der Psychiatrie als Wissenschaft

Die Psychiatrie entstand als Wissenschaft als Ärzte gewisse psychische Auffälligkeiten als Krankheiten der Psyche erkannten und anfingen diese systematisch zu studieren.

Philippe Pinel hat den Wahnsinn als psychische Krankheit bzw. als krankheitswertige psychische Störung erkannt und beschrieben (vgl. mit Pinel Zitat 2)

Obwohl der Begriff Psychiatrie damals noch gar nicht bekannt war – hat Pinel durch seinen kritischen Beobachtungsgeist, die aphoristische Sprache und die Methode der Classifikation erste psychische Symptomenkomplexe des Wahnsinns beschrieben (vgl. mit Pinel Zitat 2).

Auf diese Art und Weise sind also die unterschiedlichen psychische Symptome und psychischen Phänomene – somit die charakteristischen einzelnen psychopathologischen Phänomene – und in weiterer Folge die charakteristischen psychischen Symptomenkomplexe der unterschiedlichen psychischen Störungen erkannt und ärztlich beschrieben worden.

Man hat also in der Psychiatrie auf der Grundlage der unterschiedlichen psychischen Erscheinungen – somit auf der Grundlage der Phänomenologie bzw. der Psychopathologie – die unterschiedlichen klinischen Erscheinungsbilder als die Formen der verschiedenen psychischen Störungen in Analogie zur Naturgeschichte erkannt (vgl. mit Pinel Zitat 2).

Und es hat sodann einige Zeit später Wilhelm Griesinger eine erste umfassende psychiatrische Klassifikation mit den drei

Hauptgruppen„:

Psychische Depressionszustände,

Psychische Exaltationszustände

Psychische Schwächezustände

und dazu gehörige Untergruppen in seinem Buch: “Pathologie und Therapie der Psychischen Krankheiten” (2. Aufl., Berlin 1867) beschrieben.

Während man in der Medizin viele gesundheitliche Störungen und Krankheiten auf der Grundlage der körperlichen Erscheinungen und Merkmale, dabei zum Teil auch auf der Grundlage von körperlichen Fakten in der Natur, somit in diesen Fällen auf der Grundlage von körperlichen objektiven Befunden nach naturwissenschaftlichen Methoden studieren konnte, war dies in der Psychiatrie grundsätzlich nicht möglich.

In der Psychiatrie konnte man die psychischen Erscheinungen nur auf der Grundlage der psychischen Anomalie und damit nur psychologisch erkennen, wie dies Wilhelm Griesinger richtig erkannt hat (vgl. mit Griesinger Zitat). Wilhelm Griesinger hatte jedoch infolge seiner klinischen Beobachtung und klinischen Erfahrung vermutet, dass anatomische Veränderungen des Gehirns die Ursache der psychischen Krankheiten bilden und er war daher zuversichtlich, dass in Zukunft eine Klassifikation der psychischen Krankheiten auf der Grundlage der anatomischen Veränderungen des Gehirns möglich sein wird (vgl. mit Griesinger Zitat).

Ähnlich dachte später auch der Psychiater Emil Kraepelin, der geglaubt hat, dass die Psychiatrie auf der Grundlage des naturwissenschaftlichen Verständnisses sich zu einem kräftigen Zweige der medicinischen Wissenschaft fortentwickelt (vgl. mit Kraepelin Zitat 2).

Und es hat nochmals später auch Eugen Bleuler geglaubt, dass etwa die diagnostische Einheit Schizophrenie, die er aus der diagnostischen Einheit Dementia praecox abgeleitet hat, in Zukunft – so wie ein bakterielle Krankheit in der Medizin – wird diagnostiziert werden können und damit der Begriff Schizophrenie wird aufgelöst werden können (vgl. mit Bleuler Zitat 2).

Dementgegen hat Karl Jaspers auf der Grundlage der Philosophie von Immanuel Kant erkannt, dass in der Psychiatrie (Psychologie) die psychischen Erscheinungen nur auf der Grundlage von Ideen im Kantschen Sinne erkennbar sind und es schreibt daher Karl Jaspers in seinem Buch: „Allgemeine Psychopathologie“:Wenn ich das Ganze als Idee auch nicht geradezu erkennen kann, so nähere ich mich ihm – mit Kants Worten – durch das “Schema” der Idee (vgl. mit Jaspers Zitat).

Die Psychiatrie als Wissenschaft hat allerdings in den letzten Jahrzehnten nicht die Sichtweise von Karl Jaspers weiter verfolgt, sondern es ist die Psychiatrie der Sichtweise von Emil Kraepelin gefolgt und es waren die führenden Fachleute in der Psychiatrie, insbesondere nachdem vor einigen Jahrzehnten erste wirksame Substanzen, sogenannte Psychopharmaka entdeckt wurden, zuversichtlich in absehbarer Zeit gewisse psychische Störungen (psychische Krankheiten) biologisch begründet zu diagnostizieren.

Es waren also in der Psychiatrie in den letzten Jahrzehnten viele Fachleute zuversichtlich, dass man in der Psychiatrie gewisse psychische Krankheiten (psychische Störungen) biologisch und damit gewisse psychiatrische Diagnosen physisch in der psychiatrischen Diagnostik bestimmt werden können, so wie dies in der Medizin bei vielen gesundheitlichen Störungen (Krankheiten) und damit bei vielen medizinischen Diagnosen schon seit langem möglich war bzw. ist.

Die Erfahrung und die Ergebnisse der psychiatrischen Wissenschaft lehren jedoch, dass dies nicht möglich ist. Bis zum heutigen Tag konnte man noch kein einziges psychisches Phänomen und damit auch noch keine einzige psychische Störung biologisch bzw. physiologisch begründet in der Diagnostik bestimmen, sondern es werden nach wie vor sämtliche psychischen Störungen psychologisch bzw. psychopathologisch auf der Grundlage der psychischen Anomalie (vgl. mit Griesinger Zitat) somit auf der Grundlage der Psychopathologie oder man kann auch sagen: auf der Grundlage der Phänomenologie erkannt und diagnostisch bestimmt.

Durch die „Allgemeine Psychopathologie“ von Karl Jaspers und die Philosophie von Immanuel Kant – insbesondere die „Kritik der reinen Vernunft“ kann aufgezeigt werden warum dem so ist.

Dem ist so, weil ein einzelnes psychisches Phänomen und damit auch ein einzelnes psychopathologisches Phänomen und somit auch ein ganzer psychischer Symptomenkomplex und damit die psychische Störung und somit die zugehörige psychiatrische Diagnose – in den Worten von Karl Jaspers – nur in Bezug auf einen definierten Typus durch das Schema der Idee erkannt werden kann (vgl. mit Jaspers Zitat).

In den Worten von Immanuel Kant kann man sagen, dass die psychische Störung nur durch den Begriff der Idee erkannt werden kann, der als systematische Einheit im Bewusstsein der erkennenden Person erscheint, wenn diese Person die charakteristischen Merkmale der psychischen Störung durch das Schema der Idee geistig auffasst (vgl. mit Kant Zitat 7).

Man kann also so, wie dies Karl Jaspers erkannt hat, ein psychisches Phänomen und damit auch ein psychische Störung nur durch das Schema der Idee – und daher nur angenähert – erkennen und es schreibt daher Karl Jaspers treffend, dass man in der Psychiatrie das Ganze als Idee und damit das Ganze der diagnostischen Einheit nicht geradezu erkennen kann. (vgl. mit Jaspers Zitat).

Wie man sich überzeugt kann ein Psychiater / Psychiaterin in der psychiatrischen Praxis und in der psychiatrischen Wissenschaft in diesem Sinn das Ganze als Idee nicht geradezu erkennen. Es wird nämlich eine einzelne psychische Störung mit der Hilfe der psychiatrischen Kategorie einer psychiatrischen Klassifikation erkannt, die das Schema der psychiatrisch-diagnostischen Idee ist. (vgl. mit Jaspers Zitat und Kant Zitat 7)

Es können also – so wie dies Karl Jaspers aufgezeigt hat – die psychischen Störungen (Krankheiten) durch diese Schemata der Ideen somit nur in Bezug auf Typen angenähert erkannt und diagnostisch bestimmt werden (vgl. mit Jaspers Zitat) und es läßt sich daher in der Psychiatrie die Idee der Krankheitseinheit in irgend einem einzelnen Fall niemals verwirklichen (vgl. mit Jaspers Zitat 6) – womit Karl Jaspers aussagt, dass eine psychische Krankheit (psychische Störung) nicht objektiv gültig, sondern nur subjektiv gültig bestimmbar ist.

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Weiteres zur Entstehung der Psychiatrie als Wissenschaft in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im April 2019 im Verlag tredition

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(letzte Änderung 27.09.2018, abgelegt unter: Psychiatrie, psychiatrische Wissenschaft, Diagnostik)

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