Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Biologische Psychiatrie

Die Biologische Psychiatrie ist der Teilbereich der Psychiatrie der die biologischen Grundlagen von gewissen psychischen Störungen systematisch untersucht und den Zusammenhang der Psyche mit dem Körper durch biologische Theorien erklärt.

Man kann auch sagen: die Biologische Psychiatrie studiert die biologischen Ursachen von gewissen psychischen Störungen. Besser sagt man jedoch: die Biologische Psychiatrie untersucht unter anderem biologische Faktoren, die zum Auftreten von gewissen psychischen Störungen beitragen, weil es sich bei den Ursachen der psychischen Störungen um komplexe Ursachen bzw. um multifaktorielle Ursachen handelt.

Die Biologische Psychiatrie ist also mit den biologischen Befunden und deren Zusammenhang mit den psychischen Phänomenen – wie sie bei gewissen psychischen Störungen – vorkommen befasst und untersucht dies nach den Methoden der Wissenschaft. In diesem Sinn ist die Biologische Psychiatrie ein Teilbereich der psychiatrischen Wissenschaft.

Die Biologische Psychiatrie ist in der Psychiatrie also insbesondere mit den psychischen Störungen befasst, bei denen man seit langer Zeit nach biologischen Faktoren, nach biologischen Markern sucht – in der Hoffnung die jeweilige psychische Störung dadurch objektiv gültig und damit allgemein bestimmen zu können – oder jedenfalls die psychiatrische Diagnose dadurch valide und reliabel bestimmen zu können.

Man forscht in der psychiatrischen Diagnostik nämlich schon seit langem, nicht nur nach körperlichen bzw. physischen Ursachen von gewissen psychischen Störungen, sondern auch nach den „physischen“ „Grenzen“ von gewissen diagnostischen Einheiten (Anmerkung: diese Forschungsziele werden allerdings seit einiger Zeit auf gewissen websites der Biologischen Psychiatrie nicht mehr vertreten, sondern es strebt die Biologische Psychiatrie nun danach einen relevanten Beitrag zur Entwicklung einer integrativen psychiatrischen Diagnostik zu liefern.)

Bis vor kurzem war es aber noch das erklärte Ziel der Biologischen Psychiatrie etwa die biologischen Ursachen und die physischen „Grenzen“ der Schizophrenie zu finden. So suchte man z.B. schon seit langem auf körperlicher, also auf anatomischer Ebene, auf histologischer Ebene, auf der Ebene der Genetik, weiters durch die biochemische Forschung und auch mit der Methode der Funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) durch bildgebende Befunde und auch mit anderen physischen Methoden nach biologischen Merkmalen bzw. nach physischen Parametern, die man auch als „biologische Marker“ bezeichnen kann, um auf dieser Grundlage die jeweilige psychische Störung objektiv gültig und damit allgemein gültig zu bestimmen. Bisher ist es allerdings noch nicht gelungen solche Marker zu finden, die gesetzmäßig zum Beispiel bei einer psychischen Störung vom Typ einer Schizophrenie, oder die bei irgend einer anderen psychischen Störung vorkommen.

Hingegen kann man durch die biologischen Theorien, die man in der Biologischen Psychiatrie entwickelt hat, das Auftreten von manch einer psychischen Störung biologisch begründet erklären. So kann man z.B. das Auftreten einer schizophrenen Störung als Folge einer Störungen auf der Ebene der Rezeptoren auf den Nervenzellen des Gehirns erklären. Dadurch kann man eine solche psychische Störungen in gewisser Hinsicht biologisch begründet verstehen was auf Grundlage der Psychologie bzw. auf Grundlage der Normalpsychologie nicht möglich ist.

Man täuscht sich jedoch, wenn man glaubt auf Grundlage von solchen (biologischen) Theorien bzw. auf der Grundlage von solchen Modellen zukünftig den Zusammenhang der psychischen Phänomene mit den körperlichen Ursachen wird erkennen und bestimmen zu können.

Es ist richtig wenn man sagt, dass ein psychisches Phänomen auf einer biologischen Basis, nämlich auf Grundlage der neuronalen Funktion also auf Basis der neuronalen Aktivität der Nervenzellen entsteht.

Demgemäß kann man auch sagen, dass auch ein psychopathologisches Phänomen und infolge auch eine psychische Störung eine biologische Basis hat. Man wird jedoch niemals die Relation eines psychischen Phänomens mit seinem biologischen Substrat im individuellen Fall allgemein gültig – das heißt objektiv gültig – bestimmen können. Dies ist grundsätzlich nicht möglich, weil die Relation zwischen dem psychischen Phänomen und dem körperlichen Substrat – als dessen Folge das psychische Phänomen entsteht – nicht bekannt ist und grundsätzlich nicht bestimmbar ist, weil es den großen Unterschied zwischen den Erkenntnisobjekten gibt (vgl. mit Kant Zitat 7 ; Weiters dazu auf Poster 6: Diagnosis in Psychiatry – the Role of Biological Markers – an investigation in the light of Immanuel Kant`s philosophy; und in meinem Buch).

Daher kann man z.B. aus einem bildgebenden Befund, wie er zum Beispiel mit der Methode der Funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) erhoben wird, nicht erkennen, ob im konkreten Fall eine psychische Störung besteht und von welchem Ausmaß die psychische Störung ist. In gleicher Weise kann man auch aus dem Serotoninspiegel (im Blut oder Liquor) nicht erkennen, ob eine Person depressiv ist oder ob sie nicht depressiv ist. Sehr wohl kann man jedoch das klinische Erscheinungsbild einer Psychose, etwa das einer akuten Schizophrenie durch bildgebende Befunde der Funktionellen Magnetresonanztomographie erklären und diese psychische Störung dadurch begründet besser – nämlich biologisch fundiert – verstehen.  Ähnlich kann man auch eine depressive Störung (Depression), nachdem die psychische Störung psychopathologisch – also auf der Grundlage der Psychopathologie – oder man kann auch sagen aufgrund der Phänomenologie – bestimmt worden ist durch den niedrigen Serotoninspiegel erklären.

Die Bestimmung einer psychischen Störung durch biologische Befunde ist jedoch grundsätzlich nicht möglich, weil ein psychisches Phänomen ein ganz anderes Erkenntnisobjekt ist, als ein körperliches Phänomen bzw. als ein „physisches“ Phänomen respektive ein physischer Befund den man objektiv gültig messen und damit allgemein gültig bestimmen kann. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Ein psychisches Phänomen ist etwas war nur im Bewusstsein der erkennenden Person als der Begriff der Idee erscheint (vgl. mit Kant Zitat 7) (gr. phenomenon – das was erscheint, das Erscheinende), wohingegen ein körperliches Phänomen etwas körperliches bzw. etwas „physisch“ existentes ist, das in vielen Fällen als biologischer Befund physisch (physikalisch, physiologisch, biologisch, bildgebend etc.) gemessen und daher allgemein gültig bestimmt werden kann.

Bei einem psychischen Phänomen handelt es sich also um ein mentales Erkenntnisobjekt das als der Begriff der Idee im Bewusstsein der erkennenden Person erscheint (vgl. mit Kant Zitat 7), wohingegen es sich bei einem körperlichen Phänomen um ein physisches Erkenntnisobjekt handelt, das man in der Regel auf der Ebene der physischen Objekte physisch untersuchen, physisch messen und physisch bestimmen kann (vgl. mit Kant Zitat 7). Während man also gewisse physiologische Phänomene objektiv gültig und damit allgemein gültig messen kann, ist dies bei einem psychischen Phänomen grundsätzlich nicht möglich.

Ein psychisches Phänomen ist also etwas ganz anderes als ein körperliches Faktum (vgl. mit Kant Zitat 7 und auch mit Kant Zitat 4).

Daher kann man die Relation zwischen einem psychischen Phänomen und dem körperlichen Substrat auf dessen Grundlage es entsteht nicht bestimmen (Weiteres dazu auf Poster 6).

Ein psychisches Phänomen entsteht als Folge der sinnlichen Wahrnehmung und des individuellen mentalen Prozesses im Bewusstsein der Person. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Infolge dieser individuellen Gegebenheiten gibt es keine allgemein gültig bestimmbare – und damit keine objektiv bestimmbare – Relation zwischen einem psychischen Phänomen und der neuronalen Funktion auf dessen Grundlage es entsteht.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch gesprochen handelt es sich beim psychischen Phänomen um den Begriff der Idee der als systematische Einheit im Bewusstsein erscheint, wenn die Merkmale der Idee durch das Schema der Idee geistig aufgefasst werden (vgl. mit Kant Zitat 7). Man kann auch sagen, wenn durch die geistige Analyse und Synthese – also durch das fachliche Denken – hier durch das psychiatrische Denken – vom Psychiater/Psychiaterin – der fachliche Begriff erkannt wird (vgl. mit Kant Zitat 7).

Eine solche Einheit bzw. eine solche Idee kann man nicht objektiv gültig bestimmen, weil ein solch mentales Erkenntnisobjekt keinen direkten Bezug zu einem körperlichen Objekt hat (vgl. mit Kant Zitat 7). Man kann auch sagen, weil eine solche Idee in Abhängigkeit von individuellen Voraussetzungen entsteht, die durch das erkennenden Subjekt bestimmt sind. Daher kann man eine solche Idee – wie dies Immanuel Kant in Bezug auf die psychologischen Ideen schon vor mehr als 200 Jahren erkannt hat – nicht allgemein gültig bestimmen. (vgl. mit Kant Zitat 4)

Und es gilt dies auch für die psychiatrischen Ideen.

Mit nochmals anderen Worten: eine solche Idee hängt von der individuellen Sichtweise der erkennenden Person und vom individuellen mentalen Prozess der erkennenden Person ab und sie hängt auch von einer Konvention ab – wie sie in der verwendeten psychiatrischen Klassifikation definiert worden ist – daher kann eine solche Einheit, die eine systematische Einheit ist, nicht allgemein gültig bestimmen.

Wie man sich überzeugt ist eine psychologische Idee und auch eine psychiatrische Idee eine bloße Idee im Sinn von Immanuel Kant (vgl. mit Kant Zitat 4) und man kann daher eine solche Idee bzw. den Begriff einer solchen Idee, der ein regulativer Begriff ist, nicht allgemein gültig bestimmen. Es ist also nicht möglich, dass man ein solches Erkenntnisobjekt auf ein Objekt bzw. auf ein Faktum zurückführt und auf dieser Grundlage das Erkenntnisobjekt allgemein gültig bestimmt, wie dies z.B. in der Medizin in vielen Fällen bei einer medizinischen Verdachtsdiagnose und somit bei der medizinischen Erkenntnis möglich ist. (vgl. mit Kant Zitat 9)

Diesen Sachverhalt hat Psychiater und Philosoph Karl Jaspers auf der Grundlage der Philosophie von Immanuel Kant erkannt. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Daher schreibt Karl Jaspers: Wenn ich das Ganze als Idee auch nicht geradezu erkennen kann, so nähere ich mich ihm – mit Kants Worten – durch das “Schema” der Idee. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Man kann daher ein psychisches Phänomen nicht auf der Grundlage der Körperlichkeit bestimmen. Man kann ein solches Phänomen nicht aus einem körperlichen Befund ableiten und auf der Grundlage der Körperlichkeit bestimmen. Mit anderen Worten: man kann nicht schon aus der Körperlichkeit erkennen und wissen um was für ein psychisches Phänomen es sich handelt wenn ein Individuum etwas erlebt. Daher kann man nicht allgemein gültig wissen um was für einen  physischen Befund es sich handelt. Daher kann man z.B. die Diagnose Schizophrenie nicht auf der Grundlage von körperlichen, „physischen“ bzw.  objektiven Befunden bestimmen und daher auf dieser Grundlage objektivieren.

Und man kann daher eine psychiatrische Diagnose nicht wirklich physisch valide bestimmen – was soviel bedeutet: eine integrative Diagnostik im Sinn der Biologischen Psychiatrie ist nicht möglich.

Man kann also eine solche Idee nicht auf der Grundlage von körperlichen Ursachen bestimmen. Der Begriff eines psychischen Phänomens ist nämlich das Schema der Idee das als der Begriff der Idee im Bewusstsein der erkennenden Person als systematische Einheit erscheint. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Weil es sich bei einer psychologischen Idee und auch bei einer psychiatrischen Idee um eine bloße Idee handelt, kann man eine solche Idee nicht objektiv gültig bestimmen. (vgl. mit Kant Zitat 4)

Es handelt sich dabei also um eine systematische Einheit  (vgl. mit Kant Zitat 7 und mit Kant Zitat 8).

Eine solche Idee bzw. eine solche Einheit kann man nicht objektivieren – weil eine solche Einheit bzw. eine solche Idee sich nicht auf ein real existentes Objekt bezieht. (vgl. mit Kant Zitat 8 und mit Kant Zitat 7)

Ein solches Erkenntnisobjekt bzw. eine solch Idee „existiert“ lediglich auf der Ebene der Vorstellungen im Bewusstsein der erkennenden Person als  Konzept – eben als projektierte Einheit, die als systematische Einheit im Bewusstsein der erkennenden Person erscheint. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Mit anderen Worten: es gibt kein physisches Pendant zu einem solchen, mentalen Pendant das man objektiv „physisch“ messen und objektiv „physisch“ bestimmen kann.

Das mentale Erkenntnisobjekt entsteht als Folge der individuellen Sinneswahrnehmungen und als Folge der individuellen mentalen Prozesse im Bewusstsein der erkennenden Person als „Einheit“ – als Begriff – unter dem man einen gewissen Symptomenkomplex erfasst. Diese Einheit ist jedoch nicht eine wirklich existente Einheit – sie ist eine virtuelle Einheit, die nur auf der Ebene der Gedanken als Einheit erscheint – es gibt kein reales „physisches“ Pendant im Sinn einer real abgegrenzten „Einheit“. Daher schreibt Karl Jasper – der eine solche Einheit als das „Ganze“ bezeichnet – ich mich dem Ganzen als Idee durch das Schema der Idee nur nähern kann (vgl. mit Jaspers Zitat).

Dies hat unter anderem zur Folge: wie dies im Prinzip bereits Wilhelm Griesinger erkannt hat – man muss bei den Formen der einzelnen psychischen Krankheiten (Störungen) dieÜbergänge der einzelnen Formen in einander freilich wohl beachten„. (vgl. mit Griesinger Zitat)

Nur auf unserer mentalen Ebene erscheinen die psychiatrischen Einheiten als „abgegrenzte“ Einheiten, die für sich „existieren“ – weil sie durch die entsprechende psychiatrische Kategorie so definiert worden sind. In der Realität bzw. in der Natur gibt es jedoch keine abgegrenzte Einheit, die man auf der Grundlage von körperlichen Befunden finden und objektiv bestimmen kann. Dass Menschen denken, dass es eine solche Einheit bzw. solche Einheiten gibt – ist die Folge des menschlichen Denkens bzw. die Folge des menschlichen Auffassens und Verstehens der Zusammenhänge (vgl. mit Kant Zitat 10). Oder man kann auch sagen: es ist dies die Folge der klinischen Erfahrung und der vernünftigen Überlegung.

Es ist nahe liegend warum Ärzte so gedacht haben, dass man auf der Ebene der Körperlichkeit abgegrenzte Einheiten für gewisse psychische Störungen finden kann.  Wenn man den Sachverhalt jedoch kritisch betrachtet, dann findet man, dass es eine abgegrenzte Einheit nur als definierte Einheit auf der Ebene der Gedanken gibt – aber nicht auf der Ebene der „physischen“ Objekte – daher hat man bisher auf der physischen Ebene auch keine solche „abgegrenzten“ Einheiten finden können – die den mental definierten Einheiten entsprechen. (vgl. mit Kant Zitat 10)

Es ist also verstehbar, dass man insbesondere bei den psychischen Störungen, die man nicht auf der Grundlage des normalen Erlebens verstehen und erklären konnte, nach solchen „physisch“ abgegrenzten Einheiten gesucht hat – und (zum Teil) in der Wissenschaft weiterhin noch sucht.

Es ist also verständlich, dass Emil Kraepelin ähnlich wie Wilhelm Griesinger (vgl. mit dem Griesinger Zitat) geglaubt hat, dass man bei gewissen psychischen Krankheiten (vgl. mit Kraepelin Zitate 1) gesetzmäßige Beziehungen zwischen den körperlichen Vorgängen und den psychischen Erscheinungsformen finden wird, auf deren Grundlage man diese Einheiten allgemein gültig bestimmen kann (vgl. mit Kraepelin Zitat 8). Und dass daher Emil Kraepelin zur Sichtweise gelangt ist, dass die Psychiatrie auf der Grundlage des  naturwissenschaftlichen Verständnisses sich zu einem kräftigen Zweig der medicinischen Wissenschaft fortentwickelt (vgl. mit Krapelin Zitat 2). Die Erfahrung – insbesondere die Ergebnisse der Wissenschaft und damit der Biologischen Psychiatrie lehren jedoch, dass dem nicht so ist – und es bestätigt sich mehr und mehr die Sichtweise von Karl Jaspers. (vgl. mit Jaspers Zitat 6)

Die Erfahrungen in der Forschungen bestätigen also, dass es in der Psychiatrie keine abgegrenzten Einheiten gibt. Auf der Ebene der neuronalen Prozesse, auf der Ebene der neuronalen Funktion gibt es somit keine „Grenze“, keine Diskontinuität gegenüber der Normalität und gegenüber benachbarten psychischen Erscheinungen. Daher muss man – wie es Wilhelm Griesinger treffend formuliert hat – die „Übergänge der einzelnen Formen in einander freilich wohl beachten“ (vgl. mit Griesinger Zitat) – und man muss daher in der Psychiatrie (Psychologie und Psychotherapie) auch den Übergang zur Normalität freilich wohl beachten.

Man kann also eine psychiatrische Einheit nur auf der mentalen Ebene – nach der psychischen Anomalie – psychologisch bzw. nur psychopathologisch und damit nur phänomenologisch erfassen und diagnostizieren (vgl. mit Griesinger Zitat).

Eine psychiatrische Diagnose kann man jedoch niemals auf der Grundlage von physischen Parametern (biologischen Marker) objektiv gültig bestimmen. Man kann höchstens manch eine psychiatrische Diagnose durch physische Befunde allgemein anerkannt erklären – aber objektivieren kann man sie dadurch nicht.

Im Zweifelsfall kann man in der Psychiatrie nicht auf der Grundlage von körperlichen Befunden allgemein gültig entscheiden, ob eine psychiatrische Diagnose zutreffend ist. Man kann z.B. im Zweifelsfall nicht auf der Grundlage eines objektiven Befundes entscheiden, ob eine Person etwa an einer Demenz leidet. Der körperliche Befund ist also kein Befund durch den man das psychische Phänomen und damit die psychiatrische Diagnose allgemein gültig bestimmen kann. Es ist zwar dieser Befund für sich – die Gehirnatrophie, oder der bildgebend sichtbare Zustand nach ischämischem Infarkt, oder das farbige Bild bzw. die bildgebende Einheit, wie sie etwa in der funktionellen Bildgebung feststellbar ist – für sich objektiv gewiss – aber, ob eine Person eine Demenz „hat“ bzw. an einer Demenz leidet ist im Zweifelsfall trotz dieses Befundes nicht objektiv gewiss. Das heißt man kann die psychiatrische Diagnose „Demenz“ – oder eine andere psychiatrische Diagnose durch einen physischen Befund nicht objektivieren.

Eine psychiatrische Diagnose kann immer nur auf der Ebene der Vorstellungen – philosophisch gesprochen – auf der Ebene der Ideen – und zwar auf der Ebene der bloßen Ideen – durch das Abwägen der Ideen gegeneinander festgestellt werden. Etwa aufgefundene physische Befunde (-> siehe Diagnosen der 1. Schicht gemäß der Schichtenregel nach Karl Jaspers) können nur helfen eine solche Diagnose allgemein anerkannt zu erklären und allgemein anerkannt zu verstehen, wenn die Zeichen deutlich sind – aber objektivieren kann man die psychiatrische Diagnose dadurch nicht.

Wenn das klinische Erscheinungsbild typisch ist, dann werden in der Regel alle befassten Fachleute bezüglich der psychiatrischen Diagnose übereinstimmen – insbesondere dann wenn zusätzlich zum psychischen Befund solche körperlichen Befunde vorliegen. Die körperlichen Befunde liefern also zusätzliche Informationen – womit es sich um Zusatzbefunde handelt.  Wenn das klinische Erscheinungsbild jedoch untypisch ist bzw. wenn es also wenig deutlich ausgeprägt ist, dann kann man nicht durch solche zusätzlichen physischen Befunde die psychiatrische Diagnose „sichern“ bzw. validieren.

Das bedeutet die Validität und die Reliabilität kann durch derartige biologische Zusatzbefunde nicht wirklich erhöht werden. Man kann in der Psychiatrie nicht wie dies in der Medizin in vielen Fällen möglich ist die medizinische Diagnose allgemein gültig bestimmen.

Die Erkenntnis in der Psychiatrie ist und bleibt eine nur subjektiv gültige Erkenntnis. Eben weil die Gesetze der körperlichen Erscheinungen von ganz anderer Art sind als das was bloß für den inneren Sinn gehöret. (vgl. mit Kant Zitat 4)

Man kann auch sagen: das psychiatrische Denken gründet sich generell in der Psychiatrie – und auch in der Biologischen Psychiatrie – auf die Phänomenologie und damit auf die Psychopathologie und nicht auf biologische Befunde. Es bildet also auch in der Biologischen Psychiatrie das geisteswissenschaftliche Denken die Grundlage der psychiatrischen Denkens und damit die Grundlage der psychiatrischen Diagnostik und nicht das naturwissenschaftliche Denken.

Eine psychiatrische Diagnose kann immer nur phenomenologisch auf der Grundlage des psychischen Symptomenkomplexes erkannt und diagnostisch bestimmt werden. (vgl. mit Kant Zitat 4) Man kann, um beim  Beispiel der Demenz zu bleiben, nicht aus einem bildgebenden Befund erkennen, ob die betroffene Person dement ist oder ob sie nicht dement nicht – das heißt die Objektivierung der psychiatrischen Diagnose durch den objektiven physischen Befund ist grundsätzlich nicht möglich- eben weil man die Relation der unterschiedlichen Erkenntnisobjekte zu einander nicht kennt und diese auch nicht bestimmen kann. (Weiteres dazu auf Poster 6: Diagnosis in Psychiatry – the Role of Biological Markers – an investigation in the light of Immanuel Kant`s philosophy)

Weil man psychische Phänomene nur auf der Ebene der Vorstellungen bzw. nur auf der Ebene von nicht-objektivierbaren Ideen erfassen kann,  muss man die Einheiten der psychischen Störungen auf der mentalen Ebene definieren. Das heißt man kann psychische Erscheinungen nur durch definierte Begriffe erfassen. (vgl. Jaspers Zitat 6 mit Jaspers Zitat3 und mit Kant Zitat 8). Und es schreibt daher Karl Jaspers treffend, dass es sich bei diesen Schemata um methodische Hilfsmittel handelt, die grenzenlos korrigierbar und verwandelbar sind. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Man kann psychische Erscheinungen nur mittels solcher systematischer Einheiten erfassen – man muss der Idee einen „Gegenstand“ geben (vgl. mit Kant Zitat 8) – aber in der Realität der physischen Objekte  – in der „physis“ – gibt es keine solche abgrenzten Einheiten, die den psychischen Erscheinungen bzw. den psychischen Symptomenkomplexen entsprechen – man muss daher dieÜbergänge der einzelnen Formen in einander freilich wohl beachten – wie dies Wilhelm Griesinger erkannt hat.

Und es bewahrheitet sich bei den psychiatrischen Kategorien, dass diese Schemata methodische Hilfsmittel sind die grenzenlos korrigierbar und verwandelbar sind. (vgl. mitJaspers Zitat)

Weil es sich bei einer psychiatrischen Idee um eine bloße Idee handelt – ist der Begriff einer solchen Idee ein regulativer Begriff. Ein regulativer Begriff macht eine Aussage über die Relation gleichartiger Inhalte zueinander. Einen solchen Begriff kann man jedoch nicht objektivieren und man kann ihn auch nicht „physisch“ absichern und auch nicht physisch „erhärten„. Daher bemüht sich die Biologische Psychiatrie vergeblich wenn sie nach biologischen Befunden sucht, die einen relevanten Beitrag zur psychiatrischen Diagnostik im Sinn einer integrativen psychiatrischen Diagnostik liefern.

Eine solche Absicherung einer psychiatrischen Erkenntnis ist grundsätzlich nicht möglich. (vgl. mit Kant Zitat 7 und Kant Zitat 4 und Jaspers Zitat)

Wegen des großen Unterschieds der Erkenntnisobjekte (vgl. mit Kant Zitat 7) können biologische Befunde keinen integrativen Beitrag in der psychiatrischen Diagnostik liefern, jedenfalls nicht im Sinn der Validierung.

Es gibt keine definierte und bestimmbare Relation zwischen einem psychischen Phänomen und einem körperlichen Phänomen bzw. einem körperlichen Objekt (Weiteres dazu auf Poster 6). Ein psychisches Phänomen kann man daher nicht auf der Grundlage der Körperlichkeit bestimmen. Daher sind all die Forschungen, etwa im Bereich der funktionellen Bildgebung, soweit sie um die Objektivierung von psychiatrischen Diagnosen bemüht sind vergeblich, ebenso sind die Forschungen in den anderen Bereichen der psychiatrischen Forschung, soweit  sie um die Objektivierung einer psychiatrischen Diagnose bemüht sind – oder sie um die Validität und Validierung und um die Reliabilität und damit um die Absicherung einer psychiatrischen Diagnose bemüht sind – vergeblich. Solche“physische“ Befunde bzw. Informationen, wie sie die Wissenschaft bzw. die Forschung in der Biologischen Psychiatrie hervorbringt stellen zusätzliche Informationen dar – wenn man eine psychiatrische Diagnose bereits vorweg auf der Grundlage der psychischen Phänomene bzw. auf der Grundlage der Phänomenologie diagnostisch erfasst und bestimmt hat. Man kann durch solche Befunde eine psychiatrische Diagnose besser erklären und besser erläutern – inbesondere wenn das klinische Erscheinungsbild typisch ist aber „sichern“ und „validieren“ – wenn das klinische Erscheinungsbild untypisch ist – um die psychiatrische Diagnose dadurch verlässlich zu bestimmen – das können solche Befunde nicht leisten.

Eben weil das psychiatrische Denken sich immer auf der Ebene der bloßen Ideen bewegt. Daher täuscht man sich in der Biologischen Psychiatrie wenn man glaubt hier die Erkenntnis „absichern“ bzw. „erhärten“ zu können. (vgl. mit Kant Zitat 22)

Das heißt man kann z.B. durch die funktionelle Bildgebung farbige Bilder erzeugen, die aufzeigen welche Gehirnareale in welchem Ausmaß aktiv sind –  und man findet damit bei gewissen psychischen Störungen besonders aktive oder wenig aktive Bereiche. Auf der Grundlage solcher Befunde kann man jedoch eine psychiatrische Diagnose nicht überprüfen – eben – weil es sich bei einem psychischen Phänomen bzw. dem Begriff eines psychischen Phänomens um ein ganz anderes Erkenntnisobjekt handelt als bei einem physischen Erkenntnisobjekt. (vgl. mit Kant Zitat 4 und mit Kant Zitat 7). Daher kann man durch das Eine das Andere nicht „sichern“ bzw. „erhärten„.

Eine körperliche Sache kann man oftmals objektiv – nämlich auf der Grundlage eines real existenten Objekts bestimmen. Eine psychologische Sache bzw. eine psychologische Idee und damit auch eine psychiatrische Idee kann man nicht objektiv und nicht „physisch“ bestimmen. Man kann sich einer solchen Idee nur durch das Schema – also durch die psychiatrische Kategorie oder durch den Begriff des Phänomens – der das Schema der Idee ist – nähern (vgl. Jaspers Zitat). Wie Karl Jaspers schreibt handelt es sich bei diesen Schemata um fruchtbarste Orientierungspunkte (vgl. mit Jaspers Zitat 6) – aber nicht um „wirkliche“ bzw. faktische oder „physische“ Einheiten, die man „physisch“ diagnostisch mit irgend welchen „physischen“ Methoden bestimmen kann.

Daher schreibt Karl Jaspers auch wie folgt:

Die Idee der Krankheitseinheit läßt sich in irgendeinem einzelnen Fall niemals verwirklichen. (vgl. Jasper Zitat 6)

Und die Resultate der psychiatrischen Wissenschaft und somit auch die der Biologischen Psychiatrie geben Karl Jaspers recht.

Karl Jaspers hat erkannt, dass es sich bei den Ideen in der Psychiatrie um Ideen im Sinn von Immanuel Kant handelt (vgl. mit Jaspers Zitat) – und auch Kant selbst schreibt, dass man sich hüten soll eine psychologische Idee für etwas anderes als eine bloße Idee zu halten (vgl. mit Kant Zitat 4) – „denn da mengen sich keine Gesetze körperlicher Erscheinungen, die ganz von anderer Art sind, in die Erklärungen dessen was bloß für den inneren Sinn gehöret ….“. (vgl. mit Kant Zitat 4)

In der Erkenntnisbasis findet sich also der tiefer liegende Grund warum die Bemühungen eine psychiatrische Diagnose zu objektivieren bzw. zu „erhärten“ bisher vergeblich waren – und vorhersehbar auch in Zukunft vergeblich sein werden. (Weiteres dazu auf Poster 6: Diagnosis in Psychiatry – the Role of Biological Markers – an investigation in the light of Immanuel Kant`s philosophy)

Und man kann somit sagen, dass Robert Kendell und Assen Jablensky dem Sachverhalt näher gekommen sind, wenn sie im Amercian Journal of Psychiatry geschrieben haben, dass es wenig Evidenz für abgegrenzte Einheiten in der Psychiatrie gibt. (-> Am J Psychiatry 2003;160:4-12. 10.1176/appi.ajp.160.1.4)

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Hinweis:

Weiteres über die biologische Psychiatrie in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im April 2019 im Verlag tredition

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(letzte Änderung 04.08.2020, abgelegt unter: Definition, Diagnostik, Physiologie, Psyche, Psychiatrie, biologische Psychiatrie, psychiatrische Wissenschaft,  Wissenschaft)

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