Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Normal

Normal ist was in der Norm gelegen ist.

Demgemäß wird als normal beurteilt was in der Norm gelegen ist.

Was außer halb einer Norm gelegen ist wird als abnorm oder unter Umständen als krank oder als krankheitswertig respektive als pathologisch bezeichnet. Dies kann eine gesundheitliche Störung (Krankheit) des Körpers betreffen oder eine krankheitswertige Störung der Psyche also eine psychische Störung.

Man muss dabei unterscheiden, ob es sich bei der Norm um eine persönliche Norm handelt, oder um eine Norm, die allgemein gültig ist, weil sie unabhängig vom erkennenden Subjekt festgestellt worden ist, was auf die statistische Norm in Bezug auf die Objekte bzw. die objektiven Befunde zutreffend ist.

Es macht also einen Unterschied, ob etwas von einer Person bzw. vom erkennenden Individuum durch den subjektiven Maßstab gemessen bzw. abgeschätzt als normal beurteilt wird, oder ob etwas durch den allgemein gültigen Maßstab gemessen als normal beurteilt wird.

Und man muss auch unterscheiden, ob etwas auf der Ebene der demonstrierbaren Objekte bzw. auf der Ebene der körperlichen Fakten gemessen und beurteilt werden kann, oder ob etwas nur auf der Ebene  der Ideen geistig „ermessen“ und daher nur auf der Grundlage einer Idee beurteilt werden kann. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Was normal ist wird somit entweder subjektiv evident als normal erkannt, oder es wird dies objektiv evident als normal erkannt. Man muss demgemäß bei der Normalität zwischen Normalität im Sinn der subjektiven Evidenz und Normalität im Sinn der objektiven Evidenz unterscheiden.

Was für ein einzelnes Individuum normal ist muss also nicht unbedingt mit dem übereinstimmen was statistisch gesehen normal ist. In der Regel wird es zwar zutreffend sein, dass die individuelle Norm innerhalb der statischen Norm gelegen ist, dies muss aber nicht unbedingt der Fall sein.

Im Hinblick auf physisch messbare Erkenntnisobjekte kann man sagen:

Man sollte dem Individuum keinen Zwang antun und dieses in die statische Norm „hineinzwingen“, wenn die individuelle Norm von der statischen Norm abweicht. Dies sollte inbesondere in der Medizin beachtet werden. So kann sich ein Individuum unter Umständen wohl fühlen und gesund sein, obwohl der Wert z.B. des Schilddrüsenhormons T3 oder T4 ausserhalb des Bereiches gelegen ist, der als normal angesehen wird. Dieser Wert der also unter Umständen gemäß der Statistik betrachtet also außerhalb der Norm gelegen ist kann für das spezielle Individuum normal sein und wäre es daher ein ärztlicher Irrtum bzw. ein Fehler dieses persönliche Maß nicht zu berücksichtigen. Es wird in der Regel der individuelle Wert zwar auch hier bei einem solchen körperlichen Befund in der statistischen Norm gelegen sein, aber bekanntlich hält die Natur sich nicht unbedingt an das Lehrbuch in dem die von den Menschen aufgestellten Regeln und Regelwerte niedergeschrieben worden sind, die man aus dem Studium der Natur abgeleitet hat. Sondern es sind im umgekehrten Sinn die Normwerte aus der Naturbeobachtung abgeleitet worden.

Im Hinblick auf nur geistig messbare Erkenntnisobjekte kann man sagen: 

Die Normwerte sind in diesem Fall aus rein menschlichen Wertvorstellungen abgeleitet worden. Es handelt sich dabei also nicht um Wertvorstellungen in Bezug auf die man in der Natur Beispiele finden und diese gemäß einer statischen Untersuchung den Mittelwert und die seitlich davon gelegenen als normal angesehenen Bereiche bestimmen und allgemein anerkannt festlegen kann, sondern handelt es sich in diesem Fall um rein ideologisch begründete Vorstellungen bzw. Wertvorstellungen, die sich in der jeweiligen Gesellschaft entwickelt haben.

Man muss also unterscheiden, ob sich die Wertvorstellung aus der Naturbeobachtung ergeben hat, oder ob die Wertvorstellung eine rein ideologisch begründete Wertvorstellung ist, die primär nichts mit der Natur – mit der physis zu tun hat und die man daher auch nicht physisch messen und statistisch physisch im Sinn der Naturwissenschaft bestimmen kann.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet beruht das was als normal angesehen wird auf einer Wertvorstellung und somit auf einem einem Werturteil. Es kann sich dieses Urteil – wie ausgeführt – auf ein Erkenntnisobjekt beziehen das auf der Ebene der Objekte, also auf der Ebene der Fakten bestimmbar ist (vgl. mit Kant Zitat 7). Oder es kann sich dieses Urteil auf ein Erkenntnisobjekt beziehen, das nur auf der Ebene der Ideen durch den Begriff einer Idee erkennbar ist (vgl. mit Kant Zitat 7). Während im erst genannten Fall das was normal ist physisch messbar ist, handelt es sich bei einem Erkenntnisobjekt das nur auf der Ebene der Vorstellungen durch den Begriff der Idee, somit durch das Schema der Idee erkennbar ist um eine systematische Einheit die im Bewusstsein der erkennenden Person als der Begriff der Idee erscheint (vgl. mit Kant Zitat 7). Eine solche Einheit kann nicht objektiv gültig, sondern nur subjektiv gültig erkannt und bestimmt werden.

Man muss also grundsätzlich unterscheiden, ob etwas auf der Ebene der Objekte objektiv gültig bestimmbar und objektiv gültig messbar ist, ob es hier einen allgemein gültigen Maßstab gibt, oder ob etwas nur auf der Ebene der Ideen erkennbar ist und messbar ist und es daher nur einen subjektiv gültigen Maßstab also nur einen geistigen Maßstab gibt gemäß dem etwas als mehr oder weniger normal erscheint. Ein solcher Normwert kann nicht allgemein gültig festgelegt werden. Sondern es kann ein solcher Normwert nur innerhalb einer Gesellschaft per Übereinkunft also per Konvention ohne Bezug auf eine natürliche Grundlage festgelegt werden und es muss daher ein solcher Normwert definiert werden. Man muss also in einem solchen Fall per Konvention festlegen was als normal angesehen wird und was als abnorm bzw. was als abnormal angesehen wird. Es kann also ein solcher Normwert nur subjektiv evident erkannt werden, wohingegen eine physisch messbarer Wert und damit ein solcher Normwert objektiv evident erkannt und bestimmt werden kann. Im einen Fall kann man also objektiv gültig feststellen, ob etwas normal ist, oder der Wert innerhalb der Normwerte – der Normalverteilung der Gauss`schen Glockenkurve – gelegen ist, im anderen Fall ist dies nicht möglich.

Der große Unterschied in den Erkenntnisobjekten (vgl. mit Kant Zitat 7) sollte somit in der Wissenschaft berücksichtigt werden, wenn man von der Normalität und der Validität und der Reliabilität spricht.

Einen Normwert der physisch messbar ist kann gemäß der Gauss`schen Glockenkurve statistisch bestimmt und so gesehen allgemein gültig bzw. allgemein anerkannt festgelegt werden. Ein Normwert, der nicht physisch messbar ist, sondern der nur auf der Ebene der Vorstellungen durch den Begriff einer Idee erkennbar ist kann nicht allgemein gültig bzw. nicht allgemein anerkannt festgelegt werden, sondern es ergibt sich ein solcher Wert der Normalität aus der Sichtweise die sich in dieser Gesellschaft mehrheitlich ideologisch begründet entwickelt hat.

Man kann zwar auch einen solchen Normwert mit dem zugehörigen statischen Normwert – den man auf der Grundlage von anderen subjektiv festgestellten Werten erhoben hat – vergleichen, dieser Vergleich ist jedoch nur auf der Ebene der Vorstellungen möglich und es kann daher im Zweifelsfall nicht allgemein gültig bzw. nicht objektiv gültig entschieden werden, ob der Wert normal ist. Dies ist in Bezug auf Normwerte betreffend die Psyche von Relevanz und es ist dies daher für die Psychologie und die Psychiatrie von Relevanz.

In der Praxis ist dies etwa bei der Feststellung der Fahrtauglichkeit von Relevanz. Oder es ist dies in der Psychiatrie z.B. bei der Feststellung einer krankheitswertigen psychischen Störung in der psychiatrischen Praxis von Relevanz, oder es ist dies in der psychiatrischen Wissenschaft von Relevanz, wenn die Frage ansteht, ob ein gewisser Fall in eine Studie aufgenommen werden soll. Und schließlich ist dies auch in der psychiatrischen Forensik von Relevanz wenn es um die Auswirkung einer psychischen Störung geht, die durch eine psychiatrisches Gutachten beurteilt wird.

Zum Teil ist dies auch in der Medizin von Relevanz, etwa bei der gutachterlichen Bewertung von angegebenen Beschwerden und Missempfindungen, ob es sich dabei um krankheitswertige Beschwerden handelt, die einen Krankenstand oder eine Invaliditätsrente rechtfertigen etc. Selbstverständlich ist dies auch in anderen Bereichen des Wissens von Relevanz und zwar immer dort, wo die Parameter bzw. die Kriterien nicht objektiv gültig, sondern nur subjektiv gültig  bestimmt werden können, etwa in der Kunst bei der Bewertung eines Werks im Sinn eines Kunstwerks usf.

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(letzte Änderung 16.02.2020, abgelegt unter: Norm, normal, Normalität, Philosophie)

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