Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Schizophrenie – gibt es eine Grenze zu benachbarten Einheiten?

Auf der mentalen Ebene gibt es eine solche Grenze. Ja es muss auf der mentalen Ebene eine solche Grenze geben, weil wir die Einheit Schizophrenie nur dialektisch von anderen Einheiten unterscheiden können, und diese psychische Störung durch das fachliche Verständnis nur so auffassen können.

Man kann die psychische Störung als diagnostische Einheit nur aufgrund der klinischen Erscheinung bzw. nur aufgrund des psychischen  Symptomenkomplexes erfassen den man als Schizophrene bezeichnet.

Wir können psychologische Ideen und psychiatrische Ideen grundsätzlich nur auf der Ebene der Vorstellungen, also nur auf der Ebene der Ideen auf Grundlage der Unterschiedlichkeit der Ideen erkennen.

Beim Diagnostizieren können wir die psychiatrischen Einheiten auf der Grundlage der Unterschiedlichkeit der Kategorien dialektisch unterscheiden und auffassen. Die psychiatrischen Kategorien sind nämlich die Schemata der psychiatrisch-diagnostischen Ideen, und diese müssen unterschiedlich definiert sein, ansonsten können wir mit diesen Kategorien keine unterschiedlichen Symptomenkomplexe auffassen. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Hingegen gibt es auf der physischen Ebene – auf der Ebene des neuronalen Substrats, auf dessen Grundlage die psychischen Phänomene entstehen keine Grenze zwischen solchen mental definierten Einheiten. Auf der physischen Ebene gibt es ein Kontinuum soweit damit die neuronale Aktivität gemeint ist. Natürlich gibt es erhebliche Unterschiede in der Aktivität der einzelnen neuronalen Bezirke, je nach der Art der psychischen Phänomene, und damit auch je nach der Art der psychischen Störung.

Aber am Übergang zwischen einem abnormen Phänomen zur Normalität, und am Übergang zwischen den psychischen Phänomenen untereinander gibt es jedoch keine Grenze oder Diskontinuität, die physisch sich darstellt und daher „physisch“ erfasst werden kann. Daher findet man auch im Abbild der neuronalen Aktivität, wie diese beispielsweise durch die funktionelle Bildgebung mittels der funktionellen Magnetresonanztomographie darstellbar ist keine solchen Grenzen.

Es ist so wie dies bereits Wilhelm Griesinger treffend erkannt hat, es müssen „die Varietäten und Übergänge der einzelnen Formen in einander freilich wohl beachtet werden„. (vgl. mit Griesinger Zitat)

Die Natur kennt keine Grenze zwischen der gesunden psychischen Funktion im Übergang zur kranken psychischen Funktion. Warum sollte die Natur hier eine Grenze haben, wo doch diese Grenze nur durch das menschliche Denken bzw. das menschliche Auffassen von psychischen Phänomenen auf der Ebene der Vorstellungen, die wir in der Form von Begriffen erlangen, entsteht? (vgl. mit Kant Zitat 8)

Bei einer psychischen Störung handelt es sich um eine funktionelle Störung. Ab einem gewissen Grad der Störung bekommt das Phänomen pathologische Relevanz, und ab diesem Grad der Auffälligkeit wird es in Folge einer entsprechenden Bewertung als psychopathologisches Phänomen benannt. Die Grenze des Phänomens wird also auf der Grundlage von subjektiver Wertung festgelegt, und wird damit das Phänomen durch einen entsprechenden Begriff benannt. (vgl. mit Kant Zitat 8)

Ab diesem Moment ist das Phänomen als systematische Einheit definiert, bzw. wurde es im Bewusstsein einer Person als Einheit erkannt und als Einheit aufgefasst.

Die Einheit entsteht also durch den Akt des Denkens.

Die Grenze der Einheit wird allemal durch ein menschliches Urteil bestimmt und festgelegt, und findet sich für dieses subjektive Urteil keine Grenze auf der Ebene des neuronalen Substrats. Man denke nur daran, dass bei einem nicht typischen Erscheinungsbild die eine Fachperson subjektiv unter Umständen schon davon überzeugt ist, dass es sich z.B. um eine Schizophrenie handelt, wohingegen eine andere Fachperson den selben Sachverhalt unter einem anderen klinischen Erscheinungsbild auffasst – weil in ihrem Bewusstsein der Sachverhalt eben unter diesem anderen klinischen Erscheinungsbild erscheint – und sie daher den Sachverhalt nicht so benennt wie die andere Fachperson.

Wie könnte man da erwarten, dass es auf der Ebene der „physis“, also auf der Ebene der neuronalen Funktion eine abgegrenzte Einheit gibt, die man „physisch“ bestimmen kann. Wie kann man hier eine biologische oder physiologische Grenze finden und bestimmen – wo doch diese Unterschiede lediglich auf der Ebene der Gedanken und Vorstellungen von verschiedenen Personen vorhanden sind?

Man erkennt damit, dass man auf der physischen Ebene keine Grenzen finden kann, für das was Menschen auf der mentalen Ebene definiert haben. (vgl. mit Kant Zitat 10)

Wie Immanuel Kant schreibt:

„… die Vernunft kann aber diese systematische Einheit nicht anders denken, als daß sie ihrer Idee zugleich einen Gegenstand gibt, … “ (vgl. mit Kant Zitat 8)

Wir müssen also einer Idee einen Begriff – und im Fall einer psychologischen Idee bzw. einer psychiatrischen Idee in der Wissenschaft einen definierten Begriff zuordnen, sonst können wir das psychische bzw. psychiatrische Phänomen nicht in Kategorien denken, bzw. nicht unter Begriffen auffassen. Tatsächlich gibt es aber auf der physischen Ebene – auf der Ebene auf der das psychische Phänomen infolge der neuronalen Aktivität entsteht – keine Grenze, die man ausfindig machen kann. (Weiteres dazu auf Poster 6: Diagnosis in Psychiatry – the Role of Biological Markers – an investigation in the light of Immanuel Kant`s philosophy)

Dies ist der Grund warum man in Rahmen der Forschungen nach biologischen Markern – etwa bei der Schizophrenie – z.B. durch die funktionelle Bildgebung bis zum heutigen Tag keine physischen Grenzen hat finden können und – soweit philosophisch vorhersehbar – auch zukünftig keine solche Grenzen wird finden können. In diesem Sinn wird man auch im Bereich der Genetik kein bestimmtes genetisches Muster finden das (absolut) festlegt, ob eine psychische Störung  von der Form einer schizophrenen Störung auftreten wird, oder nicht auftreten wird. Es wird vorhersehbar nicht möglich sein körperlich, physisch eine Ursache zu bestimmen was psychisch sich ereignet, bzw. was sich ereignen wird. Es gibt keine bestimmbare Relation zwischen dem Psychischen und dem Körperlichen. (Weiteres dazu auf Poster 6: Diagnosis in Psychiatry – the Role of Biological Markers – an investigation in the light of Immanuel Kant`s philosophy)

Natürlich spricht vieles dafür, dass gewisse genetische Konstellationen mehr zum Auftreten von gewissen psychischen Störungen disponieren, so wie es z.B. auch bekannt ist, dass hellhäutige Personen eher geneigt sind einen Sonnenbrand zu entwickeln als dunkelhäutige.

Aber wie könnte man schon im Vorfeld wissen, ob eine Person unter einer gewissen Bedingung mit Gewissheit die eine oder andere Störung entwickeln wird? – oder aus einer solchen Konstellation von Parametern erkennen, dass eine gewisse  psychische Störung permanent schon latent vorhanden ist, und daher durch den Nachweis von diesen Parametern (biologischen Markern) schon im Vorfeld die Diagnose objektivierbar ist?

Weder zwischen der Normalität und der Abnormität, noch zwischen dem Gesunden und dem beginnenden Kranken bzw. einer beginnenden psychischen Störung, noch zwischen benachbarten psychischen Störungen wird man auf der Ebene des neuronalen Substrats biologische Grenzen finden. Man kann lediglich bei bereits  phänomenologisch diagnostizierten psychischen Störungen allenfalls korrespondierde typische Unterschiede im Abbild der neuronalen Aktivität finden – aber „die Varietäten und Übergänge der einzelnen Formen in einander werden freilich wohl beachtet werden müssen. (vgl. mit Griesinger Zitat)

Wenn man erkannt hat, dass es einen grundsätzlichen Unterschied zwischen einem Gegenstand schlechthin und einem Gegenstand in der Idee gibt (vgl. mit Kant Zitat 7) – dann erkennt man auch, dass es unmöglich ist auf der physischen Ebene eine Grenze für etwas zu finden, für das es nur auf der mentalen Ebene – also auf der Ebene der Ideen – eine Grenze gibt. (Weiteres dazu auf Poster 6)

Damit ist natürlich nicht in Frage gestellt wird, dass ein Abbild der neuronalen Aktivität – wie es etwa durch die funktionelle Bildgebung mittels fMRT gewonnen wird zum vertieften Verständnis der Zusammenhänge beiträgt. Ebenso tragen auch die Ergebnisse der genetischen Forschungen zum vertieften Verständnis bei. Auf diesen Ebenen wird man allerdings keine Parameter zur Objektivierung einer psychischen Störung finden.

Vorhersehbar wird weiterhin gelten was Karl Jaspers gesagt hat: “ … Die Idee der Krankheitseinheit läßt sich in irgendeinem einzelnen Fall (in der Psychiatrie) niemals verwirklichen. …“ (vgl. mit Jaspers Zitat 6)

Dies ist so – und wird auch so bleiben – weil es sich bei den psychologischen Ideen und  psychiatrischen Ideen um bloße Ideen handelt, – die – philosophisch betrachtet gleichzeitig auch transzendentale Ideen sind (vgl. mit diesem Beitrag), – und die gleichzeitig auch systematische Einheiten sind, – und die gleichzeitig auch projektierte Einheiten sind, – und die gleichzeitig auch hypothetische Konzepte sind, – und die gleichzeitig auch methodische Hilfsmittel sind – wie dies Karl Jaspers treffend formuliert hat. (vgl. Jaspers Zitat)

Kurz gesagt: Es wird nicht möglich sein ein transzendentes Objekt physisch zu bestimmen, und es wird auch nicht möglich sein eine transzendentale Idee zu objektivieren.

Man missversteht eine psychiatrische Idee und auch eine psychologische Idee wenn man glaubt, dass man eine solche Idee objektiv bestimmen kann.

 

(letzte Änderung 22.04.2021)

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