Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

psychiatrisches Syndrom

Ein psychiatrisches Syndrom ist ein Syndrom das durch charakteristische psychische Symptome und psychische Phänomene definiert ist.

Man kann daher auch sagen: ein psychiatrisches Syndrom wird durch den charakteristischen psychischen Symptomenkomplex definiert.

Ein psychiatrisches Syndrom wird durch die psychiatrische Idee erkannt, in dem die  charakteristischen Merkmale des Syndroms durch den Bezug auf diese Idee bzw. durch das Schema dieser Idee aufgefasst werden (vgl. mit Kant Zitat 7). Dabei zeigt das Schema dieser psychiatrisch-diagnostischen Idee die Merkmale die die psychiatrische Kategorie der psychiatrischen Klassifikation definieren.

Weil psychische Symptome und psychische Phänomene – die auch als psychopathologische Phänomene bezeichnet werden – grundsätzlich nicht physisch bestimmt werden können, kann man auch ein psychiatrisches Syndrom nicht „physisch“ bestimmen. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Überhaupt kann ein Syndrom nicht „physisch“ bestimmt werden, wenn es sich auf Symptome und Phänomene gründet – weil diese Einheiten grundsätzlich nicht objektivierbar sind. Man kann ein solches Syndrom nur auf der Ebene der Vorstellungen – also nur auf der Ebene der Ideen – durch (kritische) Überlegung erkennen und daher nur subjektiv gültig „bestimmen“, und man kann eine solche Einheit, weil sie eine systematische Einheit ist (vgl. mit Kant Zitat 7) nur auf der Ebene der Ideen überprüfen. Man kann also bei einer solchen Einheit bzw. bei einer solchen Diagnose nur auf der Ebene der Ideen verschiedene Ideen gegeneinander abwägen und schließlich subjektiv gültig entscheiden, ob eine solche Idee zutreffend ist und in welchem Umfang sie zutreffend ist. Das heißt man kann eine solche Idee nicht objektivieren, weil sie durch eine nur problematisch zum Grund gelegte Einheit und damit durch ein Konzept erkannt wird. (vgl. mit Kant Zitat 8)

Karl Jaspers hat erkannt, dass eine Idee in der Psychiatrie eine Idee im Sinne von Immanuel Kant ist. (vgl. mit dem Jaspers Zitat und Jaspers Zitat 6).

Daher sagt Jaspers treffend, dass man eine solche Diagnose nur nach einem Typus und nicht nach einer Gattung bestimmen kann. (vgl. mit dem Jaspers Zitat)

Dies ist von fundamentaler Bedeutung. Man kann in der Psychiatrie und auch in der Medizin eine syndromale Diagnose nur nach einem Typus bestimmen. Man kann feststellen, ob die Idee, die man in Folge des klinischen Bildes gewinnt dem Typus – also dem definierten Ideal entspricht bzw. in welchem Ausmaß sie dem Ideal entspricht, ob sie ihm mehr oder weniger entspricht.

Man kann diese Diagnose jedoch nicht auf der Grundlage von objektiven Kriterien, also nicht auf der Grundlage von objektiven körperlichen Zeichen bzw. objektiven Befunden (Merkmalen) erkennen und entscheiden, ob sie zutreffend ist und in welchem Umfang sie zutreffend ist.

Daher sagt Karl Jasper, dass man eine psychiatrische Diagnose nur in Bezug einen Typus feststellen kann – womit auch ausgesagt ist, dass man eine solche Diagnose nur in Bezug auf eine definierte Idee bestimmen kann und daher diese Erkenntnis nur eine Annäherung an das Ganze der diagnostischen Einheit bzw. an das Ganze als Idee darstellt. (vgl. mit dem Jaspers Zitat)

Daher führt eine syndromale Diagnose generell nur zu relativer Erkenntnis, zu einer relativen Erkenntnis in Bezug auf die – per Konvention – festgelegte und angewandte Idee. Oder man kann auch sagen mit der Hilfe der psychiatrischen Kategorie, die die Merkmale des Schemas der Idee zeigt, kann man sich dem Ganzen als Idee nähern. (vgl. mit dem Jaspers Zitat)

Weil eine psychologische Idee nur relativ gültig ist, schreibt Immanuel Kant, dass man eine psychologische Idee nur relativistisch verwenden soll. (vgl. mit Kant Zitat 4)

Dies trifft auch auf eine psychiatrische Idee zu.

Tatsächlich wird dies in der psychiatrischen Praxis oftmals jedoch nicht beachtet. Vielfach wird – wenn eine psychiatrisch-diagnostische Idee gewonnen worden ist – diese so angesehen wie eine objektive Erkenntnis in der körperlichen Medizin. Das heißt es wird in der Psychiatrie vielfach nicht beachtet, dass eine psychiatrische Diagnose auf der Grundlage eines psychiatrischen Konzepts gewonnen wird und daher das erlangte Wissen nur relativ und nicht absolut gültig ist.

Immanuel Kant spricht in einem solchen Fall vom konstitutiven Gebrauch einer Idee. Tatsächlich ist der konstitutive Gebrauch einer Idee jedoch falsch (vgl. mit Kant Zitat 3a) und es zieht dieser falsche Gebrauch einer Idee die verschiedensten nachteiligen Konsequenzen nach sich. (mehr dazu auf diesem Beitrag und auf dem blog Konsequenzen)

In der Psychiatrie tut man oftmals so, als ob man eine allgemein gültige Erkenntnis erlangt hat, wenn die Kriterien einer psychiatrischen Diagnose erfüllt sind bzw. wenn die Kriterien einer psychiatrischen Kategorie der psychiatrischen ICD-10 Klassifikation oder DSM-V Klassifikation erfüllt sind. Tatsächlich sollte man jedoch bedenken wie die psychiatrischen Konzepte bzw. wie die Kategorien einer psychiatrischen Klassifikation entstanden sind. Nur dann wird man sich der Tatsache bewusst sein- und bewusst bleiben, dass es sich bei einer solchen Diagnose um eine nur relative und damit beschränkte Erkenntnis handelt. (vgl. mit Kant Zitat 3a)

Dieses fehlende Bewusstsein bezüglich der Relativität und Beschränktheit der psychiatrischen Erkenntnisse (Diagnosen) ist in vielerlei Hinsicht von Nachteil.

In der psychiatrischen Praxis werden Patienten oftmals mit psychiatrischen Diagnosen konfrontiert, die sie nicht mehr los werden, wenn sie einmal in Schriftform ihren Niederschlag gefunden haben. Es wird dann so getan, als ob ein für allemal – unabhängig vom weiteren Verlauf der gesundheitlichen Störung – vermeintlich „richtig“ und für alle Zeiten gültig die Diagnose gestellt worden ist, also z.B. der Patient „schizophren“ ist, weil bei ihm die entsprechenden Kriterien zur Zeit der Feststellung der Diagnose erfüllt waren. Eine solche Sichtweise ist jedoch grundsätzlich falsch und hält demgemäß einer tiefer gehenden Kritik nicht stand. Es wird damit deutlich, wie die falsche Verwendung der psychiatrischen Ideen und die falsche Verwendung der psychiatrischen Diagnosen die Stigmatisierung bewirkt.

Auch in der psychiatrischen Wissenschaft treten in Folge des falschen Gebrauchs der psychiatrischen Ideen die verschiedensten Probleme auf. Mehr dazu finden Sie auf Poster 3:

PROBABILITY IN MEDICINE AND IN PSYCHIATRY – IN THE LIGHT OF IMMANUEL KANT`S PHILOSOPHY

der am EPA Kongress 2010 in München vorgestellt worden ist.

Da in der Psychiatrie – und auch in der Medizin bei syndromalen Diagnosen – der Streit in Bezug auf mentale Objekte geführt wird, kann letztlich niemand objektiv gültig entscheiden und beweisen, dass das Gegenteil zutreffend ist, wenn man sich in diagnostischer Hinsicht nicht einig ist.

Man erkennt damit, dass ein Patient in Folge dieses Sachverhalts „schlechte Karten“ hat, wenn er sich gegen eine solche Diagnose wehrt, wenn keine kritische Fachperson bzw. keine im Sinn der Aufklärung aufgeklärte Fachperson verfügbar ist, die sich der Beschränktheit des psychiatrischen Wissens bewusst ist und ihm zur Seite steht und die Feststellungen angemessen relativiert.

Das Missverstehen einer psychiatrischen Diagnose hat also nicht selten eine Stigmatisierung zur Folge, die zwar so nicht beabsichtigt war, jedoch in Folge des falschen Gebrauchs der psychiatrischen Idee bzw. in Folge des falschen Verstehens der psychiatrischen Diagnose zu Stande kommt.

Im Gegensatz dazu ist eine kritische Fachperson sich der Begrenztheit und Relativität des psychiatrischen Wissens und überhaupt des Wissens in Bezug auf die Psyche bewusst und wird sie eine solche Idee nur relativistisch verwenden (vgl. mit Kant Zitat 4). Dies gilt nicht nur für das Wissen in der Psychiatrie sondern auch für das Wissen in der Psychologie und Psychotherapie.

Ein Psychiater/Psychiaterin, die die Relativität beachtet, wird den Sachverhalt einem Patienten angemessen erklären und können damit Konflikte und nachteilige Konsequenzen vermieden werden.

Nicht selten wird durch die falsche Verwendung der psychiatrischen (psychologischen, psychotherapeutischen) Ideen unnötiges bzw. vermeidbares Leid verursacht.

Abschließend kann man also festhalten, dass psychiatrisches Wissen – und somit auch eine psychiatrische Diagnose –  eine nur relative Erkenntnis ist, die – weil es so ist – mit angemessener Zurückhaltung zur Anwendung kommen sollte. Nur dann gereicht die Verwendung einer solchen Idee bzw. der Begriff eines psychiatrischen Konzepts dem Patienten zum Vorteil und nicht zum Nachteil. (vgl. mit Kant Zitat 4)

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(letzte Änderung 22.12.2019, abgelegt unter: Diagnostik, Psyche, Psychiatrie, Psychologie, Syndrom)

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