Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Psychiatrie ohne Philosophie – ist das möglich?

Die Psychiatrie der Gegenwart versteht sich vielfach als Psychiatrie, die nicht mehr auf die Philosophie angewiesen ist. Die Psychiatrie der Gegenwart und damit die psychiatrische Wissenschaft, insbesondere die biologische Psychiatrie möchte frei sein von jeglicher Ideologie, sie möchte so sein wie die Medizin, die ihre Erkenntnisse in weiten Bereichen auf eine biologische Basis gründet und ihre Diagnosen daher in vielen Fällen auf der Grundlage von objektiven Befunden bestimmen kann.*

Wenn man sich die Frage stellt, ob die Psychiatrie dieses Ziel je erreichen kann, so kommt man zur Erkenntnis, dass  eine Psychiatrie, die sich so versteht ihre eigene Erkenntnisbasis missversteht und daher dieses Ziel niemals erreichen kann.

Tatsächlich kann die Psychiatrie (Psychologie, Psychotherapie –  und auch der nicht objektivierbare Teilbereich der Medizin) niemals ohne Ideenlehre ihr Wissen erlangen.

In der Psychiatrie (Psychologie und Psychotherapie) – und auch im nicht-objektivierbaren Teilbereich der Medizin – kann man das Wissen nur auf der Grundlage von Konzepten – somit nur auf Basis von definierten Ideen gewinnen, die man auf die Sachverhalte projiziert.*

Genau betrachtet findet man, dass das gesamte Wissen der Psychiatrie (Psychologie und Psychotherapie und auch die nicht-objektivierbaren Erkenntnisse in der Medizin) nur auf der Grundlage einer Ideenlehre somit nur auf Basis einer Ideologie – philosophisch betrachtet also nur auf Grundlage einer Dogmatik erlangt werden kann (vgl. mit Kant Zitat 10).

Was ist z.B. die psychiatrische ICD-10 Klassifikation oder die DSM-V Klassifikation anderes als eine Klassifikation, die je auf einer definierten Ideenlehre beruht, auf deren Grundlage man die unterschiedlichen psychischen Störungen und damit die psychiatrischen Diagnosen in der Praxis und Wissenschaft stellt?

Glaubt jemand ernsthaft, dass die psychiatrischen Kategorien durch andere Mittel als durch die Schemata der psychiatrisch-diagnostischen Ideen (vgl. mit Kant Zitat 7) erkannt werden? Oder, dass diese Schemata etwas anderes als methodische Hilfsmittel sind – wie dies der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers realisiert hat? (vgl. mit Jaspers Zitat)

All diese diagnostischen Einheiten sind systematische Einheiten – oder in den Worten von Karl Jaspers unterschiedlich definierte Typen mit deren Hilfe man sich dem Ganzen als Idee durch das Schema der Idee nur nähern kann (vgl. mit Jaspers Zitat).

Glaubt jemand in der Psychiatrie, dass Fachleute auf der Grundlage von biologischen Befunden etwa der funktionellen Bildgebung oder auf Grundlage von Befunden der Genetik oder auf der Grundlage von sonst irgendwelchen “physischen” Befunden respektive auf Basis von biologischen Markern jemals in der Lage sein werden objektiv zu entscheiden, ob jemand eine krankheitswertige Störung der Psyche hat?

Glaubt jemand, dass man eine psychiatrische Diagnose, etwa die Diagnose Schizophrenie oder die Diagnose Paranoia und damit eine psychische Störung vom Schweregrad einer Psychose, oder die psychiatrische Diagnose Persönlichkeitsstörung, oder die Diagnose ADHS, Autismus, oder die Diagnose von sonst einer psychischen Störung auf Grundlage von körperlichen Befunden in Zukunft wird objektiv und damit allgemein gültig bestimmen können?

Oder glaubt eine Fachperson in der Psychiatrie, dass das durch psychische Phänomene erlangte Wissen durch biologische Befunde validiert bzw. valide und reliabel bestimmt werden kann?

Insbesondere in der Forensischen Psychiatrie hängt viel davon ab, wie der vom Gericht bestellte psychiatrische Sachverständige sein psychiatrisches Gutachten stellt und begründet, so auch in einem diagnostischen Grenzfall.

Wenn jemand vom Glauben der gleichen Stellung der Psychiatrie – wie der Medizin – überzeugt ist, dann hat er den Unterschied zwischen einem Gegenstand schlechthin und einem Gegenstand in der Idee noch nicht bemerkt und nicht erkannt (vgl. mit Kant Zitat 7). Dann wird von dieser Person noch nicht zwischen objektivem Wissen und subjektivem Wissen unterschieden, dann ist es nicht verwunderlich, dass eine solche Person glaubt durch das Zählen und statistische Verrechnen von Erscheinungen (Phänomenen) – im gegeben Fall von psychischen Phänomenen – in der psychiatrischen Wissenschaft verlässliches Wissen erlangen zu können, wie dies in anderen Wissenschaften – etwa in der Naturwissenschaft – durch das Zählen und statistische Verrechnen von Fakten möglich ist.

In diesem Fall muss man sagen, dass eine solche Person noch nicht im Sinne Aufklärung aufgeklärt ist (vgl. mit  Kant Zitat 10 vorletzter Absatz).

Es bleibt somit jeder kritischen Person überlassen selbst zu entscheiden, ob es in Zukunft eine Psychiatrie ohne Philosophie geben wird, ob die Philosophie für die Psychiatrie entbehrlich ist, oder, ob gerade sie den Gerichtshof bildet, der die gerechten Ansprüche sichert und andererseits grundlose Anmaßungen und nicht gerechtfertigte Machtansprüche in Schranken weist (vgl. mit  Kant Zitat 10 vorletzter Absatz).

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Weiteres* zu dieser Thematik untersucht und diskutiert auf Grundlage der „Allgemeinen Psychopathologie“ von Karl Jaspers und der Philosophie von Immanuel Kant in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im Verlag tredition, April 2019

sowie auf meinem blog: Konsequenzen.

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(letzte Änderung 25.02.2020, abgelegt unter: Diagnostik, Psychiatrie, psychiatrische Wissenschaft, Konsequenzen, Philosophie)

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weiter zum Beitrag:

Ist die Psychiatrie eine medizinische oder eine philosophische Disziplin?

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weiter zum Beitrag: psychiatrische Diagnose – medizinische Diagnose – der Unterschied

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weiter zum Beitrag: psychiatrische Wissenschaft

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