Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

klinisches Bild – klinisches Erscheinungsbild

Ein klinisches Bild bzw. ein klinisches Erscheinungsbild ist in der Medizin oder in der Psychiatrie ein geistiges Bild also eine Vorstellung, die eine Fachperson also ein Arzt (Psychiater) im Rahmen der klinischen Untersuchung erlangt.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet handelt es sich bei diesem geistigen Bild um eine Idee, die in der Form des Begriffs dieser Idee im Bewusstsein der erkennenden Person erscheint. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Es kann sich dabei in der Praxis der Heilkunde um eine Idee handeln, die “physisch” überprüfbar ist – die also objektivierbar ist – oder es kann sich dabei um eine Idee handeln, die nicht “physisch” überprüfbar ist – die also nicht auf der Ebene  der Objekte bzw. nicht auf der Ebene der Fakten überprüft werden kann.

Immanuel Kant unterscheidet daher eine Erkenntnis für die wir einen Probierstein der Erfahrung haben, von einer Erkenntnis für die wir keinen Probierstein der Erfahrung haben. (vgl. mit Kant Zitat 10)

In der Medizin kann eine Idee, z.B. eine Verdachtsdiagnose in vielen Fällen allgemein gültig überprüft, das heißt diese Idee kann allgemein gültig verifiziert bzw. falsifiziert werden, das heißt man kann eine solche Idee (Vorstellung) empirisch physisch auf der Ebene der Objekte bzw. auf der Ebene der Fakten überprüfen. Man sagt dann eine Objektivierung der gesundheitlichen Störung und damit der medizinischen Diagnose ist möglich.

In der Psychiatrie erlangt die untersuchende Person im Laufe der Anamneseerhebung und klinischen Untersuchung ebenfalls eine Idee bzw. eine Vorstellung um was für eine psychische Störung und damit um was für eine psychiatrische Diagnose es sich handelt bzw. handeln könnte.

Im Unterschied zur Medizin kann man in der Psychiatrie eine solche Idee jedoch nicht auf der Grundlage von objektiven Befunden überprüfen, wie dies in der Medizin in vielen Fällen möglich ist. In der Psychiatrie kann die Idee – weil es eine bloße Idee im Sinn von Immanuel Kant ist – nur auf der Ebene der Vorstellungen subjektiv gültig “überprüft” werden. Auf der Ebene der Objekte kann man eine psychiatrische Idee und auch eine psychologische Idee nicht überprüfen (vgl. mit Kant Zitat 4). Daher kann man eine psychiatrische Idee – so wie eine psychologische Idee – nicht objektivieren.

Im Zweifelsfall kann man selbst bei einer psychiatrischen Diagnose der 1. Schicht nach der Schichtenregel von Karl Jaspers auf der Grundlage von vorgefundenen objektiven Befunden nicht verlässlich und damit nicht reliabel und valide entscheiden, ob die psychiatrische Diagnose zutreffend ist oder nicht. Noch weniger kann dies bei den psychiatrischen Diagnosen der 2. und 3. Schicht nach der Schichtenregel von Karl Jaspers entschieden werden, weil man in der Psychiatrie nur auf der Ebene der Vorstellungen “prüfen” und entscheiden kann, ob eine Idee bzw. ob ein klinisches Erscheinungsbild einer psychiatrischen Kategorie zuzuordnen ist oder nicht.

Man kann 5 Gruppen von klinischen Erscheinungsbildern im Hinblick auf die Relation der Erscheinung zum kausalen Substrat unterscheiden:

1) klinisches Erscheinungsbild das auf der Grundlage von objektiven Befunden allgemein gültig bestimmt werden kann (z.B. klinisches Erscheinungsbild bei Verdacht auf Herzinfarkt, oder Verdacht auf Knochenbruch). Es handelt sich dabei also um eine objektivierbare gesundheitliche Störung.

2) klinisches Erscheinungsbild bei dem ein objektiver Befund nachgewiesen werden kann, der das klinische Erscheinungsbild oftmals unzweifelhaft erklärt. (Zum Beispiel das klinische Erscheinungsbild das bei einem Schlaganfall in Folge eines ischämischen Insultes auftritt. Diese gesundheitliche Störung kann in der Regel unzweifelhaft durch den bildgebenden Befund des CCT Bildes (Computertomographie) oder des MRT Bildes (Magnetresonanztomographie) erklärt werden. Im Zweifelsfall kann jedoch auch hier nicht verlässlich und damit nicht reliabel und valide entschieden werden, ob etwa ein kleiner Insult das klinische Erscheinungsbild hervorruft. Oder ob etwa ein kleiner Bandscheinbenvorfall, der als bildgebende Einheit sichtbar ist, das klinische Erscheinungsbild der Rückenschmerzen und der Bewegungseinschränkung hervorruft.

3) klinisches Erscheinungsbild bei dem ein objektiver Befund das klinische Erscheinungsbild zwar erklärt, bei dem es unter Umständen allerdings nicht gewiss ist, ob dieser Befund die Ursache des klinischen Bildes ist. Zum Beispiel ein kleineres Meningeom, das im Rahmen der Abklärung eines Kopfschmerzes gefunden wird. Bei einem solchen Befund kann man oftmals nicht sicher sein, dass dieser objektiv bestimmbare Befund die Ursache des Phänomens ist. Dies sollte bei der Indikation zu einer Operation beachtet und berücksichtigt werden! In der Psychiatrie zählen die Diagnosen der 1. Schicht der Schichtenregel von Karl Jaspers  zu den Diagnosen, die zwar auf der Grundlage von objektiven Befunden festgestellt, im Zweifelsfall jedoch nicht valide auf dieser Grundlage bestimmt werden können. Das heißt man kann im Zweifelsfall auch eine solche psychiatrische Diagnose nicht allgemein gültig, sondern nur subjektiv gültig feststellen, etwa ob eine beginnende Demenz bzw. ein leichtgradiges Organisches Psychosyndrom (OPS) besteht wenn z.B. erweiterte Liquorräume sichtbar sind.

4) klinisches Erscheinungsbild bei dem keine objektiven körperlichen Befunde feststellbar sind und bei dem auch keine körperlich bestimmbare Ursache angegeben werden kann, die das klinische Erscheinungsbild erklärt. Bei dem man jedoch gewisse Faktoren kennt, die oftmals wesentlich für das Auftreten einer solchen gesundheitlichen Störung sind und bei dem man daher Merkmale findet, die zwar eine Objektivierung der Diagnose nicht ermöglichen, die jedoch häufig bei einer solchen gesundheitlichen Störung gefunden werden. Dazu zählen in der Psychiatrie die Diagnosen der 2. Schicht nach der Schichtenregel von Karl Jaspers zählen. In einem solchen Fall kann man oftmals gehäufte Merkmale feststellen – etwa gewisse Gene, also gewisse genetische Befunde und man kann daher durch eine entsprechende biologische Theorie bevorzugt die Ursache erklären. Man kann jedoch in einem solchen Fall diese Ursache nicht objektiv überprüfen, man kann nicht allgemein gültig feststellen und allgemein gültig entscheiden, ob sie diese Ursache die tatsächliche Ursache. In der Psychiatrie zählen zu diesen gesundheitlichen Störungen die Störungen vom Typ der Schizophrenie, dann auch die Störungen vom Typ der manisch-depressiven Krankheit, weiters die schizoaffektiven Psychosen usf. In der Medizin zählen zu diesen Diagnosen z.B. die Diagnosen der funktionellen Schmerzsyndrome (Migräne, Spannungskopfschmerz, Fibromyalgie, Somatoforme Schmerzstörung usf.)

5) klinisches Erscheinungsbild bei dem keine spezifischen körperlichen Merkmale gefunden werden und bei dem eine Theorie nur mehr oder weniger bevorzugt angegeben werden kann, die den Sachverhalt erklärt. Durch eine solche Theorie kann man den Sachverhalt verstehen und unter Umständen erklären, aber diagnostisch bestimmen kann man die gesundheitliche Störung auf dieser Grundlage so wie zuvor ausgeführt nicht. Man kann also in einem solchen Fall je nach Situation und Sachverhalt verschieden eine passende Theorie anwenden oder entwickeln, ohne dass man jedoch durch die Theorie den Sachverhalt allgemein gültig überprüfen kann. In der Psychiatrie zählen die Diagnosen der 3. Schicht nach der Schichtenregel von Karl Jaspers zu diesen psychiatrischen Diagnosen.

Zusammenfassend kann man somit sagen, dass man bei manch einem klinischen Bild bzw. klinischen Erscheinungsbild durch die weitere Abklärung  objektives Wissen erlangen kann. In anderen Fällen ist dies jedoch in der Heilkunde grundsätzlich nicht möglich, weil diese diagnostischen Einheiten auf der Grundlage von nicht überprüfbaren Konzepten erkannt und daher nur subjektiv gültig bestimmt werden können. Daher kann man in solchen Fällen auf der Grundlage von Ideen nur subjektives Wissen erlangen. Es handelt sich somit in diesen Fällen immer um beschränktes Wissen.

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(letzte Änderung 14.11.2014, abgelegt unter Diagnose, Idee, Medizin, Psychiatrie, Medizinische Diagnostik, Definition)

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