Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Wechsel der Diagnose

Der Ersatz bzw. Wechsel einer Diagnose durch eine andere Diagnose ist unter Umständen angezeigt:

Die Beschreibung eines realen Krankheitszustandes durch eine Diagnose ist eine relative Sache.

Es kann unter Umständen vorkommen, dass die diagnostische Beschreibung einen realen Krankheitszustand nur mangelhaft erfasst. Mit anderen Worten: die Theorie wird in diesem Fall der Realität nur mangelhaft gerecht.

Die Geschichte der Medizin liefert genügend Beispiele anhand derer aufgezeigt werden kann, wie die Auffassung der Tatsachen – als man noch weniger Wissen um die Dinge hatte – mangelhaft war und wie daher im Laufe der Zeit manche Diagnosen gänzlich verlassen und durch andere ersetzt worden sind.

Unter Umständen kommt es durch die erweiterte Erkenntnis also dazu, dass die alte Diagnose aufgegeben wird und anstelle derselben eine neue, präzisere, „erkenntnisreichere“ Diagnose gestellt bzw. definiert werden kann.

Zum Beipiel wurde früher die Diagnose „Magenverschluß“ festgestellt, wenn es infolge einer Stenosierung bei Ulkuskrankheit oder infolge einer Tumorerkrankung des Magens zur Passagebehinderung des Speisebreis gekommen ist. Des weiteren wurde früher die phänomenologische Diagnose: „hat das Schnaufen vergessen“ festgestellt wenn dieser Atemstillstand wahrscheinlich in vielen Fällen infolge eines plötzlichen Herzversagens (z.B. bei akutem Myokardinfarkt) aufgetreten ist.

Früher wurde fallweise die phänomenologische Diagnose: Progressive Paralyse (voranschreitende Lähmung und Verblödung) in der Psychiatrie festgestellt. Später hat man dann herausgefunden dass diese voranschreitende Lähmung und Verblödung oftmals durch eine Syphilisi – Infektion des Gehirnes verursacht worden ist. Ab dieser Zeit ist die Diagnose Progressive Paralyse verlassen worden und wurde die entsprechende körperliche Diagnose luetische Encephalitis (Gehirnentzündung durch Syphiliserreger: Treponema pallidum) ersetzt.

Es konnten also ab dieser Zeit die Krankheitsursachen nachgewiesen werden und z.B. Entzündungszeichen und  die Krankheitserreger sowie Antikörper im Liquor nachgewiesen werden. In manchen Fällen konnte festgestellt werden, dass das klinische Erscheinungsbild der progressiven Paralyse durch andere körperliche Krankheitsursachen (durch andere hirnorganische Erkrankungen) hervorgerufen worden ist.

Man ersieht daraus, dass gleichartige klinische Erscheinungsbilder durch verschiedene körperliche Ursachen hervorgerufen werden können.

Gleicherweise können heutzutage auch  gewisse Fälle von Tachycardie, welche vor etlichen Jahren noch nicht auf körperliche Ursachen zurückgeführt werden konnten, heutzutage durch die erweiterten diagnostischen Möglichkeiten auf „Herde“ im Herzmuskel zurückgeführt werden, welche sich als pathogene Schrittmacher auswirken. Damit ist auch diese vormals unpräzise funktionelle somatische Diagnose heute durch eine präzisere somatische Diagnose in diesen Fällen ersetzt worden und können nun unter Umständen diese Krankheitszustände ursächlich behandelt werden, was bis dahin nicht möglich war und bei denen damals nur eine symptomatische Therapie möglich war.

Es ist evident, dass der Wechsel der Diagnose unter Umständen Sinn macht, wenn anstelle einer unspezifischen phänomenologischen / funktionellen Diagnose eine spezifische funktionelle oder somatische Diagnose festgestellt werden kann. In gewissen Fällen ergeben sich damit auch neue spezifische therapeutische Möglichkeiten.

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(letzte Änderung 01.03.2018, abgelegt unter: Begriff, Diagnostik, Medizin, Medizinische Diagnostik, Neurologie, Psychiatrie)

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