Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

über das Verstehen

Man sagt:

Ich verstehe Dich.

Du verstehst mich.

Ich fühle mich verstanden.

Gleiche verstehen sich.

Du kannst mich nicht verstehen.

Verstehen hat mit dem persönlichen Denken und Fühlen zu tun.

Es gilt das englische Sprichwort: „birds of a feather flock together.“

oder im Deutschen: „Gleich und gesellt sich gern“

Sich verstehen erweckt Sympathie bzw. Zuneigung, man fühlt sich hingezogen, wenn man verstanden wird.

Verstanden werden erhebt die Seele.

Das Verstanden werden ist somit in der Therapie, in der Medizin, allgemein und in der Psychiatrie und in der Psychotherapie im Besonderen von großer Bedeutung.

Wer sich nicht verstanden fühlt, der kann von demjenigen, der ihn nicht versteht, nur wenig gefördert werden.

Rationale Erklärungen sind zwar wichtig – ankommen tun sie jedoch nur, wenn die Verständnisebene des Zuhörers erreicht wird.

Das sich einfühlen können, ermöglicht die bessere Wortwahl für das sich verständlich machen.

Verstehen basiert auf der eigenen Erfahrung, weiters auch auf der Akzeptanz des Anderen. Verstehen erfordert Kreativität, insofern man sich in Zusammenhänge einfühlt, die einem aus der eigenen Erfahrung noch nicht, oder nicht in diesem Ausmaß bekannt sind.

Jeder hat seine momentane Grenze des Verstehens – allerdings entwickelt sich der Umfang des Verstehens im Laufe der Zeit und der Erfahrung und kann diese Entwicklung auch gefördert werden.

Oftmals versteht man später etwas, was man früher noch nicht verstanden hat. Man kann dann sagen, dass sich das eigene Verstehen sich diesbezüglich entwickelt hat.

Nicht selten lernt man aus unangenehmen Erfahrungen mehr als aus angenehmen.

Daher der Spruch: „Nichts ist so schlecht, als dass es nicht auch für etwas gut ist.“

Der junge Mensch versteht verhältnismäßig noch wenig – der alte Mensch versteht mehr. Dafür ist der junge Mensch flexibler als der ältere Mensch, der oftmals von seiner Meinung, seinen Vorurteilen nicht mehr abgeht. Damit bleibt auch das Verstehen beschränkt. In dieser Hinsicht hat das „Jung-Sein“  und das „Alt-Sein“ Vor- und Nachteile.

Die Entwicklung des individuellen Verstehens hängt von Erfahrungen ab.

Verstehen hängt auch vom „Bedenken der Zusammenhänge“ und von der Introspektion ab. Manch eine Person macht sich mehr Gedanken über die Erfahrungen bzw. beleuchtet verschiedene Zusammenhänge, eine andere Personen denkt zwar auch viel über die Erfahrung nach, kreist jedoch immer in denselben Gedanken – und findet keine neuen „Wege“ bzw. findet keine „neuen“ Zusammenhänge. Oftmals sind auch unbewußte Tendenzen vorhanden, die uns hindern neue Zusammenhänge zu sehen und zu akzeptieren.

Der Austausch ist also wichtig. Das sich besprechen mit Anderen ist wichtig.

Da andere Personen Zusammenhänge oftmals anders sehen, und damit auch anderes erkennen was man selbst nicht erkannt hat, kann die Meinung anderer wertvoll sein.

Daher die Bedeutung des kollegialen Austausches in der Medizin ganz allgemein und in der Psychiatrie im besonderen. Ferner die Bedeutung der sogenannten Supervision in der Psychotherapie und die Bedeutung der Teambesprechungen in der Medizin und in der Psychiatrie, die hier von besonders großer Bedeutung ist.

Jeder kann vom Andern lernen.

Man kann also, dadurch, wie andere die „Sache“ sehen, das eigene Verstehen erweiteren.

Der eigene Verstand bzw. das eigene Verständnisvermögen entwickelt sich dadurch.

Wer sich weigert neue Aspekte zu sehen, beschränkt sich in der Möglichkeit Dinge besser zu verstehen und dazuzulernen. Zweifelsohne ist diese selbstauferlegte Beschränkung nicht von Vorteil, sondern von Nachteil, denn das Leben erfordert ein ständiges Lernen, damit man die Dinge beim nächsten Mal besser macht.

Jeder hat seine Grenze des Einfühlenkönnes – diese kann „enger“ oder „weiter“ sein.

Manche Menschen können sich kaum einfühlen, manche können sich besser einfühlen.

Manche können nicht verstehen, dass man die Welt auch anders sehen kann, als sie selbst sie gerade sehen.

Es spielt also auch das eigene Weltbild eine große Rolle.

Das Weltbild des Einzelnen entsteht als Folge seiner Erfahrungen und Eigenheiten, vorallem aber als Folge der Ideen die ihn leiten. Es spielt also die Erfahrung eine große Rolle und die persönliche Geschichte, die Kultur, die Herkunft, Familie, Lehrer, Vorbilder, Erziehung, Umgang und vieles mehr.

Daher kann man sagen:

Größeres Verstehen führt zu größerer Toleranz.

Beschränktes Verstehen führt zu beschränkter Toleranz oder zu einer Pseudotoleranz, die je nach dem auch das Gewand der Scheinheiligkeit annehmen kann, im Sinne von: „So sprechen aber anders denken und handeln.“

(letztes update 4.1.2011) (5-)

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