Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Wut und Empörung – Verstehen

Wenn eine Person mit einer Sache konfrontiert ist, mit der sie nicht gerechnet hat, so gerät sie unter Umständen in Wut und Empörung.

Offenbar führt die Diskrepanz zwischen den Vorstellungen: Das was vorliegt im Vergleich zu dem was man erwartet wird zur Emotion und damit zur „Wut“ und “ Empörung“. Ausgehend von dieser Tatsache kann man leicht einsehen, dass temperamentvolle Leute mehr bzw. leichter in Wut und Empörung geraten als Personen, die mit allem und jedem einverstanden sind.

Die Erwartungshaltung der Personen ist also entscheidend und somit ist einsichtig, dass Personen, die selbst keine ausgeprägten Erwartungshaltungen und Vorstellungen haben, in dieser Hinsicht nicht gefährdet sind. Dabei handelt es sich offensichtlich um eine Unterschiedlichkeit in der Anlage, im Temperament bzw. im Wesen der Person, „so“ oder „anders“ zu reagieren. Die eine Person „echauffiert“ sich leicht, die  andere weniger. Weil junge Leute in der Regel emotionaler sind als ältere, sind die Reaktionen bei den Jüngeren in der Regel heftiger. Man kann es schon bei Kleinkindern sehen wie sie ins „Zornen“ geraten.

Infolge der Entwicklung des Nervensystems im Laufe des Lebens entsteht die Möglichkeit differenzierter und gelassener zu reagieren. Bei guter Selbstbeherrschung bzw. Fähigkeit zur Gelassenheit, hat die Person das Vermögen selbst in provozierenden Situationen ruhig und gelassen zu bleiben. Es kann als eine Frucht des Alters angesehen werden, wenn jemand fähig ist die Dinge distanziert zu betrachten, oder wie man auch sagt: „Sich die Sache nicht so zu Herzen zu nehmen.“

Dies hat also damit zu tun, dass der ältere, „gereifte“ Mensch besser fähig ist sich gedanklich bzw. vorstellungsmässig von den Dingen auf der Ebene der Gedanken durch die vernünftige Überlegung zu distanzieren, wogegen dies dem jungen Menschen, in der Regel nicht oder noch nicht in diesem Masse gelingt. Daher rasten jüngere Menschen oftmals schneller aus und geraten sie leichter in Wut und Empörung. Es gibt allerdings die Möglichkeiten die Gelassenheit zu fördern. Durch die meditative Praxis bzw. durch die Meditation und die Praxis des Yoga kann die gelassene Innenschau kultiviert und geübt werden und es entwickelt sich als Folge davon die Fähigkeit zur zu grösserer Gelassenheit. (siehe dazu auch die Beiträge auf der Seite: Medizin-Psychotherapie-Yoga-Meditation).

Neurophysiologisch betrachtet ist es wahrscheinlich so, dass einerseits im Laufe des Lebens bzw. im Rahmen der Gehirnentwicklung und der Gehirndifferenzierung gewisse Fähigkeiten spontan – ohne absichtliches Dazutun – sich in die vorgenannte Richtung entwickeln und, dass weiters durch spezifische Aktivitäten und durch die wiederholte Praxis, also durch ein Lernen und Üben diese Entwicklung zusätzlich günstig beeinflusst wird. Natürlich können ungünstige Faktoren auch eine Entwicklung in die andere Richtung fördern. Bekannt ist, dass im Rahmen von psychischen Störungen, etwa bei depressiven Störungen die Reizbarkeit erhöht ist und man schneller in Wut gerät etc. Dies kann allerdings auch bei anderen psychischen Störungen der Fall sein. Bekannt sind in dieser Hinsicht gewisse Persönlichkeitsstörungen.

Wahrscheinlich sind nicht wenige Suizide von jungen Menschen die Folge dieser noch nicht vorhandenen Fähigkeit mit heftigen Emotionen fertig zu werden und es kommt dann fallweise dazu, wenn die Verzweiflung alle Masse übersteigt – dass es im Moment – aus Sicht der Person das geringere Übel ist, sich das Leben zu nehmen, als die seelischen Qualen weiter zu ertragen. Man kann leicht einsehen, dass die Ansprache und das Gespräch, oder auch das verständige Zuhören in einem solchen Fall eine große Hilfe sein kann, so dass die Verzweiflung sich zu lösen beginnt und als Folge davon wieder ein „Licht am Horizont“ erscheint. (vgl. mit diesem Beitrag)

Die allgemeine Erfahrung lehrt, dass auch der Faktor Zeit sehr wichtig ist – weil in der Zeit sich die Sichtweisen und damit Emotionen verändern und entwickeln. Daher auch der Spruch: „Die Zeit heilt die Wunden“ oder ein anderer Spruch: „Der Menschen Engel ist die Zeit„.

Psychologisch betrachtet kann man sagen, dass das verständige Zuhören, der in Verzweiflung befindlichen Person hilft aus einem katastrophalen Gedankenkreislauf auszubrechen und sie emotional unterstützt, sodass dadurch die Spannung zur Lösung kommt und neue Perspektiven gewonnen werden.

Neurophysiologisch betrachtet kann man sagen, dass aufgestaute neuronale Energien bzw. Aktivitätszutände der Nervenzellen durch das Zuhören und das verständige Gespräch sich unter Umständen entladen können und entspanntere neuronale Aktivitätszustände dadurch eintreten. Der Ausdruck „Abreaktion“ und der Ausdruck „Katharsis“ veranschaulichen dies. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass auch die Aktivität, also zum Beispiel die körperliche Bewegung: das Gehen, Laufen,  eine Dusche nehmen, etc. der Person unter Umständen helfen kann aufgestaute Energien abzubauen.

Aus der eigenen Erfahrung weiss man: „Irgendwann ist es draußen … und es ist s0dann die Wut und damit die innere psychische Spannung abgebaut.

Ein mögliche Ansprechstelle im Raum Vorarlberg ist die Telefonseelsorge Vorarlberg.

Zur Entspannung wirken bekanntlich auch gewisse Psychopharmaka, welche durch medikamentöse „Dämpfung“ und „Angstlösung“ die psychische Spannung „chemisch“ reduzieren damit das Nervensystem wieder in einen ausgewogeneren Funktionszustand kommt. In manchen Fällen kann es tatsächlich ein Segen sein, wenn solche Medikamente zur Verfügung stehen, vor allem dann, wenn ein gesprächsweiser Zugang nicht mehr möglich ist beziehungsweise eine Spannungslösung durch das Gespräch nicht mehr in Gang kommt – was bei ausgeprägten psychischen Störungen der Fall sein kann. Auf der anderen Seite sei an dieser Stelle auch darauf hingewiesen, dass die selbstpraktizierte Spannungslösung durch die Einnahme von Alkohol und Beruhigungsmitteln zur Sucht führen kann, wenn diese Substanzen wiederholt zur Spannungslösung eingesetzt werden und eine Gewöhnung eintritt.

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(letztes Änderung 23.10.2013, abgelegt unter Verstehen, Psychologie, Psychiatrie)

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