Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Der konstitutive Gebrauch der Ideen wirkt sich anti-kommunikativ aus, 1. Teil

Der konstitutive Gebrauch der Ideen wirkt sich in der Psychiatrie anti-kommunikativ aus.

Wie an anderer Stelle aufgezeigt wurde ist der konstitutive Gebrauch einer Idee grundsätzlich falsch. (vgl. mit Kant Zitat 3a)

In der Psychiatrie ist es besonders problematisch wenn Ideen konstitutiv gebraucht werden. Wenn eine Person in der Psychiatrie eine Idee konstitutiv gebraucht, dann gelangt sie zu einer verabsolutierten Vorstellung, die der Realität nicht angemessen ist. Man denkt sich – wenn man als Psychiater so denkt – dass eine psychiatrische Einheit eine faktische Einheit ist.

Damit werden andere Vorstellungen, nämlich Vorstellungen, die unter Umständen ebenfalls bedeutungsvoll und die ebenfalls wesentlich sind nicht erlangt. Es werden in diesem Fall also andere wesentliche Sinnzusammenhänge gar nicht erfasst und gar nicht berücksichtigt.

Das Überlegen ist sodann fertig und es begibt sich die Vernunft zur Ruhe als ob sie ihr Geschäft völlig ausgerichtet habe (vgl. mit Kant Zitat 3a).

Es dominiert sodann nur mehr die bereits erlangte Vorstellung bzw. die bereits erlangte Idee. Und es hat dies zur Folge, dass die erlangte Idee über Gebühr beachtet und berücksichtigt wird. Man kann auch sagen: die gewonnene Vorstellung wird verabsolutiert.

In diesem Sinn wirkt sich die konstitutive Verwendung der psychiatrischen Ideen und damit auch die der psychiatrischen Kategorien etwa die der Psychiatrischen ICD-10 Klassifikation und der DSM-V Klassifikation nachteilig aus wenn die diagnostischen Einheiten in der Psychiatrie wie faktische Einheiten der Medizin angesehen werden.

Es kommt auf dieser Grundlage zu falschen Schlussfolgerungen, wenn etwa aus einer psychiatrischen Diagnose bei  einem psychiatrischen Gutachten falsche Schlussfolgerungen abgeleitet werden, wenn also die psychiatrische Idee aus der die psychiatrische Diagnose abgeleitet worden ist konstitutiv gebraucht wird.

Wenn Psychiater glauben, dass ihre nur subjektiv gültig feststellbaren psychiatrischen Diagnosen in gleicher Weise allgemein gültige Erkenntnisse darstellen, wie dies bei den objektiv feststellbaren medizinischen Diagnosen der Fall ist, dann handelt es sich dabei um vermeintliches Wissen das einer kritischen Prüfung nicht standhält (vgl. mit Kant Zitat 9).

Unter anderem wirkt sich diese verabsolutierende Sichtweise in der Psychiatrie anti-kommunikativ aus, weil das beschränkte psychiatrische Wissen in diesem Fall wie faktisches Wissen angesehen wird und damit gar keine Diskussion mehr möglich ist und in der Praxis auch gar nicht entsteht.

Dabei handelt es sich bei derart verabsolutierten Standpunkten um grundlose Anmaßungen (vgl. mit Kant Zitat 10) somit um angemasstes Wissen das der kritischen Prüfung nicht standhält (vgl. mit Kant Zitat 10).

Man kann auch sagen: relatives Wissen erhebt in diesem Fall den Anspruch absolutes Wissen zu sein – was aber nicht zutreffend ist.

Es werden in diesem Sinn durch den konstitutiven Gebrauch der Idee andere Sinnzusammenhänge nicht erkannt und in weiterer Folge auch nicht beachtet. Im Rahmen der Kommunikation zum Beispiel mit dem Patienten, geschieht es damit sehr leicht, dass die Fachperson von ihrer Vorstellung so eingenommen ist, dass sie andere relevante Aspekte nicht registriert und nicht geistig wahrnimmt. Dies bewirkt nicht selten, dass der Patient sich unverstanden fühlt, wenn ihm selbst im Moment ein anderer Aspekt wesentlich bzw. wesentlicher erscheint. Auf diese Art und Weise wirkt sich der konstitutive Gebrauch der Ideen in der Psychiatrie – und natürlich auch der konstitutive Gebrauch der Ideen in der Psychologie und Psychotherapie – sehr nachteilig und anti-kommunikativ aus.

In dieser Hinsicht hat die irrtümliche Gleichsetzung der „physisch“ nicht überprüfbaren Ideen in der Psychiatrie, die sämtliche bloße Ideen sind, mit den „physisch“ überprüfbaren Ideen in der Medizin sich sehr nachteilig für die Psychiatrie (Psychologie, Psychotherapie) ausgewirkt und es ist hier eine Richtigstellung im Sinn der Aufklärung dringend angezeigt (vgl. mit Kant Zitat 10).

In der Psychiatrie und auch in der psychiatrischen Wissenschaft sollte man beachten und berücksichtigen, dass das Wissen in der Psychiatrie auf der Grundlage von psychiatrischen Konzepten erlangt wird, deren Zutreffen im konkreten Fall nicht physisch überprüft werden kann. Man kann daher in der Psychiatrie immer nur subjektives Wissen erlangen das gleichzeitig mehr oder weniger beschränktes Wissen ist.

Man täuscht sich in der Psychiatrie grundsätzlich, wenn man glaubt, dass eine phänomenologische Einheit mit einer faktischen Einheit gleichgesetzt werden kann bzw. wenn man glaubt, dass eine phänomenologisch Einheit durch Zusatzbefunde, etwa durch biologische Befunde (so zum Beispiel durch bildgebende Befunde) oder durch testpsychologische Befunde (psychologischer Test, „strukturiertes Interview“ usf.) gesichert und damit validiert werden kann bzw. die erlangte psychiatrische Diagnose damit reliabel ist.

Eine phänomenologische Einheit ist eine systematische Einheit und es ist dies daher eine ganz andere Einheit als eine faktische Einheit.

Man täuscht sich also in der Psychiatrie wenn man glaubt, durch die psychiatrischen Diagnosen, wie diese etwa mit der Hilfe der Psychiatrischen ICD-10 Klassifikation oder der DSM-V Klassifikation nach deren Operationalisierung erkannt werden reliable und damit verlässliche Erkenntnisse bzw. valide Erkenntnisse gewonnen hat und sich die Psychiatrie somit (annähernd) in einem Status wie die Medizin befindet, die einen Teil ihrer medizinischen Diagnosen tatsächlich verlässlich, weil objektiv gewiss bestimmen kann.

Kritisch betrachtet erkennt man, dass dieses vermeintliche Wissen nicht wirklich fundiert und somit nicht wirklich verlässlich ist, sondern handelt es sich hier um grundlose Anmaßungen (vgl. mit Kant Zitat 10), die nur den Anschein erwecken rational fundiert zu sein.

Vielmehr als gesichertes Wissen in der Psychiatrie hervorzubringen hat, diese Sichtweise in der Psychiatrie dazu geführt, dass das psychiatrische Denken verarmt ist und zwar als Folge des falschen Verstehens der psychiatrischen Ideen.

Es hat also Emil Kraepelin sich getäuscht als er geglaubt hat, dass die Psychiatrie auf der Grundlage des naturwissenschaftlichen Verständnisses sich zu einem kräftigen Zweig der medicinischen Wissenschaft fortentwickelt (vgl. mit Krapelin Zitat 2).

Hingegen hat Karl Jaspers recht wenn dieser in seinem Buch „Allgemeine Psychopathologie“ schreibt, dass ich das Ganze als Idee nicht geradezu erkennen kann, sondern ich mich diesem Ganzen als Idee durch das Schema der Idee nur nähern kann (vgl. mit Jaspers Zitat), und wenn er an anderer Stelle schreibt, dass (in der Psychiatrie) sich die Idee der Krankheitseinheit in irgend einem einzelnen Fall niemals verwirklichen läßt (vgl. mit Jaspers Zitat 6).

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(letzte Änderung 3.1.2015, abgelegt unter Konsequenzen, psychische Störung, Psychiatrie)

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