Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Konsequenzen – falscher Gebrauch der Ideen – konstitutiver Gebrauch der Ideen

In den Beiträgen Konsequenzen werden in Bezug auf die Philosophie von Immanuel Kant verschiedene Aspekte diskutiert wie sie sich aus der Erkenntnisbasis ergeben.

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In der Psychiatrie geschieht es häufig, dass Ideen konstitutiv gebraucht werden.

Man kann sagen,  dass es in der Psychiatrie gegenwärtig gängige  Praxis ist die Ideen konstitutiv zu gebrauchen.

Der konstitutive Gebrauch der Ideen ist jedoch falsch.

Der konstitutive Gebrauch der psychiatrischen Ideen wurde vor allem durch die Einführung und breite Verwendung der ICD und DSM Klassifikation befördert.

Eine Idee ist – wie Immanuel Kant sagt – nicht konstitutiv sondern nur regulativ. (vgl. mit Kant Zitat 3a)

Wenn jemand hergeht und zum Beispiel sagt, dass eine Person ein ADHS  hat und damit diese Idee gebraucht, ohne sich der Relativität und Beschränktheit des psychiatrischen Konzepts ADHS bewusst zu sein, dann gebraucht er die Idee konstitutiv.

Sogleich stellen sich Fragen wie:

Seit wann „hat“ die Person ein ADHS?

Wie lange wird sie das ADHS noch haben?

Kann man das ADHS durch eine Therapie „wegkriegen“ usf.

Tatsächlich handelt es sich beim Konzept ADHS um ein mentales Konzept, also um eine bloße Idee im Sinne von Immanuel Kant, die eine Fachperson irgendwann kreiert hat, in dem sie verschiedene psychische Phänomene unter dieser Idee bzw. unter dem Begriff dieser Idee (durch ein synthetisches Urteil unter dieser systematischen Einheit) aufgefasst hat (vgl. mit Kant Zitat 7).

Sehr leicht geschieht es, dass man bei der Verwendung einer solchen Idee außer acht lässt, dass es sich dabei nur um eine hypothetische Einheit bzw. um ein hypothetisches Konzept handelt, also ein Konzept das letztlich nicht bewiesen werden kann (vgl. mit Kant Zitat 5).

Sämtliche diagnostischen Konzepte in der Psychiatrie können nämlich nicht „physisch“ unter Beweis gestellt werden. Psychiatrische Erkenntnisse basieren nicht auf physischen Tatsachen, sondern auf psychischen Phänomenen, die in einem gewissen Zusammenhang infolge der denkenden Anschauung (Karl Jaspers vgl. mit Jaspers Zitat) gesehen werden.

Man kann in der Psychiatrie (Psychologie) eine Vorstellung nur subjektiv gültig prüfen, ob die angewandte Idee, etwa der Begriff einer psychiatrische Diagnose zutreffend ist oder nicht. Eine psychiatrische Diagnose gründet sich auf subjektive Evidenz.

(Dabei sei natürlich nicht in Frage gestellt, dass alle psychischen Funktionen bzw. alle psychischen Erscheinungen (psychischen Phänomene), sowohl die normalen (gesunden), wie auch die abnormalen (krankhaften) eine biologische Grundlage haben bzw. als Folge der neuronalen Funktion respektive der Gehirntätigkeit manifest werden. Eine psychiatrische Erkenntnis basiert allerdings nicht auf der Erkenntnis von physischen Funktionen und physischen Parametern, sondern eben auf auf der Grundlage von psychischen Erscheinungen bzw. psychopathologischen Phänomenen und den charakteristischen psychischen Symptomenkomplexen wie sie bei den psychischen Störungen vorkommen, und von einer Fachperson durch die Anwendung etwa der psychiatrischen ICD-10 Klassifikation erfasst werden.

Das Bewusstsein, dass es sich bei psychiatrischen Erkenntnissen also um bloße Ideen (vgl. mit Kant Zitat 4) handelt – die man letztlich nicht beweisen kann – ist von eminenter Bedeutung, insofern sich daraus ergibt, dass eine psychiatrische Erkenntnis nur eine relative Erkenntnis ist – nämlich –  eine relative Erkenntnis in Bezug auf eine bloße Idee.

In anderen Worten: man kann auch sagen, dass man einen psychiatrischen Sachverhalt entsprechend den Gegebenheiten „so“ oder Umständen auch „anders sehen“ kann, man kann ihn auf eine „so“ definierte Idee bezogen betrachten, oder in Bezug auf eine „anders“ definierte Idee. Man kann also in der Psychiatrie je nach Sachverhalt die verschiedensten Ideen und Konzepte anwenden (vgl. mit Kant Zitat 2) und man gelangt damit jeweils zu einer anderen relativen Erkenntnis innerhalb dieser Ideologie – eine allgemein gültige (=objektive) Erkenntnis ist in der Psychiatrie grundsätzlich nicht möglich. (vgl. mit Kant Zitat 9). Dies ist zum Beispiel in der Forensischen Psychiatrie von großer praktischer Relevanz und Wichtigkeit, wenn es um die Beurteilung eines diagnostischen Grenzfalls geht.

Damit wird deutlich, dass psychiatrische Erkenntnisse nicht so große Autorität haben wie Erkenntnisse die auf Fakten gegründet sind bzw. die allgemein gültig und unabhängig von einer Ideologie sind.

Daraus folgt, dass psychiatrische Erkenntnisse nur einen beschränkten Erkenntniswert haben – eben einen relativen Erkenntniswert und keinen absoluten.

Demgegenüber haben manche Erkenntnisse in der somatischen Medizin einen absoluten Erkenntniswert. Wenn zum Beispiel jemand sagt: der Patient hat den Unterarm gebrochen dann ist dies eine absolute, objektive, allgemein gültige Erkenntnis falls im bildgebenden Befund der Knochenbruch sichtbar ist. Diese Erkenntnis beruht auf objektiver Evidenz.

Bei den medizinischen Diagnosen gibt es also Diagnosen, die absolute, allgemein gültige Erkenntnisse sind. Es liegt auf der Hand, dass solche Erkenntnisse mit größerer Autorität einhergehen, als relative Erkenntnisse bzw. kann man sagen, dass solche Diagnosen einen höheren Erkenntniswert haben.

Allerdings sind psychiatrische (psychologische, psychotherapeutische) Erkenntnisse sehr wohl wertvolle Erkenntnisse wenn man die Ideen richtig gebraucht.

Daher schreibt Immanuel Kant sehr treffend:

Aus einer solchen psychologischen Idee kann nun nichts anderes als Vorteil entspringen, wenn man sich nur hütet, sie für etwas mehr als bloße Idee, d.i. bloß relativistisch auf den systematischen Vernunftgebrauch in Ansehung der Erscheinungen unserer Seele, gelten zu lassen.“ (siehe Kant Zitat 4)

Wenn man diese Einschränkung allerdings nicht beachtet und die psychiatrischen (psychologischen, psychotherapeutischen) Erkenntnisse überschätzt, dann gerät man sogleich in die verschiedensten Widersprüche und Schwierigkeiten (vgl. mit Kant Zitat 2a) bzw. gerät man in den Worten von Karl Jaspers in Antinomien (vgl. mit Jaspers Zitat).

Man sollte also generell eine Idee, die aus der Erfahrung abgeleitet worden ist, und die man nicht auf der Ebene der Objekte bzw. nicht auf der Ebene der Fakten im Hier und Jetzt überprüfen kann nur relativistisch verwenden – eben, weil sie nur relativ gültig ist. Daher schreibt Immanuel Kant, dass eine Idee nur regulativ ist.

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Weiteres über die richtige und falsche Verwendung von Ideen, insbesondere in der Psychiatrie in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im April 2019 im Verlag tredition

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(letzte Änderung 27.09.2019, abgelegt unter Medizinische Diagnostik, Medizin, Psychiatrie, Psychologie)

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