Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Kant Zitat 9b – Wahrscheinlichkeit – versus – bloße Scheinbarkeit

”WAHRSCHEINLICHKEIT – ERKLÄRUNG DES WAHRSCHEINLICHEN – UNTERSCHIED DER WAHRSCHEINLICHKEIT VON DER SCHEINBARKEIT – MATHEMATISCHE UND PHILOSOPHISCHE WAHRSCHEINLICHKEIT

Zur Lehre von der Gewißheit unsers Erkenntnisses gehört auch die Lehre von der Erkenntnis des Wahrscheinlichen, das als Annäherung zur Gewißheit anzusehen ist.

Unter Wahrscheinlichkeit ist ein Führwahrhalten aus unzureichenden Gründen zu verstehen, die aber zu dem zureichenden ein größeres Verhältnis haben, als die Gründe des Gegenteils.

Durch diese Erklärung unterscheiden wir die Wahrscheinlichkeit (probilitas) von der bloßen Scheinbarkeit (versimilitudo); einem Fürwahrhalten aus unzureichenden Gründen, insoferne dieselben größer sind, als die Gründe des Gegenteils.

Der Grund des Fürwahrhalten kann nämlich entweder objektiv oder subjektiv größer sein, als der des Gegenteils. Welches von beiden er sei, das kann man nur dadurch ausfindig machen, daß man die Gründe des Fürwahrhaltens mit den zureichenden vergleicht; denn alsdenn sind die Gründe des Fürwahrhaltens größer, als die Gründe des Gegenteils sein können.

Bei der Wahrscheinlichkeit ist also der Grund des Fürwahrhaltens objektiv gültig, bei der bloßen Scheinbarkeit dagegen nur subjektiv gültig.

Die Scheinbarkeit ist bloß Größe der Überredung, die Wahrscheinlichkeit ist eine Annäherung zur Gewißheit.

Bei der Wahrscheinlichkeit muß immer ein Maßstab da sein, wonach ich sie schätzen kann. Dieser Maßstab ist die Gewissheit. Denn indem ich die unzureichenden Gründe mit den zureichenden vergleichen soll, muß ich wissen: wie viel zur Gewißheit gehört. – Ein solcher Maßstab fällt aber bei der bloßen Scheinbarkeit weg; da ich hier die unzureichenden Gründe nicht mit den zureichenden, sondern nur mit den Gründen des Gegenteils vergleiche.

Die Momente der Wahrscheinlichkeit können entweder gleichartig oder ungleichartig sein. Sind sie gleichartig: wie die mathematischen Erkenntnisse; so müssen sie numeriert werden; sind sie ungleichartig, wie im philosophischen Erkenntnisse: so müssen sie ponderiert, d.i. nach der Wirkung geschätzt werden; diese aber nach der Überwindung der Hindernisse im Gemüthe. Letztere geben kein Verhältnis zur Gewißheit, sondern einer Scheinbarkeit zur andern. Hieraus folgt: daß nur der Mathematiker das Verhältnis unzureichender Gründe zum zureichenden Grunde bestimmen kann, der Philosoph muß sich mit der Scheinbarkeit, einem bloß subjectiv und praktisch hinreichenden Fürwahrhalten begnügen. Denn im philosophischen Erkenntnisse läßt sich wegen der Ungleichartigkeit der Gründe die Wahrscheinlichkeit nicht schätzen; – die Gewichte sind hier, so zu sagen, nicht alle gestempelt. Von der mathematischen Wahrscheinlichkeit kann man daher auch eigentlich nur sagen: daß sie mehr als die Hälfte der Gewißheit sei.“

(Ende des Zitats)

Zitat aus Band VI, Gesammelte Werke, Immanuel Kant: “Schriften zur Metaphysik und Logik 2″ ( Logik- Einleitung), WAHRSCHEINLICHKEIT – ERKLÄRUNG DES WAHRSCHEINLICHEN … , Seite 512-513, Suhrkamp Taschenbuchausgabe, herausgegeben von Wilhelm Weischedel, 1. Auflage 1974, ISBN  3-538-27653-7

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(abgelegt unter Zitate, Sept. 2009, letzte Änderung 15.1.2017)

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