Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Erleben – Ichbewußtsein

Erleben ist immer ein Ganzes. Es gibt kein isoliertes psychisches Erleben und auch kein isoliertes körperliches Erleben. Unser Nervensystem ist immer als Ganzes in Aktivität nur sind nicht alle Bereiche des Gehirnes zu einer gewissen Zeit gleich aktiv. Daher kommt es, dass manchmal mehr das emotionale Erleben im Vordergrund steht, dann vielleicht eine bestimmte Vorstellung, dann  vielleicht ein Gefühl, dann eine körperliche Empfindung, dann ein gewisser Sinneseindruck usf. im Vordergrund des Erlebens steht.

Mit anderen Worten unser Bewusstsein ist manchmal mehr auf Dieses, dann auf Jenes, konzentriert. Dabei kann dieses Konzentriertsein bewusst oder unbewusst geschehen. Hören wir plötzlich ein Geräusch so konzentrieren wir uns auf die Richtung aus der das Geräusch kommt usf. Wir lesen oder sehen etwas und es kommt uns ein Einfall und wir konzentrieren uns etwa auf diese Erinnerung. So ändert sich unser Fokus des Bewusstseins ständig je nach dem und kommen uns dementsprechend neue Einfälle ins Bewusstsein.

Man bemerkt, dass die Fokusierung des Bewusstseins seine Auswirkungen hat. Seine Auswirkungen in dem Sinn, dass zum Beispiel weitere Erinnerungen im Zusammenhang der vorangegangenen Erinnerungen aus dem Gedächtnis durch Assoziationen wachgerufen werden. Auf diese Art und Weise können wir Antworten auf Fragen finden indem wir uns die Fragen stellen und dann einfach warten was unser Gehirn für eine Antwort dazu liefert. Die Fragen sind also wichtig. Oftmals ist es besser sich einfach eine Frage zu stellen als angestrengt darüber nachzudenken was man wohl tun soll. Unser Gehirn „arbeitet“ auch ohne, dass wir uns gezielt anstrengen – jedenfalls in gewisser Hinsicht.

Eine interessante Sache ist, dass Leute, die in der Meditation weit gekommen sind, sagen, dass es so etwas wie ein „Ich“ gar nicht gibt.

Erknntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet ist dies insofern richtig, weil das „Ich“ im Kant´schen Sinn nur einer Idee ist – also  eine Vorstellung unter der wir andere Erkenntnisobjekte geistig auffassen, in dem Sinn von: Ich bin dieser Körper, Ich habe diese Augenfarbe, Deutsch ist meine Muttersprache, …….Ich lebe hier an diesem Ort, Ich habe diesen Beruf, Ich bin ledig oder ich bin verheiratet etc. Es ist dies also eine systematische Einheit unter der wir diese verschiedenen Merkmale geistig unter dem Begriff dieser Idee auffassen. (vgl. mit Kant Zitat 7).

Neurophysiologisch betrachtet ist die Feststellung, dass es ein „Ich“ gar nicht gibt ebenfalls eine interessante Sache: Wenn man sich überlegt was im Gehirn passiert während der Erlebnisstrom fliesst, so kann man sagen, dass die einzelnen Nervenzellen des Gehirns fortlaufend mehr oder weniger aktiv sind, dass also die einzelnen Nervenzellen Impulse empfangen und ihrerseits, mehr oder weniger Impulse abgeben und, dass sich aus der Gesamtheit dieser einzelnen Nervenzellaktivitäten irgendwelche „Muster“ ergeben, wobei ein Muster Anlass für ein weiteres neuronales Muster ist – weibei das Nächste jeweils aus dem vorhergehenden hervorgeht. Mit anderen Worten: Im Grunde genommen handelt es sich also um eine Serie von Aktivitätsabläufen, wobei die eine Aktivität eine andere Aktivität provoziert bzw. im Sinn einer Ursache bewirkt und je nach dem der Prozess zu diesem oder jenem Zwischenergebnis führt, in dessen Folge dann ein anderes Zwischenergebnis eintritt usf. Diese Zwischenergebnisse sind dann z.B. unsere Gedanken die sich im Bewusstsein in der Form der Einfälle ergeben, oder die Melodie eines Liedes oder der Ablauf einer Bewegung, etwa einer Eislaufkür sind.

Ein „Ich“ als solches ist also tatsächlich nirgendwo zu finden. Sondern es existiert ein „Ich“ nur als Vorstellung als Idee bzw. als der Begriff einer Idee im Kant`schen Sinn in unserem Bewusstsein der erkennenden Person. Wir selbst machen die Erfahrung, dass die Ich-Kontinuität praktisch vorhanden ist. Wir fühlen uns also immer als ein und derselbe. Es ist allerdings so, dass das Ichbewusstsein sich im Laufe des Lebens entwickelt. Heute fühle ich mich „so“ gestern habe ich mich „so“ gefühlt, die Grundstimmung war gestern vielleicht eine andere ….

Dabei sei an dieser Stelle auch noch festgehalten, dass natürlich andere Personen von meinem „Ich“ durchaus eine andere Vorstellung haben als ich selbst – was an und für sich ganz klar ist. Jeder macht sich ein „Bild“ von sich selbst und macht sich ein Bild vom andern. Und wie man leicht einsehen kann differieren diese Bilder natürlich voneinander.

Weiteres über die Korrelation des Bewusstseins zur zentral nervösen Aktivität finden Sie auf dieser Wikipediaseite.

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(letztes update 23.4.2013, abgelegt unter Bewusstsein, Erleben)

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