Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Zergliederung

Eine Zergliederung ist die Zerlegung von Etwas in seine Teile.

Man kann auch sagen:

Eine Zergliederung ist die Zerlegung von etwas in einzelne Einheiten.

Man muss dabei allerdings unterscheiden was man zergliedert:

Man kann ein Objekt zergliedern, oder man kann den Begriff einer Idee zergliedern.

Ein Objekt kann man tatsächlich in einzelne physische Teile, die unabhängig voneinander existieren, zergliedern. So kann man etwa in der Anatomie einen Arm in die einzelnen Knochen, in die Muskeln, Sehnen, Bänder usf. zergliedern und diese Teile unabhängig von einander und auch in ihrem Zusammenhang studieren. In der Medizin kann man also physische Objekte zergliedern und diese auf diese Art und Weise systematisch studieren.

In der Psychiatrie und Psychologie hingegen zergliedert man die Begriffe der Ideen (vgl. mit Kant Zitat 7). Man zergliedert etwa in der Psychopathologie den Begriff Schizophrenie in die einzelnen psychischen Symptome und psychischen Phänomene, die insgesamt die charakteristischen Merkmale dieses charakteristischen psychischen Symptomenkomplexes sind. Es ist daher die psychiatrische Kategorie das Schema der psychiatrisch-diagnostischen Idee, das man durch die Zergliederung des Symptomenkomplexes in die einzelnen Merkmale gefunden hat.

Die Gesamtheit der verschiedenen psychischen Störungen hat man in einer Nosologie in der Psychiatrie durch die psychiatrische Klassifikation in die einzelnen diagnostischen Einheiten, nämlich in die einzelnen psychiatrischen Diagnosen zergliedert.

Man findet also, dass man bei der Zergliederung in der Psychiatrie keine von einander unabhängigen Einheiten zergliedert, sondern es sind dies lauter systematische Einheiten, die unter einander in Beziehung stehen, die man also unter verschiedenen Gesichtspunkten erkennen kann, wenn man verschiedene Sichtweisen anwendet.  Dies hat Karl Jaspers erkannt und in seiner „Allgemeinen Psychopathologie“ aufgezeigt. (vgl. mit Jaspers Zitat 11)

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet erkennt man, dass man unterscheiden muss, ob man einen Gegenstand schlechthin zergliedert, oder, ob man einen Gegenstand in der Idee zergliedert (vgl. mit Kant Zitat 7). Es ist ein Gegenstand in der Idee ein Erkenntnisobjekt das uns nur als mentales Erkenntnisobjekt, nämlich als der Begriff der Idee gegeben ist, der als systematische Einheit im Bewusstsein der erkennenden Person erscheint. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Demgemäß zergliedert man in den verschiedensten Bereichen des Wissens die unterschiedlichsten Dinge entweder auf der Ebene der physis, also auf der Ebene der „Natur“, damit auf der Ebene der „physischen“ Objekte, oder man zergliedert „Dinge“ jenseits dieser Ebene, also meta-physisch, somit auf der Ebene der Ideen. Demgemäß gibt es eine geistige Zergliederung und eine physische Zergliederung – und man sollte dies in der Praxis und in der Wissenschaft, insbesondere in der psychiatrischen Wissenschaft beachten und berücksichtigen weil Konsequenzen aus diesem Unterschied  in den Erkenntnisobjekten resultieren.

Auch in anderen Bereichen des Wissens zergliedert man Dinge in verschiedene Teile, die verschiedenen Kategorien zugeordnet werden können. So zergliedert man etwa in der Rechtsprechung Sachverhalte und man sieht dann zu ob man diese gewissen Gesetzen subsumieren kann.  Im Gegensatz dazu zergliedert man in der Botanik eine Blüte in ihre Teile und so fort.

Man zergliedert also ein Objekt, etwa einen Gegenstand, wie man ihn in der Natur vorfindet. Oder man zergliedert den Begriff einer Idee.

In diesem Sinn entdeckt man in der Forschung in Folge der Zergliederung der Dinge und der Erscheinungen neue Einzelheiten und hat man etwa in der Medizin auf der Grundlage dieser Forschungen die Ursachen von verschiedenen Krankheiten entdeckt. Es kommt damit also zum vertieften Verstehen der Zusammenhänge und der Erscheinungen und man kann diese damit besser studieren, besser verstehen und auch besser erklären.

In gleicher Weise kommt es durch die Zergliederung der Sachverhalte und der Erscheinungen in anderen Bereichen zu einem vertieften Wissen und Verstehen.

So kann man etwa in der Psychiatrie den Begriff Neurose oder den Begriff Psychose zergliedern und man findet damit die verschiedenen Merkmale, die diese psychischen Störungen charakterisieren.

Oder man entdeckt durch die Innenschau in der Meditation die verschiedenen Zusammenhänge der Erscheinungen und es bewirkt somit auch diese innere Erfahrung eine Art von Zergliederung der Erscheinungen durch die man die Zusammenhänge der Psyche und ihrer Funktion besser verstehen lernt und man macht dabei die Erfahrung, dass sich gleichzeitig damit gewisse Spannungen lösen, die man vorher gar nicht bemerkt hat. In diesem Sinn kommt es auch im Yoga zu einem vertieften Verständnis der Zusammenhänge, sowohl in Bezug auf die Psyche, wie auch in Bezug auf den Körper und es lösen sich dabei gewisse Spannungen und es befördert dies die Befindlichkeit und damit die Gesundheit wenn man die Asanas auf eine angemessene Art und Weise durchführt.

Man ist also in den verschiedensten Bereichen des Wissens ständig mit der Zergliederung und der Analyse der Zusammenhänge und der Erscheinungen befasst und entwickelt sich damit die Erkenntnis und das Verständnis für die Dinge für die Erscheinungen und für die Sachverhalte auf den verschiedensten Ebenen.

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(letzte update 6.1.2012, abgelegt unter philosophische Begriffe, Psychopathologie)

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