Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Wernicke Zitat – Standpunkt der Psychiatrie

Zitat aus der Ersten Vorlesung (aus dem Lehrbuch von Carl Wernicke, Buchnachweis siehe unten)

„Meine Herren!

Der Gegenstand, welcher uns hier beschäftigen soll, die Lehre von den Geisteskrankheiten, ist eigentlich ein Teilgebiet der inneren Medizin, das aber durch seine praktische Wichtigkeit und aus anderen Gründen mehr äußerlicher Art von jeher eine besondere Behandlung erfordert und erfahren hat. Leider ist es zugleich dasjenige Gebiet, welches in seiner Entwicklung zurückgeblieben ist und noch jetzt auf einem Standpunkt steht, wie etwa vor einem Jahrhundert die gesamte übrige Medizin. Sie wissen, daß damals eine entwickelte Krankheitslehre in unserem Sinne, d.h. eine solche, welche sich auf die krankhaften Störungen von Einzelorganen bekannter Funktion stützte, noch nicht vorhanden war, und daß man deshalb gewissen Symptomen, welche besonders häufig, wenn auch in verschiedenen Gruppierungen wiederkehrten, die Bedeutung von Krankheitsgattungen zuschrieb. Mit diesem Standpunkt ging die ärztliche Kenntnis von den Krankheiten nicht weit über dasjenige Wissen hinaus, das wir noch jetzt beim Laienpublikum verbreitet finden, wenn es den Husten, das Herzklopfen, das Fieber, die Gelbsucht, die Bleichsucht und die Abzehrung als eigentliche Krankheiten betrachtet. Genau dies ist der gegenwärtige Standpunkt der Psychiatrie, wenigstens bei der Mehrzahl der Irrenärzte, ihrer Vertreter. Gewisse Symptome von besonderer Prägnanz bilden auch für sie das eigentliche Wesen der Krankheit, so eine deprimierte Gemütslage im weitesten Sinne das Wesen der Melancholie, die gehobene Stimmung mit einem Überschuß von Bewegungen das der Manie u. dgl. m. Man unterscheidet jetzt eine ganze Anzahl derartiger vermeintlicher Krankheiten. Da aber in der Natur der Kombination der Symptome bei weitem mannigfaltiger und zusammengesetzter ist, so ergibt sich daraus die Notwendigkeit, die künstlichen Rahmen bald weiter, bald enger zu fassen, was von den verschiedenen Beobachtern in sehr verschiedener Weise geschieht; trotz allem Bemühen, die Krankheitsfälle künstlich in eine Form zu bringen, daß sie in den Rahmen hineinpassen, bleibt dann doch noch eine große Zahl von Fällen übrig, welche sich nicht zurechtzwängen lassen und dem Rahmen anbequemen. Ja, wer unbefangen urteilt und die nötige Erfahrung besitzt, der findet, daß  d i e  g r o ß e  Ü b e r z a h l der Fälle sich der üblichen Betrachtungsweise nicht fügen will. Dabei gebe ich bereitwillig zu, daß auch die Psychiatrie in neuerer Zeit erhebliche Fortschritte aufzuweisen hat. Die Arbeit von Männern wie Griesinger, H. Neumann, Kahlbaum, Meynert, Emminghaus und manchen anderen ist nicht vergeblich geblieben. Aber selbst von diesen hervorragenden Forschern ist noch jeder  der Versuchung erlegen, einzelne Symptome mit dem Wesen der Krankheit zu verwechseln, und wie tief der Durchschnittsstandpunkt der Psychiatrie noch heute steht, kann man daran ermessen, daß die herrschende Lehre von der Verrücktheit, deren Verdienst in einer bequemen Nomenklatur aufgeht, sich noch jetzt allgemeiner Anerkennung erfreut und von einem Denker wie Meynert s. Z. als Fortschritt begrüßt werden konnte. ….“

(Ende des Zitats)

Zitat aus:

Carl Wernicke, GRUNDRISS DER PSYCHIATRIE, in klinischen Vorlesungen, 1. Vorlesung, Seite 1-2, Neuausgabe der zweiten Auflage (1906), Nachdruck, Arts & Boeve Verlang, Nijmengen, Niederlande, 2000, ISBN 90 75341 19 9

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Anmerkung zum Zitat:

Carl Wernicke hat bemerkt, dass die psychischen Störungen bzw. die psychischen Krankheiten in seiner Zeit nur auf der Grundlage von Symptomen also nur symptomatologisch erfasst werden konnten, so wie dies einige Zeit zuvor in der Medizin ebenfalls nur möglich war als man die Krankheitseinheiten nur auf der Grundlage der Erscheinungen, also nur phänomenologisch bzw. nur in der Form von syndromalen Einheiten beschreiben konnte. Erst Karl Jaspers hat einige Zeit später erkannt, dass die psychischen Phänomene auf der Grundlage von Ideen – im Sinn von Immanuel Kant – durch das Schema der Idee erfasst und nur angenähert bestimmt werden können. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Es hat also erst Karl Jaspers den grundsätzlichen Unterschied in der Erkenntnisbasis erkannt und daher zutreffend geschrieben, dass man die psychischen Erscheinungen nur in Bezug auf Typen erkennen kann, wohingegen man in der Medizin gewisse Einheiten durch die Zugehörigkeit zu Gattungen bestimmen kann. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Während man also in der Psychiatrie die diagnostischen Einheiten nur auf der Grundlage von physisch nicht überprüfbaren Ideen, nämlich auf der Grundlage von bloßen Ideen im Sinn von Immanuel Kant erkennen und diagnostisch bestimmen kann, ist es in der Medizin in vielen Fällen möglich auf der Grundlage von körperlichen Befunden, die objektiv gültig festgestellt werden können eine diagnostische Einheit objektiv gültig und damit allgemein gültig zu bestimmen.

(abgelegt unter Zitate, 5.12.2012)

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