Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Warum wird manch eine medizinische Diagnose auf der Grundlage des klinischen Erscheinungsbildes diagnostiziert?

Manch eine medizinische Diagnose wird auf der Grundlage des klinischen Erscheinungsbildes diagnostiziert, weil eine solche Diagnose nur auf der Grundlage von Symptomen und nicht objektivierbaren Phänomenen diagnostisch erfasst werden kann.

Man kennt bei einer solchen gesundheitlichen Störung keine spezifischen körperlichen Merkmale, die objektiv bestimmt werden können. Mit anderen Worten: man kennt bei einer solchen gesundheitlichen Störung keine Krankheitszeichen auf deren Grundlage die Diagnose allgemein gültig bestimmt werden kann. Daher kann man eine solche Diagnose nur auf der Grundlage des Symptomenkomplexes diagnostizieren.

Philosophisch betrachtet kann man eine solche Diagnose nur auf der Grundlage von mentalen Merkmalen, sprich auf der Grundlage von mentalen Objekten diagnostizieren. Man kennt bei einer solchen medizinischen Diagnose keine physischen Merkmale,  die objektiv bestimmbar sind und auf deren Grundlage man die Diagnose allgemein gültig, das heißt objektiv bestimmen kann.

Bei einer solchen medizinischen Diagnose handelt es sich also um eine Diagnose die – philosophisch gesprochen – nur jenseits der „physis“ die also nur „meta-phyisch“ erfasst werden kann. Man kann daher auch sagen: eine solche Diagnose kann nur auf der Grundlage von Merkmalen bestimmt werden, die auf der Ebene der Vorstellungen im Bewusstsein einer Person erscheinen (griechisch: phenomenon – das was erscheint, das Erscheinende)

Dies ist der Grund warum eine solche medizinische Diagnose, eine nicht objektivierbare funktionelle Diagnose ist, die nur auf der Grundlage des klinischen Erscheinungsbildes diagnostisch erfasst werden kann. Fibromyalgie, Migräne, Spannungskopfschmerz und andere Schmerzsyndrome sowie auch sonstige syndromale Diagnosen im engeren Sinn, zum Beispiel die Einheit Vegetative Dystonie, sind solche Diagnosen, die nur auf der Grundlage des klinischen Erscheinungsbildes diagnostisch erfasst werden können. Es sind dies also die phänomenologischen Diagnosen in der Medizin, die nicht auf ein Objekt zurückgeführt und auf dieser Grundlage allgemein gültig bestimmt werden können.

Es gibt also medizinische Diagnosen, die allgemein gültig, das heißt objektiv diagnostisch bestimmt werden können und andererseits solche, die nicht allgemein gültig, sondern nur subjektiv gültig diagnostisch bestimmt werden können. Die erst genannten medizinischen Diagnosen werden auf der Grundlage von physischen Merkmalen diagnostisch erfasst, die medizinischen Diagnosen der zweit genannten Art auf der Grundlage von – jenseits der „physis“ gelegenen Merkmalen – also „meta-physischen“ Merkmalen – erfasst. Man kann also auch sagen, dass die zuletzt genannten Diagnosen auf der Grundlage von Erscheinungen (Phänomenen) erfasst werden, die in der Form der Begriffe der Ideen im Bewusstsein der erkennenden Person erscheinen, erfasst werden.

Wohingegen die zuerst genannten medizinischen Diagnosen auf der Grundlage von körperlichen Fakten bzw. auf der Grundlage von objektiven Befunden erfasst werden.

In der Erkenntnisbasis findet sich also der tiefer liegende Grund, warum ein Teil der medizinischen Diagnosen allgemein gültig, sprich objektiv bestimmt werden kann – und der andere Teil der medizinischen Diagnosen nur subjektiv gültig bestimmt werden kann. Es gibt also medizinische Diagnosen – die, so wie die psychiatrischen Diagnosen – nur mit Hilfe einer Konvention – philosophisch gesprochen – mit Hilfe einer Dogmatik, also mit Hilfe einer Ideenlehre erfasst werden können. Im Gegensatz dazu können die objektiv bestimmbaren medizinischen Diagnosen unabhängig von einer Ideologie auf der Grundlage der Körperlichkeit allgemein gültig bestimmt werden.

Man kann auch sagen die objektiv bestimmbaren medizinischen Diagnosen können allgemein gültig bestimmt werden, weil diese Erkenntnisse sich direkt auf ein körperliches Objekt beziehen (vgl. mit Kant Zitat 7) – wogegen die anderen medizinischen Diagnosen und die psychiatrischen Diagnosen nur auf der Grundlage von Ideen bestimmt werden können, die bei Anwendung einer Ideologie im Bewusstsein der erkennenden Person erscheinen. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Mann erkennt damit den großen Unterschied zwischen objektiv bestimmbaren medizinischen Diagnosen auf der einen Seite, und den nicht objektivierbaren medizinischen Diagnosen und den psychiatrischen Diagnosen auf der anderen Seite.

Die einen Erkenntnisse sind objektiv gültig und damit absolut gewiss, die anderen Erkenntnisse sind nur subjektiv gültig und damit auch nur relativ gültig.

Die einen Erkenntnisse in der Heilkunde können nur auf der Grundlage von subjektiver Evidenz erkannt werden, wogegen die anderen Erkenntnisse in der Heilkunde auf der Grundlage von objektiver Evidenz erkannt werden können.

Man kann also in der Heilkunde in diagnostischer Hinsicht bei gewissen gesundheitlichen Störungen (Krankheiten)  objektives Wissen erlangen, und bei anderen gesundheitlichen Störungen nur subjektives Wissen. Subjektives Wissen ist gleichzeitig auch relatives Wissen und generell ist subjektives Wissen auch beschränktes Wissen.

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(Beitrag in Arbeit, letztes Änderung 1.10.2014, abgelegt unter Medizin, Diagnostik)

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