Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

wahrscheinliche Ursache

Die wahrscheinliche Ursache ist die Ursache, die auf der Ebene der Vorstellungen unter den möglichen Ursachen als die wahrscheinlichste erscheint.

Ob es sich dabei um eine Ursache handelt, die man auf der Ebene der Objekte bestimmen kann ist vorerst allerdings oftmals ungewiss. In manchen Fällen kann man tatsächlich auf der Ebene der Objekte die tatsächliche Ursache finden und diese allgemein gültig bestimmen. In anderen Fällen ist dies nicht möglich, und kann man daher unter den „möglichen Ursachen“ nicht  die „tatsächliche Ursache“ bestimmen. In diesen Fällen handelt es sich in der Regel um eine komplexe Ursache und kann man in solchen Fällen auf der Grundlage der Erfahrung lediglich gewisse Faktoren finden, die als wesentliche Faktoren einer solchen Ursache anzusehen sind. Die „tatsächliche Ursache“ kann man in einem solchen Fall aber nicht bestimmen.

Man kann also in einem solchen Fall nicht beweisen, dass die „wahrscheinliche Ursache“ die „tatsächliche Ursache“ ist, sondern handelt es sich dabei um eine nur subjektiv gültige Erkenntnis in dem Sinn, dass der erkennenden Person unter Abwägung der möglichen Ursachen eine bestimmte Ursache als die wahrscheinlichste Ursache auf der Ebene der Ideen erscheint.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet kann man eine „wahrscheinliche Ursache“ unter Umständen auf der Ebene der Objekte bestimmen, oder man findet eine Ursache, die nur als der Begriff der Idee, bzw. als das Schema der Idee im Bewusstsein der erkennenden Person  erscheint (vgl. mit Kant Zitat 7). In einem solchen Fall kann man die „wahrscheinliche Ursache“ nicht allgemein gültig bestimmen. In einem solchen Fall handelt es sich bei der Einheit der Ursache um eine systematische Einheit, die als der Begriff einer Idee im Bewusstsein der erkennenden Person erscheint. (vgl. mit Kant Zitat 7).

Tatsächlich kann man eine „wahrscheinliche Ursache“ nur allgemein gültig bestimmen, wenn diese auf der Ebene der Objekte nachweisbar ist, ansonsten handelt es sich bei der Ursache, die man als die „wahrscheinliche Ursache“ ansieht um ein Konzept bzw. um eine Idee durch die man sich das Geschehen bzw. die Abfolge der Erscheinungen erklärt.

Daher sollte man beachten, dass es einen Unterschied zwischen einem Faktor einer Ursache und einer tatsächlichen Ursache gibt.

Ursachen in verschiedenen Bereichen

In der Technik kann man meist – in dem man nach der Störung sucht – die „tatsächliche Ursache“ auf der Ebene der Objekte finden und sich damit erklären und verstehen warum es zur Störung gekommen ist.

Auch in der Medizin kann man in vielen Fällen die „tatsächliche Ursache“ finden, etwa in dem man die Ursache auf der Ebene der Objekte findet, wenn man vorerst nur eine Verdachtsdiagnose gehabt hat. Man kann also in der Medizin in vielen Fällen unter den möglichen Differenzialdiagnosen durch die Abklärung des Sachverhalts die „tatsächliche Ursache“ finden und diese damit objektiv gültig bestimmen.

In anderen Fällen ist es in der Medizin allerdings nicht möglich die „tatsächliche Ursache“ zu bestimmen. So kann man beispielsweise bei den Einheiten Migräne, Spannungskopfschmerz, Vegetative Dystonie, Fibromyalgie, Fatigue Syndrom usf. die „wahrscheinliche Ursache“ und damit die „tatsächliche Ursache“ nicht allgemein gültig bestimmen, sondern kann ein Arzt nur auf der Ebene seiner Ideen subjektiv gültig entscheiden, was seiner Meinung nach die „wahrscheinliche Ursache“ bzw. der wesentlichste Faktor dieser komplexen Ursache ist.

In der Psychiatrie kann man – so wie bei den nicht-objektivierbaren Diagnosen in der Medizin, den phänomenologischen Diagnosen, die man auch als syndromalen Diagnosen im engeren Sinn bezeichnen kann – die „Ursache schlechthin“ bzw. die „tatsächliche Ursache“ nicht allgemein gültig bestimmen. Man kann in der Psychiatrie die „wahrscheinliche Ursache“ nicht demonstrieren und beweisen, dass eine solche „mögliche Ursache“ die „tatsächliche Ursache“ ist. Sondern man kann dazu nur gewisse Theorien bilden, die man durch ein Konzept erklärt und die man durch statistische Studien in gewisser Hinsicht unterlegen kann. Aber im konkreten Fall kann man keinen Beweis vorführen, der aufzeigt, dass eine „mögliche Ursache“ bzw. die  „wahrscheinliche Ursache“ die „tatsächliche Ursache“ ist, sondern kann man durch die Wirkung einer Therapie unter Umständen indirekt aufzeigen, dass die vermutete Ursache eine wesentlicher Faktor im Ursachenbündel der komplexen Ursache ist.

So kann man beispielsweise im Fall einer psychischen Störung vom Typ der Schizophrenie im konkreten Fall nicht auf der Ebene der Objekte beweisen, dass gewisse Störungen an den Rezeptoren die Ursache dieser psychischen Störung sind. Auch bei einer psychischen Störung vom Typ ADHS, oder bei einer Demenz kann man letztlich im  Zweifelsfall nicht auf der Ebene der Objekte beweisen, dass eine gewisse körperliche Ursache die „tatsächliche Ursache“ ist, sondern kann man unter Umständen nur gewisse physische Befunde vorführen und die Störung dadurch mehr oder weniger gut erklären. Wobei diese Erklärung dann allgemein anerkannt wird wenn der Sachverhalt typisch ist. In der Psychiatrie kann man also nur indirekt über die Wirkung einer Therapie einen indirekten Beweis in Bezug auf die Ursache der psychischen Störung liefern. Auf der Ebene der Objekte kann in der Psychiatrie kein Beweis geliefert werden, dass etwas die tatsächliche Ursache einer psychischen Störung ist.

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(Beitrag in Arbeit, letzt Änderung 21.3.2014, abgelegt unter Ursache, Wahrscheinlichkeit)

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