Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Ursachen in der Medizin und Psychiatrie

In diesem Beitrag werden die Ursachen von gesundheitlichen Störungen aus erkenntnistheoretischer Sicht untersucht und diskutiert:

Bei gewissen körperlichen Krankheiten hat man z.B. gewisse Bakterien als die Ursache einer solchen Krankheit entdeckt. Wenn ein solcher Infekt zu einer krankheitswertigen Erscheinung führt, so ist das Bakterium die (augenscheinliche) Ursache für den klinisch relevanten Infekt.

Genau genommen könnte man natürlich weiter fragen: Warum hat dieses Bakterium es geschafft, sich im Organismus so zu vermehren, dass es zum Infekt bzw. zum klinischen Erscheinungsbild der Krankheit gekommen ist? Falls man diese Ursache der Ursache ausfindig machen könnte, könnte man natürlich sagen, dass diese, noch tiefer liegende Ursache, die eigentliche Ursache ist.

Man merkt also, dass man auf diese Art und Weise des Fragens zu keinem Anfang, sondern zu einem infiniten Regress kommt.

Für die medizinische Praxis genügt es allerdings, wenn man eine Teilsequenz der Kausalitätskette kennt, und sodann, gemäß dem Wissen das man dazu hat, effektiv handeln kann.

Es genügt zum Beispiel für die medizinische Praxis die Ursache einer Hirnhautentzündung zu kennen. Wenn man z.B. im Liquor Meningokokken gefunden hat, dann hat man die Ursache der Hirnhautentzündung bestimmt, und kann man voraussichtlich eine effektive, kausale Therapie mit Antibiotika beginnen.

Es genügt also, wenn man eine Teilsequenz in der Kausalitätskette kennt, und dann wirksame Mittel zur Verfügung hat, um in Bezug auf die bestimmte Ursache eine kausale Therapie zu beginnen.

Es gibt in der Medizin gesundheitliche Störungen (Krankheiten), bei denen man spezifische Ursachen ausfindig machen kann, und bei denen man herausgefunden hat, wie weiter Erfolg versprechend vorzugehen ist, wenn man die Ursache entdeckt hat, bzw. die Diagnose richtig gestellt hat. Man kann also in einem solchen Fall angeben, welche Wirkung durch die (kausale) Behandlung voraussichtlich eintreten wird.

In diesen Fällen kann man die Krankheit (gesundheitlichen Störung) kausal aetiologisch behandeln.

Beispiele für solche Krankheiten (Diagnosen) und deren Ursachen bzw. kausale Therapien sind:

Antibiotische Behandlung eines bakteriellen Infekts durch ein wirksames Antibiotikum.

Behandlung einer Schildrüsenunterfunktion durch ein Schilddrüsenhormonpräparat.

Behandlung einer Insulin pflichtigen Zuckerkrankheit durch Insulininjektionen.

Behandlung einer nicht Insulin pflichtigen Zuckerkrankheit durch Blutzucker senkende Mittel.

usf.

Schon beim letztgenannten Beispiel, der nicht Insulin pflichtigen Zuckerkrankheit erkennt man, dass  verschiedene „Ursachen“ relevante Faktoren in einer Kausalitätskette sein können, die eine effektive Therapie ermöglichen.

Man kann Insulin durch Injektionen verabreichen, wobei das zugeführte Insulin den Insulinmangel kompensiert, oder eventuell Blutzucker senkende Mittel in Tablettenform verabreichen, die die Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse anregen, oder man kann den Diabetes durch Diät und / oder durch vermehrte Bewegung  günstig beeinflussen. Es können also in diesem Fall verschiedene „Ursachen – Wirkungsrelationen“ genannt werden, die kausal die Stoffwechselstörung günstig beeinflussen.

Neben dem Beispiel der Zuckerkrankheit gibt es in der Medizin viele gesundheitliche Störungen, bei denen nicht nur eine einzige, bzw. eine herausragende Ursache genannt werden kann, sondern bei denen viele Faktoren kausal sind.

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Es gibt viele gesundheitliche Störungen in der Medizin, die man unter den verschiedensten Aspekten betrachten und studieren kann. Demgemäß kann man, je nach Betrachtungsweise, den verschiedenen kausalen Zusammenhängen – sprich den verschiedenen „Ursache – Wirkungsrelationen“ nachgehen, und den Sachverhalt jeweils unter den verschiedenen Aspekten studieren. (vgl. mit Kant Zitat 2)

Letztlich soll man dem Sachverhalt nach allen möglichen Prinzipien der Einheit nachgehen, wie dies Immanuel Kant formuliert hat. (vgl. mit Kant Zitat 2)

Nur soll man beim Erkennen dieser Zusammenhänge die Grenzen der Erkenntnis nicht übersehen, die uns dabei auferlegt sind. (vgl. mit Kant Zitat 3)

Man erkennt also, dass es in der Medizin oftmals nicht möglich ist, nur eine einzige Ursache anzugeben, die die einzige und augenscheinlichste ist, sondern soll man … der Natur nach allen möglichen Prinzipien der Einheit, worunter die der Zwecke die vornehmste ist, bis in ihr Innerstes nachgehen … um sodann die wesentlichen Zusammenhänge zu erkennen, und um in weiterer Folge die bestmögliche Behandlung zu finden. (vgl. mit Kant Zitat 2)

Dabei wird man oftmals verschiedene „Ursache – Wirkungsrelationen“ finden – beziehungsweise kann man den Zusammenhang der Dinge auf verschiedene Arten und Weisen verstehen, erklären, studieren und sodann gemäß dem Stand des Wissens handeln.

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Während man also bei den erst genannten Beispielen (relativ) klar und eindeutig angeben kann, welche Wirkung auf eine bestimmte Ursache hin zu erwarten ist, und die Überprüfung einer Behandlung weitgehend – vergleichbar einem Experiment in der Naturwissenschaft – möglich ist, ist dies bei anderen Sachverhalten in der Medizin nicht möglich.

Beim Beispiel der genannten diabetischen Stoffwechselstörung besteht nämlich nicht nur eine Störung des Zuckerstoffwechsels, sondern gleichzeitig auch eine Störung des Feststoffwechsels, und kann man auch sonstige Störungen z.B. immunologische Störungen, den Hormonhaushalt betreffende Störungen und andere Störungen angeben.

Man kann in einem solchen Fall nicht genau wissen, was in welchem Umfang kausal ist, was auf was wirkt, – was auf was folgt usf. Man kann dazu nur Modelle bzw. Konzepte entwickeln, die den Sachverhalt nach verschiedenen Prinzipien betrachten, und kann man den Sachverhalt sodann gemäß diesen Theorien erklären. In weiterer Folge kann man zusehen, ob man den Stoffwechsel empirisch auf diese Art und Weise studieren kann. Durch wissenschaftliche Studien wird man die eine, oder andere Annahme (Theorie) dadurch indirekt mehr oder weniger bestätigen können.

Es handelt sich also bei diesen Theorien (Modellen) um Prinzipien im Kant` schen Sinne, die den  Zusammenhang der Dinge erklären, so dass wir sie verstehen können. (vgl. mit Kant Zitat 2)

Nach dem sich diese Prinzipien auf Theorien bzw. auf Ideen beziehen, die man nicht im konkreten Fall physisch überprüfen kann, handelt es sich dabei um regulative Prinzipien.

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Wir erklären , wie eine Ursache eine weitere Sache zur Folge hat.

oder

Wir verstehen (als Folge der Erklärung), die Ursache als den Grund einer weiteren Sache.

So verstehen wir beispielsweise in der Medizin, wie körperliche Aktivität zu einer Veränderung im Zuckerstoffwechsel führt. Auf diese Art und Weise können wir auch erklären, wie die psychische Befindlichkeit durch die vermehrte körperliche Bewegung günstig beeinflusst wird, und kann man in der Praxis – also empirisch – dies tatsächlich so bestätigt finden.

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Neben der Suche nach körperlichen Ursachen und körperlichen Zeichen (Merkmalen) suchen wir in der Medizin oftmals auch nach der Ursache eines Symptoms oder Phänomens. Wenn wir die Ursache eines Symptoms oder Phänomens gefunden haben, dann haben wir eine Erklärung für das Auftreten dieses Symptoms oder Phänomens, bzw. für das Auftreten einer Krankheit  bzw. einer gesundheitliche Störung gefunden.

In der Psychiatrie suchen wir nach dem Zusammenhang von psychischen Symptomen und psychischen Phänomenen und deren Ursachen. Wir können den Zusammenhang der psychischen Symptome und psychischen Phänomene oftmals „psychisch“ bzw. „psychologisch“ erklären. Eine Theorie die das Auftreten einer psychischen Störung aus psychischen, bzw. psychologischen Gründen erklärt, ist ein psychologische Theorie.

Andere Male finden wir in der Psychiatrie, dass auch körperliche Faktoren von Relevanz sind, und suchen wir nach einer körperlichen Ursache, bzw. nach einer körperlichen Erklärung. Eine solche Erklärung bildet dann eine biologische Theorie in der Psychiatrie, die diesen Sachverhalt biologisch erklärt.

Insbesondere bei den psychischen Störungen, die der 3. und 2. Schicht nach der Schichtenregel von Karl Jaspers zuzuordnen sind, sehen wir uns veranlasst körperliche Ursachen zu suchen, die diese psychischen Störungen erklären. Etwa bei den Psychosen vom Typ einer Schizophrenie, oder einer Demenz, des weiteren auch bei einer psychischen Störung vom Typ eines ADHS, eines Autismus usf.

Man kann also in der Psychiatrie den Zusammenhang der einzelnen psychischen Symptome und psychischen Phänomene und ihrer Ursachen unter den verschiedensten Gesichtspunkten studieren – wie dies Karl Jaspers erkannt hat. (vgl. mit Jaspers Zitat 11 und mit Kant Zitat 2)

Nur unterscheidet sich die Situation in der Psychiatrie gegenüber der Medizin dadurch, dass wir in der Psychiatrie den Zusammenhang von psychischen Phänomenen mit entweder anderen psychischen Phänomenen untersuchen / verstehen / erklären, oder wir den Zusammenhang von psychischen Phänomenen mit körperlichen Ursachen untersuchen / verstehen / erklären.

Es geht in der Psychiatrie also um die Relation Psyche – Körper, und nicht nur um die Relation von körperlichen Dingen zu anderen körperlichen Dingen, wie dies in der Medizin untersucht und studiert wird.

In der Medizin studiert man z.B. wie Medikamente sich körperlich auf eine körperliche Krankheit auswirken. Im Gegensatz dazu untersucht man in der Psychiatrie wie körperliche oder psychische Ursachen sich auf die Psyche, also auf das Erleben, Verhalten Reagieren und Handeln wirken.

Es geht also in der Psychiatrie unter anderem um die Wechselwirkung der Psyche mit dem Körper, und umgekehrt um die Auswirkung von Körperlichem auf Psychisches.

Es besteht also bezüglich der Forschung in der Psychiatrie ein grundlegender Unterschied zur Forschung in der Medizin, insofern in der Psychiatrie das „Psychische“ von Relevanz ist, während dies bei den körperlichen Krankheiten nicht primär von Relevanz ist, und dieser Aspekt in der körperlichen Medizin primär daher auch nicht studiert wird.

Da man Psychisches nur auf der Ebene der Vorstellungen erkennen kann, und nicht auf der Ebene der körperlichen Objekte erfassen kann – befindet sich die Psychiatrie also in einer grundsätzlich anderen Situation als die Medizin – wo körperliche Störungen auf der Grundlage von körperlichen Fakten erfasst werden können. (vgl. mit Kant Zitat 7)

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Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet ist die Ursache eine Idee die aus der Erfahrung abgeleitet worden ist. Es handelt sich dabei also um eine aus der Erfahrung abgeleitete Idee, die – wie dies Immanuel Kant aufgezeigt hat – eine bloße Idee ist (Weiteres dazu im Beitrag Kausalität). Eine Ursache erklärt also die Abfolge von Erscheinungen (Phänomenen), bzw. von Dingen, die einander folgen, und zieht man aus diesen Erfahrungen Schlussfolgerungen auf die Ursache, bzw. auf die möglichen Ursachen. Das heißt die Kausalität wird aus diesen Erfahrungen abgeleitet. Wenn es sich dabei um körperliche Dinge handelt, also um körperliche bzw. physische Objekte, die wir „physisch“ bestimmen können, dann haben wir eine grundsätzlich andere Situation, als wenn Sachverhalte erforscht werden, die man nur auf der Grundlage von (bloßen) Ideen, bzw. die man nur auf der Grundlage von mentalen Erkenntnisobjekten studieren kann. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Der Begriff der Ursache entsteht erst durch unser Denken, in dem wir die Abfolge der Erscheinungen miteinander zeitlich verknüpfen, und sodann diesen Zusammenhang entsprechend verstehen und erklären. (vgl. mit Kant Zitat 28)

Wir bemerken also einen Zusammenhang der Erscheinungen / Dinge in der Abfolge der Zeit, und erklären diese Dinge sodann auf eine bestimmte Art und Weise. Auf diese Art und Weise finden wir die Ursache, bzw. die möglichen Ursachen der Sachverhalte.

Hinter dem Begriff der „Ursache“ steckt also ein Urteil. Wenn wir eine Ursache nennen, dann haben wir damit bereits ein Urteil gefällt. Nach unserer Meinung ist dann die Ursache der Grund für das in- Erscheinung treten der weiteren Sache.

Tatsächlich kann eine solche Erklärung allgemein anerkannt zutreffend, und damit allgemein anerkannt richtig sein, das heißt, es handelt sich dann um einen Sachverhalt, den alle Fachleute so erklären.

In anderen Fällen wird man jedoch die Erfahrung machen, dass es nicht von vorne herein klar und eindeutig entscheidbar ist, was die Ursache ist.

Immer wenn wir den Zusammenhang von Dingen erkennen, die uns nur als mentale Objekt, also in der Medizin und in der Psychiatrie als Symptome und nicht objektivierbare Phänomene erkenntnismäßig gegeben sind, so finden wir, dass man den Sachverhalt verschieden auffassen, verstehen und erklären kann.

Es kommt hierbei also auf die Art und Weise der Auffassung – auf die denkende Anschauung an – wie dies Karl Jaspers formuliert hat. (vgl. mit dem Jaspers Zitat und auch mit Kant Zitat 9)

Insofern man empirisch immer dieselbe Abfolge von Erkenntnisobjekten findet, kann man sagen, dass eine Gesetzmäßigkeit hinter dieser Abfolge steckt. Es handelt sich also in einem solchen Fall um eine naturgesetzmäßig in Erscheinung tretende Abfolge von Ereignissen bzw. Erscheinungen (z.B. das Fallen eines Gegenstandes nach unten, oder des Schneefalls, an Stelle des Regens im Winter usf.). In einem solchen Fall ist die Ursache, bzw. der Zusammenhang der Ursache mit der Wirkung offensichtlich durch eine Gesetzmäßigkeit bestimmt.

Im Gegensatz dazu gibt es Sachverhalte, bei denen die Ursache nicht eindeutig bestimmt, und auch nicht eindeutig bestimmbar ist. So kann man beispielsweise in der Psychologie oder in der Psychiatrie, und oftmals auch in der Medizin Sachverhalte zwanglos verschieden verstehen, verschieden erklären und verschieden beurteilen. Man kann also ohne weiteres verschiedene Ursachen nennen. Man kann also oftmals verschiedene Ursachen angeben, die z.B. ein gewisses Phänomen (z.B. einen gewissen Schmerz) hervorrufen. Es können also gesundheitliche Störungen in der Medizin und in der Psychiatrie oftmals durch verschiedene Ursachen hervorgerufen und erklärt werden.

Zum Beispiel gibt es bezüglich der Migräne verschiedene Theorien, die das Auftreten dieses Kopfschmerzes durch unterschiedliche Ursachen bzw. durch unterschiedliche Theorien erklären.

Nur wenn wir mit körperlichen Objekten befasst sind, die wir physisch bestimmen können, ist es möglich, dass wir in gewissen Fällen den Zusammenhang einer  Ursache mit ihrer Wirkung „physisch“ allgemein gültig bestimmen, und die postulierte Theorie dadurch überprüfen und unter Beweis stellen können (z.B. ob es sich zum Beispiel bei einer Lungenentzündung um einen Infekt mit Tuberkelbazillen handelt etc.).

Nur wenn es sich bei den Erkenntnisobjekten um real existente, physische Objekte handelt, die Immanuel Kant als „Gegenstände schlechthin“ bezeichnet, können wir die Objekte als solche, und deren Zusammenhang mit  den Erscheinungen auf „physischer“ Ebene am Probierstein der Erfahrung prüfen und in der Regel objektiv gültig bestimmen. (vgl. mit Kant Zitat 10)

Die medizinischen Sachverhalte, die nicht direkt auf reale physisch existente Erkenntnisobjekte zurückgeführt werden können, die also nicht auf körperlicher Grundlage  direkt oder indirekt bestimmt werden können, solche gesundheitlichen Störungen, bzw. die Ursachen von solchen gesundheitlichen Störungen kann man nicht am Probierstein der Erfahrung überprüfen. Man kann in einem solchen Fall nicht konkret im „Hier und Jetzt“ überprüfen was die Ursache ist.

Wir können also nicht überall eine „physische“ Ursache ausfindig machen, und die Ursache auf physischer Basis überprüfen. Hingegen können wir, selbst wenn diese Prüfung nicht möglich ist, den Sachverhalt nach einer gewissen (sinnvollen) Vorstellung, nach einer Theorie  erklären. Dies geschieht beispielsweise durch medizinische Theorien , die beispielsweise die Entstehung einer Migräne erklären. Oder macht man dies auch in der Psychiatrie in dem man das Auftreten einer gewissen psychischen Störung, etwa das Auftreten einer psychischen Störung vom Typ der Schizophrenie, als Folge von gewissen Ursachen erklärt, oder man erklärt das Auftreten einer psychischen Störung vom Typ eines ADHS als Folge von gewissen Ursachen.

Man kann also das Auftreten von gesundheitlichen Störungen oftmals durch verschiedene Theorien und durhc verschiedene Ursachen erklären.

Sobald ein Sachverhalt nicht mehr auf der physischen Ebene direkt physisch überprüft werden kann, und er damit nicht auf eine allgemein gültig bestimmbare Ursache zurückgeführt werden kann, handelt es sich philosophisch gesprochen, bei der Erklärung um eine bloße Idee im Sinn von Immanuel Kant (vgl. mit Kant Zitat 8). Eine bloße Idee ist also in einem solchen Fall eine Idee, durch die ein gewisser Sachverhalt durch den Bezug der Erscheinungen auf diese Idee aufgefasst wird (vgl. mit Kant Zitat 7) – und kann man auch sagen ist eine solche Idee ein Konzept, durch das man den Sachverhalt erklären kann. Es handelt sich also bei einem solchen Konzept bzw. bei einer solchen Idee um eine Idee die man nicht „physisch“ im Hier und Jetzt überprüfen kann. Immanuel Kant sagt daher dass man die Erkenntnis bzw. die Idee nicht am Probierstein der Erfahrung prüfen kann (vgl. mit Kant Zitat 10). Diese Überprüfung auf der Ebene der physischen Objekte ist also nicht möglich weil die Idee aus der Erfahrung abgeleitet worden ist, und kein  Bezug einer Ursache zu einem physischen Objekt aufzeigbar ist.

Tatsächlich findet man in der Medizin viele Ideen (Vorstellungen), die nicht direkt „physisch“ überprüft werden können. In der Psychiatrie (Psychologie, Psychotherapie) begegnet man praktisch nur Ideen, die man nicht im konkreten Fall „physisch“ überprüfen kann.

Der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers hat dies erkannt und weist darauf hin, dass die Ideen in der Psychiatrie Ideen im Sinn von Immanuel Kant sind (siehe Jaspers Zitat und Jaspers Zitat 6 ) und meint er damit bloße Ideen. (vgl. mit Kant Zitat 4)

Wir können also nur in Teilbereichen der Medizin die Ursachen für eine Krankheit oder gesundheitliche Störung eindeutig „physisch“ bestimmen.

In sehr vielen Fällen können wir – auch in der Medizin – die sogenannte Ursache nicht eindeutig „physisch“ bestimmen, sondern handelt es sich dabei, wenn wir von einer Ursache sprechen, um eine Erklärung, die uns den Sachverhalt auf eine bestimmte Art und Weise erklärt und verständlich macht. Wenn man kritisch an eine Sache herangeht, dann wird man oftmals finden, dass man dieselbe „Sache“ auch anders erklären kann. Man wird also oftmals auch eine andere, oder mehrere andere mögliche Erklärungen, und damit mehrere andere mögliche Ursachen als Erklärung angeben können, die ebenso logisch sind, und die die Sache ebenso nach einem gewissen Sinn erklären. (vgl. mit Jaspers Zitat 2)

Viele medizinische Sachverhalte kann man letztlich nur auf der Ebene der Vorstellungen bzw. auf der Ebene der Ideen beurteilen und entscheiden. Man kann nur auf der Ebene der Vorstellungen und Ideen, also auf der Grundlage der eigenen klinischen Erfahrung und Überlegung „prüfen“ und subjektiv gültig entscheiden, was das Wesentliche des Sachverhalts ist (vgl. mit Kant Zitat 2). So kann man oftmals nur in der Vorstellung  – ohne physische Kriterien – entscheiden, welche Diagnose im Moment zutreffend ist, bzw. welche Diagnose zu dieser Zeit als die relevante erscheint, und in weiterer Folge entscheiden, welche Therapie daher zu dieser Zeit die sinnvollste (vernünftigste) ist. Man sollte sich dabei allerdings der Relativität und Beschränktheit der Erkenntnis bewusst sein (vgl. mit Kant Zitat 3a), und daher gleichzeitig flexibel bleiben, und gegebenenfalls – wenn sich der Sachverhalt ändert – eine andere Erklärung in Erwägung ziehen. Mit anderen Worten,  man sollte sein Wissen in der Schwebe halten, wie dies Karl Jaspers formuliert hat. (vgl. mit Jaspers Zitat 2)

Dessen sollte man sich also bewusst sein, und nicht alles für eine sichere bzw. gesicherte Erkenntnis ansehen – wenn man eine Erklärung gefunden hat. Man soll also nicht geistig blind an eine vorgetragene Theorie glauben und davon überzeugt sein, dass dies die einzig richtige Erklärung ist. Oftmals kennen wir die wirklichen Ursachen nicht, wir können nur verschiedene Erklärungen angeben, wie, und warum das derzeit vorliegende klinische Erscheinungsbild entstanden ist.

Es handelt sich also beim sogenannten Wissen in der Medizin und beim Wissen um die sogenannten Ursachen nur fallweise um objektives Wissen, das einer Prüfung unterzogen werden kann, viel häufiger handelt es sich um subjektives Wissen, also um ein Fürwahrhalten bzw. eine Art von Glauben. (vgl. mit Kant Zitat 9) Sei dieser Glaube nun gestützt durch wissenschaftliches Wissen im Rahmen der Wissenschaft „verkündet“ und durch Theorien begründet entstanden, oder ohne wissenschaftliches Wissen.

In der Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie haben wir praktisch nie die Möglichkeit einer „physischen“ Überprüfung der Erkenntnis (ausgenommen in Sonderfällen, wie z.B. dem Nachweis einer Berauschung durch Alkoholnachweis im Blut).

Tatsächlich ist man leicht geneigt dies zu übersehen, und werden die persönlichen Vorstellungen, bzw. subjektiven Erkenntnisse, die primär nur subjektive Gültigkeit haben, leicht als objektive bzw. allgemein gültig Erkenntnisse, bzw. irrtümlich als objektives Wissen angesehen, nur weil alle davon reden – insbesondere dann, wenn man von körperlichen Dingen redet. Kritisch betrachtet handelt es sich aber um nichts anderes, als ein subjektives Fürwahrhalten – also um einen Glauben – der für objektives Wissen angesehen wird. (vgl. mit Kant Zitat 9)

Man sollte also die einzelnen Theorien nicht überbewerten. Man sollte in der Psychiatrie nicht glauben, dass sich die Vernunft nun zur Ruhe begeben kann (vgl. mit Kant Zitat 3a), weil man eine Theorie gefunden hat, durch die man auf der Grundlage von Transmittern, Rezeptoren und Synapsen den Sachverhalt erklären kann.

In gleicher Weise soll man auch den Stellenwert der farbigen Bilder, wie sie durch die funktionelle Bildgebung hervorgebracht werden können, nicht überbewerten und glauben, dass man damit die Psyche insbesondere die kranke Psyche verstehen kann nur weil man damit aufzeigen kann dass gewisse Gehirnbereich in einzelnen Regionen mehr oder weniger aktiv sind. Solche Befunde haben einen Wert, und auch die Theorien haben einen Wert insofern sie uns Anleitungen für Handlungen geben – aber man sollte die jeweilige Erkenntis nicht überschätzen und den Sachverhalt immer kritisch bedenken.

Man sollte also in der Psychiatrie (Psychologie, Psychotherapie), und auch in der Medizin sich immer wieder fragen auf welcher Grundlage man weiß, wie ist dieses Wissen entstanden, wie gewiss ist mein Wissen, ist es subjektives Wissen oder ist es objektives Wissen  – handelt es sich um ein Wissen, das für JedermannFrau gültig ist, handelt es sich um ein Wissen das man im konkreten Fall überprüfen kann. Nur solches Wissen hat für JedermannFrau Gültigkeit, nur solches Wissen ist  tatsächlich objektives Wissen. Alles andere Wissen ist zwar auch ein „Wissen“ aber kein Wissen von diesem Erkenntniswert, sondern beschränktes Wissen das auch relatives Wissen ist – also ein Wissen das mit geringerer Autorität einhergeht. (vgl. mit Kant Zitat 9)

Selbstverständlich ist auch das nicht-objektive bzw. nur subjektive Wissen bzw. nur relativ gültige Wissen wertvolles Wissen – aber eben – es ist primär nur ein Wissen, das für mich selbst gilt, und kein absolutes Wissen. Daher sollte solches Wissen  entsprechend bescheiden vertreten werden.

Zusammenfassend kann man sagen, dass es in der Medizin und auch in der Psychiatrie relativ einfache Sachverhalte gibt, bei denen man einen klaren „Ursache-Wirkungszusammenhang“ angeben kann, und man damit die Ursache eindeutig bestimmen kann.

Andererseits gibt es in der Medizin und Psychiatrie viele komplexe Sachverhalte, bei denen man die verschiedensten „Ursache-Wirkungszusammenhänge“ angeben kann, und bei denen man demgemäß nicht von einer Ursache und einer Wirkung sprechen kann, sondern bei denen man die verschiedensten Ursache-Wirkzusammenhänge betrachten, und nach den verschiedenen Prinzipien der Einheit (vgl. mit Kant Zitat 2) systematisch studieren kann und studieren soll – und wo man dabei nur subjektives Wissen bzw. relatives Wissen erlangen kann das beschränktes Wissen ist.

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(letztes update 16.1.2012, abgelegt unter Ursache)

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