Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Schott Tölle Zitat

„Die Psychiatrie etablierte sich als Fachgebiet mit eigenständigen Institutionen um 1800. In diesem Kontext wurden erste psychiatrische „Klassifikationen“ von Chiarugi (1793/94), Pinel (1800a), Heinroth (1818) und Esquirol (1827) aufgestellt. Eine Übersicht gab Kahlbaum (1863). Eine Reihe von Psychiatriehistorikern ist ausführlich auf die zahlreichen Namen und Definitionen von Krankheitsbildern, die damit verbundenen Hypothesen ihrer Verursachung und die Versuche einer systematischen Ordnung der psychischen Krankheiten eingegangen. Ihre Darstellungen sollen hier nicht wiederholt werden. Bevor wird die Entstehung der modernen psychiatrischen Krankheitslehre im 19. Jahrhundert näher beleuchten, wollen wir wichtige Ansätze aus der Medizingeschichte kurz umreißen, die Theorie und Praxis der Psychiatrie beeinflusst haben.

Die antike Humoralpathologie (Säfte- bzw. Qualitätenlehre) begründete in der abendländischen Medizingeschichte die maßgebliche Krankheitslehre. Nach ihrer umfassenden Kanonisierung durch den griechischen Arzt Galen (2. Jh. n. Chr.) wurde der „Galenismus“ bis weit in die Neuzeit hinein zur dogmatischen (durchaus auch flexiblen) Richtschnur medizinischer Theorie und Praxis. Die Mischung der vier Kardinalsäfte Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim und ihre jeweilige Qualität („Reinheit“) waren ausschlaggebend: Eukrasie (gute Mischung) bedeutete Gesundheit, Dyskrasie (schlechte Mischung) führte zu Krankheit. Psychische Störungen wurden primär als Gallenkrankheiten begriffen: Gelbe Galle (chole) wurde nach dieser Vorstellung in der Leber gebildet, hatte eine trockene und heiße Qualität und führte – vom Bauch in den Kopf aufsteigend – zu Tobsucht (Choleriker), während schwarze Galle (melan chole) mit der Milz korrespondierte, von trockener und kalter Qualität war und als Ursache der „Melancholie“ angenommen wurde (s. Kap. 46).

Der psychiatriehistorisch bedeutendste antike Text stammt von Aretaeus von Kappadokien, der die Melancholie und Manie unter den „chronischen Krankheiten“ abhandelte …..“

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aus Heinz Schott Rainer Tölle, GESCHICHTE DER PSYCHIATRIE Krankheitslehren und Irrwege der Behandlungsformen, Seite 328,

C. H. Beck, 2006,

ISBN-10 3 406 53555 0

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(abgelegt unter Psychiatrie Zitate am 3.7.2015)

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