Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Der Begriff „Schizophrenie“ – eine systematische Einheit

Der Begriff „Schizophrenie“ ist eine systematische Einheit im Sinne von Immanuel Kant.

Der Psychiater Eugen Bleuler gelangte nämlich zur Ansicht, dass die Einheit Dementia praecox selbst in den schwersten Fällen für gewisse psychische Störungen bzw. für gewisse psychische Krankheiten, die er bei seinen Patienten bemerkte, nicht passend ist (vgl. mit Bleuler Zitat).

Daher gelangte Eugen Bleuler zur anders definierten diagnostischen Einheit, die er als Schizophrenie bezeichnete.

Eugen Bleuler hat damit ein anders definiertes psychiatrisches Konzept geschaffen (vgl. mit Bleuler Zitat und mit Bleuler Zitat 2).

Da Eugen Bleuler bei derartigen gesundheitlichen Störungen der Psyche unterschiedliche klinische Bilder feststellte, gelangte er zur Schlussfolgerung, dass es nicht nur eine Form einer Schizophrenie gibt, sondern eine ganze Gruppe von verschiedenen Schizophrenien. Daher spricht Eugen Bleuler von der Gruppe der Schizophrenien und meint damit die unterschiedlichen Typen dieser Form einer psychischen Störung (vgl. mit Bleuler Zitat 3) unter Berücksichtigung des Verlaufs.

Weil man die psychische Störung „Schizophrenie“ nicht auf der Grundlage der Normalpsychologie verstehen kann, entstand die Vorstellung, dass diese Form einer psychischen Störung eine andere Ursache als psychologische Gründe haben muss. So entstand die Vorstellung, dass etwa körperliche Ursachen bzw. physische Faktoren zur Entstehung dieser psychischen Störung führen. Insbesondere die klinische Erfahrung, dass gewisse Substanzen, die man später als Neuroleptika bezeichnet hat und die den Symptomenkomplex in der Regel günstig beeinflussen bestärkte diese Vorstellung.

Wie bekannt ist hat man daher schon seit langem nach körperlichen Ursachen der Schizophrenie geforscht. Allerdings hat man bis zum heutigen Tag keine solche körperliche Ursache ausfindig machen und allgemein gültig bestimmen können. Man hat also bei dieser Form einer psychischen Störung keine biologischen Marker gefunden, die gesetzmäßig bei jeder Form dieser psychischen Störungen vorkommen und auf deren Grundlage man diese diagnostische Einheit allgemein gültig bestimmen kann.  Es war also bisher nicht möglich irgendwelche körperlichen bzw. physischen Parameter (biologische Marker) ausfindig zu machen, auf deren Grundlage man diese psychische Störung diagnostisch allgemein gültig feststellen und damit objektivieren kann.

Tatsächlich ist dies nicht möglich, weil es sich bei der Einheit Schizophrenie um eine systematische Einheit im Sinn von Immanuel Kant handelt. Es handelt sich dabei also um eine projektierte Einheit. Oder man kann auch sagen: es handelt sich dabei um eine zweckmäßige Einheit.

Unter dem Begriff Schizophrenie wird ein gewisser psychischer Symptomenkomplex durch den Bezug auf die psychiatrische Kategorie Schizophrenie aufgefasst. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Es wird also die Diagnose Schizophernie festgestellt, wenn die vorgefundenen psychischen Phänomene den Kriterien der psychiatrischen Kategorie „Schizophrenie“ hinreichend genügen. Die psychiatrische Diagnose „Schizophrenie“ wird also unabhängig von der Ätiologie festgestellt, wenn ein gewisses klinisches Erscheinungsbild vorliegt das die diagnostischen Kriterien der psychiatrischen Klassifikation hinreichend erfüllt.

In diesem Sinn handelt es sich bei dieser Einheit um eine systematische Einheit im Sinn von Immanuel Kant (vgl. mit Kant Zitat 8). Man kann nämlich unabhängig von der Ätiologie unter dem Begriff „Schizophrenie“ – der ein regulativer Begriff ist – den charakteristischen psychischen Symptomenkomplex auffassen. Damit kann man dieses klinische Erscheinungsbild von anderen klinischen Erscheinungsbildern unterscheiden und damit diesen Symptomenkomplex – unabhängig von der Ätiologie – also getrennt von anderen psychischen Symptomenkomplexen systematisch erkennen und in weiterer Folge systematisch studieren.

In diesem Sinn war und ist es möglich in der psychiatrischen Wissenschaft systematische Studien zu unternehmen, obwohl man die eigentliche Ursache dieser klinischen Erscheinungsbilder nicht kennt – und genau genommen im einzelnen Fall niemals kennen wird, weil es sich dabei um eine komplexe Ursache handelt. (vgl. auch mit Jaspers Zitat 6)

Man hat also z.B. auf diesem Wege auf der Grundlage dieser definierten systematischen Einheiten die Neuroleptika und auch die sonstigen Therapiemaßnahmen und die therapeutischen Möglichkeiten entdeckt, ohne die eigentliche Ursache dieser psychischen Störung zu kennen.

Damit erkennt man den praktischen Wert bzw. den praktischen Nutzen der systematischen Einheit Schizophrenie, die Eugen Bleuler auf der Grundlage seiner klinischen Erfahrung und auf der Grundlage seiner vernünftigen Überlegungen, somit auf der Grundlage seines Verstandes und seiner Vernunft erkannt und in ihren Grenzen definiert und damit bestimmt hat.

Auf der Grundlage dieser diagnostischen Einheit bzw. auf der Grundlage der Gruppe der Schizophrenien war es möglich im Rahmen der psychiatrischen Wissenschaft systematisch heraus zu finden welche Therapiemaßnahmen bei dieser Form einer psychischen Störung nützlich und hilfreich sind, welche Maßnahmen im Vergleich zu anderen Maßnahmen vorteilhafter oder weniger vorteilhaft sind usf.

Nur sollte man sich dessen bewusst sein, dass es sich bei der Erkenntnis der psychiatrischen Diagnose Schizophrenie um eine relative Erkenntnis und nicht eine absolute Erkenntnis handelt. Man sollte sich also dessen bewusst sein, dass es sich dabei um relatives Wissen und nicht um absoltues Wissen handelt, und dies sollte man  insbesondere beachten wenn das klinische Erscheinungsbild sich gebessert hat oder wenn das klinische Erscheinungsbild primär schon wenig typisch ist.

Im Zweifelsfall kann man nämlich nicht objektiv gültig feststellen, ob ein Patient an einer Schizophrenie leidet, oder bei ihm eine sonstige psychische Störung vorliegt, oder, ob bei ihm – wenn der Symptomenkomplex nicht deutlich ausgeprägt ist – unter Umständen gar keine krankheitswertige psychische Störung vorliegt. Man kann mit Hilfe von derartigen Begriffen – die sämtliche regulative Begriffe im Sinn von Immanuel Kant sind (vgl. mit Kant Zitat 4) bzw. die systematische Einheiten sind nur relative Erkenntnisse und keine absoluten Erkenntnisse erlangen. Man sollte also nicht den Fehler begehen eine solche Idee konstitutiv zu gebrauchen. (vgl. mit Kant Zitat 3a)

Mit anderen Worten: man kann in der Psychiatrie (Psychologie und Psychotherapie) generell nur subjektives Wissen und kein objektives Wissen erlangen. Mit nochmals anderen Worten: man kann in der Psychiatrie (Psychologie und Psychotherapie) nur relatives Wissen und kein absolutes Wissen erlangen.

Weil die objektive Erkenntnis einer psychischen Störung – und damit auch die objektive Erkenntnis der psychiatrischen Diagnose Schizophrenie nicht möglich ist – sollte man die psychiatrischen Begriffe und damit auch den Begriff Schizophrenie mit angemessener Zurückhaltung verwenden, insbesondere wenn das klinische Erscheinungsbild nicht typisch ist –  bzw. sollte man den Begriff der Situation gemäß  relativieren.

Dies bedeutet eine psychiatrische Diagnose Schizophrenie relativistisch verwenden (vgl. mit Kant Zitat 4). Dadurch wird die Stigmatisierung vermieden und wird die Verwendung des Begriffs nur von Vorteil sein. (vgl. mit Kant Zitat 4)

Es gilt also was Karl Jaspers gesagt hat: man soll psychiatrisches Wissen (bzw. psychologisches und psychotherapeutisches Wissen) in der Schwebe halten. (vgl. mit Japers Zitat 2).

Oder wie es Immanuel Kant bezüglich der psychologischen Ideen formuliert hat: man soll eine solche Idee nur relativistisch verwenden und nicht missverstehen – dann wird sie nur von Vorteil (vgl. mit Kant Zitat 4) und damit nur von Nutzen sein, und so wird man den angestrebten Zweck erreichen – und kann man damit vermeiden, dass man in ewige Widersprüche und Streitigkeiten gerät (-> Kant Zitat 3)

Wird diese Restriktion (vgl. mit Kant Zitat 3a) nicht beachtet und missversteht man eine psychiatrische Idee dann gerät man umgehend in Antinomien (= Widersprüche) wie dies bereits Karl Jaspers erkannt und aufgezeigt hat. (-> Jaspers Zitat )

In diesem Sinn hat Emil Kraepelin die psychiatrischen Ideen missverstanden bzw. hat er die Möglichkeiten des Diagnostizierens in der Psychiatrie überschätzt. (vgl. mit den Kraepelin Zitaten)

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(letzte Änderung 19.01.2019, abgelegt unter Diagnostik, Psyche, Psychiatrie, Schizophrenie, systematische Einheit)

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