Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Psychose – ein regulativer Begriff

Der Begriff Psychose ist ein regulativer Begriff im Sinn von Immanuel Kant.

Durch diesen Begriff werden psychische Störungen, die die Kriterien einer Psychose erfüllen, von anderen psychischen Störungen unterschieden, die diese Kriterien nicht erfüllen.

Durch den Begriff Psychose grenzt man nämlich psychische Störungen, die man aus dem normalen Seelenleben heraus nicht verstehen kann, von solchen ab, die man auf der Grundlage der Normalpsychologie verstehen kann.

Die nicht-psychotischen psychischen Störungen kann man als Varianten der normalen psychischen Phänomene in qualitativer und in quantitativer Hinsicht verstehen.

Das psychotische Erleben kann man nicht als Variation des normalen Seelenleben verstehen.

Eine Psychose kann man im Grunde genommen nicht verstehen. Man kennt nämlich derartiges Erleben nicht aus der normalen Erfahrung – außer man hat es im Rahmen einer psychischen Störung selbst schon erlebt.

Daher ist eine psychotische Störung qualitativ etwas ganz anderes als eine nicht-psychotische psychische Störung.

Während man also z.B. eine psychische Störung vom Typ einer Neurose normalpsychologisch verstehen kann – und man daher sagt, dass jede Person mehr oder weniger neurotisch ist – ist dies bei einer psychotischen Störung nicht der Fall. Man kann nicht sagen, dass jede Person mehr oder weniger psychotisch ist.

In diesem Sinn kann man eine Persönlichkeitsstörung als Variation in quantitativer Hinsicht aus dem normalen Seelenleben heraus verstehen. (vgl. mit den psychischen Störungen der 3. Schicht nach der Schichtenregel von Karl Jaspers)

Weil man eine psychotische Störung nicht verstehen kann, muss man sie erklären. Man sucht also nach einem Grund, nach einer nicht-psychologischen Ursache und damit nach einer Erklärung für das Auftreten einer solchen psychischen Störung. Man kann also sagen: man sucht bei einer Psychose nach einer Ursache durch die man das Auftreten dieser Form einer psychischen Störung erklären kann.

In diesem Sinn ist der Begriff Psychose ein regulativer Begriff, der das Verhältnis zu anderen Begriffen in der Psychiatrie „regelt“.

Philosophisch betrachtet bzw. erkenntnistheoretisch betrachtet kann man auch sagen, dass der Begriff Psychose ein dialektischer Begriff ist, weil der Begriff auf der Ebene der Vorstellungen die gegensätzliche Darstellung der Ideen bzw. die gegensätzlich Darstellung der klinischen Bilder ermöglicht.

Man kann damit also auf der Ebene der Vorstellungen die psychischen Erscheinungen, die von der Art einer psychotischen Störung sind, von den anderen psychischen Störungen, die nicht von dieser Art sind unterscheiden. In diesem Sinne wird dialektisch auf der Ebene der Vorstellungen unterschieden, was eine Psychose ist und was keine Psychose ist.

Man erkennt damit den praktischen Nutzen und die weitreichende Bedeutung dieses regulativen Begriffs.

Weil es sich bei den Psychosen um qualitativ andere psychische Störungen handelt, erkennt man wie grundlegend wichtig diese Unterscheidung ist. Bekanntlich basiert die psychiatrische Forensik auf dieser grundlegenden Unterscheidung der psychischen Störungen.

Es ermöglicht also die dialektische Unterscheidung der psychischen Störungen in psychotische Störungen einerseits und in nicht-psychotische Störungen andererseits die Unterteilung des psychiatrischen Krankengutes in zwei Gruppen – und kann man daher sagen, dass diese Zweiteilung des Krankengutes durch den regulativen Begriff Psychose ermöglicht wird.

Wie Karl Jaspers schreibt wird man in der Psychiatrie durch Ideen im Erkennen geleitet (vgl. mit Jaspers Zitat),  und gelangt man durch die verschiedenen Ideen zu verschiedenen Sichtweisen, die es einem ermöglichen die psychischen Störungen unter den verschiedenen Gesichtspunkten zu sehen, zu verstehen, zu erklären und letztlich zu behandeln. (vgl. mit Jaspers Zitat 11)

 

(Beitrag in Arbeit, letztes update: 25.10.2011)

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