Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Psychiatrisches Wissen ist relatives Wissen

Psychiatrisches Wissen ist relatives Wissen, weil psychiatrisches Wissen in Bezug auf eine psychiatrische Idee gewonnen wird.

Weil eine psychiatrische Idee, so wie eine psychologische Idee eine bloße Idee im Sinn von Immanuel Kant ist (vgl. mit Kant Zitat 4) handelt es sich dabei um subjektives Wissen das gleichzeitig auch beschränktes Wissen ist.

Psychiatrisches Wissen ist daher grundsätzlich immer nur relativ gültig und nicht absolut gültig – es handelt sich dabei also immer um relatives Wissen. Psychiatrisches Wissen ist also im konkreten Fall verhältnismäßig gültig, es ist im konkreten Fall mehr oder weniger gültig. Wenn es dem Ideal mehr entspricht, dann ist es „mehr“ gültig, wenn es ihm weniger entspricht, dann ist es „weniger“ gültig.

Karl Jaspers hat erkannt, dass es sich bei den Ideen in der Psychiatrie um (bloße) Ideen im Sinn von Immanuel Kant handelt  (vgl. mit Jaspers Zitat).

Karl Jaspers schreibt daher dass psychiatrisches Wissen in Bezug auf einen Typus gewonnen wird. (vgl. mit Jaspers Zitat)

So hat z.B. Eugen Bleuler den Typus „Schizophrenie“ konzipiert und es wird auch heute noch in der psychiatrischen Praxis verglichen, ob ein klinisches Erscheinungsbild dem Ideal bzw. dem Typus „Schizophrenie“ mehr oder weniger entspricht – oder gänzlich nicht entspricht. In diesem Sinn ist das gewonnene Wissen in der Psychiatrie immer nur relativ gültig bzw. relatives Wissen.

Wir finden also, dass eine psychiatrische Diagnose zutreffend ist, wenn das klinische Erscheinungsbild dem Typus, wie er durch die psychiatrische Kategorie definiert ist hinreichend entspricht. Wenn das klinische Erscheinungsbild dem Typus bzw. der psychiatrischen Kategorie zu wenig entspricht, dann stellen wir die Diagnose nicht oder noch nicht fest – hingegen wenn es der Kategorie ausreichend entspricht, dann wird die psychiatrische Diagnose festgestellt.

In diesem Sinne ist eine psychiatrische Diagnose relativ gültig – und es handelt sich in diesem Sinn um beschränktes Wissen.

Wenn ein Sachverhalt typisch ist, dann werden in der Regel alle Fachleute den Sachverhalt in Bezug auf diesen Typus diagnostisch erfassen. Wenn er weniger typisch ist, dann werden voraussichtlich nicht alle Fachleute, sondern nur ein Teil der Fachleute den Fall gemäß diesem Typus diagnostizieren. Dies ist auch gültig wenn etwa das AMDP-System in der psychiatrischen Diagnostik zur Anwendung kommt.

Weil psychiatrisches Wissen nur relativ gültig ist sollte man psychiatrische Ideen nur relativistisch verwenden. Auch in der Psychologie und Psychotherapie sollte man die gewonnenen Ideen nur relativistisch verwenden, weil eine psychologische Ideen und auch eine psychotherapeutische Ideen immer nur relativ und nicht absolut gültig ist (vgl. mit Kant Zitat 4).

Überhaupt sollte man eine Idee relativistisch verwenden, solange nicht erwiesen ist, dass die Idee auf ein Faktum zurückgeführt werden kann und damit das erlangte Wissen absolut gültig ist (vgl. mit Kant Zitat 3a). Bekanntlich kann in der Medizin die Erkenntnis manchmal auf ein Objekt bzw. auf ein Faktum zurückgeführt werden und damit das erlangte Wissen unter Beweis gestellt werden. Es kann in der Medizin also manch eine Verdachtsdiagnose objektiviert werden und ist die erlangte medizinische Diagnose sodann objektiv bzw. allgemein gültig oder man kann auch sagen absolut gültig. In einem solchen Fall ist die Verdachtsdiagnose, die sich primär auf eine unbewiesene Idee gegründet hat sodann objektiv gültig und damit auch allgemein gültig bzw. absolut gültig.

Wäre psychiatrisches Wissen (psychologisches Wissen und psychotherapeutisches Wissen) absolut gültig, so wäre es „fertig“, es gäbe dazu dann nichts mehr zu sagen – man müsste es nicht ständig relativieren. Weil dies aber nicht der Fall ist soll man psychiatrisches Wissen (psychologisches Wissen und psychotherapeutisches Wissen) in der Schwebe halten wie dies Karl Jaspers formuliert hat (vgl.mit Jaspers Zitat 2) – und man soll es daher ständig relativieren bzw. relativistisch verwenden. (vgl. mit Kant Zitat 4)

In der psychiatrischen Praxis wird dies in unserer Zeit (2015) leider oftmals nicht beachtet und nicht gemacht.

Tatsächlich ist aber psychiatrisches (psychologisches und psychotherapeutisches) Wissen immer irgendwie „unfertig“, unvollständig und beschränkt – und eben nur  relativ gültig. (vgl. mit Jaspers Zitat 2 und Jaspers Zitat 3 und auch mit den anderen Jaspers Zitaten). Gerade die flächendeckende Verwendung der Psychiatrischen ICD-10 Klassifikation und der DSM-V Klassifikation und das weit verbreitete AMDS-System in der psychiatrischen Diagnostik erwecken den Anschein, dass in der Psychiatrie – so wie in einem Teilbereich der Medizin verlässliches Wissen und damit reliables und valides erlangt werden kann – was aber kritisch betrachtet nicht der Fall ist und es hat die breite Verwendung dieser Systeme auch zur Verarmung im psychiatrischen Denken geführt.

Man kann die Zusammenhänge in der Psychiatrie (Psychologie und Psychotherapie) auch anders sehen und betrachten als man sie gerade gegenwärtig sieht. Es mag sein, dass der festgestellte Aspekt und damit die auf der Grundlage der psychischen Erscheinungen festgestellte psychiatrische Diagnose in einem konkreten Fall die wesentlichste, die treffendste ist, aber daneben haben auch andere Aspekte ihre relative Gültigkeit. Und man sollte in der Psychiatrie nicht vergessen, dass eine psychiatrische Klassifikation per Konvention also auf der Grundlage einer Ideologie – (Ideenlehre) und nicht auf allgemein gültig fundierter Basis steht. Auch in dieser Hinsicht ist psychiatrisches Wissen relatives Wissen.

In diesem Sinne sollte psychiatrisches Wissen ständig flexibel, dynamisch verwendet und angewandt werden.

Wenn man in der Psychiatrie (Psychologie, Psychotherapie) irrtümlicher Weise glaubt etwas Endgültiges, etwas Absolutes erkannt zu haben, so hat man sich getäuscht. Daher täuschen sich auch diejenigen in der psychiatrischen Wissenschaft, die glauben endgültiges, absolutes Wissen in der Psychiatrie begründen zu können.

Es ist aus einem prinzipiellen Grund unmöglich in der Psychiatrie (Psychologie, Psychotherapie) absolutes Wissen zu begründen. Weil psychiatrisches Wissen von psychischen Erscheinungen (Phänomenen) seinen Ausgang nimmt. Daher ist es in der Psychiatrie unmöglich allgemein gültiges Wissen zu erlangen. (Weiteres dazu auf Poster 6: Diagnosis in Psychiatry – the Role of Biological Markers – an investigation in the light of Immanuel Kant`s philosophy)

Es ist also aus einem prinzipiellen Grund unmöglich eine psychiatrische Diagnose absolut sicher, das heißt objektiv gewiss festzustellen. Es ist in der Psychiatrie (Psychologie, Psychotherapie) unmöglich absolutes bzw. objektives Wissen zu erlangen.

Es trifft zu, was Karl Jaspers gesagt hat, dass psychiatrische Ideen bzw. psychiatrische Konzepte  methodische Hilfsmittel sind. Das Ganze als Idee können wir nicht erkennen, sondern wir können uns diesem Ganzen als Idee nur nähern (vgl. mit Jaspers Zitat).

Daher sollte man – wie Karl Jaspers geschrieben hat das psychiatrische Wissen (und auch das psychologische Wissen) in der Schwebe halten (vgl. mit Jaspers Zitat 2). Man sollte in der Psychiatrie und in der Psychologie flexibel bleiben und dynamisch denken. Man sollte in jedem Fall offen bleiben für andere Sichtweisen, für andere Aspekte, für das Neue. Nur dadurch bleibt das psychiatrische Wissen lebendig, dynamisch – eben weil es dialektisch ist und auf der Grundlage der Dialektik erkannt wird. Wenn es es im Irrtum wie faktisches Wissen angesehen wird dann ist es abgestorbenes lebloses psychiatrisches Wissen das der Realität der Psyche nicht gerecht wird.

Verkennt man psychiatrisches Wissen und sieht es im Irrtum befangen als absolutes Wissen an so stirbt es gleichsam ab. Solches Wissen ist „fertig“, damit aber auch erstarrt und leblos, es entspricht der Sache nicht (vgl. mit Kant Zitat 4).

In dieser Hinsicht wurden in der Psychiatrie in den letzten Jahrzehnten und weiterhin große Fehler gemacht – und es hat sich die falsche Verwendung der psychiatrischen Ideen weit verbreitet und sehr nachteilig ausgewirkt. Man täuscht sich wenn man glaubt psychiatrisches Wissen biologisch „verankern“ zu können um damit objektives Wissen zu erlangen, wie dies gegenwärtig auf verschiedenen Wegen z.B. dem Weg der Funktionellen Bildgebung versucht wird.

Zweifelsohne haben die psychischen Funktionen eine biologische Basis und entstehen damit auch die psychische Störungen auf einer biologischen Grundlage. Die psychischen Phänomene werden jedoch von Menschen auf der Grundlage von sinnlichen Wahrnehmungen und mentalen Prozessen erkannt und es können daher psychische Phänomene nicht schon aus der „physis“ (= Natur) erkannt und abgeleitet werden (Weiteres dazu auf Poster 6).

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(letzte Änderung 17.1.2015, abgelegt unter Psychiatrie, Relativität, psychiatrisches Wissen, relatives Wissen, Psyche)

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