Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

psychiatrische Nosologie

Eine psychiatrische Nosologie ist eine Nosologie der krankheitwertigen psychischen Störungen.

Es ist eine psychiatrische Nosologie also eine Lehre der krankheitswertigen psychischen Erscheinungen bzw. der krankheitswertigen psychischen Symptomenkomplexe, wie diese bei den unterschiedlichen psychischen Störungen respektive psychischen Krankheiten vorkommen.

(griechisch: Nosos – Krankheit, Logos – Lehre)

Eine psychiatrische Nosologie gründet sich auf krankheitswertige psychische Phänomene und auf die psychiatrische Klassifikation durch die diese Einheiten auf der Grundlage der unterschiedlichen psychischen Symptomenkomplexe in den einzelnen psychiatrischen Kategorien erfasst werden.

Wirft man einen Blick zurück in die Geschichte der Psychiatrie so bemerkt man, dass in der Zeit vor der Aufklärung die schweren psychischen Störungen vom Typ der Schizophrenie bzw. einer Paranoia vielfach noch durch eine „Besessenheit“, also kausal verursacht durch einen Dämon oder durch den Teufel verursacht erklärt worden sind (Weiteres dazu in diesem Beitrag). Auch heute noch gibt es nicht aufgeklärte Personen – und sogar unter den Fachleuten solche, die ernsthaft an eine derartige Kausalität der schizophrenen Psychosen glauben.

Tatsächlich hat man jedoch auf der Grundlage der systematischen Beobachtungen in der Psychiatrie längst bemerkt, dass die Inhalte der Psychosen je nach dem kulturellen Kontext variieren, diese Inhalte also vom persönlichen Glauben der Personen abhängig sind. Daher ist bei kritischer und aufgeklärter Betrachtung keinesfalls der Exorzismus die geeignete Therapie dieser psychischen Störungen (Weiteres dazu in diesem Beitrag). Es wird nämlich die Sichtweise der Psychiatrie durch die wissenschaftlich nachgewiesenen Behandlungserfolge bestätigt, wie diese durch die wirksame Psychopharmakotherapie, insbesondere durch Neuroleptika erzielt werden kann – im Vergleich zu den nur erhofften Behandlungserfolgen durch den Exorzismus.

Kritisch betrachtet muss man jedoch zugeben, dass die psychischen Störungen – und damit auch die Psychosen – auch heute noch nur auf der Grundlage von Ideen und nicht auf der Grundlage von körperlichen Fakten, bzw. auf der Grundlage von körperlichen Befunden erkannt und diagnostisch bestimmt werden. Durch körperliche Befunde können psychiatrische Diagnosen unter Umständen erklärt werden – aber diagnostisch bestimmen kann man sie dadurch nicht. Psychische Störungen werden nämlich nach wie vor mit der Hilfe von definierten psychiatrischen Ideen erkannt, die auf den psychischen Sachverhalt angewandt bzw. projiziert werden.

Es werden also z.B. die Psychosen vom Typ der Schizophrenie auch heute noch so erkannt bzw. diagnostiziert wie diese Eugen Bleuler erkannt bzw. diagnostiziert hat, als er ein neues von ihm kreiertes psychiatrisches Konzept auf die psychischen Auffälligkeiten von gewissen Patienten projiziert hat. (vgl. mit Bleuler Zitat)

Man macht es in der Psychiatrie auch heute noch so, dass man zusieht, ob man in einem konkreten Fall die charakteristischen psychopathologischen Phänomene findet und schaut man zu, ob diese der entsprechenden  psychiatrischen Kategorie hinreichend genügen. Es kann also auch heute nur so, wie zu Zeiten des Philippe Pinel, oder wie zu Zeiten des Wilhelm Griesinger auf der Grundlage der psychischen Anomalie (vgl. mit Griesinger Zitat) erkannt werden was für eine psychische Störung, bzw. was für eine psychiatrische Diagnose zutreffend ist. Mit anderen Worten die Erwartung von Emil Kraepelin, dass die psychiatrischen Krankheiten (psychischen Störungen) alsbald so diagnostiziert werden können wie viele medizinische Störungen bzw. wie viele medizinische Krankheiten – hat sich nicht erfüllt. (vgl. mit dem Kraepelin Zitat 1 und Kraepelin Zitat 2)

Die psychischen Störungen können nach wie vor nur auf der Grundlage von psychiatrischen Ideen diagnostiziert werden – wie dies Karl Jaspers richtig erkannt hat. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Vorhersehbar wird dies auch in Zukunft so bleiben.  Ein psychisches Phänomen kann nämlich nicht objektiv gültig festgestellt werden (Weiteres dazu auf Poster 6: Diagnosis in Psychiatry – the Role of Biological Markers – an investigation in the light of Immanuel Kant`s philosophy).

Dies bedeutet, dass auch in Zukunft eine psychiatrische Diagnose nicht objektiviert werden kann.

Es wird also auch in ferner Zukunft so sein, dass die psychiatrische Nosologie sich auf psychische Phänomene und damit auf psychiatrische Ideen gründet, die jeweils im Bewusstsein der erkennenden Person als der Begriff einer Idee und damit als systematische Einheit erscheinen.

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(letzte Änderung 11.10.2017, abgelegt unter: Definition, Nosologie, Psychiatrie)

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