Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

psychiatrische Leitlinie

Eine psychiatrische Leitlinie ist eine Leitlinie, die auf der Grundlage von wissenschaftlichen Studien und auf der Grundlage der Konsensbildung unter den Fachleuten in der Psychiatrie zustande gekommen ist.

Dabei dient eine psychiatrische Leitlinie den mit psychischen Störungen befassten praktisch tätigen Ärzten als Entscheidungshilfe im Hinblick auf therapeutische Maßnahmen.

Eine psychiatrische Leitlinie basiert in der Regel auf Studien, wie sie im Rahmen der psychiatrischen Wissenschaft erstellt worden sind, insbesondere auf statistischen Studien.

Durch die Kasuistik und durch wissenschaftlich-statistische Studien hat man Erfahrungen gewonnen, wie sie in den Auswertungen vorliegen.

Im Gegensatz zu den wissenschaftlichen Daten, wie sie im objektivierbaren Bereich der Medizin durch die medizinische Wissenschaft auf der Grundlage der statistischen Methoden erlangt werden, sollte man in der Psychiatrie (Psychologie, Psychotherapie)  bedenken und berücksichtigen, dass das Wissen in diesen Fachbereichen nicht auf der Grundlage von körperlichen Befunden (physischen Befunden), sondern auf der Grundlage von psychischen Befunden, nämlich auf der Grundlage von psychischen Symptomen und psychischen Phänomenen (gr. phenomenon – das was erscheint, das Erscheinende) gewonnen wird.

Daher sind psychiatrische Leitlinien auf der Grundlage von subjektivem Wissen und nicht auf der Grundlage von objektivem Wissen entstanden, wie dies in der körperlichen Medizin zum Teil der Fall ist.

Es sind die Leitlinien in der Psychiatrie also auf der Grundlage von subjektiver Evidenz und nicht auf der Grundlage von objektiver Evidenz entstanden.

Man kann auch sagen, dass es sich beim Wissen in der Psychiatrie um Wissen handelt das auf Grundlage der philosophischen Wahrscheinlichkeit gewonnen worden ist und nicht um Wissen das auf der Grundlage von mathematischer Wahrscheinlichkeit gewonnen worden ist (vgl. mit Kant Zitat 9b). Es handelt sich beim Wissen in Bezug auf die psychischen Störungen also um Wissen im Sinne einer Scheinbarkeit im Vergleich zu einer anderen Scheinbarkeit (vgl. mit Kant Zitat 9b).

Das Wissen, wie es die psychiatrische Wissenschaft hervorbringen kann, hat daher grundsätzlich einen geringeren Erkenntniswert als das Wissen, das in der Medizin auf der Grundlage von objektiven Befunden erlangt worden ist (Weiteres dazu auf Poster 3: PROBABILITY IN MEDICINE AND IN PSYCHIATRY – IN THE LIGHT OF IMMANUEL KANT`S PHILOSOPHY).

Bevor man eine psychiatrische Leitlinie als praktisch tätiger Psychiater anwendet sollte man immer auch die individuellen Gegebenheiten im konkreten Fall berücksichtigen, die verständlicherweise in der Wissenschaft nicht in den Leitlinien berücksichtigt werden können.

Darüber hinaus sollte man berücksichtigen, dass eine psychiatrische Leitlinie auf der Grundlage von psychiatrischen Konzepten entstanden ist, die nicht auf der Ebene des Körpers überprüft werden können. Es handelt sich dabei also um Erkenntnisse, die auf der Grundlage von psychiatrischen Ideen entstanden sind, die sich in der psychiatrischen Praxis hinreichend bewährt haben, die jedoch nicht am Probierstein der Erfahrung überprüft werden können (vgl. mit Kant Zitat 10). Somit handelt es sich in der Psychiatrie immer um beschränktes Wissen das nicht wirklich valide und das daher auch nicht wirklich reliabel ist. Dies trifft insbesondere zu, falls das klinische Erscheinungsbild nicht typisch ist bzw. wenn in der Diagnostik ein Grenzfall vorliegt.

Man sollte also beachten, dass die Validität und die Reliablilität ist in der Psychiatrie grundsätzlich beschränkt ist.

All das sollte man berücksichtigen bevor man in der Psychiatrie eine Entscheidung unter der Mit-Berücksichtigung einer psychiatrischen Leitlinie fällt.

Mit anderen Worten: man sollte die Empfehlung einer psychiatrischen Leitlinie nicht überbewerten und als Psychiater andere Entscheidungsgrundlagen nicht außer acht lassen.

Man ist in der Psychiatrie (Psychologie, Psychotherapie) – und auch in  der Medizin in Teilbereichen – leicht geneigt eine Idee bzw. eine Theorie – die einen Sachverhalt erklärt – so anzusehen, als ob dieses Wissen das gesamte relevante Wissen repräsentiert. Es geschieht in der Psychiatrie also leicht, dass das erlangte Wissen den Anschein erweckt verlässlich zu sein bzw. es den Anschein erweckt das bestmögliche Wissen zus sein.

Kritisch betrachtet erkennt man jedoch, dass diese Sichtweise nicht richtig sondern falsch ist.

Bei einer Idee, die nicht auf der Ebene der Objekte überprüft werden kann handelt es sich immer um beschränktes Wissen. (vgl. mit Kant Zitat 3a)

Dies trifft auf eine psychiatrische Idee zu, die grundsätzlich eine bloße Idee ist.

Daher sollte man solches Wissen und damit eine solche Idee immer nur relativistisch und nicht konstitutiv verwenden – wie dies Immanuel Kant formuliert hat. (vgl. mit Kant Zitat 3a)

Insbesondere in der Psychiatrie (Forensischen Psychiatrie), Psychologie und Psychotherapie sollte man nicht außer Acht lassen, dass man in diesen Erkenntnisbereichen die Erkenntnisse auf der Grundlage von Konzepten bzw. auf der Grundlage von bloßen Ideen gewonnen hat. (vgl. mit Kant Zitat 4)

Daher ist das Wissen in der Psychiatrie (Forensischen Psychiatrie) (Psychologie und Psychotherapie) stärker beschränkt als medizinisches Wissen das auf der Grundlage von objektiven Befunden erlangt wird. Man kann auch sagen: das Wissen das die psychiatrische Wissenschaft hervorbringt hat einen geringeren Erkenntniswert als das Wissen das die medizinische Wissenschaft auf der Grundlage von objektiven Befunden hervorbringt.

Es ist also so, dass man in der Psychiatrie die Erkenntnisse nur auf der Grundlage von angewandten psychiatrischen Konzepten erlangen kann. Entsprechend kann man in der Psychologie Erkenntnisse mit der Hilfe von psychologischen Konzepten gewinnen und in der Psychotherapie Erkenntnisse mit Hilfe von psychotherapeutischen Konzepten bzw. Theorien erlangen.

Wie Karl Jaspers geschrieben hat kann ich das Ganze als Idee nicht geradezu erkennen, sondern kann ich mich dem Ganzen als Idee durch das Schema der Idee nur nähern – sprich durch das angewandte Konzept – bzw. die angewandte Theorie  nähern wir uns in der Psychiatrie dem Ganzen als Idee bzw. dem Ideal, das auf der Grundlage eines Typus erkannt wird. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Daher soll man psychiatrisches (psychologisches, psychotherapeutisches) Wissen in der Schwebe halten – wie dies Karl Jaspers formuliert hat. (vgl. mit Jaspers Zitat 2)

Während man also in der körperlichen Medizin in gewissen Fällen tatsächlich objektives Wissen erlangen kann, ist dies in der Psychiatrie (Psychologie, Psychotherapie) grundsätzlich nicht möglich. (Weiters dazu auf Poster 6, Diagnosis in Psychiatry – The Role of Biological Markers)

Das bedeutet, dass die psychiatrischen Leitlinien, so wie sie durch die Psychiatrische Wissenschaft gewonnen wurden auf der Grundlage von psychiatrischen Konzepten entstanden sind und es repräsentieren diese Leitlinien immer nur relatives Wissen das gleichzeitig auch immer beschränktes Wissen ist.

Es sind also psychiatrische Leitlinien noch weniger fundiert, als dies bei den medizinischen Leitlinien der Fall ist – jedenfalls noch weniger fundiert als dies bei medizinischen Leitlinien der Fall ist, soweit diese auf der Grundlage von objektiven Befunden erstellt worden sind.

Nichts desto trotz können psychiatrische Leitlinien wertvoll und nützlich sein, wenn man sie kritisch verwendet. Eine psychiatrische Leitlinie kritisch verwenden heißt sie relativistisch verwenden. Überhaupt sollte man Ideen nur relativistisch verwenden. (vgl. mit Kant Zitat 3a)

Man kann und soll sehr wohl die psychiatrischen Leitlinien in der Entscheidungsfindung berücksichtigen und verwenden. Es wäre jedoch zu kurz gedacht bzw. unkritisch gedacht, wenn man die Beschränktheit dieses Wissens nicht berücksichtigen würde.

Man kann und soll das Wissen und die daraus abgeleiteten Ideen berücksichtigen, aber gleichzeitig soll man auch andere relevante Entscheidungskriterien berücksichtigen, so wie sie sich aus dem individuellen Sachverhalt im konkreten Fall ergeben.

Man soll, wie Immanuel Kant schreibt:

… der Natur nach allen möglichen Prinzipien der Einheit, worunter die der Zwecke die vornehmste ist, bis in ihr Innerstes nachzugehen, niemals aber die Grenzen überfliegen, außerhalb welcher für uns nichts als leerer Raum ist.” (siehe Kant Zitat 2)

Das heißt man soll alle Argumente auf die geistige Waagschale legen – die Entscheidung soll man aber erst fällen nach dem man alle relevanten Kriterien berücksichtigt und gegeneinander auf der Ebene der Ideen  abgewogen hat.

Wenn man so handelt und alle relevanten Kriterien gegeneinander abgewogen hat und die Konsequenzen, wie sie sich aus den verschiedenen Vorgehensweisen ergeben mit dem Patienten besprochen hat, dann kann man die bestmögliche Entscheidung finden und die bestmögliche Handlung unternehmen um den angestrebten Zweck, etwa die bestmögliche gesundheitliche Besserung zu erreichen. (vgl. mit Kant Zitat 3)

Ein solches Vorgehen kann man als die kritische bzw. „aufgeklärte“ Anwendung einer psychiatrischen Leitlinie bezeichnen. (vgl. mit Kant Zitat 11)

Weiteres über psychiatrische Leitlinien und deren Stellenwert in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im April 2019 im Verlag tredition

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(letzte Änderung 25.08.2019, abgelegt unter Leitlinie, Psychiatrie, psychiatrische Wissenschaft, Diagnostik, Definition)

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